Über­lan­ge Finanz­ge­richts­ver­fah­ren – 2 Jah­re Abhän­ge­zeit

Der Ent­schä­di­gungs­an­spruch nach § 198 Abs. 1 Satz 1 GVG setzt u.a. die unan­ge­mes­se­ne Dau­er des Gerichts­ver­fah­rens vor­aus. Die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er rich­tet sich gemäß § 198 Abs. 1 Satz 2 GVG nach den Umstän­den des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re nach der Schwie­rig­keit und Bedeu­tung des Ver­fah­rens und nach dem Ver­hal­ten der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und Drit­ter.

Über­lan­ge Finanz­ge­richts­ver­fah­ren – 2 Jah­re Abhän­ge­zeit

Das typi­sche finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ist für die­se Beur­tei­lung in drei Pha­sen auf­zu­tei­len 1

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist wei­ter­hin der Mei­nung, dass sei­ne Recht­spre­chung zu der­je­ni­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und des Bun­des­so­zi­al­ge­richts nicht in Wider­spruch steht 2. Er sieht sich in die­ser Auf­fas­sung dadurch bestä­tigt, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die gegen das BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 1050 gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men hat.

Auch die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts sowie des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te steht der vom Bun­des­fi­nanz­hof zugrun­de geleg­ten Ver­mu­tung nicht ent­ge­gen, wonach die Dau­er des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ange­mes­sen ist, wenn das Gericht gut zwei Jah­re nach dem Ein­gang der Kla­ge mit Maß­nah­men beginnt, die das Ver­fah­ren einer Ent­schei­dung zufüh­ren sol­len, und die damit begon­ne­ne ("drit­te") Pha­se des Ver­fah­rens­ab­laufs nicht durch nen­nens­wer­te Zeit­räu­me unter­bro­chen wird, in denen das Gericht die Akte unbe­ar­bei­tet lässt 3.

Auch im Hin­blick auf das Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 03.09.2014 4 erkennt der ange­ru­fe­ne Bun­des­fi­nanz­hof hier­in kei­ne Diver­genz zu sei­ner Recht­spre­chung. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt legt viel­mehr die­se erkenn­bar den eige­nen Erwä­gun­gen zugrun­de, indem es eben­falls Ver­mu­tungs­re­ge­lun­gen auf­stellt, die sich aber nach "der beson­de­ren Natur sozi­al­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren" rich­ten 5. Da Gegen­stand der BSG-Ver­fah­ren vor allem die Gewäh­rung von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen ist, sind die Aus­sa­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zur Vor­be­rei­tungs- und Bedenk­zeit des Gerichts von ins­ge­samt zwölf Mona­ten, die im Übri­gen nicht zu einer Gesamt­ver­fah­rens­dau­er von ledig­lich zwölf Mona­ten füh­ren, vor die­sem Hin­ter­grund zu sehen. Zudem hat der Bun­des­fi­nanz­hof eben­falls immer betont, dass die Ver­mu­tungs­re­gel von zwei Jah­ren nicht gilt, wenn der Ver­fah­rens­be­tei­lig­te recht­zei­tig und in nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se auf Umstän­de hin­weist, aus denen eine beson­de­re Eil­be­dürf­tig­keit des Ver­fah­rens folgt.

Auch das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 02.09.2010 6 steht nach eige­ner Ein­schät­zung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht im Wider­spruch zur Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs. Die in die­sem Urteil aus­ge­spro­che­ne Ver­let­zung des Art. 6 Abs. 1 EMRK beruh­te dar­auf, dass das dor­ti­ge Ver­fah­ren allein beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fast acht Jah­re gedau­ert hat­te. Das Ver­fah­ren hat­te zudem die Ver­län­ge­rung von waf­fen­recht­li­chen Erlaub­nis­sen zum Gegen­stand, die für den Klä­ger, der ein Per­so­nen­schutz­un­ter­neh­men betrieb, von beson­de­rer Rele­vanz waren, wor­auf der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ins­be­son­de­re hin­ge­wie­sen hat 7.

Die in dem Urteil aus­ge­spro­che­ne Ver­let­zung des Art. 13 EMRK lag dar­in begrün­det, dass es in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bis zum Inkraft­tre­ten des Geset­zes über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren am 3.12 2011 kei­nen wirk­sa­men Rechts­be­helf gege­ben hat­te, mit dem Abhil­fe bei über­lan­gen zivil­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren erlangt wer­den konn­te.

Die Anwen­dung der in § 198 Abs. 1 Satz 2 GVG nach Art von Regel­bei­spie­len genann­ten Kri­te­ri­en bie­tet kein ein­deu­ti­ges Bild. Der Umfang der Ver­zö­ge­rung ergibt sich aus einer Betrach­tung des kon­kre­ten Ver­fah­rens­ab­laufs.

Soweit die Betei­lig­ten auf ent­spre­chen­de Anfra­ge des Finanz­ge­richt einem Ruhen des Ver­fah­rens mit Rück­sicht auf ein bei dem BFH anhän­gi­ges Revi­si­ons­ver­fah­ren in einer par­al­le­len Ange­le­gen­heit zwar nicht zustim­men, wohl aber objek­tiv ein Grund vor­liegt, ein Ver­fah­ren zum Ruhen zu brin­gen und gleich­zei­tig für die feh­len­de Zustim­mung kei­ne Grün­de erkenn­bar sind, kann vor­be­halt­lich beson­de­rer Umstän­de des Ein­zel­falls im All­ge­mei­nen davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass für die Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung in die­ser Zeit­span­ne kei­ne Ent­schä­di­gung in Geld zu gewäh­ren ist, viel­mehr nach § 198 Abs. 4 Satz 1 GVG die Fest­stel­lung des Ent­schä­di­gungs­ge­richts, dass die Ver­fah­rens­dau­er unan­ge­mes­sen war, aus­rei­chend ist 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 2. Dezem­ber 2015 – X K 4/​14

  1. BFH, Urtei­le vom 07.11.2013 – X K 13/​12, BFHE 243, 126, BSt­Bl II 2014, 179, unter II. 2.a bis c; in BFH/​NV 2014, 1050; vom 19.03.2014 – X K 3/​13, BFH/​NV 2014, 1053; sowie – X K 8/​13, BFHE 244, 521, BSt­Bl II 2014, 584; und in BFHE 246, 136, BSt­Bl II 2014, 933[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 246, 136, BSt­Bl II 2014, 933, Rz 27 f[]
  3. grund­le­gend BFH, Urteil in BFHE 243, 126, BSt­Bl II 2014, 179, Rz 69 ff.[]
  4. BSG, Urteil vom 03.09.2014 – B 10 ÜG 2/​13 R, BSGE 117, 21, SozR 4 – 1720, § 198 Nr. 3[]
  5. BSG, Urteil in BSGE 117, 21, SozR 4 – 1720, § 198 Nr. 3, Rz 45[]
  6. EGMR, Urteil vom 02.09.2010 – 46344/​06, NJW 2010, 3355[]
  7. EGMR, Urteil in NJW 2010, 3355, Rz 45[]
  8. wei­ter­füh­rend BFH, Urteil in BFHE 246, 136, BSt­Bl II 2014, 933[]