Über­lan­ge Gerichts­ver­fah­ren – und der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch des Lan­des

Wird ein Land wegen über­lan­ger Dau­er eines finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ver­klagt, schließt die nur für "Finanz­be­hör­den" anwend­ba­re Vor­schrift des § 139 Abs. 2 der Finanz­ge­richts­ord­nung (FGO) einen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch des Lan­des nicht aus 1.

Über­lan­ge Gerichts­ver­fah­ren – und der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch des Lan­des

Die Kos­ten­er­stat­tung umfasst nach § 91 Abs. 1 Satz 2 ZPO auch die Ent­schä­di­gung des Geg­ners für die durch not­wen­di­ge Rei­sen oder durch die not­wen­di­ge Wahr­neh­mung von Ter­mi­nen ent­stan­de­ne Zeit­ver­säum­nis; die für die Ent­schä­di­gung von Zeu­gen gel­ten­den Vor­schrif­ten sind ent­spre­chend anzu­wen­den. Die Kos­ten­er­stat­tung rich­tet sich hin­sicht­lich der Rei­se­kos­ten somit nicht nach dem Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz (RVG), son­dern nach den für Zeu­gen gel­ten­den Vor­schrif­ten im Gesetz über die Ver­gü­tung von Sach­ver­stän­di­gen, Dol­met­sche­rin­nen, Dol­met­schern, Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern sowie die Ent­schä­di­gung von ehren­amt­li­chen Rich­te­rin­nen, ehren­amt­li­chen Rich­tern, Zeu­gin­nen, Zeu­gen und Drit­ten (Jus­tiz­ver­gü­tungs- und -ent­schä­di­gungs­ge­setz ‑JVEG-).

Fahrt­kos­ten sind nach § 19 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 5 JVEG erstat­tungs­fä­hig. Die Ver­pfle­gungs­pau­scha­le ist nach § 19 Abs. 1 Nr. 2 i.V.m. § 6 Abs. 1 JVEG i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 5 Satz 2 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes -Pausch­be­trag von 6 EUR bei einer Abwe­sen­heit von min­des­tens acht Stun­den- erstat­tungs­fä­hig.

Die Erstat­tung sons­ti­ger Auf­wen­dun­gen setzt deren Not­wen­dig­keit und Glaub­haft­ma­chung vor­aus (§ 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Die Höhe der Auf­wen­dun­gen ist nach­zu­wei­sen. Vor­lie­gend wur­den die vom Beklag­ten gel­tend gemach­ten Aus­la­gen weder kon­kre­ti­siert noch nach­ge­wie­sen. Die Ent­schei­dung des VG Ber­lin vom 14.03.2012 2 ver­mag einen Anspruch auf eine Aus­la­gen­pau­scha­le nicht zu begrün­den. Die Ent­schei­dung ist zur VwGO ergan­gen. Die VwGO ent­hält in § 162 Abs. 2 Satz 3 eine aus­drück­li­che Rege­lung, wonach juris­ti­sche Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts und Behör­den an Stel­le ihrer tat­säch­li­chen not­wen­di­gen Auf­wen­dun­gen für Post- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen den in Nr. 7002 der Anla­ge 1 zum RVG bestimm­ten Höchst­satz der Pau­scha­le for­dern kön­nen. Das Ver­fah­ren der Finanz­ge­richts­bar­keit rich­tet sich jedoch nicht nach der VwGO, son­dern nach der FGO. Die­se ent­hält in der mit § 162 VwGO ver­gleich­ba­ren Rege­lung des § 139 FGO kei­ne mit § 162 Abs. 2 Satz 3 VwGO ver­gleich­ba­re Rege­lung. Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren hat eine juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts daher kei­nen Anspruch auf eine Aus­la­gen­pau­scha­le nach Nr. 7002 Anla­ge 1 RVG. Man­gels Rechts­grund­la­ge kann eine Behör­de eine "Aus­la­gen­pau­scha­le" in Höhe von 20 EUR nicht erstat­tet ver­lan­gen. Ins­be­son­de­re kommt eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des für Post und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on gel­ten­den Aus­lagen­tat­be­stands Nr. 7002 VV RVG nicht in Betracht. Eine Rege­lungs­lü­cke besteht inso­weit nicht. Auf­wen­dun­gen für Post und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on könn­ten daher allen­falls kon­kret abge­rech­net wer­den 3.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 19. August 2014 – X K 2/​12

  1. vgl. zum Begriff der "Finanz­be­hör­de" Stap­per­fend in Grä­ber, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 139 Rz 14[]
  2. VG Ber­lin, Beschluss vom 14.03.2012 – 35 KE 3.12, 35 KE 4.12, 23 L 339.10, NJW-Spe­zi­al 2012, 476[]
  3. vgl. OLG Köln, Beschluss vom 28.10.2011 – II-25 WF 234/​11, NJW-RR 2012, 316, m.w.N.[]