Über­lan­ge Post­lauf­zei­ten – und die Ein­spruchs­frist

Der Vor­trag, das Ein­spruchs­schrei­ben recht­zei­tig abge­sandt zu haben, genügt den Anfor­de­run­gen, die an einen Wie­der­ein­set­zungs­an­trag nach § 110 Abs. 2 Satz 1 AO zu stel­len sind.

Über­lan­ge Post­lauf­zei­ten – und die Ein­spruchs­frist

War jemand ohne Ver­schul­den ver­hin­dert, eine gesetz­li­che Frist ein­zu­hal­ten, so ist ihm auf Antrag ‑ggf. auch von Amts wegen, wie aus § 110 Abs. 2 Satz 4 AO folgt- Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren (§ 110 Abs. 1 Satz 1 AO).

Wer die Gewäh­rung von Wie­der­ein­set­zung wegen des Nicht­ein­gangs eines angeb­lich recht­zei­tig abge­sand­ten frist­ge­bun­de­nen Schrei­bens begehrt, muss genau dar­le­gen, wel­che Per­son zu wel­cher Zeit (Tag, Uhr­zeit) in wel­cher Wei­se (Ein­wurf in einen bestimm­ten Brief­kas­ten oder Abga­be bei einer bestimm­ten Post­fi­lia­le) den Brief, in dem sich das frist­ge­bun­de­ne Schrei­ben befun­den haben soll, zur Post gege­ben hat. Die Anga­ben sind durch die Vor­la­ge prä­sen­ter Beweis­mit­tel glaub­haft zu machen 1.

Nach die­sen Grund­sät­zen hat­te das Finanz­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu Recht bejaht:

Die Bevoll­mäch­tig­te des Klä­gers hat den gel­tend gemach­ten Wie­der­ein­set­zungs­grund über­lan­ger Post­lauf­zeit im Kern inner­halb der Antrags­frist und damit recht­zei­tig vor­ge­bracht. Die Bevoll­mäch­tig­te des Klä­gers hat nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt im Schrei­ben vom 09.04.2014 auf die über­lan­ge Beför­de­rungs­dau­er hin­ge­wie­sen. Sie hat mit­ge­teilt, dass das Ein­spruchs­schrei­ben am 26.02.2014 mit der Post ver­sandt wor­den ist. Zudem hat sie dar­ge­legt, dass eine ‑von ihr nicht nament­lich genann­te- Mit­ar­bei­te­rin ihrer Kanz­lei am 26.02.2014 den Ver­sand im Post­aus­gangs­buch ein­ge­tra­gen und das Schrei­ben noch am glei­chen Tag mit dem rest­li­chen Schrift­wech­sel in den Brief­kas­ten gewor­fen wor­den war.

Damit hat die Bevoll­mäch­tig­te des Klä­gers den Kern des Wie­der­ein­set­zungs­grun­des "Recht­zei­ti­ge Absendung/​Postlaufverzögerung" ein­deu­tig inner­halb der Monats­frist des § 110 Abs. 1 Satz 1 AO mit­ge­teilt. Sie hat dar­ge­legt, an wel­chem Tag (26.02.2014) das Ein­spruchs­schrei­ben in wel­cher Wei­se (Ver­sen­dung mit der Post) auf den Weg gebracht wur­de. Eben­falls hat sie mit­ge­teilt, dass eine ‑zu die­sem Zeit­punkt von ihr nicht benann­te Mit­ar­bei­te­rin- das Schrei­ben auf den Weg (durch Ein­wurf in den Brief­kas­ten) gebracht hat.

Die­se Anga­ben hat die Bevoll­mäch­tig­te des Klä­gers im Kla­ge­ver­fah­ren wei­ter kon­kre­ti­siert. Mit ihrem Schrift­satz vom 20.06.2014 hat sie dar­ge­legt, wel­che Per­son genau (Frau C) zu wel­cher Zeit kon­kret (26.02.2014 nach­mit­tags) in wel­cher Wei­se genau (Ein­wurf in den Brief­kas­ten der Post­fi­lia­le "A") das frist­ge­bun­de­ne Ein­spruchs­schrei­ben zur Post gege­ben hat. Eben­falls im Kla­ge­ver­fah­ren hat die Bevoll­mäch­tig­te den Aus­zug aus dem Post­aus­gangs­buch vom 26.02.2014 sowie eine eides­statt­li­che Ver­si­che­rung der Frau C vor­ge­legt. Damit hat die Bevoll­mäch­tig­te des Klä­gers nicht ‑wie das Finanz­amt meint- einen neu­en Wie­der­ein­set­zungs­grund nach­ge­scho­ben, son­dern nur den bis­her gel­tend gemach­ten Wie­der­ein­set­zungs­grund "Recht­zei­ti­ge Absendung/​Postlaufverzögerung" erläu­tert und ergänzt.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­amt steht die­sem Ergeb­nis die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht ent­ge­gen.

Soweit sich das Finanz­amt auf den BFH-Beschluss vom 13.01.2004 2 beruft, greift die­ses Vor­brin­gen nicht durch. In die­ser Ent­schei­dung war maß­ge­bend, dass der Beschwer­de­füh­rer dem Begrün­dungs­er­for­der­nis nicht voll­stän­dig nach­ge­kom­men war. Er hat­te dort ohne Anga­be der damit ver­bun­de­nen nähe­ren Umstän­de behaup­tet, das strei­ti­ge Schrift­stück sei zur Post auf­ge­ge­ben wor­den und ledig­lich eine Kopie des Post­aus­gangs­buchs vor­ge­legt. Inso­weit fehl­te eine lücken­lo­se und schlüs­si­ge Dar­le­gung des Absen­de­vor­gangs, wel­che Per­son zu wel­cher Zeit in wel­cher Wei­se das Schrift­stück zur Post gege­ben hat­te.

In den BFH-Beschlüs­sen in BFHE 200, 491, BSt­Bl II 2003, 316 und in BFH/​NV 2003, 1206 fehl­te eine lücken­lo­se und schlüs­si­ge Dar­le­gung des Absen­de­vor­gangs, wel­che Per­son zu wel­cher Zeit in wel­cher Wei­se das Schrift­stück zur Post gege­ben hat­te, gänz­lich. Glei­ches gilt für den BFH, Beschluss in BFH/​NV 2002, 798. In allen drei Fäl­len war ledig­lich eine Kopie des Post­aus­gangs­buchs vor­ge­legt wor­den.

Auch der BFH-Beschluss vom 26.11.1993 3 steht nicht ent­ge­gen. Dort fehl­te es an einer lücken­lo­sen und schlüs­si­gen Dar­le­gung des Absen­de­vor­gangs sowie an einem Nach­weis über Vor­keh­run­gen zur Fris­tein­hal­tung. Zudem fehl­te es an einer eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Per­son, die den Absen­de­vor­gang durch­ge­führt hat­te.

Das Finanz­ge­richt hat daher zu Recht Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nach § 110 AO gewährt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 31. Janu­ar 2017 – IX R 19/​16

  1. vgl. BFH, Urtei­le in BFH/​NV 1995, 989; in BFHE 220, 18, BSt­Bl II 2009, 577, unter II. 1.b; vom 09.06.2015 – X R 38/​14, BFH/​NV 2015, 1376, m.w.N.; BFH, Beschlüs­se vom 14.02.2002 – VII B 112/​00, BFH/​NV 2002, 798; vom 16.12 2002 – VII B 99/​02, BFHE 200, 491, BSt­Bl II 2003, 316; vom 03.08.2005 – IX B 26/​05, BFH/​NV 2006, 307, unter a; Klein/​Rätke, a.a.O., § 110 Rz 105; Söhn in HHSp, § 110 AO Rz 496 a.E.[]
  2. BFH, Beschluss vom 13.01.2004 – VII B 127/​03, BFH/​NV 2004, 655[]
  3. BFH, Beschluss vom 26.11.1993 – VIII R 53/​93, BFH/​NV 1994, 645[]