Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er vor den Finanz­ge­rich­ten

Art. 19 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet für den Bereich des öffent­li­chen Rechts [1] – eben­so wie die aus dem Rechts­staats­prin­zip abzu­lei­ten­de Rechts­schutz­ga­ran­tie in zivil­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten – nicht nur das for­mel­le Recht, die Gerich­te gegen jede behaup­te­te Ver­let­zung sub­jek­ti­ver Rech­te durch ein Ver­hal­ten der öffent­li­chen Gewalt anzu­ru­fen, son­dern garan­tiert auch die Effek­ti­vi­tät des Rechts­schut­zes. Wirk­sam ist nur ein zeit­ge­rech­ter Rechts­schutz. Im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit sind strit­ti­ge Rechts­ver­hält­nis­se in ange­mes­se­ner Zeit zu klä­ren [2]. Dem Grund­ge­setz las­sen sich aller­dings kei­ne all­ge­mein gül­ti­gen Zeit­vor­ga­ben dafür ent­neh­men, wann von einer über­lan­gen, die Rechts­ge­wäh­rung ver­hin­dern­den und damit unan­ge­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er aus­zu­ge­hen ist; dies ist viel­mehr eine Fra­ge der Abwä­gung im Ein­zel­fall [3]. Bei der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung der Fra­ge, ab wann ein Ver­fah­ren unver­hält­nis­mä­ßig lan­ge dau­ert, sind sämt­li­che Umstän­de des Ein­zel­falls zu berück­sich­ti­gen, ins­be­son­de­re die Natur des Ver­fah­rens und die Bedeu­tung der Sache für die Par­tei­en, die Aus­wir­kun­gen einer lan­gen Ver­fah­rens­dau­er für die Betei­lig­ten, die Schwie­rig­keit der Sach­ma­te­rie, das den Betei­lig­ten zuzu­rech­nen­de Ver­hal­ten, ins­be­son­de­re Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen durch sie, sowie die gericht­lich nicht zu beein­flus­sen­de Tätig­keit Drit­ter, vor allem der Sach­ver­stän­di­gen [4]. Dage­gen kann sich der Staat nicht auf sol­che Umstän­de beru­fen, die in sei­nem Ver­ant­wor­tungs­be­reich lie­gen [5].

Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er vor den Finanz­ge­rich­ten

Fer­ner haben die Gerich­te auch die Gesamt­dau­er des Ver­fah­rens zu berück­sich­ti­gen und sich mit zuneh­men­der Dau­er nach­hal­tig um eine Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens zu bemü­hen [6].

Hier­an gemes­sen hat das Finanz­ge­richt gegen das Ver­bot einer über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er ver­sto­ßen. Die Dau­er des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens von nahe­zu fünf Jah­ren ist unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de nicht mehr ver­tret­bar. Ins­be­son­de­re ist nicht hin­nehm­bar, dass das Finanz­ge­richt – und das ist ent­schei­dend – das Ver­fah­ren über nahe­zu zwei Jah­re hin­weg in kei­ner Wei­se geför­dert hat.

Die anfäng­li­chen Ver­zö­ge­run­gen des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ins­be­son­de­re bis zur Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs über die außer­or­dent­li­che Beschwer­de mögen auch durch das Pro­zess­ver­hal­ten des Beschwer­de­füh­rers – durch sei­nen Befan­gen­heits­an­trag sowie die Ein­le­gung der Anhö­rungs­rü­ge und der außer­or­dent­li­chen Beschwer­de – bedingt sein. Im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens ist das Finanz­ge­richt jedoch nahe­zu zwei Jah­re völ­lig untä­tig geblie­ben, ohne dass hier­für Grün­de ersicht­lich sind.

Die voll­stän­di­ge – und offen­bar grund­lo­se – Untä­tig­keit des Finanz­ge­richts im Zeit­raum von Okto­ber 2007 bis Sep­tem­ber 2009 ver­letzt das Gebot der Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes. Obwohl das Ver­fah­ren bei der Beant­wor­tung der Anfra­ge Ende Okto­ber 2007 schon zwei­ein­halb Jah­re anhän­gig war, hat sich das Finanz­ge­richt nicht dar­um bemüht, es beschleu­nigt zu bear­bei­ten, son­dern hat im Gegen­teil des­sen wei­te­re Bear­bei­tung zunächst gänz­lich ein­ge­stellt. Erst mit der Ter­mi­nie­rung im Sep­tem­ber 2009 hat das Finanz­ge­richt dem Ver­fah­ren wie­der Fort­gang gege­ben.

Das dar­ge­stell­te Ver­säum­nis wiegt umso schwe­rer, weil es dem Beschwer­de­füh­rer um eine Wie­der­zu­las­sung als Steu­er­be­ra­ter und damit um die Mög­lich­keit ging, sei­nen Beruf als Steu­er­be­ra­ter für die ihm ver­blei­ben­de – auf­grund sei­nes Alters ohne­hin über­schau­ba­re – Lebens­ar­beits­zeit aus­zu­üben.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Juni 2011 – 1 BvR 194/​11

  1. vgl. BVerfGE 88, 118, 123[]
  2. vgl. BVerfGE 60, 253, 269; 88, 118, 124; 93, 1, 13[]
  3. vgl. BVerfGE 55, 349, 369; BVerfG, Beschluss vom 20.09. 2007 – 1 BvR 775/​07, NJW 2008, 503; Beschluss vom 14.12.2010 – 1 BvR 404/​10[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.12.2010 – 1 BvR 404/​10, a.a.O.; Beschluss vom 20.07.2000 – 1 BvR 352/​00, NJW 2001, 214, 215[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.12. 2010 – 1 BvR 404/​10, a.a.O.; Beschluss vom 14.10.2003 – 1 BvR 901/​03, NVwZ 2004, 334, 335; Beschluss vom 24.09. 2009 – 1 BvR 1304/​09[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.12.2010 – 1 BvR 404/​10, a.a.O.; Beschluss vom 20.07.2000 -1 BvR 352/​00, a.a.O.; Beschluss vom 24.09. 2009 – 1 BvR 1304/​09, a.a.O.[]