Über­ra­schungs­ent­schei­dung – und der nur am Ran­de ange­spro­che­ne Gesichts­punkt

Eine gegen den Grund­satz der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) ver­sto­ßen­de Über­ra­schungs­ent­schei­dung liegt nur vor, wenn das Finanz­ge­richt sein Urteil auf einen bis dahin nicht erör­ter­ten recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Gesichts­punkt stützt und damit dem Rechts­streit eine Wen­dung gibt, mit der auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter selbst unter Berück­sich­ti­gung der Viel­zahl ver­tret­ba­rer Auf­fas­sun­gen nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf der Ver­hand­lung nicht rech­nen muss­te 1.

Über­ra­schungs­ent­schei­dung – und der nur am Ran­de ange­spro­che­ne Gesichts­punkt

Eine unzu­läs­si­ge Über­ra­schungs­ent­schei­dung ist dage­gen nicht gege­ben, wenn das Finanz­ge­richt das ange­foch­te­ne Urteil auf einen recht­li­chen Gesichts­punkt gestützt hat, der im bis­he­ri­gen Ver­fah­ren zumin­dest am Ran­de ange­spro­chen wor­den ist 2.

Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn die betref­fen­de Rechts­fra­ge erkenn­bar von Anfang an ein maß­geb­li­cher Streit­punkt des Ver­fah­rens war, zu dem bei­de Betei­lig­ten Stel­lung genom­men hat­ten, und das Finanz­ge­richt in der münd­li­chen Ver­hand­lung ledig­lich eine mög­li­che recht­li­che Wür­di­gung die­ser unstrei­tig zum Ver­fah­rens­stoff zäh­len­den Fra­ge vor­ge­nom­men hat. Dass die Klä­ge­rin ein ande­res Ergeb­nis der recht­li­chen Wür­di­gung erwar­tet oder erhofft hat­te, begrün­det kei­ne Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Dezem­ber 2016 – IX R 17/​15

  1. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 01.02.2012 – VI B 71/​11, BFH/​NV 2012, 767; vom 06.03.2014 – IX B 159/​13, BFH/​NV 2014, 888[]
  2. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.01.2012 – IV B 142/​10, BFH/​NV 2012, 784; vom 20.05.2016 – III B 62/​15, BFH/​NV 2016, 1293[]