Über­ra­schungs­ent­schei­dung – und der nicht erör­te­te Bescheid

Recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) wird den Betei­lig­ten dadurch gewährt, dass sie Gele­gen­heit erhal­ten, sich zu dem Sach­ver­halt zu äußern, der einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zu Grun­de gelegt wer­den soll. Das recht­li­che Gehör bezieht sich vor allem auf Tat­sa­chen und Beweis­ergeb­nis­se; dar­über hin­aus darf das FG sei­ne Ent­schei­dung auf einen recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Gesichts­punkt nur stüt­zen, wenn die Betei­lig­ten zuvor Gele­gen­heit hat­ten, dazu Stel­lung zu neh­men (§ 155 FGO i.V.m. § 139 Abs. 2 ZPO).

Über­ra­schungs­ent­schei­dung – und der nicht erör­te­te Bescheid

Des­halb kann eine Ver­let­zung des Rechts auf Gehör vor­lie­gen, wenn das Gericht die Betei­lig­ten nicht auf einen recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Gesichts­punkt hin­weist, den es sei­ner Ent­schei­dung zu Grun­de legen will und der dem Rechts­streit eine Wen­dung gibt, mit der auch ein kun­di­ger Betei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens nicht hat rech­nen müs­sen 1.

Eine sol­che soge­nann­te Über­ra­schungs­ent­schei­dung stell­te in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall das ange­foch­te­ne Urteil des Säch­si­schen Finanz­ge­richts 2 dar:

Die Kla­ge gegen den Ableh­nungs­be­scheid vom 12.10.2015 in Gestalt der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 17.12 2015 war damit begrün­det wor­den, dass die Klä­ge­rin ihre Mit­wir­kungs­pflicht nach­träg­lich erfüllt habe; die Arbeits­agen­tur habe die Arbeit­su­chend­mel­dung erst nach mehr­ma­li­gem Nach­fra­gen erstellt. Die Fami­li­en­kas­se war der Kla­ge unter Hin­weis auf die Sperr­wir­kung des nicht ange­foch­te­nen Ableh­nungs­be­schei­des vom 10.02.2015 ent­ge­gen­ge­tre­ten. Wäh­rend des FG-Ver­fah­rens wur­den schrift­sätz­lich ver­schie­de­ne Fra­gen erör­tert, z.B. die Bedeu­tung eines Schrei­bens der Fami­li­en­kas­se an das Landratsamt/​Job­cen­ter wegen des von die­sem gel­tend gemach­ten Erstat­tungs­an­spruchs.

Die streit­ent­schei­den­de Kin­der­geld­fest­set­zung vom 08.04.2014 ist nach Akten­la­ge jedoch vor Abfas­sung des Urteils weder von den Betei­lig­ten noch von der Bericht­erstat­te­rin ange­spro­chen wor­den. Die Fami­li­en­kas­se hat­te daher kei­nen Anlass vor­zu­tra­gen, es han­de­le sich nicht um eine Kin­der­geld­fest­set­zung, son­dern ledig­lich um einen Abrech­nungs­be­scheid, und selbst eine unbe­fris­te­te Kin­der­geld­fest­set­zung beträ­fe nur den Zeit­raum bis zur Voll­endung des 18. Lebens­jah­res der Toch­ter.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. März 2017 – III B 139/​16

  1. BGH, Beschluss vom 02.11.2012 – III B 88/​12, BFH/​NV 2013, 234[]
  2. Sächs. FG, Urteil vom 11.08.2016 – 6 K 87/​16(Kg) []