Unbe­stimm­ter Urteils­te­nor

Ein Urteil ist wir­kungs­los, wenn sich aus ihm kei­ne ein­deu­ti­ge Ent­schei­dung ergibt.

Unbe­stimm­ter Urteils­te­nor

Wesent­li­cher Bestand­teil eines jeden Urteils ist die Urteils­for­mel (§ 105 Abs. 2 Nr. 3 FGO). Aus ihr muss sich ent­neh­men las­sen ‑erfor­der­li­chen­falls unter Her­an­zie­hung des übri­gen Urteilsinhalts‑, wie über die Anträ­ge der Betei­lig­ten ent­schie­den wor­den ist 1. Genügt der Urteils­aus­spruch nicht die­sen Anfor­de­run­gen, hat das Revi­si­ons­ge­richt dies auch ohne Rüge von Amts wegen zu beach­ten, da es sich um einen Ver­stoß gegen die Grund­ord­nung des Ver­fah­rens han­delt 2.

Ein sol­cher Fall lag in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall vor:

Das Finanz­ge­richt hat die ange­foch­te­nen Beschei­de geän­dert, ohne die aus sei­ner Sicht zutref­fen­den Fest­set­zun­gen und Fest­stel­lun­gen neu zu berech­nen. Es hat die Neu­be­rech­nun­gen offen­kun­dig ‑ohne dies aus­drück­lich aus­zu­spre­chen- gemäß § 100 Abs. 2 Satz 2 FGO dem Finanz­amt über­las­sen wol­len. Die im Urteils­aus­spruch ent­hal­te­nen Vor­ga­ben des Finanz­ge­richt ent­hal­ten die Anord­nung, die ange­foch­te­nen Beschei­de wür­den unter Berück­sich­ti­gung von Bilanz­be­rich­ti­gun­gen und "unter Ver­wen­dung von Son­der­ab­schrei­bun­gen nach § 4 För­der­ge­biets­ge­setz" in glei­cher Höhe geän­dert. Weder dem Urteils­te­nor noch den Ent­schei­dungs­grün­den lässt sich indes ent­neh­men, auf wel­che Wirt­schafts­gü­ter und in wel­cher jewei­li­gen Höhe die Son­der­ab­schrei­bun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len. Son­der­ab­schrei­bun­gen nach § 4 FördG kön­nen sich aber wegen des bilanz­recht­li­chen Grund­sat­zes der Ein­zel­be­wer­tung (§ 5 Abs. 1 Satz 1 EStG 1990/​1996 i.V.m. § 252 Abs. 2 Nr. 3 des Han­dels­ge­setz­buchs) nur auf indi­vi­du­el­le Wirt­schafts­gü­ter bezie­hen und nicht auf ein unter Berück­sich­ti­gung einer Viel­zahl von Wirt­schafts­gü­tern ermit­tel­tes abs­trak­tes Abschrei­bungs­po­ten­ti­al. Da es sich bei der Inan­spruch­nah­me der Son­der­ab­schrei­bung um die Aus­übung eines steu­er­li­chen Wahl­rechts han­delt 3, obliegt deren Fest­le­gung und Ver­tei­lung auf die ein­zel­nen Wirt­schafts­gü­ter dem Steu­er­pflich­ti­gen. Die Kon­kre­ti­sie­rung steht nicht im behörd­li­chen Ermes­sen und dürf­te des­halb nicht durch Urteil dem Finanz­amt über­tra­gen wer­den.

Nichts ande­res ergibt sich aus der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, der­zu­fol­ge bei einem Streit über die Zuläs­sig­keit einer Bilanz­än­de­rung der Steu­er­pflich­ti­ge die geän­der­te Bilanz nicht schon mit dem Antrag auf Bilanz­än­de­rung beim Finanz­amt ein­rei­chen muss, wenn er den Streit gericht­lich klä­ren las­sen möch­te, son­dern damit bis zur Klä­rung zuwar­ten kann 4. Denn die­ser Grund­satz ent­bin­det den Steu­er­pflich­ti­gen nicht von der Oblie­gen­heit, die Wahl­rechts­aus­übung, auf die er die Bilanz­än­de­rung stützt, gegen­über dem Finanz­amt und gege­be­nen­falls gegen­über dem ange­ru­fe­nen Gericht hin­rei­chend zu kon­kre­ti­sie­ren.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2015 – I R 20/​13

  1. BFH, Urteil vom 26.02.2014 – I R 47/​13, BFH/​NV 2014, 1395; BFH, Urteil vom 27.07.1993 – VIII R 67/​91, BFHE 173, 480, BSt­Bl II 1994, 469[]
  2. BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 1395; BFH, Urteil vom 19.02.1991 – VIII R 8/​86, BFH/​NV 1992, 175[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 04.06.2008 – I R 84/​07, BFHE 222, 260, BSt­Bl II 2009, 187; BFH, Beschluss vom 12.09.2006 – I B 169/​05, BFH/​NV 2007, 48[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 17.07.2008 – I R 85/​07, BFHE 222, 418, BSt­Bl II 2008, 924, m.w.N.[]