Unsub­stan­ti­ier­ter Beweis­an­trag – und die Sach­auf­klä­rungs­pflicht des Finanz­ge­richts

Nach § 76 Abs. 2 FGO hat der Vor­sit­zen­de dar­auf hin­zu­wir­ken, dass Form­feh­ler besei­tigt, sach­dien­li­che Anträ­ge gestellt, unkla­re Anträ­ge erläu­tert, unge­nü­gen­de tat­säch­li­che Anga­ben ergänzt, fer­ner alle für die Fest­stel­lung und Beur­tei­lung des Sach­ver­halts wesent­li­chen Erklä­run­gen abge­ge­ben wer­den.

Unsub­stan­ti­ier­ter Beweis­an­trag – und die Sach­auf­klä­rungs­pflicht des Finanz­ge­richts

Die­se Hin­weis­pflich­ten ver­pflich­ten das Finanz­ge­richt, Schutz und Hil­fe­stel­lun­gen für die Betei­lig­ten zu geben, deren Eigen­ver­ant­wort­lich­keit dadurch aber nicht ein­ge­schränkt oder besei­tigt wird. Liegt die recht­li­che Bedeu­tung bestimm­ter Tat­sa­chen und die dar­aus fol­gen­de Erfor­der­lich­keit, die­se Tat­sa­chen bei Gericht vor­zu­brin­gen und zu sub­stan­ti­ie­ren, auf der Hand, so stellt ein unter­las­se­ner Hin­weis jeden­falls dann kei­ne gegen § 76 Abs. 2 FGO ver­sto­ßen­de Pflicht­ver­let­zung dar, wenn die Klä­ge­rin steu­er­lich bera­ten und im Pro­zess ent­spre­chend ver­tre­ten war [1].

Nach § 359 Nr. 1 ZPO ent­hält der Beweis­be­schluss „die Bezeich­nung der strei­ti­gen Tat­sa­chen, über die der Beweis zu erhe­ben ist“. Die Anga­be des Beweis­the­mas bezweckt ‑vor allem für Beweis­auf­nah­men vor dem beauf­trag­ten oder ersuch­ten Rich­ter- die­se, aber auch die Betei­lig­ten und die Per­so­nal­be­weis­mit­tel (Zeu­gen und Sach­ver­stän­di­ge) dar­über zu infor­mie­ren, über wel­che vom Gericht für ent­schei­dungs­er­heb­lich gehal­te­nen Tat­sa­chen Beweis erho­ben wer­den soll. Eine inhalt­li­che Beschrän­kung auf bestimm­te Fra­gen, wie sie der Klä­ge­rin vor­schwebt, ergibt sich dar­aus jedoch nicht. Auch ist der Beweis­be­schluss für das Gericht u.a. des­we­gen nicht bin­dend, weil im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren das Gericht den Sach­ver­halt von Amts wegen ermit­telt (§ 76 Abs. 1 Satz 1 FGO); im Beweis­ter­min kann die Beweis­erhe­bung auch ohne aus­drück­li­che Ände­rung des Beweis­be­schlus­ses und ohne Zustim­mung der Betei­lig­ten über das beschlos­se­ne Beweis­the­ma hin­aus geän­dert oder ergänzt wer­den, wenn dies sach­dien­lich erscheint [2].

Ein Ver­fah­rens­feh­ler liegt auch nicht inso­weit vor, als die Klä­ge­rin rügt, es habe eines Hin­wei­ses bedurft, um das für die Hin­zu­schät­zun­gen nicht streit­ge­gen­ständ­li­che Jahr 2004 als Ver­gleichs­jahr berück­sich­ti­gen zu kön­nen. Die­se Rüge ver­kennt nicht nur, dass die Kla­ge aus­weis­lich des Rubrums die Jah­re 2002 bis 2004 betrifft, son­dern auch, dass Streit­ge­gen­stand einer Anfech­tungs­kla­ge im steu­er­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts im Gan­zen ist [3] und nicht etwa ‑wie die Klä­ge­rin offen­sicht­lich meint- ein­zel­ne Besteue­rungs­grund­la­gen oder Begrün­dun­gen [4]. Das Finanz­ge­richt wäre daher nicht dar­an gehin­dert, inner­halb des vom Finanz­amt fest­ge­setz­ten Steu­er­be­trags ein­zel­ne Besteue­rungs­grund­la­gen (hier: Hin­zu­schät­zun­gen der steu­er­pflich­ti­gen Umsät­ze für 2004) in tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Hin­sicht für den Steu­er­pflich­ti­gen ungüns­ti­ger zu beur­tei­len, als dies in dem ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheid gesche­hen ist [5].

Das Finanz­ge­richt hat nicht dadurch gegen die Sach­auf­klä­rungs­pflicht (§ 76 Abs. 1 FGO) ver­sto­ßen, dass es den Beweis­an­trä­gen der Klä­ge­rin nicht gefolgt ist.

Die Sach­auf­klä­rungs­pflicht erfor­dert, dass das Finanz­ge­richt Tat­sa­chen und Beweis­mit­teln nach­geht, die sich ihm in Anbe­tracht der Umstän­de des Ein­zel­fal­les hät­ten auf­drän­gen müs­sen. Es darf sub­stan­ti­ier­te Beweis­an­trä­ge, die den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt betref­fen, grund­sätz­lich weder ableh­nen noch über­ge­hen. Da die Sach­auf­klä­rungs­pflicht dazu dient, die Spruch­rei­fe der Kla­ge her­bei­zu­füh­ren, hat das Gericht jedoch nur das auf­zu­klä­ren, was aus sei­ner (mate­ri­ell-recht­li­chen) Sicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist [6]. Dabei ent­spricht es stän­di­ger Recht­spre­chung, dass das Finanz­ge­richt unsub­stan­ti­ier­ten Beweis­an­trä­gen nicht nach­ge­hen muss; ein Beweis­an­trag ist unsub­stan­ti­iert, wenn er nicht angibt, wel­che kon­kre­te Tat­sa­che durch wel­ches Beweis­mit­tel nach­ge­wie­sen wer­den soll [7].

Nach die­sen Grund­sät­zen hat das Finanz­ge­richt die Ver­neh­mung des Zeu­gen L „für die dar­ge­stell­ten Abläu­fe und Vor­ge­hens­wei­sen bei Samm­lun­gen, Trans­port­fahr­ten, Ein­la­ge­run­gen und Ent­sor­gun­gen“ zu Recht abge­lehnt. Mit ihrem Beweis­an­ge­bot bezieht sich die Klä­ge­rin auf den gesam­ten schrift­sätz­li­chen Vor­trag. Damit hat die Klä­ge­rin nicht, wie § 373 ZPO dies erfor­dert, die kon­kre­ten Tat­sa­chen bezeich­net, über wel­che die Ver­neh­mung des Zeu­gen statt­fin­den soll. Denn sie hat mit ihrer weit­rei­chen­den und umfas­sen­den For­mu­lie­rung kei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen in das Wis­sen des von ihr benann­ten Zeu­gen gestellt [8]. Hin­zu kommt, dass die Klä­ge­rin in dem o.g. Schrift­satz auch Behaup­tun­gen auf­ge­stellt hat (bei­spiels­wei­se Ver­fah­rens­wei­se bei zuge­kauf­ter Ware), zu denen der Zeu­ge aus eige­ner Wahr­neh­mung nichts wis­sen konn­te.

Ein Ver­fah­rens­feh­ler des Finanz­ge­richt liegt auch nicht inso­weit vor, als es das Beweis­an­ge­bot, „der dar­ge­leg­ten Kos­ten­tra­gung bei Ent­sor­gun­gen“ durch Ver­neh­mung eines instru­ier­ten Ver­tre­ters der Fir­ma M abge­lehnt hat.

Einer Beweis­auf­nah­me bedarf es u.a. dann nicht, wenn die in Fra­ge ste­hen­de Tat­sa­che zuguns­ten des Beweis­füh­ren­den als wahr unter­stellt wer­den kann [9]. Dies war vor­lie­gend der Fall, da das Gericht dem Vor­trag der Geschäfts­füh­re­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung, wonach die Lie­fe­ran­ten die Kos­ten der Ent­sor­gung zu tra­gen hat­ten, gefolgt ist und sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de gelegt hat.

Zu Unrecht rügt die Klä­ge­rin, das Finanz­ge­richt habe einen Ver­fah­rens­feh­ler began­gen, indem es ‑ent­ge­gen ihrem Beweis­an­trag- kein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten für die Behaup­tung ein­ge­holt habe, dass die Lage­rung teil­wei­se feuch­ter Tex­ti­li­en die fünf- bis zehn­fa­che Men­ge um sich her­um ver­dirbt und damit zu einer Aus­schuss­men­ge von ca. 15 % führt.

Wäh­rend das Finanz­ge­richt die von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ange­bo­te­nen Bewei­se grund­sätz­lich erhe­ben muss, steht die Zuzie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Gerichts. Hat es die nöti­ge Sach­kun­de selbst, braucht es einen Sach­ver­stän­di­gen nicht hin­zu­zie­hen [10]. Das dem Tat­sa­chen­ge­richt bei der Bestim­mung von Art und Zahl ein­zu­ho­len­de Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nach § 82 FGO i.V.m. §§ 404, 412 ZPO zuste­hen­de Ermes­sen wird nur dann ver­fah­rens­feh­ler­haft aus­ge­übt, wenn das Gericht von der Ein­ho­lung gut­ach­ter­li­cher Stel­lung­nah­me absieht, obwohl sich ihm die Not­wen­dig­keit die­ser zusätz­li­chen Beweis­erhe­bung hät­te auf­drän­gen müs­sen [11].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. März 2016 – V B 44/​15

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Beschluss vom 07.10.2015 – VI B 49/​15, BFH/​NV 2016, 38, m.w.N.[]
  2. BFH, Beschluss vom 22.06.2006 – V B 155/​05, BFH/​NV 2006, 2093, m.w.N.[]
  3. vgl. zuletzt BFH, Beschluss vom 19.11.2013 – XI B 9/​13, BFH/​NV 2014, 373[]
  4. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 17.03.2008 – V B 112/​07, juris; BFH, Urteil vom 01.12 2010 – XI R 46/​08, BFHE 232, 232, BFH/​NV 2011, 712[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 23.04.2008 – V B 159/​07, BFH/​NV 2008, 1347[]
  6. BFH, Beschluss vom 23.09.2009 – IV B 133/​08, BFH/​NV 2010, 52, m.w.N.[]
  7. Her­bert in Grä­ber, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 76 Rz 29, m.w.N.[]
  8. vgl. BFH, Beschluss vom 29.06.2015 – V B 57/​14[]
  9. BFH, Beschlüs­se vom 06.12 2012 – I B 8/​12, BFH/​NV 2013, 703; sowie vom 18.02.2013 – XI B 117/​11, BFH/​NV 2013, 918[]
  10. BFH, Beschluss vom 07.01.2015 – I B 42/​13, BFH/​NV 2015, 1093[]
  11. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2015, 1093, m.w.N.[]