Unter­schied­li­che Beweis­wür­di­gung – und die Fra­ge der Diver­genz

Die ord­nungs­ge­mä­ße Erhe­bung einer Diver­genz­rü­ge setzt vor­aus, dass der Beschwer­de­füh­rer tra­gen­de und abs­trak­te Rechts­sät­ze aus dem ange­foch­te­nen Urteil des Finanz­ge­richt einer­seits und aus den behaup­te­ten Diver­genz­ent­schei­dun­gen ande­rer­seits her­aus­ar­bei­tet und gegen­über­stellt, um so eine Abwei­chung zu ver­deut­li­chen 1.

Unter­schied­li­che Beweis­wür­di­gung – und die Fra­ge der Diver­genz

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Finanz­ge­richt in sei­nem Urteil kei­nen von der EuGH, Ent­schei­dung Loh­mann und Medi Bay­reuth 2 abwei­chen­den Rechts­satz auf­ge­stellt. Viel­mehr hat es die vom EuGH ent­wi­ckel­ten Ein­rei­hungs­kri­te­ri­en sei­ner Ent­schei­dung zusam­men­ge­fasst und sich damit die Rechts­an­sicht des EuGH zu eigen gemacht. In die­sem Zusam­men­hang hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt, dass ein beson­de­rer Mecha­nis­mus, der eine Anpas­sung des Pro­dukts an die spe­zi­fi­schen Funk­ti­ons­schä­den des Pati­en­ten ermög­licht, nur dann vor­liegt, wenn mit die­sem Mecha­nis­mus nicht auch ande­re Zwe­cke erfüllt wer­den.

Viel­mehr hat das Finanz­ge­richt aus­ge­hend von den Grund­sät­zen der genann­ten EuGH, Ent­schei­dung die fest­ge­stell­ten Merk­ma­le der Knie­ge­lenk­ban­da­ge beur­teilt und ist zu der tatrich­ter­li­chen Über­zeu­gung gelangt, dass ein beson­de­rer Mecha­nis­mus im oben genann­ten Sin­ne nicht vor­lie­ge, weil die Klett­ver­schlüs­se über­wie­gend ande­ren Zwe­cken als der Anpas­sung an die spe­zi­fi­schen Funk­ti­ons­schä­den des Pati­en­ten dien­ten, näm­lich der Fixie­rung und Sta­bi­li­sie­rung der Ban­da­ge. Dar­über hin­aus ermög­lich­ten die Klett­ver­schlüs­se, den Druck, den die Ban­da­ge auf das Gelenk aus­übe, zu jus­tie­ren. Fer­ner mach­ten die­se die Ban­da­ge für Bei­ne unter­schied­li­cher Dicke geeig­net und erleich­ter­ten das Anle­gen. Die­se Eigen­schaf­ten hat das Finanz­ge­richt gewür­digt und im Ergeb­nis nicht als aus­rei­chend ange­se­hen, um das Vor­lie­gen eines beson­de­ren Mecha­nis­mus im Sin­ne der oben genann­ten EuGH-Recht­spre­chung zu beja­hen.

An die­se tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt wäre der Bun­des­fi­nanz­hof in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren gemäß § 118 Abs. 2 FGO gebun­den. Sofern die Beschwer­de dahin ver­stan­den wer­den könn­te, dass sie sich gegen die mate­ri­ell-recht­li­che Rich­tig­keit der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung rich­tet, könn­te eine der­ar­ti­ge Ein­wen­dung im Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nicht zum Erfolg füh­ren. Feh­ler in der Anwen­dung des mate­ri­el­len Rechts im kon­kre­ten Ein­zel­fall ‑so sie denn vor­lie­gen- recht­fer­ti­gen für sich genom­men nicht die Zulas­sung der Revi­si­on 3, und zwar auch dann nicht, wenn sich die vom Finanz­ge­richt ver­meint­lich falsch beant­wor­te­te Rechts­fra­ge in einer grö­ße­ren Anzahl ver­gleich­ba­rer Fäl­le eben­falls stel­len kann. Denn Rechts­an­wen­dung ist Sub­sum­ti­on des Sach­ver­halts unter die Rechts­norm, die dem Tatrich­ter über­tra­ge­ne Wür­di­gung der von ihm fest­ge­stell­ten Umstän­de des Ein­zel­falls (§ 96 Abs. 1 Satz 1 FGO) 4.

Eine Aus­nah­me hier­von kommt nach § 115 Abs. 2 Nr. 2 Alter­na­ti­ve 2 FGO nur dann in Betracht, wenn das ange­foch­te­ne Urteil der­art schwer­wie­gen­de Feh­ler bei der Aus­le­gung des revi­si­blen Rechts auf­weist, dass die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt "objek­tiv will­kür­lich" erscheint oder auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht und unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt recht­lich ver­tret­bar ist. Das ist im Streit­fall nicht erkenn­bar und wird von der Klä­ge­rin nicht behaup­tet. Eine dar­über hin­aus­ge­hen­de Aus­wei­tung der Zulas­sungs­grün­de ist der BFH-Recht­spre­chung nicht zu ent­neh­men 5.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 3. Sep­tem­ber 2015 – VII B 186/​14

  1. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 12.07.2002 – II B 33/​01, BFH/​NV 2002, 1482; und vom 11.09.2003 – X B 103/​02, BFH/​NV 2004, 180[]
  2. EuGH, EU:C:2002:637[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 04.08.2010 – X B 198/​09, BFH/​NV 2010, 2102[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 13.05.2013 – VII B 146/​12, BFH/​NV 2013, 1429[]
  5. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 14.12 2011 – X B 85/​11, BFH/​NV 2012, 749; in BFH/​NV 2013, 1429[]