Unwirk­sam­keit von Steu­er­be­schei­den wegen man­geln­der Bestimm­heit

Nach § 125 Abs. 1 AO 1977 ist ein Ver­wal­tungs­akt nich­tig, soweit er an einem beson­ders schwer­wie­gen­den Feh­ler lei­det und dies bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aller in Betracht kom­men­den Umstän­de offen­kun­dig ist. Ein nich­ti­ger Ver­wal­tungs­akt ist nach § 124 Abs. 3 AO 1977 unwirk­sam.

Unwirk­sam­keit von Steu­er­be­schei­den wegen man­geln­der Bestimm­heit

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 125 Abs. 1 AO 1977 sind erfüllt, wenn der Ver­wal­tungs­akt gemäß § 119 Abs. 1 AO 1977 inhalt­lich nicht so bestimmt ist, dass ihm hin­rei­chend sicher ent­nom­men wer­den kann, was von wem ver­langt wird [1]. Das Erfor­der­nis der hin­rei­chen­den Bestimmt­heit eines Ver­wal­tungs­akts gemäß § 118 Satz 1 AO 1977 betrifft auch des­sen Rege­lungs­in­halt (Aus­spruch, Tenor, Ver­fü­gungs- oder Ent­schei­dungs­satz) [2]. Nach dem BFH-Urteil vom 23. August 2000 [3] ist danach ein Ein­kom­men­steu­er­be­scheid wegen feh­len­der hin­rei­chen­der Bestimmt­heit nich­tig, wenn er für einen Ver­an­la­gungs­zeit­raum ergeht, für den bereits ein wirk­sa­mer Ein­kom­men­steu­er­be­scheid gegen­über dem­sel­ben Adres­sa­ten erlas­sen wur­de, ohne das Ver­hält­nis zu die­sem Bescheid klar­zu­stel­len.

Eine Nich­tig­keit wegen man­geln­der Bestimmt­heit kommt aber nur in Betracht, wenn etwai­ge Zwei­fel am Rege­lungs­in­halt des Bescheids nicht durch Aus­le­gung beho­ben wer­den kön­nen. Der Rege­lungs­in­halt ist unter Berück­sich­ti­gung der Aus­le­gungs­re­geln der §§ 133, 157 BGB zu ermit­teln. Ent­schei­dend ist danach, wie der Betrof­fe­ne nach den ihm bekann­ten Umstän­den ‑nach sei­nem „objek­ti­ven Ver­ständ­nis­ho­ri­zont“ [4]- den mate­ri­el­len Gehalt der Erklä­rung unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben ver­ste­hen konn­te [5]. Bei der Aus­le­gung ist nicht allein auf den Tenor des Beschei­des abzu­stel­len, son­dern auch auf den mate­ri­el­len Rege­lungs­ge­halt ein­schließ­lich der für den Bescheid gege­be­nen Begrün­dung [6].

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 15. Juli 2010 – 7 K 14/​07

  1. BFH, Urteil vom 19.08.1999 – IV R 34/​98, BFH/​NV 2001, 409[]
  2. vgl. Brock­mey­er in Klein, Abga­ben­ord­nung, Kom­men­tar, 9. Aufl., § 119 Rz 4, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil vom 23.08.2000 – X R 27/​98, BStBl II 2001, 662[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 08.11.1995 – V R 64/​94, BFHE 179, 211, BStBl II 1996, 256[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 11.07.2006 – VIII R 10/​05, BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96, m.w.N.; und vom 18.02.1997 VII R 96/​95, BFHE 182, 282, BStBl II 1997, 339, m.w.N.[]
  6. BFHE 214, 18, BStBl II 2007, 96; BFH, Beschluss vom 09.03.1995 – X B 242/​94, BFH/​NV 1995, 858[]