Unzu­rei­chen­de anwalt­li­che Vor­sor­ge gegen eine irr­tüm­li­che Frist­lö­schung

Wie­der­ein­set­zung ist zu gewäh­ren, wenn jemand ohne Ver­schul­den an der Ein­hal­tung der gesetz­li­chen Frist gehin­dert war (§ 56 Abs. 1 FGO). Dies setzt in for­mel­ler Hin­sicht vor­aus, dass inner­halb einer Frist von einem Monat (§ 56 Abs. 2 Satz 1 2. Halb­satz FGO) nach Weg­fall des Hin­der­nis­ses die ver­säum­te Rechts­hand­lung nach­ge­holt und die­je­ni­gen Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen und im Ver­fah­ren über den Antrag glaub­haft gemacht wer­den, aus denen sich die schuld­lo­se Ver­hin­de­rung erge­ben soll.

Unzu­rei­chen­de anwalt­li­che Vor­sor­ge gegen eine irr­tüm­li­che Frist­lö­schung

Die Tat­sa­chen, die eine Wie­der­ein­set­zung recht­fer­ti­gen kön­nen, sind inner­halb die­ser Frist voll­stän­dig, sub­stan­ti­iert und in sich schlüs­sig dar­zu­le­gen 1. Hier­nach schließt jedes Ver­schul­den –mit­hin auch ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit– die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus 2. Der Betei­lig­te muss sich ein Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zurech­nen las­sen 3.

Anhand des Vor­brin­gens der Klä­ge­rin ließ sich im hier ent­schie­de­nen Fall für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht fest­stel­len, dass das Frist­ver­säum­nis unver­schul­det war: Es ist vor­lie­gend nicht aus­zu­schlie­ßen, dass an der Frist­ver­säum­nis ursäch­lich auch ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin mit­ge­wirkt hat, das der Klä­ge­rin nach § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen ist. In einem der­ar­ti­gen Fall kann kei­ne Wie­der­ein­set­zung gewährt wer­den 4.

Dem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such ist nicht zu ent­neh­men, wodurch sich die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin vor der irr­tüm­li­chen Strei­chung der Fris­ten im Fris­ten­ka­len­der geschützt haben. Bei der Orga­ni­sa­ti­on des Fris­ten­we­sens muss sicher­ge­stellt sein, dass kei­ne ver­se­hent­li­che Strei­chung erfol­gen kann 5.

Die Klä­ge­rin hat nicht dar­ge­legt, wel­che Siche­run­gen es in der Kanz­lei ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten gegen ein unbe­ab­sich­tig­tes Strei­chen von Fris­ten gab. Sie hat im Kern ledig­lich dar­ge­tan, dass die Fris­ten in der Kanz­lei nur auf aus­drück­li­chen Hin­weis durch den jewei­li­gen, die Sache bear­bei­ten­den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten oder nach Aus­gang des ent­spre­chen­den frist­wah­ren­den Schrift­sat­zes gestri­chen wür­den. Die Dar­le­gun­gen der Klä­ge­rin las­sen aber nicht erken­nen, dass und wie ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter dafür Vor­sor­ge getrof­fen hat, dass es zu kei­ner ver­se­hent­li­chen Strei­chung von Fris­ten im Fris­ten­ka­len­der kom­men kann und dass etwai­ge der­ar­ti­ge Strei­chun­gen nach Mög­lich­keit im nor­ma­len Geschäfts­gang auf­ge­deckt wer­den. Etwa indem sicher­ge­stellt wird, dass der Fris­ten­ka­len­der nur von einer klar begrenz­ten Per­so­nen­grup­pe geführt wer­den darf, sämt­li­che Ein­tra­gun­gen mit einem Namens­kür­zel zu ver­se­hen und nach­zu­ver­fol­gen sind und die Ein­hal­tung die­ser Vor­ga­ben zeit­nah über­prüft wird. An der­ar­ti­gen Siche­run­gen fehl­te es offen­bar.

Nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin hat­ten alle Anwalts­se­kre­tä­rin­nen Zugang zu dem Fris­ten­ka­len­der und waren zur Ein­tra­gung von Fris­ten befugt. Soweit sie an ande­rer Stel­le aus­führt, es sei­en nur eini­ge weni­ge der Ange­stell­ten mit der Füh­rung des Fris­ten­ka­len­ders betraut, blei­ben die­se Anga­ben vage; es hät­te der Klä­ge­rin inso­weit oble­gen, die Ange­stell­ten nament­lich zu benen­nen und geeig­ne­te Erklä­run­gen von die­sen bei­zu­brin­gen.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann mit­hin nicht beur­tei­len, ob es sich –wie die Klä­ge­rin behaup­tet– bei dem Frist­ver­säum­nis um ein ein­ma­li­ges, der Klä­ge­rin nicht zuzu­rech­nen­des Ver­se­hen einer Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­ten in der Kanz­lei ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten gehan­delt hat. Im Ergeb­nis muss daher davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Ver­säu­mung der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist auf einem der Klä­ge­rin zuzu­rech­nen­den Ver­schul­den beruht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 13. Sep­tem­ber 2012 – XI R 48/​10

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. u.a. BFH, Beschlüs­se vom 24.07.2002 – VII B 150/​02, BFH/​NV 2002, 1489; vom 25.06.2003 – XI B 186/​02, BFH/​NV 2003, 1589; vom 24.01.2005 – III R 43/​03, BFH/​NV 2005, 1312; vom 24.06.2008 – X R 38/​07, BFH/​NV 2008, 1517; vom 15.12.2011 – II R 16/​11, BFH/​NV 2012, 593[]
  2. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 17.02.2010 – I R 38/​09, BFH/​NV 2010, 1283, m.w.N.[]
  3. § 155 FGO i.V.m. § 85 Abs. 2 ZPO; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 593, m.w.N.[]
  4. vgl. z.B. BFH-Beschlüs­se vom 15.12.2010 – IV R 5/​10, BFH/​NV 2011, 809; vom 14.12.2011 – X B 50/​11, BFH/​NV 2012, 440[]
  5. vgl. zur unbe­ab­sich­tig­ten Löschung im elek­tro­ni­schen Fris­ten­ka­len­der: BGH, Beschluss vom 27.03.2012 – II ZB 10/​11, HFR 2012, 803, unter II.2.a, m.w.N.[]