Urteil ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und die Berück­sich­ti­gung nach­ge­reich­ter Schrift­sät­zen

Ent­schei­det das Finanz­ge­richt nach § 90 Abs. 2 FGO ohne münd­li­che Ver­hand­lung, ist der Zeit­punkt, der dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung nach § 93 Abs. 3 Satz 1 FGO ent­spricht, die Absen­dung der Urteils­aus­fer­ti­gun­gen. Ein Schrift­satz, der bis zu die­sem Zeit­punkt beim Gericht ein­geht, muss daher grund­sätz­lich noch ver­wer­tet wer­den, soweit er nicht offen­sicht­lich uner­heb­lich ist 1.

Urteil ohne münd­li­che Ver­hand­lung – und die Berück­sich­ti­gung nach­ge­reich­ter Schrift­sät­zen

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ging der Schrift­satz des Klä­gers vom 03.06.2015 am 8.06.2015 beim Finanz­ge­richt ein. Am sel­ben Tag wur­de das Urteil abge­sandt. Der Schrift­satz muss indes vor Absen­dung ein­ge­gan­gen sein, da andern­falls der Zusatz bei der Über­sen­dung, dass das Urteil den Schrift­satz nicht mehr habe berück­sich­ti­gen kön­nen, nicht hät­te ange­bracht wer­den kön­nen. Das Finanz­ge­richt hät­te daher den Schrift­satz grund­sätz­lich noch ver­wer­ten und sich in sei­ner Ent­schei­dung damit aus­ein­an­der­set­zen müs­sen.

Davon durf­te das Finanz­ge­richt auch nicht des­halb Abstand neh­men, weil der Schrift­satz offen­sicht­lich uner­heb­lich gewe­sen wäre. Zwar ist bei einem abso­lu­ten Revi­si­ons­grund, zu dem auch die Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs zählt, nach § 119 Nr. 3 FGO das Urteil als auf die­sem Feh­ler beru­hend anzu­se­hen. Das gilt aller­dings dann nicht, wenn der Ver­fah­rens­feh­ler nur ein­zel­ne Fest­stel­lun­gen oder recht­li­che Gesichts­punk­te betrifft, auf die es für die Ent­schei­dung aus der Sicht des Revi­si­ons­ge­richts unter kei­nem recht­li­chen Gesichts­punkt ankommt 2. Dies wäre bei einem offen­sicht­lich uner­heb­li­chen Schrift­satz der Fall.

Der Schrift­satz war aber nicht erkenn­bar ohne Bedeu­tung. Er war es ins­be­son­de­re nicht etwa des­halb, weil die Aus­schluss­frist nach § 79b Abs. 2 FGO abge­lau­fen war und eine Frist­ver­län­ge­rung vor Ablauf der Frist hät­te bean­tragt wer­den müs­sen. Auch wenn die Ver­län­ge­rung der Frist selbst nicht mehr mög­lich war, konn­te der nach Frist­ab­lauf ein­ge­gan­ge­ne Schrift­satz für die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt erheb­lich sein. Zum einen war auf Grund­la­ge die­ses Schrift­sat­zes zu prü­fen, ob ange­sichts der Schil­de­run­gen des Klä­gers die Ver­spä­tung als ent­schul­digt i.S. des § 79b Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FGO zu betrach­ten sein könn­te. Zum ande­ren steht die Prä­k­lu­si­on ver­spä­te­ten Vor­brin­gens selbst dann, wenn die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 79b Abs. 3 FGO erfüllt sind, im Ermes­sen des Finanz­ge­richt. Geht das Finanz­ge­richt aber davon aus, es dür­fe den Schrift­satz schon des­halb nicht mehr ver­wer­ten, weil er zwar nach Beschluss­fas­sung über das Urteil, aber noch vor des­sen Absen­dung ein­ge­gan­gen ist, liegt ein Ermes­sens­aus­fall vor, der auf der feh­len­den Ver­wer­tung des Schrift­sat­zes beruht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 16. Juni 2016 – X B 110/​15

  1. vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 16.10.1970 – VI B 24/​70, BFHE 100, 351, BSt­Bl II 1971, 25; vom 23.06.1988 – IV R 108/​86; vom 18.09.2001 – XI B 100/​99, BFH/​NV 2002, 356, unter II. 2.; vom 30.12 2002 – IV B 167/​01, BFH/​NV 2003, 751; vom 28.10.2004 – V B 244/​03, BFH/​NV 2005, 376, unter II. 3.[]
  2. vgl. Gräber/​Ratschow, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 119 Rz 19[]