Ände­rung der Recht­spre­chung zu den umsatz­steu­er­li­chen Rech­nungs­an­for­de­run­gen

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat sei­ne Recht­spre­chung geän­dert und damit eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on umge­setzt 1: Eine zum Vor­steu­er­ab­zug berech­ti­gen­de Rech­nung setzt nicht vor­aus, dass die wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten des leis­ten­den Unter­neh­mers unter der Anschrift aus­ge­übt wer­den, die in der von ihm aus­ge­stell­ten Rech­nung ange­ge­ben ist. Es reicht jede Art von Anschrift und damit auch eine Brief­kas­ten­an­schrift, sofern der Unter­neh­mer unter die­ser Anschrift erreich­bar ist.

Ände­rung der Recht­spre­chung zu den umsatz­steu­er­li­chen Rech­nungs­an­for­de­run­gen

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat­te das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren mit zunächst aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on u.a. fol­gen­de Fra­gen zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL) vor­ge­legt 2:

  1. Setzt Art. 226 Nr. 5 MwSt­Sys­tRL die Anga­be einer Anschrift des Steu­er­pflich­ti­gen vor­aus, unter der er sei­ne wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten ent­fal­tet?
  2. Für den Fall, dass Fra­ge 1. zu ver­nei­nen ist:
    1. Reicht für die Anga­be der Anschrift nach Art. 226 Nr. 5 MwSt­Sys­tRL eine Brief­kas­ten­adres­se?
    2. Wel­che Anschrift ist von einem Steu­er­pflich­ti­gen, der ein Unter­neh­men (z.B. des Inter­net­han­dels) betreibt, das über kein Geschäfts­lo­kal ver­fügt, in der Rech­nung anzu­ge­ben?

Der damit zur Vor­ab­ent­schei­dung ange­ru­fe­ne Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat die ers­te und die zwei­te Fra­ge durch sein Urteil "Geis­sel und Butin" 1 dahin­ge­hend beant­wor­tet, dass Art. 168 Buchst. a und Art. 178 Buchst. a i.V.m. Art. 226 Nr. 5 MwSt­Sys­tRL dahin aus­zu­le­gen sind, dass sie einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen­ste­hen, die die Aus­übung des Rechts auf Vor­steu­er­ab­zug davon abhän­gig macht, dass in der Rech­nung die Anschrift ange­ge­ben ist, unter der der Rech­nungs­aus­stel­ler sei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­übt. Die­se Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs hat der Bun­des­fi­nanz­hof nun umge­setzt.

Gemäß § 15 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG kann der Unter­neh­mer die gesetz­lich geschul­de­te Steu­er für Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen, die von einem ande­ren Unter­neh­mer für sein Unter­neh­men aus­ge­führt wor­den sind, abzie­hen. Die Aus­übung des Vor­steu­er­ab­zugs setzt dabei vor­aus, dass der Unter­neh­mer eine nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nung besitzt.

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 15 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG hat der Klä­ger durch den Bezug der von Z im Inland gelie­fer­ten Fahr­zeu­ge erfüllt. Für 15 v.H. der Lie­fe­run­gen, die der Klä­ger von Z bezo­gen hat, hat das Finanz­ge­richt gemäß § 118 Abs. 2 FGO für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­dend fest­ge­stellt, dass die Fahr­zeu­ge "aus Deutsch­land stamm­ten". Der Bun­des­fi­nanz­hof hat das dahin­ge­hend ver­stan­den, dass die Lie­fe­run­gen in Deutsch­land aus­ge­führt wur­den und die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen des § 15 Abs. 1 UStG erfüllt sind.

Der Klä­ger besitzt inso­weit auch nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nun­gen. Zwar erfor­dert eine nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nung, dass die Rech­nung den Anfor­de­run­gen des § 14 Abs. 4 UStG ent­spricht, was gemäß § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG die Anga­be des voll­stän­di­gen Namens und der voll­stän­di­gen Anschrift des leis­ten­den Unter­neh­mers und des Leis­tungs­emp­fän­gers erfor­dert.

Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des BFH wird das Merk­mal "voll­stän­di­ge Anschrift" in § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG nur durch die Anga­be der zutref­fen­den Anschrift des leis­ten­den Unter­neh­mers erfüllt, unter der er sei­ne wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten ent­fal­tet; die Anga­be eines "Brief­kas­ten­sit­zes" mit nur pos­ta­li­scher Erreich­bar­keit, an dem im Zeit­punkt der Rech­nungstel­lung kei­ner­lei geschäft­li­che Akti­vi­tä­ten statt­fin­den, reich­te danach als zutref­fen­de Anschrift nicht aus 3.

Hier­an hält der Bun­des­fi­nanz­hof nach dem EuGH, Urteil "Geis­sel und Butin" nicht mehr fest. § 15 Abs. 1 Nr. 1, § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG sind viel­mehr richt­li­ni­en­kon­form dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass eine zum Vor­steu­er­ab­zug berech­ti­gen­de Rech­nung nicht vor­aus­setzt, dass die wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten des leis­ten­den Unter­neh­mers unter der Anschrift aus­ge­übt wer­den, die in der von ihm aus­ge­stell­ten Rech­nung ange­ge­ben ist. Viel­mehr reicht jede Art von Anschrift, ein­schließ­lich einer Brief­kas­ten­an­schrift, sofern der Unter­neh­mer unter die­ser Anschrift erreich­bar ist. Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfül­len die hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Rech­nun­gen, weil deren Aus­stel­ler unter der von ihm ange­ge­be­nen Rech­nungs­an­schrift Post erhal­ten hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Juni 2018 – V R 25/​15

  1. EuGH, Urteil "Geis­sel und Butin" vom 15.11.2017 – C‑374/​16 und – C‑375/​16, EU:C:2017:867[][]
  2. BFH, Beschluss vom 06.04.2016 – V R 25/​15, BFHE 254, 139[]
  3. BFH, Urtei­le vom vom 22.07.2015 – V R 23/​14, BFHE 250, 559, BSt­Bl II 2015, 914, Rz 25; vom 08.07.2009 – XI R 51/​07, BFH/​NV 2010, 256, Rz 16; vom 30.04.2009 – V R 15/​07, BFHE 225, 254, BSt­Bl II 2009, 744, Rz 32, 39; vom 06.12 2007 – V R 61/​05, BFHE 221, 55, BSt­Bl II 2008, 695, Rz 33; vom 19.04.2007 – V R 48/​04, BFHE 217, 194, BSt­Bl II 2009, 315, Rz 50; vom 27.06.1996 – V R 51/​93, BFHE 181, 197, BSt­Bl II 1996, 620, Rz 15[]