Bau­werk oder Betriebs­vor­rich­tung?

Betriebs­vor­rich­tun­gen sind kei­ne Bau­wer­ke i.S. von § 13b Abs. 1 Nr. 4 Satz 1 UStG a.F.

Bau­werk oder Betriebs­vor­rich­tung?

Nach § 13b Abs. 1 Nr. 4 Satz 1 UStG a.F. ent­steht bei "Werk­lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen, die der Her­stel­lung, Instand­set­zung, Instand­hal­tung, Ände­rung oder Besei­ti­gung von Bau­wer­ken die­nen, mit Aus­nah­me von Pla­nungs- und Über­wa­chungs­leis­tun­gen" die Steu­er "mit Aus­stel­lung der Rech­nung, spä­tes­tens jedoch mit Ablauf des der Aus­füh­rung der Leis­tung fol­gen­den Kalen­der­mo­nats". Hier­für schul­det der Leis­tungs­emp­fän­ger gemäß § 13b Abs. 2 Satz 2 UStG a.F. "die Steu­er, wenn er ein Unter­neh­mer ist, der Leis­tun­gen im Sin­ne des Absat­zes 1 Satz 1 Nr. 4 Satz 1 erbringt".

Bau­wer­ke i.S. von § 13b Abs. 1 Nr. 4 Satz 1 UStG a.F. sind unbe­weg­li­che, durch Ver­bin­dung mit dem Erd­bo­den her­ge­stell­te Sachen. Betriebs­vor­rich­tun­gen (zum Begriff s. § 68 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 BewG; § 4 Nr. 12 Satz 2 UStG) gehö­ren nicht hier­zu.

Im vor­lie­gen­den Fall hat­te das Finanz­ge­richt in revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se ent­schie­den, dass die Ent­rau­chungs­an­la­ge eine Betriebs­vor­rich­tung ist. Dies ergibt sich nach den für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt (§ 118 Abs. 2 FGO) dar­aus, dass die Werks­hal­len, in die die streit­ge­gen­ständ­li­che Ent­rau­chungs­an­la­ge ein­ge­baut wur­de, bereits über ein eige­nes Kli­ma­an­la­gen­sys­tem ver­füg­ten und die Ent­rau­chungs­an­la­ge dem­ge­gen­über der Her­stel­lung von Rein­raum­be­din­gun­gen für einen betrieb­li­chen Pro­duk­ti­ons­vor­gang (hier: Her­stel­lung von Solar­zel­len­plat­ten) dien­te. Dies steht in Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ‑BFH- zu § 68 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 BewG 1.

§ 13b Abs. 1 Nr. 4 Satz 1 UStG a.F. defi­niert den Begriff des Bau­werks nicht. Eine uni­ons­rechts­kon­for­me Aus­le­gung die­ses Begriffs ist nur ein­ge­schränkt mög­lich. Die ursprüng­li­che Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für § 13b Abs. 1 Nr. 4 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 UStG a.F., Art. 2 Nr. 1 der Ent­schei­dung 2004/​290/​EG des Rates vom 30.03.2004 zur Ermäch­ti­gung Deutsch­lands zur Anwen­dung einer von Art. 21 der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern abwei­chen­den Rege­lung 2 ver­wen­de­te den Begriff des Bau­werks nicht. Der im Streit­jahr gel­ten­de Art.199 Abs. 1 Buchst. a MwSt­Sys­tRL stellt auf Leis­tun­gen "im Zusam­men­hang mit Grund­stü­cken" ab.

Nach all­ge­mei­nem Begriffs­ver­ständ­nis ist ein Bau­werk eine unbe­weg­li­che, durch Ver­bin­dung mit dem Erd­bo­den her­ge­stell­te Sache 3. Auch die Finanz­ver­wal­tung geht davon aus, dass zu den Bau­wer­ken neben Gebäu­den auch ande­re mit dem Erd­bo­den ver­bun­de­ne Anla­gen wie z.B. Brü­cken oder Stra­ßen gehö­ren 4.

In das Bau­werk ein­ge­bau­te Anla­gen sind nur dann Bestand­teil des Bau­werks, wenn sie für Kon­struk­ti­on, Bestand, Erhal­tung oder Benutz­bar­keit des Bau­werks von wesent­li­cher Bedeu­tung sind. Die Anla­ge muss hier­für eine Funk­ti­on für das Bau­werk selbst haben. Dient die Anla­ge dem­ge­gen­über eige­nen Zwe­cken, indem sie z.B. durch Strom­erzeu­gung eine Ein­nah­me­quel­le ver­schaf­fen soll, ist sie kein Bau­werks­be­stand­teil 5. Nicht zu den Bau­werks­be­stand­tei­len gehö­ren danach Betriebs­vor­rich­tun­gen. Sie die­nen gegen­über dem Bau­werk eigen­stän­di­gem Zweck. Sie haben kei­ne Funk­ti­on für das Bau­werk, son­dern sind dort ledig­lich unter­ge­bracht 6. Ihr Ein­bau führt zu kei­ner Ände­rung des Bau­werks.

Dass Betriebs­vor­rich­tun­gen für die Fra­ge der Steu­er­schuld­ner­schaft kei­ne Bau­werks- und damit auch kei­ne Grund­stücks­be­stand­tei­le sind, wird durch das Uni­ons­recht bestä­tigt. So beschränkt sich die Befug­nis, eine Steu­er­schuld­ner­schaft des Leis­tungs­emp­fän­gers anzu­ord­nen, nach Art.199 Abs. 1 Buchst. a MwSt­Sys­tRL auf Leis­tun­gen "im Zusam­men­hang mit Grund­stü­cken". Bei der Ent­schei­dung, wel­che Anfor­de­run­gen an die­sen Zusam­men­hang zu stel­len sind, ist zu berück­sich­ti­gen, dass zwar die Ver­mie­tung und Ver­pach­tung von Grund­stü­cken gemäß Art. 135 Abs. 1 Buchst. l MwSt­Sys­tRL steu­er­frei ist, sich die­se Steu­er­frei­heit aber nach Art. 135 Abs. 2 Buchst. c MwSt­Sys­tRL nicht auch auf dau­er­haft ein­ge­bau­te "Vor­rich­tun­gen und Maschi­nen" und damit nicht auf eige­nen Zwe­cken die­nen­de Betriebs­vor­rich­tun­gen erstreckt.

Dem­ge­gen­über kommt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung (Abschnitt 182a Abs. 4 Satz 2 UStR 2008 und Abschnitt 13b.2 Abs. 2 Satz 2 UStAE) eine Aus­le­gung ent­spre­chend der Bau­be­trie­be-Ver­ord­nung, die nach ihrem § 1 Abs. 1 zur Durch­füh­rung von § 101 Abs. 2 des Drit­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch dient, nicht aber zur Anwen­dung von § 13b UStG a.F. ergan­gen ist, nicht in Betracht.

Soweit die Finanz­ver­wal­tung schließ­lich in Abschnitt 182a Abs. 7 Nr. 2 UStR 2008 und Abschnitt 13b.2 Abs. 5 Nr. 2 UStAE davon aus­ge­hen soll­te, dass, wie es das Finanz­amt annimmt, Laden­ein­bau­ten, Schau­fens­ter­an­la­gen und Gast­stät­ten­ein­rich­tun­gen auch dann als Tei­le eines Bau­werks anzu­se­hen sein sol­len, wenn es sich bei ihnen um Betriebs­vor­rich­tun­gen i.S. von § 68 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 BewG han­delt, schließt sich der Bun­des­fi­nanz­hof dem nicht an.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. August 2014 – V R 7/​14

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 09.08.2001 – III R 43/​98, BFHE 196, 429, BSt­Bl II 2002, 100 zur Be- und Ent­lüf­tungs­an­la­ge in einem Fri­seur­sa­lon[]
  2. vgl. hier­zu BFH, Urteil vom 22.08.2013 – V R 37/​10, BFHE 243, 20, BSt­Bl II 2014, 128, unter II. 1.b[]
  3. vgl. z.B. BGH, Urteil vom 09.10.2013 – VIII ZR 318/​12, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift ‑NJW- 2014, 845, unter II. 1.a zur Fra­ge der Ver­jäh­rung von Män­gel­an­sprü­chen nach § 438 BGB bei Bau­wer­ken[]
  4. vgl. Abschnitt 182a Abs. 3 UStR 2008 und spä­ter Abschnitt 13b.2 Abs. 1 UStAE[]
  5. vgl. BGH, Urteil in NJW 2014, 845, unter II. 1.b zu § 438 BGB[]
  6. vgl. auch BGH, Urteil vom 15.05.1997 – VII ZR 287/​95, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift-Recht­spre­chungs-Report Zivil­recht 1998, 89, unter II. 2.b[]
  7. BFH, Urteil vom 22.08.2013 – V R 37/​10, BSt­Bl II 2014, 128, BFH/​NV 2014, 130[]