Bereit­stel­lungs­ent­gel­te für die abge­sag­te Zwangs­räu­mung

So genann­te Bereit­stel­lungs­ent­gel­te, die ein Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men erhält, wenn eine Zwangs­räu­mung kurz­fris­tig von dem Gerichts­voll­zie­her abge­sagt wird, stel­len eine pau­scha­lier­te Ent­schä­di­gung dar und unter­lie­gen nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs man­gels eines Leis­tungs­aus­tauschs nicht der Umsatz­steu­er.

Bereit­stel­lungs­ent­gel­te für die abge­sag­te Zwangs­räu­mung

Sons­ti­ge Leis­tun­gen, die ein Unter­neh­mer im Inland gegen Ent­gelt im Rah­men sei­nes Unter­neh­mens aus­führt, unter­lie­gen gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG der Umsatz­steu­er. Sons­ti­ge Leis­tun­gen sind Leis­tun­gen, die kei­ne Lie­fe­run­gen sind (§ 3 Abs. 9 Satz 1 UStG). Für das Vor­lie­gen einer ent­gelt­li­chen Leis­tung, die in Über­ein­stim­mung mit Art. 2 Nr. 1 der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG steu­er­bar ist, sind nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, der sich der Bun­des­fi­nanz­hof ange­schlos­sen hat, im Wesent­li­chen fol­gen­de uni­ons­recht­lich geklär­ten Grund­sät­ze zu berück­sich­ti­gen:

Zwi­schen der Leis­tung und dem erhal­te­nen Gegen­wert muss ein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang bestehen, wobei die gezahl­ten Beträ­ge die tat­säch­li­che Gegen­leis­tung für eine bestimm­ba­re Leis­tung dar­stel­len, die im Rah­men eines zwi­schen dem Leis­ten­den und dem Leis­tungs­emp­fän­ger bestehen­den Rechts­ver­hält­nis­ses, in dem gegen­sei­ti­ge Leis­tun­gen aus­ge­tauscht wer­den, erbracht wur­de [1].

Dabei bestimmt sich in ers­ter Linie nach dem der Leis­tung zugrun­de lie­gen­den Rechts­ver­hält­nis, ob die Leis­tung des Unter­neh­mers der­art mit der Zah­lung ver­knüpft ist, dass sie sich auf die Erlan­gung einer Gegen­leis­tung (Zah­lung) rich­tet [2].

Ech­te Ent­schä­di­gungs- oder Scha­dens­er­satz­leis­tun­gen sind dem­ge­gen­über kein Ent­gelt im Sin­ne des Umsatz­steu­er­rechts, wenn die Zah­lung nicht für eine Lie­fe­rung oder sons­ti­ge Leis­tung an den Zah­lungs­emp­fän­ger erfolgt, son­dern weil der Zah­len­de nach Gesetz oder Ver­trag für den Scha­den und sei­ne Fol­gen ein­zu­ste­hen hat [3].

Ent­spre­chend die­sen Grund­sät­zen hat der EuGH in sei­nem Urteil Socie­té ther­ma­le d’Eu­gé­nie-les-Bains [4] ent­schie­den, dass die von einem Gast an einen Hotel­be­trei­ber als Angeld geleis­te­ten Beträ­ge in Fäl­len, in denen der Erwer­ber von der ihm eröff­ne­ten Mög­lich­keit des Rück­tritts Gebrauch macht und der Hotel­be­trei­ber die­se Beträ­ge ein­be­hält, als pau­scha­lier­te Ent­schä­di­gung zum Aus­gleich des infol­ge des Ver­trags­rück­tritts des Gas­tes ent­stan­de­nen Scha­dens –ohne direk­ten Bezug zu einer ent­gelt­li­chen Dienst­leis­tung– und als sol­che nicht als mehr­wert­steu­er­pflich­tig anzu­se­hen sind.

Da die Zah­lung des Angelds zum einen kein Ent­gelt für eine eigen­stän­di­ge, bestimm­ba­re Leis­tung dar­stel­le, die der Hotel­be­trei­ber sei­nem Gast erbracht habe, und die Ein­be­hal­tung des Angelds nach einer Stor­nie­rung zum ande­ren den Zweck habe, die Fol­gen der Nicht­er­fül­lung des Ver­trags aus­zu­glei­chen, fal­le weder die Zah­lung noch die Ein­be­hal­tung des Angelds unter Art. 2 Nr. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Das Angeld sei kei­ne Gegen­leis­tung für eine der Mehr­wert­steu­er unter­lie­gen­de Reser­vie­rungs­leis­tung, die sich bereits direkt aus dem Beher­ber­gungs­ver­trag erge­be, son­dern eine pau­scha­lier­te Ent­schä­di­gungs­zah­lung, bei der es nor­mal sei, dass der Betrag des ent­stan­de­nen Scha­dens und das ein­be­hal­te­ne Angeld in den meis­ten Fäl­len nicht über­ein­stimm­ten.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze stel­len die sog. Bereit­stel­lungs­ent­gel­te eine pau­scha­lier­te Ent­schä­di­gung und kein Ent­gelt für eine Dienst­leis­tung dar.

Nach der zwi­schen der Klä­ge­rin und den Gerichts­voll­zie­hern getrof­fe­nen Ver­ein­ba­rung erhält sie in dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall 30% der für eine tat­säch­lich durch­ge­führ­te Räu­mung ver­ein­bar­ten Pau­scha­le, wenn die Zwangs­räu­mung inner­halb von vier Tagen vor dem Räu­mungs­ter­min vom zustän­di­gen Gerichts­voll­zie­her abge­sagt wird.

Wird ein Spe­di­ti­ons­ver­trag vor­zei­tig gekün­digt, so behält der Unter­neh­mer grund­sätz­lich den Anspruch auf die ver­ein­bar­te Ver­gü­tung. Er muss sich jedoch gemäß § 649 Satz 2 BGB erspar­te Auf­wen­dun­gen oder das­je­ni­ge, was er durch ander­wei­ti­ge Ver­wen­dung sei­ner Arbeits­kraft erzielt oder zu erwer­ben bös­wil­lig unter­lässt, anrech­nen las­sen [5].

Für den Fall der Kün­di­gung eines Fracht­ver­tra­ges ist in § 415 Abs. 2 HGB aus­drück­lich gere­gelt, dass der Fracht­füh­rer ent­we­der die ver­ein­bar­te Fracht unter Anrech­nung bestimm­ter Beträ­ge oder „ein Drit­tel der ver­ein­bar­ten Fracht (Faut­fracht)“ ver­lan­gen kann. Das Rechts­in­sti­tut der „Faut­fracht“ [6] ver­steht sich als eine gesetz­lich fest­ge­leg­te, pau­scha­le Kün­di­gungs­ent­schä­di­gung, die nach der Begrün­dung der Bun­des­re­gie­rung zum Ent­wurf eines Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Fracht‑, Spe­di­ti­ons- und Lager­rechts (Trans­port­rechts­re­form­ge­setz) weder Leis­tungs­ent­gelt noch Scha­dens­er­satz ist [7]. Die Bun­des­re­gie­rung hat den Vor­teil der „Faut­fracht“ dar­in gese­hen, dass auf die­se Wei­se eine leicht hand­hab­ba­re, zugleich streit- und pro­zess­ver­hin­dern­de Rege­lung geschaf­fen wer­den kön­ne [8].

Da ein Gerichts­voll­zie­her Nicht­kauf­mann ist, unter­liegt der Spe­di­ti­ons­ver­trag nicht den Vor­schrif­ten des HGB, son­dern des BGB. Es steht den Ver­trags­part­nern jedoch frei, den Inhalt ihres Rechts­ver­hält­nis­ses ein­schließ­lich der Fol­gen eines even­tu­el­len Rück­tritts oder der etwai­gen Nicht­er­fül­lung ihrer Ver­pflich­tun­gen unter Beach­tung zwin­gen­der Vor­schrif­ten und der öffent­li­chen Ord­nung zu bestim­men [9]. Dabei muss es ihnen ins­be­son­de­re gestat­tet sein, eine Rechts­fol­ge, die der Gesetz­ge­ber für Kauf­leu­te für den Fall der Kün­di­gung als vor­teil­haft ange­se­hen und des­halb wahl­wei­se vor­ge­se­hen hat, aus­drück­lich zu ver­ein­ba­ren.

Die ver­trag­lich ver­ein­bar­te pau­scha­le Kün­di­gungs­ent­schä­di­gung kann umsatz­steu­er­recht­lich nicht anders qua­li­fi­ziert wer­den als die in § 415 Abs. 2 Nr. 2 HGB aus­drück­lich gere­gel­te [10]. Des­halb gilt für bei­de Fäl­le, dass es sich jeden­falls nicht um ein Leis­tungs­ent­gelt han­delt und die pau­scha­le Ent­schä­di­gung daher nicht der Umsatz­steu­er unter­liegt.

Die Ent­schei­dung, dass die sog. Bereit­stel­lungs­ent­gel­te nicht als Leis­tungs­ent­gel­te zu beur­tei­len sind, steht auch im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des EuGH in dem oben zitier­ten Urteil Socie­té ther­ma­le d’Eu­gé­nie-les-Bains [4]. Das „Angeld“ und die Bereit­stel­lungs­ent­gel­te sind ver­gleich­bar, so dass es sich in bei­den Fäl­len um eine pau­scha­lier­te Kün­di­gungs­ent­schä­di­gung ohne Ent­gelt­cha­rak­ter han­delt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 30.Juni 2010 – XI R 22/​08

  1. EuGH, Urtei­le vom 18.07.2007 – C‑277/​05 [Socie­té ther­ma­le d’Eu­gé­nie-les-Bains], Slg. 2007, I‑6415, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 424, Rz 19; vom 21.03.2002 – C‑174/​00 [Ken­ne­mer Golf & Coun­try Club], Slg. 2002, I‑3293, BFH/​NV Bei­la­ge 2002, 95, Rz 39; und vom 03.03.1994 – C‑16/​93 [Tols­ma], Slg. 1994, I‑743, Umsatz­steu­er-Rund­schau 1994, 399, Rz 13; BFH, Urtei­le vom 19.02.2004 – V R 10/​03, BFHE 205, 495, BStBl II 2004, 675; vom 05.12.2007 – V R 60/​05, BFHE 219, 455, BStBl II 2009, 486, jeweils m.w.N.; Schlos­ser-Zeu­ner in Bunjes/​Geist, UStG, 9. Aufl., § 1 Rz 14 ff., 28, m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil vom 18.12.2008 – V R 38/​06, BFHE 225, 155, BStBl II 2009, 749[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 10.12.1998 – V R 58/​97, BFH/​NV 1999, 987[]
  4. EuGH, Slg. 2007, I‑6415, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 424[][]
  5. vgl. z.B. LG Frank­furt, Beschluss vom 19.09.2005 – 2/​9 T 614/​05, DGVZ 2006, 115[]
  6. vgl. hier­zu auch BFH, Urtei­le vom 22.01.1970 – V R 118/​66, BFHE 98, 225, BStBl II 1970, 363; und vom 27.08.1970 – V R 130/​66, BFHE 100, 150, BStBl II 1970, 856[]
  7. BT-Drs. 13/​8445, S. 45; vgl. auch MünchKommHGB/​Czerwenka, § 415 Rz 17[]
  8. BT-Drs. 13/​8445, S. 45[]
  9. EuGH, Urteil Socie­té ther­ma­le d’Eu­gé­nie-les-Bains in Slg. 2007, I‑6415, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 424, Rz 28 f.[]
  10. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 98, 225, BStBl II 1970, 363; und in BFHE 100, 150, BStBl II 1970, 856[]