Die medi­zi­ni­sche Hot­line – und die Umsatz­steu­er­be­frei­ung

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat Zwei­fel, ob tele­fo­ni­sche Bera­tungs­leis­tun­gen, die eine GmbH im Auf­trag von gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen durch "Gesund­heits­coa­ches" aus­führt, als Heil­be­hand­lun­gen gel­ten kön­nen. Er hat daher die­se Fra­ge gemäß Art. 267 Abs. 3 AEUV dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.

Die medi­zi­ni­sche Hot­line – und die Umsatz­steu­er­be­frei­ung

Dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wer­den fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

  1. Liegt unter Umstän­den wie denen des Aus­gangs­ver­fah­rens, in denen ein Steu­er­pflich­ti­ger im Auf­trag von Kran­ken­kas­sen Ver­si­cher­te zu ver­schie­de­nen Gesund­heits- und Krank­heits­the­men tele­fo­nisch berät, eine Tätig­keit vor, die dem Anwen­dungs­be­reich des Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem unter­fällt?
  2. Reicht es unter Umstän­den wie denen des Aus­gangs­ver­fah­rens in Bezug auf die in Fra­ge 1 genann­ten Leis­tun­gen sowie für Umsät­ze im Rah­men von "Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­men" für den erfor­der­li­chen beruf­li­chen Befä­hi­gungs­nach­weis aus, dass die tele­fo­ni­schen Bera­tun­gen von "Gesund­heits­coa­ches" (medi­zi­ni­schen Fach­an­ge­stell­ten, Kran­ken­schwes­tern) durch­ge­führt wer­den und in cir­ca einem Drit­tel der Fäl­le ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen wird?

Im Streit­fall betrieb die kla­gen­de GmbH im Auf­trag gesetz­li­cher Kran­ken­kas­sen ein sog. Gesund­heits­te­le­fon zur Bera­tung von Ver­si­cher­ten in medi­zi­ni­scher Hin­sicht. Sie führ­te zudem Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­me durch, bei denen bestimm­te Ver­si­cher­te auf der Basis von Abrech­nungs­da­ten und Krank­heits­bil­dern über eine medi­zi­ni­sche Hot­line situa­ti­ons­be­zo­ge­ne Infor­ma­tio­nen zu ihrem Kran­ken­bild erhiel­ten. Die tele­fo­ni­schen Bera­tungs­leis­tun­gen wur­den durch Kran­ken­schwes­tern und medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te erbracht, die größ­ten­teils auch als "Gesund­heits­coach" aus­ge­bil­det waren. In ca. einem Drit­tel der Fäl­le wur­de ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen, der die Bera­tung über­nahm bzw. bei Rück­fra­gen Anwei­sun­gen oder eine Zweit­mei­nung erteil­te.

Nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der MwSt-Sys­tem­richt­li­nie 2006/​112/​EG 1 sind Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin, die im Rah­men der Aus­übung der von dem betref­fen­den Mit­glied­staat defi­nier­ten ärzt­li­chen und arzt­ähn­li­chen Beru­fe durch­ge­führt wer­den, steu­er­frei. Dem ent­spricht § 4 Nr. 14 Buchst. a Satz 1 UStG, der ent­spre­chend der Richt­li­nie aus­zu­le­gen ist.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­tritt in dem Vor­la­ge­be­schluss die Auf­fas­sung, dass die im Rah­men des Gesund­heits­te­le­fons erbrach­ten Leis­tun­gen bei engem Ver­ständ­nis der Befrei­ungs­vor­schrif­ten nicht in deren Anwen­dungs­be­reich fal­len: Es ste­he weder fest, ob sich an die Bera­tung eine ärzt­li­che Heil­be­hand­lung anschließt noch ob sie als Erst­be­ra­tung Bestand­teil einer kom­ple­xen Heil­be­hand­lung wer­den; außer­dem erfol­ge die Infor­ma­ti­on der Anru­fen­den im Gegen­satz zu den Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­men nicht auf der Grund­la­ge vor­he­ri­ger medi­zi­ni­scher Fest­stel­lun­gen oder Anord­nun­gen. Fer­ner sei frag­lich, ob die für her­kömm­li­che Heil­be­hand­lun­gen von dem betref­fen­den Mit­glied­staat defi­nier­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le eines ärzt­li­chen und arzt­ähn­li­chen Berufs (Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG) auch für sol­che Heil­be­hand­lun­gen gel­ten, die ohne per­sön­li­chen Kon­takt erbracht wer­den, oder ob es ‑z.B. für Leis­tun­gen im Bereich der Tele­me­di­zin- zusätz­li­cher Anfor­de­run­gen bedarf.

Auf die­ses Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­fi­nanz­hofs soll daher vom Uni­ons­ge­richts­hof geklärt wer­den, ob eine steu­er­be­frei­te Tätig­keit vor­liegt, wenn ein Steu­er­pflich­ti­ger (Unter­neh­mer) im Auf­trag von Kran­ken­kas­sen Ver­si­cher­te zu ver­schie­de­nen Gesund­heits- und Krank­heits­the­men tele­fo­nisch berät. Außer­dem ist die Fra­ge zu beant­wor­ten, ob es für den erfor­der­li­chen beruf­li­chen Befä­hi­gungs­nach­weis aus­reicht, dass die tele­fo­ni­schen Bera­tun­gen von "Gesund­heits­coa­ches" (medi­zi­ni­schen Fach­an­ge­stell­ten, Kran­ken­schwes­tern) durch­ge­führt wer­den und (nur) in ca. einem Drit­tel der Fäl­le ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen wird.

Die Leis­tun­gen der GmbH im Bereich des Gesund­heits­te­le­fons sind gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG, Art. 2 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2006/​112/​EG steu­er­bar. Frag­lich ist, ob es sich hier­bei um Heil­be­hand­lun­gen han­delt, für die der Anwen­dungs­be­reich der Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 14 Buchst. a Satz 1 UStG, Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG eröff­net ist.

Der Begriff "Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin" ist ein auto­no­mer uni­ons­recht­li­cher Begriff 2 und § 4 Nr. 14 Buchst. a UStG ist richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen 3.

Nach der hier­zu ergan­ge­nen Recht­spre­chung erfas­sen sowohl der Begriff "ärzt­li­che Heil­be­hand­lung" als auch der Begriff "Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin" Leis­tun­gen, die zur Dia­gno­se, Behand­lung und, so weit wie mög­lich, Hei­lung von Krank­hei­ten oder Gesund­heits­stö­run­gen die­nen 4.

Unter Heil­be­hand­lun­gen fal­len auch Maß­nah­men, die ‑gege­be­nen­falls auch nur vor­beu­gend- dem Schutz ein­schließ­lich der Auf­recht­erhal­tung bzw. Wie­der­her­stel­lung der Gesund­heit die­nen 5. Inso­fern wer­den auch Maß­nah­men erfasst, die dar­auf abzie­len, die Beob­ach­tung und die Unter­su­chung der Pati­en­ten zu ermög­li­chen, noch bevor es erfor­der­lich wird, eine etwai­ge Krank­heit zu dia­gnos­ti­zie­ren, zu behan­deln oder zu hei­len 6.

Eine Heil­be­hand­lung liegt jedoch nur bei the­ra­peu­ti­scher Zweck­be­stimmt­heit vor, wobei die­se nicht in einem beson­ders engen Sin­ne zu ver­ste­hen ist. Viel­mehr ist der Begriff der the­ra­peu­ti­schen Zweck­be­stim­mung unter Berück­sich­ti­gung des Zwecks der Steu­er­be­frei­ung aus­zu­le­gen, der dar­in besteht, die Kos­ten ärzt­li­cher Heil­be­hand­lun­gen zu sen­ken 7.

Mit the­ra­peu­ti­schem Zweck erfol­gen auch Leis­tun­gen, die uner­läss­li­cher, fes­ter und untrenn­ba­rer Bestand­teil der gesam­ten Heil­be­hand­lung sind, deren ein­zel­ne Abschnit­te sinn­vol­ler­wei­se nicht iso­liert von­ein­an­der durch­ge­führt wer­den kön­nen 8. Nicht von der Steu­er­be­frei­ung erfasst sind dage­gen Tätig­kei­ten, wenn die Heil­be­hand­lung, mit der die­se Tätig­kei­ten nur even­tu­ell ver­bun­den sind, weder statt­ge­fun­den noch begon­nen hat oder geplant ist 9.

Bei Maß­nah­men, die sowohl Heil­be­hand­lungs­zwe­cken als auch bloß kos­me­ti­schen Zwe­cken oder der Ver­bes­se­rung des all­ge­mei­nen Gesund­heits­zu­stands die­nen kön­nen und inso­fern einem Grenz­be­reich zuzu­ord­nen sind, kommt es auf eine Prü­fung anhand der Umstän­de des Ein­zel­falls an 10. Inso­fern ist zu berück­sich­ti­gen, dass es bei der Fra­ge, ob eine Leis­tung the­ra­peu­ti­schen oder ande­ren Zwe­cken dient, um die Beur­tei­lung einer medi­zi­ni­schen Fra­ge geht, die auf medi­zi­ni­schen Fest­stel­lun­gen beru­hen muss, die von dem ent­spre­chen­den Fach­per­so­nal getrof­fen wor­den sind 11. Die rein sub­jek­ti­ve Vor­stel­lung, die der Pati­ent von der Leis­tung hat, ist als sol­che für die Beur­tei­lung, ob die­se einem the­ra­peu­ti­schen Zweck dient, nicht maß­geb­lich 12.

Nach die­sen Kri­te­ri­en fal­len bei engem Ver­ständ­nis die vor­lie­gen­den Bera­tungs­leis­tun­gen nicht unter den Anwen­dungs­be­reich der Steu­er­be­frei­ung, da weder fest­steht, ob sich an die Bera­tung eine ärzt­li­che Heil­be­hand­lung anschließt, noch ob sie als "Erst­be­ra­tung" Bestand­teil einer kom­ple­xen Heil­be­hand­lung wer­den. Zudem erfolgt die Infor­ma­ti­on der Anru­fen­den ‑zumin­dest teil­wei­se- nicht auf Grund­la­ge vor­he­ri­ger medi­zi­ni­scher Fest­stel­lun­gen oder Anord­nun­gen und in allen Fäl­len ohne per­sön­li­chen Kon­takt zwi­schen Ver­si­cher­ten und Mit­ar­bei­tern der GmbH, son­dern am Tele­fon.

Der Klä­rung durch den EuGH bedarf, ob es sich um eine zutref­fen­de Inter­pre­ta­ti­on sei­ner Recht­spre­chung han­delt, wenn tele­fo­ni­sche Bera­tungs­leis­tun­gen mit medi­zi­ni­schem Inhalt unab­hän­gig von einer kon­kre­ten ärzt­li­chen Behand­lung bezie­hungs­wei­se mög­li­cher­wei­se im Vor­feld einer sol­chen als noch nicht dem Anwen­dungs­be­reich des Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG unter­fal­lend ein­ge­ord­net wer­den bezie­hungs­wei­se ob die vor­han­de­ne Recht­spre­chung zur Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen steu­er­frei­en Heil­be­hand­lun­gen und Behand­lun­gen, die ledig­lich zur Befrie­di­gung all­ge­mei­ner Lebens­be­dürf­nis­se, zum Bei­spiel zu Frei­zeit-/Well­ness- oder kos­me­ti­schen Zwe­cken, vor­ge­nom­men wur­den, her­an­zu­zie­hen ist. Ande­ren­falls wären die tele­fo­ni­schen Infor­ma­ti­ons­leis­tun­gen, die nicht unter Frei­zeit- oder Well­ness­ge­sichts­punk­ten, son­dern auf­grund eines kon­kre­ten medi­zi­ni­schen Anlie­gens von den Ver­si­cher­ten in Anspruch genom­men wur­den, nicht aus dem Anwen­dungs­be­reich der Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 14 Buchst. a Satz 1 UStG, Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG aus­zu­schlie­ßen. Hier­bei ist aus Sicht des Bun­des­fi­nanz­hofs abgren­zend zu berück­sich­ti­gen, dass die Bedeu­tung von Behand­lun­gen ohne per­sön­li­chen Kon­takt (zum Bei­spiel per Inter­net) auf­grund des tech­ni­schen Fort­schritts und des teil­wei­se bestehen­den Ärz­te­man­gels zukünf­tig zuneh­men dürf­te.

Fer­ner stellt sich für die von der GmbH im Bereich der Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­me sowie, falls die Fra­ge 1 zu beja­hen ist, im Bereich des Gesund­heits­te­le­fons erbrach­ten Leis­tun­gen die Fra­ge, ob auf­grund des genutz­ten Medi­ums eine Zusatz­qua­li­fi­ka­ti­on der Aus­füh­ren­den gefor­dert wer­den muss.

Für die gemäß § 1 UStG, Art. 2 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2006/​112/​EG steu­er­ba­ren Leis­tun­gen im Rah­men der Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­me ist der Anwen­dungs­be­reich der Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 14 Buchst. a Satz 1 UStG, Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG eröff­net. Es han­delt sich um Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin, da die­se als Pati­en­ten­schu­lun­gen im Rah­men der ergän­zen­den Leis­tun­gen zur Reha­bi­li­ta­ti­on (§ 43 Abs. 1 Nr. 2 des Fünf­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch ‑SGB V-) nur gegen­über Teil­neh­mern mit von ärzt­li­chem Fach­per­so­nal dia­gnos­ti­zier­ter chro­ni­scher Krank­heit erbracht wer­den und damit nach­ge­wie­sen einen the­ra­peu­ti­schen Zweck haben. Auf das Feh­len einer ärzt­li­chen Anord­nung kommt es inso­weit nicht an.

Eine Heil­be­hand­lungs­leis­tung ist nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG nur dann steu­er­frei, wenn sie im Rah­men der Aus­übung ärzt­li­cher und arzt­ähn­li­cher Beru­fe erbracht wird. Nicht not­wen­dig ist jedoch, dass jeder Aspekt einer the­ra­peu­ti­schen Behand­lung von medi­zi­ni­schem Per­so­nal durch­ge­führt wird 13.

Die Defi­ni­ti­on der ärzt­li­chen oder arzt­ähn­li­chen Beru­fe obliegt nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG den Mit­glied­staa­ten. Das inso­fern bestehen­de Ermes­sen bezieht sich nicht nur auf die Fest­le­gung der für die Aus­übung die­ser Beru­fe erfor­der­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen, son­dern auch auf die Fest­le­gung der spe­zi­fi­schen Heil­tä­tig­kei­ten im Bereich der Human­me­di­zin, die zu die­sen Beru­fen gehö­ren 14.

Dem­entspre­chend regelt § 4 Nr. 14 Buchst. a UStG, dass Leis­tun­gen im Rah­men der Aus­übung der Tätig­keit als Arzt, Zahn­arzt, Heil­prak­ti­ker, Phy­sio­the­ra­peut, Heb­am­me oder einer ähn­li­chen heil­be­ruf­li­chen Tätig­keit erfasst wer­den.

Für die nicht unter einen der genann­ten Kata­log­be­ru­fe fal­len­den Unter­neh­mer kann sich die erfor­der­li­che Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on nach der natio­na­len Recht­spre­chung aus einer berufs­recht­li­chen Rege­lung erge­ben. Außer­dem kann ‑ent­spre­chend dem Zweck der Rege­lung, die Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger von der Umsatz­steu­er zu ent­las­ten- grund­sätz­lich vom Vor­lie­gen des Befä­hi­gungs­nach­wei­ses aus­ge­gan­gen wer­den, wenn die Leis­tun­gen des Unter­neh­mers durch heil­be­ruf­li­che Tätig­keit in der Regel von den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern finan­ziert wer­den 15. Eine Kos­ten­tra­gung durch gesetz­li­che Kran­ken­kas­sen ist dabei dann von Bedeu­tung, wenn sie den Cha­rak­ter eines Befä­hi­gungs­nach­wei­ses hat. Dies kann sich im Ein­zel­fall aus den Bezie­hun­gen der Kran­ken­kas­sen zu den Leis­tungs­er­brin­gern nach den natio­na­len Rege­lun­gen nach dem Vier­ten Kapi­tel des SGB V und damit aus den §§ 69 ff. SGB V erge­ben. So ist zum Bei­spiel die Auf­nah­me der betref­fen­den Leis­tun­gen in den Leis­tungs­ka­ta­log der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen nach § 92 SGB V, der Abschluss eines Ver­sor­gungs­ver­trags nach § 111 SGB V oder die Zulas­sung nach § 124 SGB V als Indiz für das Vor­lie­gen der erfor­der­li­chen Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on anzu­se­hen 16. Auch aus der Kos­ten­tra­gung nach § 43 SGB V in Ver­bin­dung mit einer Gesamt­ver­ein­ba­rung kann sich der erfor­der­li­che Qua­li­fi­ka­ti­ons­nach­weis erge­ben 17.

Im vor­lie­gen­den Fall waren Kran­ken­schwes­tern und medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te, die größ­ten­teils auch als Gesund­heits­coach aus­ge­bil­det waren und in mehr als einem Drit­tel der Fäl­le von Fach­ärz­ten unter­stützt wur­den, tätig. Die Kos­ten wur­den voll­stän­dig von gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen getra­gen, da die­se Auf­trag­ge­ber der Maß­nah­men waren.

Über die fach­li­chen Anfor­de­run­gen für die Erbrin­gung von tele­fo­ni­schen medi­zi­ni­schen Bera­tungs­leis­tun­gen bestehen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kei­ne Rege­lun­gen. Ledig­lich für Pati­en­ten­schu­lun­gen haben die Ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen auf Bun­des­ebe­ne in Gemein­sa­men Emp­feh­lun­gen 18, denen kei­ne Bin­dungs­wir­kung zukommt, dar­ge­legt, dass das Schu­lungs­pro­gramm von einem qua­li­fi­zier­ten und inter­dis­zi­pli­när zusam­men­ge­setz­ten Schu­lungs­team unter Betei­li­gung eines Fach­arz­tes der jewei­li­gen Indi­ka­ti­on durch­zu­füh­ren sei. Für die nicht­ärzt­li­chen Team­mit­glie­der sei­en ein Berufs­ab­schluss im Hand­lungs­feld mit indi­ka­ti­ons­spe­zi­fi­scher Zusatz­qua­li­fi­ka­ti­on und mehr­jäh­ri­ger Berufs­er­fah­rung in der Arbeit mit chro­nisch Kran­ken und psy­cho­lo­gi­sche und päd­ago­gi­sche Fähig­kei­ten ent­spre­chend der Indi­ka­ti­on und Ziel­grup­pe nach­zu­wei­sen. Die dar­in als "Regel­bei­spie­le" ange­führ­ten Berufs­ab­schlüs­se umfas­sen Kran­ken­schwes­tern oder medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te nicht. Dabei ist jedoch zu berück­sich­ti­gen, dass nur "Regel­bei­spie­le" auf­ge­führt sind, so dass der Kata­log nicht als abschlie­ßend betrach­tet wer­den kann.

Frag­lich ist, ob die für her­kömm­li­che Heil­be­hand­lun­gen von dem betref­fen­den Mit­glied­staat defi­nier­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le eines ärzt­li­chen und arzt­ähn­li­chen Berufs im Sin­ne des Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG auch für sol­che Heil­be­hand­lun­gen gel­ten, die gänz­lich ohne per­sön­li­chen Kon­takt (zum Bei­spiel tele­fo­nisch oder über das Inter­net) erbracht wer­den, oder ob es ‑zum Bei­spiel für Leis­tun­gen im Bereich der Tele­me­di­zin- inso­fern zusätz­li­cher Anfor­de­run­gen bedarf. Dies­be­züg­lich erscheint es rele­vant, dass das Ermes­sen der Mit­glied­staa­ten hin­sicht­lich der Rege­lung der Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on dadurch begrenzt wird, dass nicht alle Heil­be­hand­lun-gen im Bereich der Human­me­di­zin von der Mehr­wert­steu­er befreit wer­den sol­len, son­dern nur die­je­ni­gen, die unter Berück­sich­ti­gung der beruf­li­chen Aus­bil­dung der Behan­deln­den eine aus­rei­chen­de Qua­li­tät auf­wei­sen 19.

Bei­de Vor­la­ge­fra­gen sind für den Bun­des­fi­nanz­hof ent­schei­dungs­er­heb­lich. Wird die Fra­ge 1 ver­neint, sind die Leis­tun­gen des Gesund­heits­te­le­fons steu­er­pflich­tig. Wird sie bejaht, wird die Fra­ge 2 ent­schei­dungs­er­heb­lich. Unab­hän­gig davon ist die Fra­ge 2 aber für die Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­me ent­schei­dungs­er­heb­lich, da es sich dabei frag­los um Heil­be­hand­lun­gen han­delt. Gege­be­nen­falls könn­ten auch nur die Umsät­ze steu­er­frei sein, zu denen ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen wird.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2018 – XI R 19/​15

  1. Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem[]
  2. vgl. EuGH, Urtei­le Unter­per­tin­ger vom 20.11.2003 – C‑212/​01, EU:C:2003:625, UR 2004, 70, Rz 35; D'Ambrumenil und Dis­pu­te Reso­lu­ti­on Ser­vices vom 20.11.2003 – C‑307/​01, EU:C:2003:627, UR 2004, 75, Rz 53[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 19.12 2002 – V R 28/​00, BFHE 201, 330, BSt­Bl II 2003, 532; vom 01.04.2004 – V R 54/​98, BFHE 205, 505, BSt­Bl II 2004, 681; vom 01.10.2014 – XI R 13/​14, BFHE 248, 367, BFH/​NV 2015, 451, Rz 16; vom 26.07.2017 – XI R 3/​15, BFHE 259, 150, BFH/​NV 2017, 1692, Rz 16[]
  4. vgl. EuGH, Urtei­le L.u.P. vom 08.06.2006 – C‑106/​05, EU:C:2006:380, UR 2006, 464, Rz 27; Copy­Ge­ne vom 10.06.2010 – C‑262/​08, EU:C:2010:328, UR 2010, 526, Rz 28; BFH, Urtei­le vom 12.08.2004 – V R 27/​02, BFH/​NV 2005, 583; vom 05.11.2014 – XI R 11/​13, BFHE 248, 389, BFH/​NV 2015, 297, Rz 19; in BFHE 259, 150, BFH/​NV 2017, 1692, Rz 17; BFH, Beschluss vom 11.10.2017 – XI R 23/​15, BFHE 259, 567, BSt­Bl II 2018, 109, Rz 26[]
  5. vgl. dazu EuGH, Urteil Kli­ni­kum Dort­mund vom 13.03.2014 – C‑366/​12, EU:C:2014:143, UR 2014, 271, Rz 30, mit wei­te­ren Nach­wei­sen; BFH, Urtei­le vom 18.08.2011 – V R 27/​10, BFHE 235, 58, BFH/​NV 2011, 2214, Rz 14; vom 26.08.2014 – XI R 19/​12, BFHE 247, 276, BSt­Bl II 2015, 310, Rz 26; vom 19.03.2015 – V R 60/​14, BFHE 249, 562, BSt­Bl II 2015, 946, Rz 12[]
  6. BFH, Beschluss in BFHE 259, 567, BSt­Bl II 2018, 109, Rz 27[]
  7. EuGH, Urtei­le Kom­mis­si­on/​Frank­reich vom 11.01.2001 – C‑76/​99, EU:C:2001:12, UR 2001, 62, Rz 23; Unter­per­tin­ger, EU:C:2003:625, UR 2004, 70, Rz 40; D'Ambrumenil und Dis­pu­te Reso­lu­ti­on Ser­vices, EU:C:2003:627, UR 2004, 75, Rz 58; L.u.P., EU:C:2006:380, UR 2006, 464, Rz 29; Copy­Ge­ne, EU:C:2010:328, UR 2010, 526, Rz 29; Veri­gen Trans­plan­ta­ti­on Ser­vice Inter­na­tio­nal vom 18.11.2010 – C‑156/​09, EU:C:2010:695, UR 2011, 215, Rz 24, 27; PFC Cli­nic vom 21.03.2013 – C‑91/​12, EU:C:2013:198, UR 2013, 335, Rz 26; BFH, Urtei­le in BFHE 235, 58, BFH/​NV 2011, 2214, Rz 21; in BFHE 249, 562, BSt­Bl II 2015, 946, Rz 13; BFH, Beschlüs­se in BFHE 259, 567, BSt­Bl II 2018, 109, Rz 27; vom 27.02.2018 – XI B 97/​17, BFH/​NV 2018, 738, Rz 11[]
  8. EuGH, Urteil Veri­gen Trans­plan­ta­ti­on Ser­vice Inter­na­tio­nal, EU:C:2010:695, UR 2011, 215, Rz 26[]
  9. EuGH, Urteil Copy­Ge­ne, EU:C:2010:328, UR 2010, 526, Leit­satz 1; BFH, Urteil vom 29.07.2015 – XI R 23/​13, BFHE 251, 86, BSt­Bl II 2017, 733, Rz 30[]
  10. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 248, 367, BFH/​NV 2015, 451, Rz 29 f.; vom 04.12 2014 – V R 33/​12, BFHE 248, 424, BFH/​NV 2015, 648, Rz 15; BFH, Beschlüs­se vom 06.06.2008 – XI B 11/​08, BFH/​NV 2008, 1547; vom 29.10.2013 – V B 58/​13, BFH/​NV 2014, 192; vom 11.12 2014 – XI B 49/​14, BFH/​NV 2015, 363, Rz 8; in BFH/​NV 2018, 738, Rz 13[]
  11. BFH, Beschluss vom 19.06.2013 – V S 20/​13, BFH/​NV 2013, 1643, Rz 17; BFH, Urteil in BFHE 248, 367, BFH/​NV 2015, 451, Rz 19[]
  12. EuGH, Urteil PFC Cli­nic, EU:C:2013:198, UR 2013, 335, Rz 34 f.; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 1643, Rz 17; BFH, Urtei­le in BFHE 248, 367, BFH/​NV 2015, 451, Rz 19; in BFHE 248, 416, BFH/​NV 2015, 645, Rz 12; in BFHE 248, 424, BFH/​NV 2015, 648, Rz 14[]
  13. vgl. EuGH, Urteil Veri­gen Trans­plan­ta­ti­on Ser­vice Inter­na­tio­nal, EU:C:2010:695, UR 2011, 215, Rz 28[]
  14. EuGH, Urteil Sol­le­veld u.a. vom 27.04.2006 – C‑443/​04 und – C‑444/​04, EU:C:2006:257, BFH/​NV 2006, Bei­la­ge 3, 299, Rz 29, 30, mit wei­te­ren Nach­wei­sen[]
  15. BFH, Urtei­le vom 12.08.2004 – V R 18/​02, BFHE 207, 381, BSt­Bl II 2005, 227, unter II.B.03.e bb, Rz 43; vom 11.11.2004 – V R 34/​02, BFHE 208, 65, BSt­Bl II 2005, 316, unter II. 4.a, Rz 21[]
  16. BFH, Beschluss vom 14.10.2010 – V B 152/​09, BFH/​NV 2011, 326, Rz 4, mit wei­te­rem Nach­weis[]
  17. BFH, Urteil vom 30.04.2009 – V R 6/​07, BFHE 225, 248, BSt­Bl II 2009, 679, unter II. 3.b, Rz 24[]
  18. Gemein­sa­me Emp­feh­lun­gen zur För­de­rung und Durch­füh­rung von Pati­en­ten­schu­lun­gen auf der Grund­la­ge von § 43 Abs. 1 Nr. 2 SGB V vom 02.12 2013 in der Fas­sung vom 08.02.2017[]
  19. EuGH, Urteil Sol­le­veld u.a., EU:C:2006:257, BFH/​NV 2006, Bei­la­ge 3, 299, Rz 37; BFH, Urteil vom 23.08.2007 – V R 38/​04, BFHE 217, 323, BSt­Bl II 2008, 37, unter II.a bb, Rz 19 f.[]