Die umsatz­steu­er­freie inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob eine steu­er­freie inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung nur dann anzu­neh­men ist, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer des Erwer­bers buch­mä­ßig nach­weist und ob es eine Rol­le spielt, dass es sich bei dem Erwer­ber um einen in einem Dritt­land ansäs­si­gen Unter­neh­mer han­delt, der in kei­nem Mit­glied­staat umsatz­steu­er­recht­lich regis­triert ist.

Die umsatz­steu­er­freie inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung

Dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wer­den fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

  1. Erlaubt die Richt­li­nie 77/​388/​EWG den Mit­glied­staa­ten, eine steu­er­freie inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung nur dann anzu­neh­men, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer des Erwer­bers buch­mä­ßig nach­weist?
  2. Ist es für die Ant­wort auf die­se Fra­ge von Bedeu­tung
    • ob es sich bei dem Erwer­ber um einen in einem Dritt­land ansäs­si­gen Unter­neh­mer han­delt, der zwar den Gegen­stand der Lie­fe­rung im Rah­men eines Rei­hen­ge­schäfts von einem Mit­glied­staat in einen ande­ren Mit­glied­staat ver­sen­det hat, aber in kei­nem Mit­glied­staat umsatz­steu­er­recht­lich regis­triert ist, und
    • ob der Steu­er­pflich­ti­ge die Abga­be einer Steu­er­erklä­rung über den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb durch den Erwer­ber nach­ge­wie­sen hat?

Die inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung[↑]

Wenn ein Gegen­stand durch einen Unter­neh­mer oder durch sei­nen Abneh­mer in das Gebiet eines ande­ren Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on (sog. Bestim­mungs­land) beför­dert oder ver­sen­det wird, ist die­se inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung nach § 4 Nr. 1 Buchst. b i.V.m. § 6a Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 UStG nur dann steu­er­frei, wenn der Erwerb des Gegen­stan­des der Lie­fe­rung beim Abneh­mer in dem ande­ren Mit­glied­staat "den Vor­schrif­ten der Umsatz­be­steue­rung" unter­liegt. Durch die­se Rege­lung wird bezweckt, dass im inner­ge­mein­schaft­li­chen Han­del zwi­schen Unter­neh­mern die Mehr­wert­steu­er­ein­nah­men dem Mit­glied­staat zuste­hen, in dem der End­ver­brauch erfolgt (Bestim­mungs­land). Die Steu­er­frei­heit einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­run­gen setzt nach natio­na­lem Recht aller­dings unter ande­rem vor­aus, dass der Unter­neh­mer die Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­be­frei­ung "ein­schließ­lich Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer des Abneh­mers" buch­mä­ßig nach­weist (§ 17c Abs. 1 Satz 1 USt­DV). Hier diver­gie­ren unter Umstän­den das deut­sche Recht und das euro­päi­sche Uni­ons­recht:

Natio­na­les Recht[↑]

Eine –gemäß § 4 Nr. 1 Buchst. b UStG steu­er­freie– inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung liegt nach § 6a Abs. 1 Satz 1 UStG vor, wenn bei einer Lie­fe­rung die fol­gen­den Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind:

  1. Der Unter­neh­mer oder der Abneh­mer hat den Gegen­stand der Lie­fe­rung in das übri­ge Gemein­schafts­ge­biet beför­dert oder ver­sen­det,
  2. der Abneh­mer ist
    1. ein Unter­neh­mer, der den Gegen­stand der Lie­fe­rung für sein Unter­neh­men erwor­ben hat,
    2. eine juris­ti­sche Per­son, die nicht Unter­neh­mer ist oder die den Gegen­stand der Lie­fe­rung nicht für ihr Unter­neh­men erwor­ben hat oder
    3. bei der Lie­fe­rung eines neu­en Fahr­zeugs auch jeder ande­re Erwer­ber und
  3. der Erwerb des Gegen­stan­des der Lie­fe­rung unter­liegt beim Abneh­mer in einem ande­ren Mit­glied­staat den Vor­schrif­ten der Umsatz­be­steue­rung.

Nach § 6a Abs. 3 Satz 1 UStG müs­sen die Vor­aus­set­zun­gen des § 6a Abs. 1 UStG vom Unter­neh­mer nach­ge­wie­sen sein. Dazu ist auf der Grund­la­ge von § 6a Abs. 3 Satz 2 UStG in § 17a Abs. 1 USt­DV gere­gelt wor­den, dass der Unter­neh­mer bei inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­run­gen im Gel­tungs­be­reich die­ser Ver­ord­nung durch Bele­ge nach­wei­sen muss, dass er oder der Abneh­mer den Gegen­stand der Lie­fe­rung in das übri­ge Gemein­schafts­ge­biet beför­dert oder ver­sen­det hat; dies muss sich aus den Bele­gen ein­deu­tig und leicht nach­prüf­bar erge­ben (sog. Beleg­nach­weis).

Fer­ner bestimmt § 17c Abs. 1 Satz 1 USt­DV, dass bei inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­run­gen der Unter­neh­mer im Gel­tungs­be­reich die­ser Ver­ord­nung die Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­be­frei­ung "ein­schließ­lich Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer des Abneh­mers" buch­mä­ßig nach­wei­sen muss (sog. Buch­nach­weis). Die Vor­aus­set­zun­gen müs­sen ein­deu­tig und leicht nach­prüf­bar aus der Buch­füh­rung zu erse­hen sein (§ 17c Abs. 1 Satz 2 USt­DV).

Uni­ons­recht[↑]

Nach Art. 28c Teil A Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG 1 befrei­en die Mit­glied­staa­ten unbe­scha­det sons­ti­ger Gemein­schafts­be­stim­mun­gen unter den Bedin­gun­gen, die sie zur Gewähr­leis­tung einer kor­rek­ten und ein­fa­chen Anwen­dung der nach­ste­hen­den Befrei­un­gen sowie zur Ver­hü­tung von Steu­er­hin­ter­zie­hung, Steu­er­um­ge­hung und Miss­brauch fest­le­gen, die Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den 2, die durch den Ver­käu­fer oder durch den Erwer­ber oder für ihre Rech­nung nach Orten außer­halb des in Arti­kel 3 bezeich­ne­ten Gebie­tes, aber inner­halb der Gemein­schaft ver­sandt oder beför­dert wer­den, wenn die­se Lie­fe­run­gen an einen ande­ren Steu­er­pflich­ti­gen oder an eine nicht steu­er­pflich­ti­ge juris­ti­sche Per­son bewirkt wer­den, der als sol­che in einem ande­ren Mit­glied­staat als dem des Beginns des Ver­sands oder der Beför­de­rung der Gegen­stän­de han­delt. …"

Nach Art. 28a Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG unter­liegt der Mehr­wert­steu­er (auch) der inner­ge­mein­schaft­li­che Erwerb von Gegen­stän­den, der gegen Ent­gelt im Inland "durch einen Steu­er­pflich­ti­gen, der als sol­cher han­delt", bewirkt wird, wenn der Ver­käu­fer ein Steu­er­pflich­ti­ger ist und als sol­cher han­delt und für ihn die Steu­er­be­frei­ung gemäß Art. 24 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG nicht gilt.

Als inner­ge­mein­schaft­li­cher Erwerb eines Gegen­stan­des gilt nach Art. 28a Abs. 3 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG die Erlan­gung der Befä­hi­gung, wie ein Eigen­tü­mer über einen beweg­li­chen kör­per­li­chen Gegen­stand zu ver­fü­gen, wel­cher durch den Ver­käu­fer oder durch den Erwer­ber oder für ihre Rech­nung nach einem ande­ren Mit­glied­staat als dem, in dem sich der Gegen­stand zum Zeit­punkt des Beginns der Ver­sen­dung oder Beför­de­rung befand, an den Erwer­ber ver­sen­det oder beför­dert wird.

Als Ort eines inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs von Gegen­stän­den gilt nach Art. 28b Teil A Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG der Ort, in dem sich die Gegen­stän­de zum Zeit­punkt der Been­di­gung des Ver­sands oder der Beför­de­rung an den Erwer­ber befin­den.

Nach Art. 22 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 77/​388/​EWG tref­fen die Mit­glied­staa­ten die erfor­der­li­chen Vor­keh­run­gen, damit die dort näher bezeich­ne­ten Steu­er­pflich­ti­gen eine eige­ne Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer erhal­ten.

Art. 22 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG sieht die Anga­be der Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer in Rech­nun­gen vor.

Nach Art. 22 Abs. 8 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG kön­nen die Mit­glied­staa­ten unter Beach­tung der Gleich­be­hand­lung der von Steu­er­pflich­ti­gen im Inland und zwi­schen Mit­glied­staa­ten bewirk­ten Umsät­ze wei­te­re Pflich­ten vor­se­hen, die sie als erfor­der­lich erach­ten, um eine genaue Erhe­bung der Steu­er sicher­zu­stel­len und Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen zu ver­mei­den, sofern die­se Pflich­ten im Han­dels­ver­kehr zwi­schen den Mit­glied­staa­ten nicht zu Förm­lich­kei­ten beim Grenz­über­tritt füh­ren.

Der kon­kre­te Fall[↑]

In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof zu ent­schei­den­den Fall hat­te eine in Deutsch­land ansäs­si­ge GmbH zwei Maschi­nen an das Unter­neh­men A mit Sitz in den USA ver­kauft. A hat­te die Maschi­nen sogleich an ein Unter­neh­men (Ltd.) in Finn­land wei­ter­ver­äu­ßert. Die Maschi­nen wur­den durch eine von A beauf­trag­te Spe­di­ti­on unmit­tel­bar von der GmbH nach Finn­land beför­dert. Da A in kei­nem Mit­glied­staat der Uni­on für umsatz­steu­er­recht­li­che Zwe­cke regis­triert war, zeich­ne­te die GmbH (ledig­lich) die Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer der fin­ni­schen Ltd. auf. Des­halb ver­sag­te das Finanz­amt die von der GmbH bean­trag­te Steu­er­frei­heit der Lie­fe­rung.

Da die Richt­li­nie 77/​388/​EWG für die Steu­er­frei­heit einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung die Auf­zeich­nung der Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer – jeden­falls nicht aus­drück­lich – ver­langt, hat der Bun­des­fi­nanz­hof dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 Abs. 3 AEUV die Fra­ge vor­ge­legt, ob die Richt­li­nie es den Mit­glied­staa­ten erlaubt, eine steu­er­freie inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung nur dann anzu­neh­men, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer des Erwer­bers buch­mä­ßig nach­weist, und das bei ihm anhän­gi­ge Revi­si­ons­ver­fah­ren gemäß § 121 Satz 1 i.V.m. § 74 FGO bis zur Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs aus­ge­setzt.

Die Lie­fe­rung der Maschi­nen von der GmbH an die A ist gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG in Deutsch­land steu­er­bar. Die GmbH hat die Maschi­nen an die A gemäß § 3 Abs. 6 Sät­ze 1, 5 und 6 UStG im Inland (§ 1 Abs. 2 Satz 1 UStG) gelie­fert.

Die Betei­lig­ten haben ein sog. Rei­hen­ge­schäft (§ 3 Abs. 6 Satz 5 UStG) vor­ge­nom­men. Meh­re­re Unter­neh­mer (die GmbH, die A und die fin­ni­sche Ltd.) haben über die­sel­ben Gegen­stän­de (Maschi­nen) Umsatz­ge­schäf­te geschlos­sen; die Gegen­stän­de sind durch Ver­sen­dung unmit­tel­bar vom ers­ten Unter­neh­mer an den letz­ten Abneh­mer gelangt. Die betei­lig­ten Unter­neh­mer führ­ten zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Lie­fe­run­gen aus 3: eine Lie­fe­rung zwi­schen der GmbH und der A und eine Lie­fe­rung zwi­schen der A und der fin­ni­schen Ltd.

Ob die Lie­fe­rung der GmbH an die A nach natio­na­lem Recht als inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung steu­er­frei ist, hängt auch davon ab, ob im Streit­fall die Vor­aus­set­zung des § 6a Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 UStG erfüllt ist, dass der Erwerb der Maschi­nen beim Abneh­mer in einem ande­ren Mit­glied­staat (Finn­land) "den Vor­schrif­ten der Umsatz­be­steue­rung" unter­lag.

Die­ses Tat­be­stand­merk­mal könn­te gemäß der von der Finanz­ver­wal­tung ver­tre­te­nen Auf­fas­sung vor­aus­set­zen, dass der Abneh­mer bei einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung eine ihm erteil­te Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer ver­wen­det, damit die Finanz­be­hör­den des Bestim­mungs­mit­glied­staats den Vor­gang der Umsatz­be­steue­rung unter­wer­fen kön­nen.

Die Steu­er­be­frei­ung könn­te nach natio­na­lem Recht auch dar­an schei­tern, dass die Klä­ge­rin ent­ge­gen § 17c Abs. 1 Satz 1 USt­DV die Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer der A nicht auf­ge­zeich­net hat. Das konn­te sie auch nicht, weil A nicht unter einer Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer auf­ge­tre­ten ist.

Zwar ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs im Anschluss an das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on im Fall "Col­lèe" 4 die Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 1 Buchst. b i.V.m. § 6a Abs. 1 UStG zu gewäh­ren, wenn trotz der Nicht­er­fül­lung der for­mel­len Nach­weis­pflich­ten nach §§ 17a, 17c USt­DV auf­grund der objek­ti­ven Beweis­la­ge fest­steht, dass die Vor­aus­set­zun­gen des § 6a Abs. 1 UStG vor­lie­gen 5. Es ist aber für den Bun­des­fi­nanz­hof aus den nach­fol­gen­den Grün­den frag­lich, ob die­se Recht­spre­chung unein­ge­schränkt auf die Nicht­ver­wen­dung und Nicht­auf­zeich­nung einer Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer anzu­wen­den ist.

Die Beden­ken zur Ver­ein­bar­keit mit Uni­ons­recht[↑]

Der Wort­laut von Art. 28c Teil A Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ver­langt für eine Steu­er­frei­heit einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung nicht, dass der Erwer­ber dabei unter einer ihm erteil­ten Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer han­delt.

Zudem hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof fest­ge­stellt, "dass neben den Vor­aus­set­zun­gen in Bezug auf die Eigen­schaft der Steu­er­pflich­ti­gen, die Über­tra­gung der Befug­nis, wie ein Eigen­tü­mer über den Gegen­stand zu ver­fü­gen, und die phy­si­sche Ver­brin­gung der Gegen­stän­de von einem Mit­glied­staat in einen ande­ren kei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung für die Ein­stu­fung eines Umsat­zes als inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung oder inner­ge­mein­schaft­li­cher Erwerb von Gegen­stän­den auf­ge­stellt wer­den kann" 6. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind mit­hin abschlie­ßend.

Aller­dings könn­te die in Art. 28c Teil A Buchst. a Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG auf­ge­stell­te Bedin­gung, dass der Erwer­ber ein "Steu­er­pflich­ti­ger" ist, "der als sol­cher in einem ande­ren Mit­glied­staat … han­delt", für eine Steu­er­frei­heit einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung vor­aus­set­zen, dass der Erwer­ber eine Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer besitzt und die­se bei dem Erwerb auch tat­säch­lich ver­wen­det und dass der die Steu­er­be­frei­ung begeh­ren­de Unter­neh­mer die Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer in der Buch­füh­rung nach­prüf­bar auf­ge­zeich­net hat. Jeden­falls könn­te das Uni­ons­recht die Mit­glied­staa­ten zu einer ent­spre­chen­den Rege­lung durch den Ein­lei­tungs­satz des Art. 28c Teil A der Richt­li­nie 77/​388/​EWG, wonach die Befrei­ung unter den Bedin­gun­gen gewährt wird, die die Mit­glied­staa­ten "zur Gewähr­leis­tung einer kor­rek­ten und ein­fa­chen Anwen­dung der nach­ste­hen­den Befrei­un­gen sowie zur Ver­hü­tung von Steu­er­hin­ter­zie­hung, Steu­er­um­ge­hung und Miss­brauch fest­le­gen", oder durch Art. 22 Abs. 8 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ermäch­ti­gen.

Dafür könn­te spre­chen, dass Art. 28c Teil A der Richt­li­nie 77/​388/​EWG sei­ne Grund­la­ge in der Mehr­wert­steu­er­über­gangs­re­ge­lung für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Han­del fin­det, in deren Rah­men die Besteue­rung des Han­dels zwi­schen den Mit­glied­staa­ten auf dem Grund­satz beruht, dass die Steu­er­ein­nah­men dem Mit­glied­staat zuste­hen, in dem der End­ver­brauch erfolgt. Auf die­se Wei­se kann durch die Befrei­ung einer inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung im Mit­glied­staat des Beginns der inner­ge­mein­schaft­li­chen Ver­sen­dung oder Beför­de­rung von Gegen­stän­den, wel­cher ein inner­ge­mein­schaft­li­cher Erwerb ent­spricht, der im Mit­glied­staat der Been­di­gung die­ser Ver­sen­dung oder Beför­de­rung besteu­ert wird, die Dop­pel­be­steue­rung und damit eine Ver­let­zung des dem gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­sys­tems inne­woh­nen­den Grund­sat­zes der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät ver­mie­den wer­den 7.

Im Hin­blick auf die­ses Kor­re­spon­denz­prin­zip zwi­schen einer steu­er­frei­en inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung und einem steu­er­ba­ren und steu­er­pflich­ti­gen inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb 8 könn­te unter Berück­sich­ti­gung des Effek­ti­vi­täts­grund­sat­zes Vor­aus­set­zung für die Befrei­ung der inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung jeden­falls die Mög­lich­keit der Veri­fi­zie­rung der Erwerbs­be­steue­rung beim Emp­fän­ger anhand der Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer sein.

Dafür könn­te mög­li­cher­wei­se auch die Aus­sa­ge des EuGH ange­führt wer­den, im Rah­men der Über­gangs­re­ge­lung für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb und die inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung sei es zur Sicher­stel­lung einer ord­nungs­ge­mä­ßen Erhe­bung der Mehr­wert­steu­er erfor­der­lich, "dass die zustän­di­gen Finanz­be­hör­den unab­hän­gig von­ein­an­der prü­fen, ob die Vor­aus­set­zun­gen für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb und die Befrei­ung der ent­spre­chen­den Lie­fe­rung erfüllt sind" 9. Denn die­se Prü­fung kann die für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb im Bestim­mungs­land zustän­di­ge Finanz­be­hör­de nur dann vor­neh­men, wenn sie von dem frag­li­chen Umsatz über­haupt erfährt.

Auch durch die Rege­lung in Art. 28b Teil A Abs. 2 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG, wonach als Ort des inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs das Gebiet des Mit­glied­staats gilt, der dem Erwer­ber die von ihm für die­sen Erwerb ver­wen­de­te Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer erteilt hat, wenn der Erwer­ber nicht nach­weist, dass die­ser Erwerb nach Maß­ga­be der Rege­lung in Abs. 1 die­ses Arti­kels besteu­ert wor­den ist, soll sicher­ge­stellt wer­den, dass Mehr­wert­steu­er auf den frag­li­chen Erwerb erho­ben wird 10.

Aller­dings müs­sen die Mit­glied­staa­ten bei der Aus­übung ihrer ihnen durch den Ein­lei­tungs­satz des Art. 28c Teil A der Richt­li­nie 77/​388/​EWG und durch Art. 22 Abs. 8 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ein­ge­räum­ten Befug­nis­se die all­ge­mei­nen Rechts­grund­sät­ze beach­ten, zu denen u.a. die Grund­sät­ze der Rechts­si­cher­heit und der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gehö­ren 11.

Im Hin­blick dar­auf könn­te es von Bedeu­tung sein, dass es sich im Streit­fall bei dem Erwer­ber um einen in einem Dritt­land ansäs­si­gen Unter­neh­mer han­delt, der zwar den Gegen­stand der Lie­fe­rung im Rah­men eines Rei­hen­ge­schäfts von einem Mit­glied­staat in einen ande­ren Mit­glied­staat ver­sen­det hat, aber in kei­nem Mit­glied­staat umsatz­steu­er­recht­lich regis­triert ist, und dass die GmbH die Abga­be einer Steu­er­erklä­rung über den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb durch den Erwer­ber nicht nach­ge­wie­sen hat.

Die Klä­rung die­ser ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­gen durch Aus­le­gung der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ist dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­be­hal­ten; nur so kann eine von Mit­glied­staat zu Mit­glied­staat unter­schied­li­che Anwen­dung des Mehr­wert­steu­er­sys­tems ver­hin­dert wer­den 12.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 10. Novem­ber 2010 – XI R 11/​09

  1. in der durch die Richt­li­nie 91/​680/​EWG des Rates vom 16. Dezem­ber 1991, ABl.EG L 376, S. 1, geän­der­ten Fas­sung[]
  2. im Sin­ne des Arti­kels 5 und des Arti­kels 28a Absatz 5 Buch­sta­be a) []
  3. vgl. EuGH, Urteil vom 06.04.2006 – C‑245/​04 [EMAG Han­del Eder OHG], Slg. 2006, I‑3227, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 294, UR 2006, 342[]
  4. EuGH, Urteil vom 27.09.2007 – C‑146/​05 [Col­lèe], Slg. 2007, I‑7861, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 34, UR 2007, 813[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 06.12.2007 – V R 59/​03, BFHE 219, 469, BSt­Bl II 2009, 57; BFH, Beschluss vom 29.07.2009 – XI B 24/​09, BFHE 226, 449, m.w.N.[]
  6. vgl. EuGH, Urteil vom 27.09.2007 – C‑409/​04 [Tele­os u.a.], Slg. 2007, I‑7797, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 25, UR 2007, 774, Rz 70[]
  7. vgl. EuGH, Urteil [Col­lèe] in Slg. 2007, I‑7861, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 34, UR 2007, 813, Rz 22 und 23[]
  8. vgl. dazu z.B. EuGH, Urtei­le [EMAG Han­del Eder OHG] in Slg. 2006, I‑3227, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 294, UR 2006, 342, Rz 26 ff.; [Tele­os u.a.] in Slg. 2007, I‑7797, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 25, UR 2007, 774, Rz 21 ff., 24; und vom 22.04.2010 – C‑536/​08 und C‑539/​08 [X und Facet], BFH/​NV 2010, 1225, UR 2010, 418, Rz 30[]
  9. vgl. EuGH, Urteil [Tele­os u.a.] in Slg. 2007, I‑7797, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 25, UR 2007, 774, Rz 71[]
  10. vgl. EuGH, Urteil [X und Facet] in BFH/​NV 2010, 1225, UR 2010, 418, Rz 33[]
  11. vgl. EuGH, Urtei­le vom 27.09.2007 – C‑184/​05 [Twoh Inter­na­tio­nal], Slg. 2007, I‑7897, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 39, UR 2007, 782, Rz 25; [Tele­os u.a.] in Slg. 2007, I‑7797, BFH/​NV Bei­la­ge 2008, 25, UR 2007, 774, Rz 45 ff.[]
  12. vgl. EuGH, Urteil vom 27.11.2003 – C‑497/​01 [Zita Modes], Slg. 2003, I‑14393, BFH/​NV Bei­la­ge 2004, 128, Rz 32[]