Fahr­schu­len – und die Umsatz­steu­er­pflicht

Der Bun­des­fi­nanz­hof zwei­felt an der Umsatz­steu­er­pflicht für die Ertei­lung von Fahr­un­ter­richt zum Erwerb der Fahr­erlaub­nis­klas­sen B ("Pkw-Füh­rer­schein") und C1. Er hat daher dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens gemäß Art. 267 AEUV die Fra­ge vor­ge­legt, ob Fahr­schu­len inso­weit steu­er­freie Leis­tun­gen erbrin­gen.

Fahr­schu­len – und die Umsatz­steu­er­pflicht

Dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wer­den fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

  1. Umfasst der Begriff des Schul- und Hoch­schul­un­ter­richts in Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i und j der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem den Fahr­schul­un­ter­richt zum Erwerb der Fahr­erlaub­nis­klas­sen B und C1?
  2. Soll­te Fra­ge 1 zu beja­hen sein:

    Kann sich die Aner­ken­nung der Fahr­schu­le als Ein­rich­tung mit ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung im Sin­ne von Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem aus den gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Fahr­leh­rer­prü­fung und die Ertei­lung der Fahr­lehr- und der Fahr­schul­er­laub­nis im Gesetz über das Fahr­leh­rer­we­sen vom 25.08.19691 (Fahr­leh­rer­ge­setz) und dem Gemein­wohl­in­ter­es­se an der Aus­bil­dung von Fahr­schü­lern zu siche­ren, ver­ant­wor­tungs­vol­len und umwelt­be­wuss­ten Ver­kehrs­teil­neh­mern erge­ben?

  3. Soll­te Fra­ge 2 zu ver­nei­nen sein:

    Setzt der Begriff des "Pri­vat­leh­rers" in Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be j der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem vor­aus, dass es sich bei dem Steu­er­pflich­ti­gen um einen Ein­zel­un­ter­neh­mer han­delt?

  4. Soll­ten Fra­gen 2 und 3 zu ver­nei­nen sein:

    Wird ein Unter­rich­ten­der immer dann bereits als "Pri­vat­leh­rer" im Sin­ne des Arti­kels 132 Absatz 1 Buch­sta­be j der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem tätig, wenn er für eige­ne Rech­nung und in eige­ner Ver­ant­wor­tung han­delt oder sind an das Merk­mal "Pri­vat­leh­rer" wei­te­re Anfor­de­run­gen zu stel­len?

Die nun­mehr vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zu tref­fen­de Ent­schei­dung ist von erheb­li­cher Bedeu­tung für die Umsatz­be­steue­rung der über 10 000 Fahr­schu­len in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Soll­te der EuGH eine Steu­er­frei­heit beja­hen, wird sich die Anschluss­fra­ge stel­len, ob Fahr­schu­len den sich hier­aus erge­ben­den Vor­teil zivil­recht­lich an ihre Kun­den durch eine geän­der­te Preis­bil­dung wei­ter­ge­ben.

In dem der­zeit beim Bun­des­fi­nanz­hof anhän­gi­gen Streit­fall war die Fahr­schu­le unter­rich­tend zum Erwerb der Fahr­erlaub­nis­klas­sen B (Kraft­wa­gen mit einer zuläs­si­gen Gesamt­mas­se von höchs­tens 3 500 kg und zur Beför­de­rung von nicht mehr als acht Per­so­nen außer dem Fahr­zeug­füh­rer) und C1 (ähn­lich wie Fahr­erlaub­nis B, aber bezo­gen auf Fahr­zeu­ge mit einer Gesamt­mas­se von nicht mehr als 7 500 kg) tätig. Die Fahr­schu­le hat­te für ihre Leis­tun­gen kei­ne Rech­nun­gen mit geson­der­tem Steu­er­aus­weis erteilt.

Nach natio­na­lem Recht sind Unter­richts­leis­tun­gen zur Erlan­gung die­ser Fahr­erlaub­nis­se steu­er­pflich­tig. Fahr­schu­len sind inso­weit kei­ne all­ge­mein­bil­den­den oder berufs­bil­den­den Ein­rich­tun­gen, wie es von § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG vor­aus­ge­setzt wird. Im Streit­fall fehl­te es zudem an der dort genann­ten berufs- oder prü­fungs­vor­be­rei­ten­den Beschei­ni­gung.

Mit sei­nem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen will der Bun­des­fi­nanz­hof nun geklärt wis­sen, ob der Fahr­schul­un­ter­richt zum Erwerb der Fahr­erlaub­nis­klas­sen B und C1 aus Grün­den des Uni­ons­rechts steu­er­frei ist. Im Bereich der Umsatz­steu­er hat der natio­na­le Gesetz­ge­ber die Bin­dun­gen der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL) zu beach­ten. Setzt das natio­na­le Recht eine Steu­er­frei­heit der Richt­li­nie nur unge­nü­gend um, besteht für den Steu­er­pflich­ti­gen die Mög­lich­keit, sich auf die Richt­li­nie zu beru­fen. Ent­schei­dend ist für den Streit­fall daher, dass nach der Richt­li­nie Unter­richt, den sog. aner­kann­te Ein­rich­tun­gen oder Pri­vat­leh­rer ertei­len, von der Steu­er zu befrei­en ist (Art. 132 Abs. 1 Buchst. i und j MwSt­Sys­tRL). Weit­ge­hend iden­ti­sche Vor­gän­ger­be­stim­mun­gen gel­ten bereits seit 1979 mit ver­bind­li­cher Wir­kung.

Im Streit­fall bejaht der Bun­des­fi­nanz­hof den Unter­richts­cha­rak­ter der Fahr­schul­leis­tung. Die zusätz­lich erfor­der­li­che Aner­ken­nung kön­ne sich dar­aus erge­ben, dass der Unter­rich­ten­de die Fahr­leh­rer­prü­fung nach § 4 des Geset­zes über das Fahr­leh­rer­we­sen abge­legt haben muss. In Betracht kom­me auch eine Steu­er­frei­heit als Pri­vat­leh­rer. Die Aus­le­gung der Richt­li­nie sei aber zwei­fel­haft, so dass eine Ent­schei­dung des EuGH ein­zu­ho­len sei.

Der Vor­la­ge­be­schluss des Bun­des­fi­nanz­hofs ist in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren ergan­gen, in dem es um die Recht­mä­ßig­keit von Steu­er­be­schei­den geht. Nicht zu ent­schei­den war über eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung (AdV) im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes. Eine AdV ist bereits bei ernst­li­chen Zwei­feln an der Recht­mä­ßig­keit von Steu­er­be­schei­den mög­lich. Kommt es in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren zu einer Vor­la­ge an den EuGH, ist dies im All­ge­mei­nen zu beja­hen.

Zur Rechts­la­ge nach natio­na­lem Recht[↑]

Die Leis­tun­gen der Fahr­schu­le sind nach natio­na­lem Recht nicht steu­er­frei.

Die Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­be­frei­ung gemäß § 4 Num­mer 21 Buch­sta­be a UStG lie­gen nicht vor2.

Die Merk­ma­le des § 4 Num­mer 21 Buch­sta­be a Dop­pel­buch­sta­be aa UStG sind nicht erfüllt, weil weder eine staat­li­che Geneh­mi­gung gemäß Arti­kel 7 Absatz 4 GG noch eine lan­des­recht­li­che Erlaub­nis vor­liegt.

Die aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit zur Rege­lung des Pri­vat­schul­we­sens obliegt gemäß Arti­keln 30, 70 ff. GG den Län­dern3. Die auf Bun­des­recht beru­hen­de Ertei­lung der Fahr­schul­er­laub­nis durch Aus­hän­di­gung oder Zustel­lung der Erlaub­nis­ur­kun­de gemäß § 13 Fahr­lG ist des­halb kei­ne staat­li­che Geneh­mi­gung als Ersatz­schu­le nach Arti­kel 7 Absatz 4 GG und auch kei­ne lan­des­recht­li­che Geneh­mi­gung.

Es liegt kei­ne Beschei­ni­gung der zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de im Sin­ne von § 4 Num­mer 21 Buch­sta­be a Dop­pel­buch­sta­be bb UStG vor. Ob mit Abschnitt 4.21.2 Absatz 6 Satz 6 des Umsatz­steu­er-Anwen­dungs­er­las­ses (UStAE) bei Fahr­schu­len für die Leis­tun­gen im Rah­men der Fahr­erlaub­nis­klas­sen 2 und 3 (bis 31.12 1998) bezie­hungs­wei­se C, CE, D, DE, D1, D1E, T und L (ab 1.01.1999) die Fahr­schul­er­laub­nis­ur­kun­de nach § 13 Absatz 1 Fahr­lG als Beschei­ni­gung der zustän­di­gen Behör­de im Sin­ne des § 4 Num­mer 21 Buch­sta­be a Dop­pel­buch­sta­be bb UStG aner­kannt wer­den kann, braucht der Bun­des­fi­nanz­hof nicht zu ent­schei­den, weil es sich im Streit­fall um die nicht in Abschnitt 4.21.2 Absatz 6 Satz 6 UStAE genann­ten Leis­tun­gen zur Erlan­gung der Fahr­erlaub­nis­klas­sen B und C1 han­delt.

Auch die Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Num­mer 21 Buch­sta­be b UStG greift nicht ein. Denn die Fahr­schu­le ist weder eine Hoch­schu­le im Sin­ne der §§ 1 und 70 des Hoch­schul­rah­men­ge­set­zes noch eine öffent­li­che all­ge­mein­bil­den­de oder berufs­bil­den­de Schu­le und aus den Grün­den zu II. 2.a aa auch kei­ne pri­va­te Schu­le oder ande­re all­ge­mein­bil­den­de oder berufs­bil­den­de Ein­rich­tung, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 4 Num­mer 21 Buch­sta­be a UStG erfüllt.

Zur Rechts­la­ge nach Uni­ons­recht[↑]

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs kommt es in Betracht, dass sich die Fahr­schu­le auf Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i oder j MwSt­Sys­tRL beru­fen kann4.

Zur ers­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Der Bun­des­fi­nanz­hof neigt zu der Ansicht, dass die Tätig­keit der Fahr­schu­le die leis­tungs­be­zo­ge­nen Vor­aus­set­zun­gen sowohl des Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i als auch des Buch­sta­ben j MwSt­Sys­tRL erfüllt, weil die Fahr­schul­leis­tung Schul­un­ter­richt ist. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Begriff des Schul- und Hoch­schul­un­ter­richts in Buch­sta­be i und j MwSt­Sys­tRL gleich aus­zu­le­gen ist5.

Der Begriff des Schul- und Hoch­schul­un­ter­richts ist in der MwSt­Sys­tRL nicht defi­niert. Nach der Recht­spre­chung des EuGH beschränkt er sich aber nicht auf Unter­richt, der zu einer Abschluss­prü­fung zur Erlan­gung einer Qua­li­fi­ka­ti­on führt oder eine Aus­bil­dung im Hin­blick auf die Aus­übung einer Berufs­tä­tig­keit ver­mit­telt, son­dern schließt ande­re Tätig­kei­ten ein, bei denen die Unter­wei­sung in Schu­len und Hoch­schu­len erteilt wird, um die Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten der Schü­ler oder Stu­die­ren­den zu ent­wi­ckeln, sofern die­se Tätig­kei­ten nicht den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung haben. Die nicht ein­heit­li­chen Sprach­fas­sun­gen des Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be j MwSt­Sys­tRL sind dabei dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass es sich bei Schul- und Hoch­schul­un­ter­richt um Unter­richts­ein­hei­ten zur Ver­mitt­lung von Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten durch den Unter­rich­ten­den an Schü­ler oder Stu­die­ren­de han­deln muss6.

Die­ser Recht­spre­chung hat sich der BFH ange­schlos­sen7. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die Recht­spre­chung des EuGH dabei dahin­ge­hend ver­stan­den, dass sich der Begriff des Schul- und Hoch­schul­un­ter­richts auf jeg­li­che Aus- und Fort­bil­dung bezieht, die nicht den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung hat8.

Unter die­ses Merk­mal könn­te auch der von der Fahr­schu­le erteil­te Fahr­un­ter­richt fal­len, denn der Erwerb der Fähig­keit und der Befug­nis, ein Fahr­zeug zu füh­ren, dient nicht allein der blo­ßen Frei­zeit­ge­stal­tung, son­dern ist Bestand­teil der Lebens­füh­rung, weil die Nut­zung von Fahr­zeu­gen zwar auch für pri­va­te Frei­zeit­zwe­cke, aber eben­so für beruf­li­che Zwe­cke (zum Bei­spiel Fahr­ten zur Aus­bil­dungs- oder Arbeits­stel­le oder Fahr­ten in Aus­übung der Arbeit) genutzt wird und in eini­gen Beru­fen zu den Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen zählt9.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs ste­hen der Beru­fung auf Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i MwSt­Sys­tRL die Beschrän­kun­gen in Arti­kel 134 MwSt­Sys­tRL nicht ent­ge­gen. Denn die Vor­aus­set­zun­gen von Arti­kel 134 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL lie­gen nicht vor: Es geht um die befrei­ten Dienst­leis­tun­gen selbst und nicht um die von der Norm gemein­ten Leis­tun­gen, die mit der steu­er­be­frei­ten Leis­tung im Zusam­men­hang ste­hen. Die Merk­ma­le des Arti­kel 134 Buch­sta­be b MwSt­Sys­tRL sind nicht erfüllt, weil kein Wett­be­werb zu nicht begüns­tig­ten Unter­neh­men besteht; denn im Fal­le der Aner­ken­nung wären alle aner­kann­ten Fahr­schu­len begüns­tigt.

Zur zwei­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat Zwei­fel, ob die Fahr­schu­le als Ein­rich­tung mit ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung im Sin­ne von Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i MwSt­Sys­tRL aner­kannt ist.

Der Begriff der Ein­rich­tung ist nach der Recht­spre­chung des EuGH grund­sätz­lich weit genug, um auch pri­va­te Ein­rich­tun­gen mit Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht wie die Fahr­schu­le zu umfas­sen10. Dem hat sich der BFH ange­schlos­sen11.

Auch der gewerb­li­che Cha­rak­ter einer Tätig­keit schließt nicht aus, dass es sich dabei um eine dem Gemein­wohl die­nen­de Tätig­keit han­delt12. Daher ste­hen Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i, 133 und 134 MwSt­Sys­tRL einer Steu­er­be­frei­ung für Bil­dungs­dienst­leis­tun­gen, die von nicht öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen zu gewerb­li­chen Zwe­cken erbracht wer­den, nicht ent­ge­gen13. Pri­va­te Ein­rich­tun­gen müs­sen aller­dings, um aner­kannt wer­den zu kön­nen, eine ver­gleich­ba­re Ziel­set­zung wie die Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts haben14.

Die Recht­spre­chung zur unter­neh­mer­be­zo­ge­nen Aner­ken­nung im Sozi­al­be­reich (Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be g MwSt­Sys­tRL) ist grund­sätz­lich auch auf den Unter­richts­be­reich (Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i MwSt­Sys­tRL) zu über­tra­gen15.

Danach gehö­ren zu den für die Aner­ken­nung im Rah­men einer Abwä­gung zu berück­sich­ti­gen­den Gesichts­punk­ten das Bestehen spe­zi­fi­scher Vor­schrif­ten ‑sei­en es natio­na­le oder regio­na­le, Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, Steu­er­vor­schrif­ten oder Vor­schrif­ten im Bereich der sozia­len Sicher­heit-, das mit den Tätig­kei­ten des betref­fen­den Steu­er­pflich­ti­gen ver­bun­de­ne Gemein­wohl­in­ter­es­se, die Tat­sa­che, dass ande­re Steu­er­pflich­ti­ge mit den glei­chen Tätig­kei­ten bereits in den Genuss einer ähn­li­chen Aner­ken­nung kom­men sowie der Gesichts­punkt, dass die Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen unter Umstän­den zum gro­ßen Teil von Kran­ken­kas­sen oder ande­ren Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit über­nom­men wer­den16.

Bei der Abwä­gung steht der Aner­ken­nung nicht ent­ge­gen, dass die Kos­ten vor­lie­gend nicht von staat­li­chen Kos­ten­trä­gern über­nom­men wer­den, weil das nur einer von meh­re­ren Gesichts­punk­ten ist17.

Für eine Aner­ken­nung der Fahr­schu­le durch den Mit­glied­staat Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land spricht viel­mehr, dass der Betrieb einer Fahr­schu­le gemäß § 4 Fahr­lG das Bestehen einer Fahr­leh­rer­prü­fung vor­aus­setzt und gemäß §§ 1, 10 bis 13 Fahr­lG der Ertei­lung einer von einer Viel­zahl von Vor­aus­set­zun­gen abhän­gi­gen Fahr­leh­rer- und einer hier­von getrenn­ten Fahr­schul­er­laub­nis bedarf. Dar­über hin­aus besteht ein Gemein­wohl­in­ter­es­se an der Aus­bil­dung der Fahr­schü­ler zu siche­ren, ver­ant­wor­tungs­vol­len und umwelt­be­wuss­ten Ver­kehrs­teil­neh­mern. Die­se Ziel­set­zung hat durch § 1 Absatz 1 der im Streit­jahr 2010 noch nicht in Kraft getre­te­nen Fahr­schü­ler-Aus­bil­dungs­ord­nung vom 19.06.201218 inzwi­schen aus­drück­li­che staat­li­che Aner­ken­nung erfah­ren.

Gegen eine Aner­ken­nung könn­te aber spre­chen, dass der EuGH zur Steu­er­be­frei­ung nach Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be g MwSt­Sys­tRL ent­schie­den hat, dass bei der Beur­tei­lung der Gemein­nüt­zig­keit pri­va­ter Ein­hei­ten mit Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht ins­be­son­de­re auch die Zie­le, die die­se Ein­hei­ten in ihrer Gesamt­heit ver­fol­gen, und die Bestän­dig­keit ihres sozia­len Enga­ge­ments zu berück­sich­ti­gen sind19.

Könn­te man dies auf den hier ein­schlä­gi­gen Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i MwSt­Sys­tRL über­tra­gen, wür­de sich die Fra­ge stel­len, ob allein die gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Fahr­leh­rer­prü­fung und die Fahr­lehr- und die Fahr­schul­er­laub­nis sowie das Gemein­wohl­in­ter­es­se an der Aus­bil­dung von Fahr­schü­lern zu siche­ren, ver­ant­wor­tungs­vol­len und umwelt­be­wuss­ten Ver­kehrs­teil­neh­mern für die Aner­ken­nung der Fahr­schu­le als Ein­rich­tung mit ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung im Sin­ne von Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be i MwSt­Sys­tRL aus­reicht.

Zur drit­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat Zwei­fel, ob die Rechts­form der Fahr­schu­le der Annah­me des Merk­mals "Pri­vat­leh­rer" im Sin­ne von Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be j MwSt­Sys­tRL ent­ge­gen­steht.

In den bis­her vom EuGH und BFH zur Unter­richts­er­tei­lung durch Pri­vat­leh­rer zu beur­tei­len­den Sach­ver­hal­ten hat es sich bei den Steu­er­pflich­ti­gen jeweils um Ein­zel­un­ter­neh­mer gehan­delt20. Auch sprach­lich legt der Begriff des "Leh­rers" nahe, dass es sich um eine natür­li­che Per­son han­delt.

Ande­rer­seits ver­bie­tet es der dem gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­sys­tem zugrun­de lie­gen­de Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät, der bei der Anwen­dung der in Arti­kel 132 MwSt­Sys­tRL vor­ge­se­he­nen Befrei­ungs­tat­be­stän­de zu beach­ten ist, dass Wirt­schafts­teil­neh­mer, die glei­che Umsät­ze bewir­ken, bei der Steu­er­erhe­bung unter­schied­lich behan­delt wer­den21.

Zur vier­ten Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Die MwSt­Sys­tRL defi­niert den Begriff des Pri­vat­leh­rers nicht. Aus ihm ergibt sich ledig­lich, dass eine befrei­te Unter­richts­tä­tig­keit "pri­vat" aus­ge­übt wer­den muss22. Der EuGH hat hier­zu ent­schie­den, dass Schul- oder Hoch­schul­un­ter­richt dann im Sin­ne von Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be j MwSt­Sys­tRL von "Pri­vat­leh­rern erteilt" wird, wenn die Leh­rer dabei für eige­ne Rech­nung und in eige­ner Ver­ant­wor­tung han­deln und zwi­schen dem kon­kre­ten Inhalt des Unter­richts und den Qua­li­fi­ka­tio­nen der Unter­rich­ten­den grund­sätz­lich ein Zusam­men­hang besteht23. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, ist vom vor­le­gen­den Gericht zu prü­fen24. Dem hat sich der BFH ange­schlos­sen25 und ent­schie­den, dass das Nicht­be­stehen eines Ver­gü­tungs­an­spruchs im Ver­hin­de­rungs­fall und bei Kurs­aus­fall für eine als Pri­vat­leh­rer aus­ge­üb­te Tätig­keit spricht26.

Bei Zugrun­de­le­gung die­ser Grund­sät­ze hat die Fahr­schu­le den Fahr­schul­un­ter­richt "als Pri­vat­leh­rer erteilt", weil sie auf eige­ne Rech­nung und in eige­ner Ver­ant­wor­tung han­del­te und der kon­kre­te Inhalt des von ihr erteil­ten Unter­richts in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit ihren Qua­li­fi­ka­tio­nen stand. Dem Merk­mal "Pri­vat­leh­rer" steht auch nicht ent­ge­gen, wenn die Unter­richts­ein­hei­ten, ins­be­son­de­re die theo­re­ti­schen, meh­re­ren Fahr­schü­lern gleich­zei­tig erteilt wor­den sein soll­ten, denn durch die Recht­spre­chung ist geklärt, dass es der Aner­ken­nung einer Tätig­keit als Pri­vat­leh­rer nicht ent­ge­gen­steht, wenn der Unter­rich­ten­de meh­re­ren Per­so­nen gleich­zei­tig Unter­richt erteilt27. Es ist auch nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob die der Unter­richts­er­tei­lung zugrun­de lie­gen­den Rechts­be­zie­hun­gen unmit­tel­bar mit den Fahr­schü­lern oder mit Drit­ten (zum Bei­spiel mit deren Eltern) bestan­den haben28.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat aber Zwei­fel, ob es mit der in der Über­schrift des Kapi­tel 2 MwSt­Sys­tRL zum Aus­druck kom­men­den Ziel­set­zung der "Steu­er­be­frei­ung für bestimm­te, dem Gemein­wohl die­nen­de Tätig­kei­ten" in Ein­klang steht, dass nach Arti­kel 132 Absatz 1 Buch­sta­be j MwSt­Sys­tRL jeg­li­che Aus- und Fort­bil­dung befreit ist, die nicht den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung hat und die von Unter­rich­ten­den erteilt wird, die für eige­ne Rech­nung und in eige­ner Ver­ant­wor­tung han­deln.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 16. März 2017 – V R 38/​16

  1. BGBl I 1969, 1336, zuletzt geän­dert durch das Gesetz vom 28.11.2016, BGBl I 2016, 2722 []
  2. vgl. BFH, Urteil vom 14.03.1974 – V R 54/​73, BFHE 112, 313, BSt­Bl II 1974, 527 zu § 4 Num­mer 21 UStG 1967; bestä­tigt durch BFH, Urteil vom 10.01.2008 – V R 52/​06, BFHE 221, 295, Rz 37 []
  3. BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schlüs­se vom 08.06.2011 – 1 BvR 759/​08, NVwZ 2011, 1384, Rz 21; vom 16.04.2004 2 BvR 88/​03, HFR 2004, 690, Rz 13 []
  4. zur Beruf­bar­keit all­ge­mein ver­glei­che EuGH, Urteil Almos Agrar­kül­ke­res­ke­del­mi vom 15.05.2014 – C‑337/​13, EU:C:2014:328, Rz 31 f.; BFH, Urteil vom 18.08.2005 – V R 71/​03, BFHE 211, 543, BSt­Bl II 2006, 143, Rz 41 []
  5. EuGH, Urteil Eulitz vom 28.01.2010 – C‑473/​08, EU:C:2010:47, Rz 31 []
  6. EuGH, Urtei­le Hade­rer vom 14.06.2007 – C‑445/​05, EU:C:2007:344, Rz 26; Eulitz, EU:C:2010:47, Rz 23, 29, 32 []
  7. BFH, Urtei­le vom 10.08.2016 – V R 38/​15, BFHE 254, 448, Rz 13; vom 20.03.2014 – V R 3/​13, BFHE 245, 391, Rz 17; vom 05.06.2014 – V R 19/​13, BFHE 245, 433, Rz 17 []
  8. BFH, Urteil in BFHE 245, 391, Rz 19, 20 []
  9. zur Auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung ver­glei­che Abschnitt 4.21.2 Absatz 6 UStAE; aus dem Schrift­tum ver­glei­che Brusch­ke, Umsatz­steu­er-Rund­schau 2017, 289 []
  10. EuGH, Urtei­le Les Jardins de Jou­vence vom 21.01.2016 – C‑335/​14, EU:C:2016:36, Rz 39; MDDP vom 28.11.2013 – C‑319/​12, EU:C:2013:778, Rz 28; Kingscrest Asso­cia­tes Ltd. und Mon­te­cel­lo Ltd. vom 26.05.2005 – C‑498/​03, EU:C:2005:322, Rz 35 []
  11. BFH, Urtei­le in BFHE 254, 448, Rz 16; vom 21.03.2007 – V R 28/​04, BFHE 217, 59, BSt­Bl II 2010, 999, Rz 32 []
  12. EuGH, Urtei­le Hoff­mann vom 03.04.2003 – C‑144/​00, EU:C:2003:192, Rz 38; Kingscrest Asso­cia­tes Ltd. und Mon­te­cel­lo Ltd., EU:C:2005:322, Rz 31 []
  13. EuGH, Urteil MDDP, EU:C:2013:778, Rz 27, 33 []
  14. EuGH, Urteil MDDP, EU:C:2013:778, Rz 35 []
  15. BFH, Urteil in BFHE 254, 448, Rz 16; ver­glei­che auch BFH, Urteil vom 18.02.2016 – V R 46/​14, BFHE 253, 421, Rz 47 []
  16. EuGH, Urteil Zim­mer­mann vom 15.11.2012 – C‑174/​11, EU:C:2012:716, Rz 31; BFH, Urtei­le in BFHE 254, 448, Rz 18; in BFHE 253, 421, Rz 30; in BFHE 245, 433, Rz 24; vom 25.04.2013 – V R 7/​11, BFHE 241, 475, BSt­Bl II 2013, 976, unter II. 2.c aa []
  17. EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, Rz 39; BFH, Urteil vom 09.03.2017 – V R 39/​16 []
  18. BGBl I 2012, 1318 []
  19. EuGH, Urtei­le Ord­re des bar­reaux fran­co­pho­nes und ger­ma­no­pho­ne und ande­re vom 28.07.2016 – C‑543/​14, EU:C:2016:605, Rz 62 ff.; Kom­mis­si­on/​Frank­reich vom 17.06.2010 – C‑492/​08, EU:C:2010:348, Rz 45 und 46 []
  20. vgl. EuGH, Urtei­le Hade­rer, EU:C:2007:344; Eulitz, EU:C:2010:47; BFH, Urtei­le vom 27.09.2007 – V R 75/​03, BFHE 219, 250, BSt­Bl II 2008, 323; in BFHE 245, 391; in BFHE 245, 433 []
  21. z.B. EuGH, Urtei­le Küg­ler vom 10.09.2002 – C‑141/​00, EU:C:2002:473, 1. Leit­satz sowie Rz 30; Kingscrest Asso­cia­tes Ltd. und Mon­te­cel­lo Ltd., EU:C:2005:322, Rz 41; ver­glei­che auch EuGH, Urtei­le Laj­ver vom 02.06.2016 – C‑263/​15, EU:C:2016:392 []
  22. BFH, Beschluss vom 18.11.2015 – XI B 61/​15, BFH/​NV 2016, 435, Rz 22 []
  23. EuGH, Urteil Hade­rer, EU:C:2007:344, Rz 30, 31 []
  24. EuGH, Urteil Hade­rer, EU:C:2007:344, Rz 38 []
  25. BFH, Urteil in BFHE 219, 250, BSt­Bl II 2008, 323, Rz 40 []
  26. BFH, Urteil in BFHE 245, 391, Rz 23 []
  27. EuGH, Urteil Hade­rer, EU:C:2007:344, Rz 31; BFH, Urteil in BFHE 245, 391, Rz 23 []
  28. BFH, Urteil in BFHE 245, 391, Rz 23 []