Flücht­lings­un­ter­künf­te und Obdach­lo­sen­un­ter­künf­te – und die Umsatzsteuer

Der Betrieb von Flücht­lings­un­ter­künf­ten durch eine GmbH für Län­der und Kom­mu­nen kann nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL umsatz­steu­er­frei sein. Das­sel­be gilt für den Betrieb einer kom­mu­na­len Obdachlosenunterkunft.

Flücht­lings­un­ter­künf­te und Obdach­lo­sen­un­ter­künf­te – und die Umsatzsteuer

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall bewirt­schaf­te­te die Klä­ge­rin, eine GmbH, eine Viel­zahl von Unter­brin­gungs­ein­rich­tun­gen für Flücht­lin­ge, Aus­sied­ler und Obdach­lo­se. Dabei han­del­te es sich sowohl um Gemein­schafts­un­ter­künf­te für Flücht­lin­ge in kom­mu­na­ler Trä­ger­schaft als auch um Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen ver­schie­de­ner Bun­des­län­der sowie um eine städ­ti­sche Obdach­lo­sen­un­ter­kunft. In der Regel ver­ant­wor­te­te die Klä­ge­rin ins­be­son­de­re die Aus­stat­tung der jewei­li­gen Unter­kunft, deren Rei­ni­gung und per­so­nel­le Beset­zung sowie die sozia­le Betreu­ung der unter­ge­brach­ten Per­so­nen. Das Finanz­amt behan­del­te die Umsät­ze der Klä­ge­rin aus dem Betrieb der Flücht­lings- und Obdach­lo­sen­un­ter­künf­te als umsatzsteuerpflichtig.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf wies die Kla­ge ab1. Der dage­gen vom Betrei­ber der Unter­künf­te ein­ge­leg­ten Revi­si­on gab der Bun­des­fi­nanz­hof nun statt: Die Klä­ge­rin kön­ne sich auf eine Steu­er­be­frei­ung nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem beru­fen. Nach die­ser Bestim­mung sind u.a. eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen von der Steu­er befreit, wenn sie von Ein­rich­tun­gen bewirkt wer­den, die der betref­fen­de Mit­glied­staat als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kannt hat.

Dies war vor­lie­gend der Fall. Die Klä­ge­rin ist als Ein­rich­tung mit im Wesent­li­chen sozia­lem Cha­rak­ter aner­kannt, ins­be­son­de­re weil die Über­nah­me des Betriebs von Flücht­lings­un­ter­künf­ten durch pri­va­te Drit­te in ver­schie­de­nen Bun­des­län­dern durch spe­zi­fi­sche Vor­schrif­ten gere­gelt ist. Dabei ist uner­heb­lich, dass die Klä­ge­rin ihre Leis­tun­gen nicht unmit­tel­bar gegen­über den Flücht­lin­gen und Obdach­lo­sen, son­dern gegen­über den Trä­gern der Unter­künf­te (Län­der und Kom­mu­nen) erbracht hat. Wei­ter han­delt es sich bei dem Betrieb der Flücht­lings- und Obdach­lo­sen­un­ter­künf­te um eng mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen, die für die Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge und Obdach­lo­sen auch uner­läss­lich sind, da die in den Unter­künf­ten auf­ge­nom­me­nen Men­schen wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­tig sind. Sie gehö­ren damit zu dem aner­kann­ter­ma­ßen begüns­tig­ten Per­so­nen­kreis. Dem­ge­gen­über ist ins­be­son­de­re die asyl­recht­li­che Funk­ti­on der Flücht­lings­un­ter­künf­te und der mit einer Obdach­lo­sen­un­ter­kunft ver­folg­te Zweck der Gefah­ren­ab­wehr für die Umsatz­steu­er­be­frei­ung uner­heb­lich. Da die Klä­ge­rin neben dem Betrieb der Flücht­lings- und Obdach­lo­sen­un­ter­künf­te wei­te­re Umsät­ze tätig­te und hier­zu hin­rei­chen­de Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt fehl­ten, konn­te der BFH über die Kla­ge nicht abschlie­ßend ent­schei­den und ver­wies die Sache an das Finanz­ge­richt zurück:

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat die von der Klä­ge­rin erbrach­ten Leis­tun­gen zum Betrieb der Flücht­lings- und Obdach­lo­sen­un­ter­künf­te ‑mit Aus­nah­me der Über­las­sung der Gemein­schafts­un­ter­kunft X‑Straße in C an den Land­kreis A- zutref­fend als nach natio­na­lem Recht nicht steu­er­be­freit angesehen.

Die­se Leis­tun­gen sind nicht nach § 4 Nr. 12 Satz 1 Buchst. a UStG von der Umsatz­steu­er befreit, weil die Klä­ge­rin inso­weit nach den gemäß § 118 Abs. 2 FGO bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richts kei­ne Grund­stü­cke an die Trä­ger der Unter­künf­te über­lässt und ‑man­gels Rechts­be­zie­hung- auch gegen­über den dort unter­ge­brach­ten Per­so­nen kei­ne steu­er­frei­en Ver­mie­tungs­leis­tun­gen erbringt2.

Die von der Klä­ge­rin erbrach­ten Leis­tun­gen sind auch nicht nach § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. l UStG von der Umsatz­steu­er befreit, weil sie nicht mit dem Betrieb von Ein­rich­tun­gen zur Betreu­ung oder Pfle­ge kör­per­lich, geis­tig oder see­lisch hilfs­be­dürf­ti­ger Per­so­nen eng ver­bun­den sind. Die Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. l UStG erfasst nur Ein­rich­tun­gen zur Betreu­ung oder Pfle­ge von Per­so­nen, die krank, behin­dert oder von einer Behin­de­rung bedroht sind3. Dies ist jedoch bei den hier in den Ein­rich­tun­gen unter­ge­brach­ten Per­so­nen nicht per se der Fall; die­se wer­den viel­mehr auf­grund asyl- bzw. ord­nungs­recht­li­cher Ver­pflich­tung zur Siche­rung ihres Exis­tenz­mi­ni­mums untergebracht.

Eben­so wenig sind die von der Klä­ge­rin erbrach­ten Leis­tun­gen nach § 4 Nr. 18 UStG von der Umsatz­steu­er befreit, weil die Klä­ge­rin weder ein amt­lich aner­kann­ter Ver­band der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge noch einem sol­chen Ver­band als Mit­glied ange­schlos­sen ist.

Das Uni­ons­recht ent­hält mit Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL eine über das natio­na­le Recht hin­aus­ge­hen­de Steuerfreiheit.

Nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL befrei­en die Mit­glied­staa­ten eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen und Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den, ein­schließ­lich der­je­ni­gen, die durch Alten­hei­me, Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­re von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tun­gen bewirkt wer­den, von der Steu­er. Von die­ser Steu­er­be­frei­ung sind nach Art. 134 MwSt­Sys­tRL Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen, die für die Umsät­ze, für die die Steu­er­be­frei­ung gewährt wird, nicht uner­läss­lich sind und die im Wesent­li­chen dazu bestimmt sind, der Ein­rich­tung zusätz­li­che Ein­nah­men durch Umsät­ze zu ver­schaf­fen, die in unmit­tel­ba­rem Wett­be­werb mit Umsät­zen von der Mehr­wert­steu­er unter­lie­gen­den gewerb­li­chen Unter­neh­men bewirkt werden.

Weiterlesen:
Die Flüchtlingsunterkunft im Wohnungseigentum/Teileigentum

Die Steu­er­be­frei­ung nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL, auf die sich ein Steu­er­pflich­ti­ger grund­sätz­lich unmit­tel­bar beru­fen kann4, knüpft an leis­tungs- und an per­so­nen­be­zo­ge­ne Vor­aus­set­zun­gen an: Es muss sich um eng mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Leis­tun­gen han­deln, die von Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­ren Ein­rich­tun­gen erbracht wer­den, die von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit im Wesent­li­chen sozia­lem Cha­rak­ter aner­kannt wor­den sind5.

Bei dem Tat­be­stands­merk­mal der eng mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­nen Leis­tung han­delt es sich um einen eigen­stän­di­gen Begriff des Uni­ons­rechts, der eine uni­ons­recht­li­che Defi­ni­ti­on erfor­dert6. Zu den nach bis­he­ri­ger EuGH-Recht­spre­chung befrei­ten Umsät­zen gehö­ren ins­be­son­de­re Leis­tun­gen der Grund­pfle­ge und der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung für u.a. wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­ti­ge Per­so­nen7 sowie der Betrieb von Hei­men für betreu­tes Woh­nen8.

Die Vor­aus­set­zun­gen und Moda­li­tä­ten der für die Steu­er­be­frei­ung erfor­der­li­chen Aner­ken­nung legt Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL nach stän­di­ger Recht­spre­chung des EuGH nicht fest. Viel­mehr ist es Sache des inner­staat­li­chen Rechts jedes Mit­glied­staats, die Regeln auf­zu­stel­len, nach denen Ein­rich­tun­gen die erfor­der­li­che Aner­ken­nung gewährt wer­den kann. Dabei haben die natio­na­len Behör­den im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht und unter der Kon­trol­le der natio­na­len Gerich­te die für die Aner­ken­nung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen. Zu die­sen gehören

  • das Bestehen spe­zi­fi­scher Vor­schrif­ten, bei denen es sich um natio­na­le oder regio­na­le Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, Steu­er­vor­schrif­ten oder Vor­schrif­ten im Bereich der sozia­len Sicher­heit han­deln kann,
  • das mit den Tätig­kei­ten des betref­fen­den Steu­er­pflich­ti­gen ver­bun­de­ne Gemeinwohlinteresse,
  • die Tat­sa­che, dass ande­re Steu­er­pflich­ti­ge mit den glei­chen Tätig­kei­ten bereits in den Genuss einer ähn­li­chen Aner­ken­nung kom­men, und
  • die Über­nah­me der Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen zum gro­ßen Teil durch Kran­ken­kas­sen oder durch ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit, ins­be­son­de­re, wenn die pri­va­ten Wirt­schafts­teil­neh­mer ver­trag­li­che Bezie­hun­gen zu die­sen Ein­rich­tun­gen unter­hal­ten9.

Aus dem Wort­laut von Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL ergibt sich, dass die­se Bestim­mung kei­ner­lei Bedin­gung hin­sicht­lich des Emp­fän­gers der steu­er­be­frei­ten Umsät­ze ent­hält, wes­halb es uner­heb­lich ist, ob der Steu­er­pflich­ti­ge sei­ne für die Sozi­al­für­sor­ge oder die sozia­le Sicher­heit uner­läss­li­chen Leis­tun­gen unmit­tel­bar gegen­über den­je­ni­gen erbringt, die der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit bedür­fen10.

Im Streit­fall hat das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf zu Unrecht die Aner­ken­nung der Klä­ge­rin als Ein­rich­tung mit im Wesent­li­chen sozia­lem Cha­rak­ter verneint.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat sei­ne Ent­schei­dung rechts­feh­ler­haft damit begrün­det, es rei­che für die Aner­ken­nung als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter nicht aus, dass die Klä­ge­rin als Sub­un­ter­neh­me­rin für eine ande­re aner­kann­te Ein­rich­tung tätig gewor­den sei11. Damit bezieht sich das Finanz­ge­richt im Kern dar­auf, dass die Klä­ge­rin ihre Leis­tun­gen nicht unmit­tel­bar gegen­über den Flücht­lin­gen erbrach­te, son­dern sie im Rah­men eines Drei­ecks­ver­hält­nis­ses tätig war, bei dem sie unmit­tel­bar nur gegen­über der jewei­li­gen Gebiets­kör­per­schaft tätig wur­de, die dann den Flücht­lin­gen selbst Unter­kunft gewähr­te. Dies steht der Steu­er­be­frei­ung der Umsät­ze jedoch nach dem ‑erst im Lau­fe des Revi­si­ons­ver­fah­rens ergan­ge­nen- EuGH-Urteil „Finanz­amt D„12 nicht entgegen.

Für die Aner­ken­nung als Ein­rich­tung ist es im Übri­gen auch uner­heb­lich, dass es sich bei der Klä­ge­rin um eine nicht gemein­nüt­zig täti­ge GmbH han­delt. Denn der Begriff „Ein­rich­tung“ ist weit genug, um pri­va­te Ein­hei­ten mit Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht zu erfas­sen13.

Schließ­lich kommt es nicht auf das vom Finanz­ge­richt her­an­ge­zo­ge­ne BFH, Urteil in BFHE 253, 421 an, da es in dem dort ent­schie­de­nen Fall ‑anders als hier- bereits an einer gesetz­li­chen Grund­la­ge für die Auf­ga­ben­über­tra­gung fehl­te14.

Weiterlesen:
Das insolvenzrechtliche Aufrechnungsverbot - bei nachträglichem Verzicht auf die Umsatzsteuerfreiheit

Im Streit­fall folgt die Aner­ken­nung der Klä­ge­rin als sozia­le Ein­rich­tung aus spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten, der mit die­sen Vor­schrif­ten ver­bun­de­nen Kos­ten­tra­gung durch die öffent­li­che Hand, dem Tätig­wer­den im Gemein­wohl­in­ter­es­se sowie aus dem Neutralitätsprinzip.

Die Über­nah­me des Betriebs der kom­mu­na­len Gemein­schafts­un­ter­kunft für Flücht­lin­ge beruh­te bei der Tätig­keit der Klä­ge­rin für den Land­kreis E sowie für den Land­kreis A auf § 3 Abs. 2 Satz 2 des Säch­si­schen Flücht­lings­auf­nah­me­ge­set­zes (Sächs­FlüAG). Danach kön­nen die Unter­brin­gungs­be­hör­den ‑wovon auch das Finanz­ge­richt aus­geht- u.a. den Betrieb von Unter­brin­gungs­ein­rich­tun­gen i.S. des § 3 Abs. 1 Sächs­FlüAG auf Drit­te über­tra­gen. Dabei berück­sich­tigt der Bun­des­fi­nanz­hof zum einen, dass die­se regio­na­le Rechts­vor­schrift15 durch die Ver­wal­tungs­vor­schrift des Säch­si­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums des Innern16 in Bezug auf Aus­stat­tung und Betrieb der Unter­künf­te kon­kre­ti­siert wurde.

Zum ande­ren gal­ten auch in wei­te­ren Bun­des­län­dern ent­spre­chen­de Vor­schrif­ten: So ging § 6 des Flücht­lings­auf­nah­me­ge­set­zes Baden-Würt­tem­berg für den Betrieb der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des 2 eben­falls von der Mög­lich­keit einer Über­tra­gung des Betriebs der Flücht­lings­un­ter­kunft aus (vgl. zudem § 3 Abs. 1 Satz 4 des Lan­des­auf­nah­me­ge­set­zes ‑LAufnG- Hes­sen; § 4 Abs. 2 Satz 2 des Flücht­lings­auf­nah­me­ge­set­zes Meck­len­burg-Vor­pom­mern; § 2 Abs. 1 Satz 2 des Thü­rin­ger Flücht­lings­auf­nah­me­ge­set­zes; Nr. 14 Abs. 16 der Anla­ge zum Gesetz über die Zustän­dig­kei­ten in der All­ge­mei­nen Ber­li­ner Ver­wal­tung; § 4 Abs. 3 LAufnG Nord­rhein-West­fa­len in der bis 01.04.2016 gel­ten­den Fas­sung; s.a. § 10 Abs. 2 LAufnG Bran­den­burg in der ab 01.04.2016 gel­ten­den Fassung).

Ins­be­son­de­re auf der Grund­la­ge die­ser gesetz­li­chen Rege­lun­gen wur­den die Kos­ten für die Leis­tun­gen der Klä­ge­rin voll­stän­dig von Kom­mu­nen und Län­dern und damit von der öffent­li­chen Hand über­nom­men17.

Fer­ner ist mit dem Tätig­wer­den der Klä­ge­rin ein erheb­li­ches Gemein­wohl­in­ter­es­se ver­bun­den. Jeden­falls aus dem Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums (Art. 1 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes ‑GG- i.V.m. dem Sozi­al­staats­prin­zip aus Art.20 Abs. 1 GG) fol­gen Sozi­al­stan­dards im Asyl­ver­fah­ren, zu denen auch eine ange­mes­se­ne Unter­kunft gehört. Die­ses Grund­recht steht als Men­schen­recht auch sich in Deutsch­land auf­hal­ten­den Flücht­lin­gen zu18. Dar­über hin­aus sind die Mit­glied­staa­ten im Hin­blick auf die Moda­li­tä­ten der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen gemäß Art. 17 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 18 Abs. 1 der Richt­li­nie 2013/​33/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.06.2013 zur Fest­le­gung von Nor­men für die Auf­nah­me von Per­so­nen, die inter­na­tio­na­len Schutz bean­tra­gen (Auf­nah­me­richt­li­nie), uni­ons­recht­lich ver­pflich­tet, in jedem Fall sicher­zu­stel­len, dass der Betrof­fe­ne sei­ne ele­men­tars­ten Bedürf­nis­se befrie­di­gen kann, wie etwa eine Unter­kunft zu fin­den19.

Dar­über hin­aus wider­sprä­che es dem Neu­tra­li­täts­prin­zip, die von der Klä­ge­rin erbrach­ten Betrei­ber­leis­tun­gen von der Steu­er­be­frei­ung aus­zu­neh­men. Denn Flücht­lings­un­ter­künf­te wur­den auch durch gemein­nüt­zi­ge Kör­per­schaf­ten betrie­ben, die einem amt­lich aner­kann­ten Ver­band der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge ‑etwa dem Deut­schen Roten Kreuz e.V.- als Mit­glied ange­schlos­sen sind und dabei im Rah­men finanz­be­hörd­li­cher Bil­lig­keits­re­ge­lun­gen als nach § 4 Nr. 18 UStG steu­er­frei behan­delt wur­den20.

Die danach bestehen­de unter­neh­mer­be­zo­ge­ne Aner­ken­nung der Klä­ge­rin im Bereich der Flücht­lings­un­ter­künf­te wirkt auch für gleich­ar­ti­ge Leis­tun­gen in ande­ren Berei­chen, wie hier dem Betrieb der … Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des 1 und der städ­ti­schen Obdach­lo­sen­un­ter­kunft. Auf eine geson­der­te Aner­ken­nung kommt es inso­weit nicht an. Denn nach dem bereits im Streit­jahr gel­ten­den § 4 Nr. 16 Satz 2 UStG sind die dort von Ein­rich­tun­gen nach Satz 1 Buchst. b bis l die­ser Vor­schrift erbrach­ten Leis­tun­gen steu­er­frei, soweit es sich ihrer Art nach um Leis­tun­gen han­delt, auf die sich die Aner­ken­nung, der Ver­trag oder die Ver­ein­ba­rung nach Sozi­al­recht oder die Ver­gü­tung jeweils bezieht. Dies ist auch bei Anwen­dung von Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL zu beachten.

Die Klä­ge­rin erbrach­te im Streit­fall auch eng mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienstleistungen.

Der Betrieb von Flücht­lings­un­ter­künf­ten stellt eine der­ar­ti­ge Dienst­leis­tung dar.

Der Betrieb von Flücht­lings­un­ter­künf­ten ist zwar weder eine nach der Recht­spre­chung des EuGH anzu Pfle­ge- oder Betreu­ungs­leis­tung noch ist er mit einer sol­chen Leis­tung ver­gleich­bar. Bei der Prü­fung der leis­tungs­be­zo­ge­nen Vor­aus­set­zung der uni­ons­recht­li­chen Steu­er­be­frei­ung ist aller­dings zu berück­sich­ti­gen, ob der Per­so­nen­kreis der Begüns­tig­ten im Hin­blick auf deren Bedürf­tig­keit dem Per­so­nen­kreis der Sach­ver­hal­te ent­spricht, bei denen die Recht­spre­chung das Merk­mal der mit der Für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit eng ver­bun­de­nen Leis­tun­gen bereits bejaht hat21. Danach sind die leis­tungs­be­zo­ge­nen Vor­aus­set­zun­gen des Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL beim Betrieb von Flücht­lings­un­ter­künf­ten zu bejahen.

Weiterlesen:
Verbilligte Parkraumüberlassung an Arbeitnehmer

Flücht­lin­ge sind nach den für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­tig und gehö­ren damit zu dem aner­kann­ter­ma­ßen begüns­tig­ten Per­so­nen­kreis. Sie ver­fü­gen in aller Regel über kein aus­rei­chen­des Ver­mö­gen, um ihren Lebens­un­ter­halt selbst bestrei­ten zu kön­nen. Zudem ist Flücht­lin­gen eine Erwerbs­tä­tig­keit für die Dau­er der Pflicht, in einer Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung zu woh­nen, grund­sätz­lich nicht gestat­tet (§ 61 Abs. 1 des Asyl­ge­set­zes ‑AsylG-); im Übri­gen ist ihnen wäh­rend des Asyl­ver­fah­rens eine Erwerbs­tä­tig­keit nur bei Ertei­lung einer im Ermes­sen der Aus­län­der­be­hör­de ste­hen­den Erlaub­nis gestat­tet (§ 61 Abs. 2 AsylG).
Auch der natio­na­le Gesetz­ge­ber sieht Leis­tun­gen im Zusam­men­hang mit Migra­ti­on als eng mit der Sozi­al­für­sor­ge ver­bun­den an22. Dies ent­spricht dem uni­ons­recht­li­chen Ver­ständ­nis des Sozia­len, wonach davon ins­be­son­de­re ein zwi­schen­mensch­li­ches Han­deln erfasst ist, das ‑wie die wirt­schaft­li­che Unter­stüt­zung Bedürf­ti­ger- zur Bewäl­ti­gung der Wech­sel­fäl­le des Lebens mit Blick auf die Ver­letz­lich­keit des Indi­vi­du­ums und des­sen Bedürf­nis nach Hil­fe und Schutz gewährt wird23.

Der Betrieb von Flücht­lings­un­ter­künf­ten ist „eng“ mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­den. In den Fäl­len der Alten­hei­me und der Alten­wohn­hei­me ist aner­kannt, dass das Über­las­sen der Woh­nung und die im Hin­blick auf die alters­be­ding­te Hilfs­be­dürf­tig­keit der Bewoh­ner erbrach­te Unter­stüt­zungs- und Betreu­ungs­leis­tung eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen dar­stel­len24. Für die Flücht­lings­un­ter­künf­te, in denen den Flücht­lin­gen eben­falls ‑ent­spre­chend der Art ihrer Hilfs­be­dürf­tig­keit- Unter­kunft und Unter­stüt­zung gebo­ten wird, kann nichts ande­res gelten.

Die asyl­recht­li­che Funk­ti­on der Flücht­lings­un­ter­künf­te steht der Ein­ord­nung des Betriebs der Flücht­lings­un­ter­künf­te als eng mit der Sozi­al­für­sor­ge ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen nicht entgegen.

Zwar wer­den mit der ver­pflich­ten­den Unter­brin­gung von Flücht­lin­gen in einer Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung nach § 47 AsylG und anschlie­ßend ‑im Fall einer ent­spre­chen­den Auf­la­ge gemäß § 60 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 oder Nr. 3 AsylG eben­falls ver­pflich­tend- in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft nach § 53 AsylG ins­be­son­de­re asyl­ver­fah­rens­recht­li­che Zwe­cke ver­folgt25.

Dies schließt jedoch nicht aus, in der Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge auch und zuvör­derst eine Leis­tung der Sozi­al­für­sor­ge zu sehen. So ist die ange­mes­se­ne Unter­brin­gung von Flücht­lin­gen Bestand­teil der nach Art. 17 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 18 Abs. 1 Richt­li­nie 2013/​33/​EU ver­pflich­ten­den mate­ri­el­len Unter­stüt­zung für Asyl­an­trag­stel­ler. Sie gehört damit zur gemein­sa­men Asyl­po­li­tik der Euro­päi­schen Uni­on ein­schließ­lich eines Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems (Prä­am­bel Ziff. 2 Richt­li­nie 2013/​33/​EU). Dabei zielt die Richt­li­nie 2013/​33/​EU vor allem dar­auf ab, die unein­ge­schränk­te Wah­rung der Men­schen­wür­de der Flücht­lin­ge zu gewähr­leis­ten (Prä­am­bel Ziff. 35 Richt­li­nie 2013/​33/​EU). Dem ent­spricht der Umstand, dass es sich bei den Ansprü­chen nach dem Asyl­bLG, die u.a. den Unter­kunfts­be­darf decken (§ 3 Abs. 1 Asyl­bLG), um Leis­tun­gen des mate­ri­el­len Sozi­al­rechts han­delt26.

Nach die­sen Maß­stä­ben erbringt die Klä­ge­rin im Hin­blick auf die Flücht­lings­un­ter­künf­te eine eng mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienstleistung.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ist in revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se davon aus­ge­gan­gen, dass das von der Klä­ge­rin erbrach­te Leis­tungs­bün­del eine ein­heit­li­che Leis­tung in Gestalt des Betriebs der jewei­li­gen Flücht­lings­un­ter­kunft dar­stellt. Die­se nicht mit Ver­fah­rens­rü­gen ange­grif­fe­ne tat­säch­li­che Wür­di­gung ist in Anbe­tracht der von dem Finanz­ge­richt umfas­send gewür­dig­ten ver­trag­li­chen Pflich­ten und wei­te­ren Umstän­de mög­lich und daher für den Bun­des­fi­nanz­hof nach § 118 Abs. 2 FGO bin­dend. Soweit das Finanz­ge­richt mit Blick auf die Gemein­schafts­un­ter­kunft X‑Straße in C dane­ben eine sepa­ra­te Leis­tung in Form der Über­las­sung eines bebau­ten Grund­stücks ange­nom­men hat, weil die Klä­ge­rin inso­weit ‑anders als in den übri­gen Fäl­len- auch ver­pflich­tet war, dem Land­kreis A als Trä­ger der Gemein­schafts­un­ter­kunft die in ihrem Eigen­tum ste­hen­de Immo­bi­lie zur Nut­zung als Flücht­lings­un­ter­kunft zu über­las­sen, begeg­net dies eben­falls revi­si­ons­recht­lich kei­nen Bedenken.

Die von der Klä­ge­rin bei der Bewirt­schaf­tung der Flücht­lings­un­ter­künf­te jeweils erbrach­te ein­heit­li­che Leis­tung stellt sich als Betrieb der jewei­li­gen Flücht­lings­un­ter­kunft dar. Die Klä­ge­rin über­nahm sowohl bei den kom­mu­na­len Gemein­schafts­un­ter­künf­ten als auch bei der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des 2 die Unter­brin­gung und Betreu­ung der Flücht­lin­ge. Hier­zu stat­te­te sie die jewei­li­ge Unter­kunft ent­spre­chend aus, gewähr­leis­te­te die Instand­hal­tung der Aus­stat­tung sowie die Rei­ni­gung der Unter­kunft, sorg­te für eine per­so­nel­le Beset­zung der Unter­kunft und bot sozia­le Betreu­ungs­maß­nah­men an. Teil­wei­se stell­te die Klä­ge­rin zudem einen Sicher­heits­dienst und gewähr­leis­te­te so die Bewa­chung und Siche­rung der Unter­kunft. Im Fall der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des 2 über­nahm sie dar­über hin­aus ins­be­son­de­re die Ver­pfle­gung der Flücht­lin­ge. Damit erfüll­te die Klä­ge­rin jeweils einen wesent­li­chen Teil der bei der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen in den Unter­künf­ten lau­fend anfal­len­den Auf­ga­ben, wes­halb sich die von ihr getä­tig­te Leis­tung ins­ge­samt als Betrieb der jewei­li­gen Flücht­lings­un­ter­kunft darstellt.

Weiterlesen:
Die Gemeinde und ihr Werbemobil

Die Betrei­ber­leis­tun­gen der Klä­ge­rin sind für die Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge auch uner­läss­lich (Art. 134 Buchst. a MwSt­Sys­tRL), weil sie von sol­cher Art oder Qua­li­tät sind, dass ohne Rück­griff auf die­se Dienst­leis­tun­gen kei­ne Gleich­wer­tig­keit der Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge durch eine aner­kann­te Ein­rich­tung gewähr­leis­tet wäre27. Die Unter­brin­gung setzt nicht nur den phy­si­schen Bestand der Flücht­lings­un­ter­kunft vor­aus, son­dern eben­so die not­wen­di­gen Hand­lun­gen zur Auf­recht­erhal­tung ihres lau­fen­den Betriebs. Sol­che Hand­lun­gen erbringt die Klä­ge­rin mit ihren Betrei­ber­leis­tun­gen in der Regel umfassend.

Eben­so wenig greift hier der Aus­schluss von der Steu­er­be­frei­ung für wett­be­werbs­re­le­van­te Leis­tun­gen nach Art. 134 Buchst. b MwSt­Sys­tRL. Die von der Klä­ge­rin aus­ge­führ­ten Umsät­ze sind nicht im Wesent­li­chen dazu bestimmt, der Ein­rich­tung zusätz­li­che Ein­nah­men durch Umsät­ze zu ver­schaf­fen, die in unmit­tel­ba­rem Wett­be­werb mit Umsät­zen von der Mehr­wert­steu­er unter­lie­gen­den gewerb­li­chen Unter­neh­men bewirkt wer­den. Hier fehlt es bereits an zusätz­li­chen Ein­nah­men neben der Betrei­ber­tä­tig­keit wie auch an einer Wett­be­werbs­si­tua­ti­on. Denn poten­ti­el­le Wett­be­wer­ber kön­nen sich für ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen ‑wie die nicht gemein­nüt­zi­ge Klä­ge­rin- eben­falls auf die Steu­er­be­frei­ung nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL beru­fen, sofern ihre Umsät­ze nicht bereits nach § 4 Nr. 18 UStG steu­er­frei sind.

Schließ­lich kann der Steu­er­be­frei­ung der Leis­tun­gen nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass all­ge­mei­ne Geschäfts­füh­rungs- und Ver­wal­tungs­leis­tun­gen nicht zu den eng mit der Sozi­al­für­sor­ge oder der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­nen Dienst­leis­tun­gen zäh­len28. Denn die Betrei­ber­leis­tun­gen der Klä­ge­rin gehen über all­ge­mei­ne Geschäfts­füh­rungs- und Ver­wal­tungs­leis­tun­gen hin­aus29. Sie umfas­sen nach den für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt regel­mä­ßig die Aus­stat­tung und Rei­ni­gung der Räum­lich­kei­ten, die sozia­le Unter­stüt­zung der Flücht­lin­ge sowie die per­so­nel­le Beset­zung der Unterkünfte.

Soweit in drei der Flücht­lings­un­ter­künf­te neben Flücht­lin­gen nach den von der Klä­ge­rin abge­schlos­se­nen Ver­trä­gen auch Aus­sied­ler oder Spät­aus­sied­ler unter­ge­bracht gewe­sen sein soll­ten, die ‑anders als Flücht­lin­ge- nicht auf der Suche nach Schutz vor Ver­fol­gung oder sonst pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen aus ihrem Hei­mat­land nach Deutsch­land ein­ge­reist sind, son­dern als deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge oder deut­sche Volks­zu­ge­hö­ri­ge die Aus­sied­lungs­ge­bie­te im Wege des Auf­nah­me­ver­fah­rens ver­las­sen haben (vgl. § 1 Abs. 2 Nr. 3, § 4 des Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­set­zes), weist der Bun­des­fi­nanz­hof ergän­zend dar­auf hin, dass Aus­sied­ler oder Spät­aus­sied­ler in den Unter­künf­ten nur auf­ge­nom­men wer­den konn­ten, soweit dies erfor­der­lich war (vgl. § 4 Abs. 1 des Säch­si­schen Spät­aus­sied­ler­ein­glie­de­rungs­ge­set­zes; s.a. Lan­des­haupt­stadt H, Beschluss­drucks 3321/​2019 N1, S. 3). Zudem han­del­te es sich um eine ein­fa­che Unter­brin­gung, für die ledig­lich eine Wohn­flä­che von min­des­tens 5 bis 6 qm pro Per­son mit einer Grund­aus­stat­tung bestehend aus einer per­sön­li­chen Bett­stel­le, je einem Stuhl und Schrank pro Bewoh­ner sowie einem Tisch und grund­sätz­lich einem Kühl­schrank je Zim­mer vor­ge­se­hen war.

Nach den dar­ge­stell­ten Maß­stä­ben hat das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf auch hin­sicht­lich des Betriebs der … Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung (Land 1) eine Steu­er­frei­heit nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL zu Unrecht abgelehnt.

Auch inso­weit ist das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf in revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se davon aus­ge­gan­gen, dass das von der Klä­ge­rin erbrach­te Leis­tungs­bün­del eine ein­heit­li­che Leis­tung in Gestalt des Betriebs der Flücht­lings­un­ter­kunft dar­stellt. Zwar ist das Leis­tungs­spek­trum der Klä­ge­rin ‑anders als bei den übri­gen Flücht­lings­un­ter­künf­ten- auf bestimm­te Aspek­te des Betriebs der Unter­kunft redu­ziert, doch erbringt die Klä­ge­rin mit der Sozi­al­be­treu­ung und der Ver­pfle­gung sowie der Koor­di­na­ti­on und Über­wa­chung der wei­te­ren Dienst­leis­ter in den Berei­chen Haus­meis­ter­ser­vice, Rei­ni­gung und Sicher­heit auch inso­weit wesent­li­che Tei­le des Betriebs einer Flüchtlingsunterkunft.

Weiterlesen:
Umsatzsteuer in der Privatklinik

Der Betrieb der … Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des 1 stellt eine eng mit der Sozi­al­für­sor­ge ver­bun­de­ne uner­läss­li­che Dienst­leis­tung dar.

Auch im Fall der … Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des 1 sind die Betrei­ber­leis­tun­gen der Klä­ge­rin für die Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge uner­läss­lich (Art. 134 Buchst. a MwSt­Sys­tRL). Denn inso­weit über­nimmt die Klä­ge­rin mit der Ver­pfle­gung und sozia­len Betreu­ung sowie der Koor­di­na­ti­on und Über­wa­chung exter­ner Dienst­leis­ter eben­falls Tätig­kei­ten in einem der­art weit­rei­chen­den Umfang, dass der lau­fen­de Betrieb der Unter­kunft ohne sie nicht auf­recht­erhal­ten wer­den könn­te. Die­se Tätig­kei­ten gehen zudem mit der Sozi­al­be­treu­ung und der Ver­pfle­gung der Flücht­lin­ge über all­ge­mei­ne Geschäfts­füh­rungs- und Ver­wal­tungs­leis­tun­gen hinaus.

Auf eine geson­der­te Aner­ken­nung kommt es nicht an, weil die unter­neh­mer­be­zo­ge­ne Aner­ken­nung der Klä­ge­rin im Bereich der Flücht­lings­un­ter­künf­te auch für gleich­ar­ti­ge Leis­tun­gen in ande­ren Berei­chen wirkt.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat es schließ­lich zu Unrecht abge­lehnt, die Leis­tun­gen der Klä­ge­rin in Gestalt des Betriebs der Obdach­lo­sen­un­ter­kunft nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL als steu­er­frei zu behan­deln. Auch der Betrieb einer kom­mu­na­len Obdach­lo­sen­un­ter­kunft ist nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL steuerfrei.

Auch Obdach­lo­se sind nach den für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­tig, wes­halb der Betrieb der Obdach­lo­sen­un­ter­kunft ‑ent­spre­chend dem Betrieb von Flücht­lings­un­ter­künf­ten- eben­falls eine eng mit der Sozi­al­für­sor­ge ver­bun­de­ne uner­läss­li­che Dienst­leis­tung dar­stellt30.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Unter­brin­gung der Obdach­lo­sen in der Unter­kunft der Gefah­ren­ab­wehr dient. Denn die abzu­weh­ren­de Gefahr liegt gera­de in der bei Obdach­lo­sig­keit dro­hen­den Beein­träch­ti­gung von Leben und kör­per­li­cher Unver­sehrt­heit31, wes­halb sich auch die Gefah­ren­ab­wehr inso­weit im Kern als sozia­le Für­sor­ge darstellt.

Auch inso­weit ist die unter­neh­mer­be­zo­ge­ne Aner­ken­nung auf der Grund­la­ge von § 4 Nr. 16 Satz 2 UStG zu beja­hen. Im Übri­gen bestand auch an dem Betrieb der Obdach­lo­sen­un­ter­kunft durch die Klä­ge­rin ein erheb­li­ches Gemein­wohl­in­ter­es­se, weil Obdach­lo­se nicht anders als Flücht­lin­ge einen Anspruch auf ange­mes­se­ne Unter­kunft aus dem Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums haben (Art. 1 Abs. 1 GG i.V.m. dem Sozi­al­staats­prin­zip aus Art.20 Abs. 1 GG). Zudem folgt aus dem eben­falls grund­recht­lich geschütz­ten Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) ein Schutz­an­spruch der Betrof­fe­nen bei dro­hen­der unfrei­wil­li­ger Obdach­lo­sig­keit32. Im Übri­gen wur­den die Kos­ten auch inso­weit voll­stän­dig von der öffent­li­chen Hand vergütet.

Die Sache ist nicht spruchreif.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann über die Kla­ge nicht abschlie­ßend selbst ent­schei­den, weil es an hin­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zu den ‑neben der Über­las­sung der Gemein­schafts­un­ter­kunft X‑Straße in – C- als steu­er­frei erklär­ten Umsät­zen der Klä­ge­rin fehlt.

Ent­spre­chen­des gilt für die Umsät­ze der Klä­ge­rin im Zusam­men­hang mit der Abschie­be­haft­an­stalt G sowie der Auf­nah­me­ein­rich­tung des Lan­des B, die zur Hälf­te dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz unter­wor­fen wur­den, sowie für die als nicht steu­er­bar erklär­ten Umsät­ze der Klägerin.

Zudem feh­len Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt dazu, ob in den Unter­künf­ten, die von der Klä­ge­rin für die Stadt B und den Land­kreis A betrie­ben wur­den, ent­spre­chend der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Mög­lich­keit neben Flücht­lin­gen auch Aus­sied­ler oder Spät­aus­sied­ler unter­ge­bracht waren und ob die­se ggf. eben­falls wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­tig waren, was im Streit­fall zu beja­hen sei.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. März 2021 – V R 1/​19

  1. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 09.11.2018 – 1 K 3578/​15 U, EFG 2019, 1018[]
  2. vgl. hier­zu all­ge­mein BFH, Beschlüs­se vom 23.09.2014 – V B 37/​14, BFH/​NV 2015, 67, Rz 8; und vom 06.08.2010 – V B 65/​09, BFH/​NV 2010, 2111, Rz 13[]
  3. BT-Drs. 16/​11108, S. 37[]
  4. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 18.02.2016 – V R 46/​14, BFHE 253, 421, Rz 27; und vom 29.03.2017 – XI R 6/​16, BFHE 257, 471, Rz 26[]
  5. BFH, Urtei­le vom 18.08.2005 – V R 71/​03, BFHE 211, 543, BStBl II 2006, 143, Rz 45 f.; und vom 17.07.2019 – V R 27/​17, BFHE 266, 82, Rz 15; EuGH, Urteil Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo vom 26.05.2005 – C‑498/​03, EU:C:2005:322, Umsatz­steu­er-Rund­schau ‑UR- 2005, 453, Rz 34[]
  6. vgl. EuGH, Urteil Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo, EU:C:2005:322, UR 2005, 453, Rz 22, m.w.N.[]
  7. EuGH, Urteil Küg­ler vom 10.09.2002 – C‑141/​00, EU:C:2002:473, UR 2002, 513, Rz 44; s.a. EuGH, Urteil Zim­mer­mann vom 15.11.2012 – C‑174/​11, EU:C:2012:716, UR 2013, 35, Rz 23[]
  8. vgl. EuGH, Urtei­le Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo, EU:C:2005:322, UR 2005, 453, und Les Jardins de Jou­vence vom 21.01.2016 – C‑335/​14, EU:C:2016:36, UR 2016, 391, Rz 41 ff.[]
  9. EuGH, Urtei­le Küg­ler, EU:C:2002:473, UR 2002, 513, Rz 54 und 58, und Finanz­amt D vom 08.10.2020 – C‑657/​19, EU:C:2020:811, UR 2020, 871, Rz 43 f.; s.a. BFH, Urtei­le in BFHE 257, 471, Rz 29, und in BFHE 266, 82, Rz 26[]
  10. EuGH, Urteil Finanz­amt D, EU:C:2020:811, UR 2020, 871, Rz 34 ff.; vgl. auch EuGH, Urteil Hori­zon Col­le­ge vom 14.06.2007 – C‑434/​05, EU:C:2007:343, UR 2007, 587, Rz 31 f.; anders für den hier nicht vor­lie­gen­den Fall der Leis­tungs­er­brin­gung an einen ande­ren Unter­neh­mer, der die­se benö­tigt, um sei­ne eige­ne steu­er­be­frei­te Aus­gangs­leis­tung an Hilfs­be­dürf­ti­ge zu erbrin­gen, s. BFH, Urteil vom 01.12.2010 – XI R 46/​08, BFHE 232, 232, Rz 39[]
  11. FG Düs­sel­dorf, Urteil in EFG 2019, 1018, Rz 248 f.[]
  12. EU:C:2020:811, UR 2020, 871, Rz 34 ff.[]
  13. EuGH, Urtei­le Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo, EU:C:2005:322, UR 2005, 453, Rz 35 und 40, und Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, UR 2016, 391, Rz 39; BFH, Urtei­le in BFHE 266, 82, Rz 25; und vom 13.06.2018 – XI R 20/​16, BFHE 262, 220, Rz 53[]
  14. BFH, Urteil in BFHE 253, 421, Rz 36[]
  15. vgl. EuGH, Urteil Finanz­amt D, EU:C:2020:811, UR 2020, 871, Rz 44[]
  16. VwV Unter­brin­gung und sozia­le Betreu­ung vom 26.06.2009, Säch­si­sches Amts­blatt ‑Abl SN- 2009, 1154, geän­dert durch Ziff. XVII der Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 01.03.2012, Abl SN 2012, 336[]
  17. vgl. hier­zu all­ge­mein EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, UR 2016, 391, Rz 39[]
  18. BVerfG, Urteil vom 18.07.2012 – 1 BvL 10/​10, BVerfGE 132, 134, Rz 63[]
  19. vgl. EuGH, Urteil Zubair Haq­bin vom 12.11.2019 – C‑233/​18, EU:C:2019:956, Neue Zeit­schrift für Ver­wal­tungs­recht 2020, 456, Rz 46[]
  20. vgl. BMF, Schrei­ben vom 20.11.2014 – IV C 2‑S 2730/0–01, BStBl I 2014, 1613; und vom 09.02.2016 – III C 3‑S 7130/​15/​10001, BStBl I 2016, 223[]
  21. BFH, Urtei­le in BFHE 232, 232, Rz 30, und in BFHE 266, 82, Rz 18[]
  22. vgl. BT-Drs.19/13436, S. 147[]
  23. s. hier­zu EuGH, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts Jääs­ki­nen vom 11.02.2010 – C‑492/​08, EU:C:2010:72, Rz 69[]
  24. vgl. EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, UR 2016, 391, Rz 42 ff.[]
  25. vgl. BT-Drs. 12/​2062, S. 1, 25 ff., 34; BVerfG, Beschluss vom 20.09.1983 – 2 BvR 1445/​83, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift ‑NJW- 1984, 558; BVerwG, Urteil vom 05.06.1984 – 9 C 9/​84, BVerw­GE 69, 295, Rz 30[]
  26. BSG, Urteil vom 25.10.2018 – B 7 AY 2/​18 R, Sozi­al­recht 4–1200 § 44 Nr. 8, Rz 19[]
  27. vgl. all­ge­mein EuGH, Urteil Bro­ckenhurst Col­le­ge vom 04.05.2017 – C‑699/​15, EU:C:2017:344, UR 2017, 435, Rz 28 zu Unter­richts­leis­tun­gen[]
  28. vgl. hier­zu BFH, Urtei­le vom 07.12.2016 – XI R 5/​15, BFHE 256, 550, Rz 24; und vom 23.07.2009 – V R 93/​07, BFHE 226, 435, BStBl II 2015, 735, unter II. 4.a[]
  29. vgl. all­ge­mein BFH, Urteil in BFHE 226, 435, BStBl II 2015, 735, unter II. 4.b[]
  30. s. all­ge­mein BT-Drs.19/13436, S. 147; vgl. auch BFH, Urtei­le vom 07.11.1996 – V R 34/​96, BFHE 181, 532, BStBl II 1997, 366, unter II. 2.c; in BFHE 226, 435, BStBl II 2015, 735, unter II. 3.b sowie II. 4.a; und vom 15.09.2011 – V R 16/​11, BFHE 235, 521, Rz 15, jeweils zu § 4 Nr. 18 UStG[]
  31. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 14.12.2009 – 11 ME 316/​09, NJW 2010, 1094, 1095, m.w.N.[]
  32. vgl. Nds. OVG, Beschluss in NJW 2010, 1094, 1095, m.w.N.[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Umsatzsteuerbefreiung von notärztlichen Bereitschaftsdiensten
  • Flücht­ling im Ham­bur­ger Hafen: fsHH