Förm­li­che Zustel­lun­gen – und die Umsatz­steu­er

Die Durch­füh­rung von Post­zu­stel­lungs­auf­trä­gen zählt nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­t­tem­berg nicht zu den sog. Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen und ist damit nicht nach euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben von der Umsatz­steu­er befreit.

Förm­li­che Zustel­lun­gen – und die Umsatz­steu­er

Vor dem Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg geklagt hat­te der Insol­venz­ver­wal­ter über das Ver­mö­gen eines Hol­ding­un­ter­neh­mens, das durch ver­schie­de­ne Organ­ge­sell­schaf­ten Post­zu­stel­lungs­auf­trä­ge im gesam­ten Bun­des­ge­biet aus­ge­führt und sich dafür eines bun­des­weit struk­tu­rier­ten Zustell­net­zes bedient hat­te. Das Unter­neh­men hat­te die Durch­füh­rung die­ser förm­li­chen Zustel­lun­gen – die im Auf­trag von Behör­den und Gerich­ten erfolgt waren und zum Nach­weis des Zugangs der von ihnen ver­sand­ten Schrift­stü­cke bestimmt waren – als umsatz­steu­er­frei ange­se­hen. Das Finanz­amt hat­te dies anders gese­hen und die Umsatz­steu­er im Anschluss an eine Außen­prü­fung nach­ge­for­dert.

Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg hat sich jedoch der Auf­fas­sung des Finanz­amts ange­schlos­sen: Als nach natio­na­lem deut­schen Umsatz­steu­er­recht steu­er­frei hat er nur die unmit­tel­bar dem Post­we­sen die­nen­den Umsät­ze der Deut­schen Post AG ange­se­hen. Die Hol­ding konn­te sich nach Ansicht des Finanz­ge­richts auch nicht auf vor­ran­gig anzu­wen­den­des Euro­pa­recht beru­fen, weil die von ihr erbrach­ten förm­li­chen Zustel­lun­gen nicht zu den Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen zähl­ten. In der Sys­te­ma­tik des Post­ge­set­zes wer­de – so das Finanz­ge­richt – näm­lich zwi­schen „Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen“ einer­seits und „Förm­li­chen Zustel­lun­gen nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten“ ande­rer­seits unter­schie­den. Auch euro­pa­recht­lich wer­de in der sog. Post-Richt­li­nie ledig­lich ein Min­dest­maß an Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen defi­niert und der Post­zu­stel­lungs­auf­trag nicht erwähnt. Von der Uni­ver­sal­dienst­leis­tung der Ein­schreib­sen­dung unter­schei­de sich der Post­zu­stel­lungs­auf­trag in wesent­li­chen Punk­ten, da er den Cha­rak­ter eines Hoheits­akts habe, bei dem die Beför­de­rung nur eines von meh­re­ren Dienst­leis­tungs­ele­men­ten dar­stel­le, und da er gera­de nicht der All­ge­mein­heit, son­dern nur – im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge – Behör­den und Gerich­ten zur Ver­fü­gung ste­he.

Die Umsatz aus den Post­zu­stel­lauf­trä­gen fal­len nicht unter die Steu­er­be­frei­ungs­vor­schrift des § 4 Nr. 11b UStG a.F., da nach die­ser Norm nur die unmit­tel­bar dem Post­we­sen die­nen­den Umsät­ze der Deut­schen Post AG steu­er­frei sind.

Der Unter­neh­mer kann sich auch nicht unmit­tel­bar auf Art 132 Abs. 1 Buchst. a MwSt­Sys­tRL beru­fen, da S nicht als öffent­li­che Post­ein­rich­tung im Sin­ne der MwSt­Sys­tRL anzu­se­hen ist, denn die von ihr erbrach­ten förm­li­chen Zustel­lun­gen zäh­len nicht zu den Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen.

Nach Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL befrei­en die Mit­glieds­staa­ten die von öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen und dazu­ge­hö­ri­ge Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den mit Aus­nah­me von Per­so­nen­be­för­de­rungs- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen von der USt.

Öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen sind öffent­lich oder pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te Betrei­ber, die sich ver­pflich­ten, in einem Mit­glied­staat den gesam­ten Uni­ver­sal­post­dienst, wie er in Art. 3 der Post-RL gere­gelt ist, oder einen Teil davon zu gewähr­leis­ten [1]. Gemäß der Über­schrift von Titel – IX Kapi­tel 2 MwSt­Sys­tRL bezweckt die Steu­er­be­frei­ung in Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL die För­de­rung bestimm­ter dem Gemein­wohl die­nen­der Tätig­kei­ten. Die­ser all­ge­mei­ne Zweck mün­det im Post­be­reich in den spe­zi­fi­sche­ren Zweck ein, pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen, die den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung ent­spre­chen, zu ermä­ßig­ten Kos­ten anzu­bie­ten [2]. Ein sol­cher Zweck stimmt im Kern mit dem ver­folg­ten Zweck der Post-RL, einen Uni­ver­sal­post­dienst anzu­bie­ten, über­ein. Nach Art. 3 Abs. 1 der Post-RL ent­spricht ein sol­cher Dienst dem flä­chen­de­cken­den Ange­bot pos­ta­li­scher Dienst­leis­tun­gen einer bestimm­ten Qua­li­tät zu trag­ba­ren Prei­sen für alle Nut­zer [3]. Unbe­scha­det des­sen, dass die Post-RL kei­ne Grund­la­ge für die Aus­le­gung von Art. 132 der MwSt­Sys­tRL bil­den kann, stellt die Post-RL den­noch einen zweck­dien­li­chen Anhalts­punkt für die Aus­le­gung zum Zwe­cke der Umsatz­steu­er­frei­heit dar [4].

Nach Art. 3 Abs. 1 der Post-RL stel­len die Mit­glied­staa­ten sicher, dass den Nut­zern ein Uni­ver­sal­dienst zur Ver­fü­gung steht, der stän­dig flä­chen­de­ckend pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen einer bestimm­ten Qua­li­tät zu trag­ba­ren Prei­sen für alle Nut­zer bie­tet. Nach Art. 3 Abs. 4 der Post-RL erlässt jeder Mit­glied­staat die erfor­der­li­chen Maß­nah­men, damit der Uni­ver­sal­dienst min­des­tens fol­gen­des Ange­bot umfasst:

  • Abho­lung, Sor­tie­ren, Trans­port und Zustel­lung von Post­sen­dun­gen bis 2 kg;
  • Abho­lung, Sor­tie­ren, Trans­port und Zustel­lung von Post­pa­ke­ten bis 10 kg;
  • die Diens­te für Ein­schreib- und Wert­sen­dun­gen.
  • Der Umset­zung der Post-RL die­nen dar­über hin­aus wei­te­re natio­na­le Rege­lun­gen. Nach § 11 Abs. 1 Sät­ze 1 bis 3 PostG zählt zu Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen ein Min­destan­ge­bot an Post­dienst­leis­tun­gen nach § 4 Nr. 1 PostG, die flä­chen­de­ckend in einer bestimm­ten Qua­li­tät und zu einem erschwing­li­chen Preis erbracht wer­den. Der Uni­ver­sal­dienst ist auf lizenz­pflich­ti­ge Post­dienst­leis­tun­gen und Post­dienst­leis­tun­gen, die zumin­dest in Tei­len beför­de­rungs­tech­nisch mit lizenz­pflich­ti­gen Post­dienst­leis­tun­gen erbracht wer­den kön­nen, beschränkt. Er umfasst nur sol­che Dienst­leis­tun­gen, die all­ge­mein als unab­ding­bar ange­se­hen wer­den.

    Nach § 11 Abs. 2 Satz 1 PostG wird die Bun­des­re­gie­rung ermäch­tigt, durch Rechts­ver­ord­nung, die der Zustim­mung des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes bedarf, nach Maß­ga­be des Absat­zes 1 Inhalt und Umfang des Uni­ver­sal­diens­tes fest­zu­le­gen. Hier­von hat die Bun­des­re­gie­rung Gebraucht gemacht und mit § 1 Abs. 1 PUDLV vom 15.12 1999 [5] als Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen fol­gen­de Post­dienst­leis­tun­gen bestimmt:

  1. die Beför­de­rung von Brief­sen­dun­gen im Sin­ne des § 4 Nr. 2 des Geset­zes, sofern deren Gewicht 2.000 Gramm und deren Maße die im Welt­post­ver­trag und den ent­spre­chen­den Voll­zugs­ver­ord­nun­gen fest­ge­leg­ten Maße nicht über­schrei­ten,
  2. die Beför­de­rung von adres­sier­ten Pake­ten, deren Ein­zel­ge­wicht 20 Kilo­gramm nicht über­steigt und deren Maße die im Welt­post­ver­trag und den ent­spre­chen­den Voll­zugs­ver­ord­nun­gen fest­ge­leg­ten Maße nicht über­schrei­ten,
  3. die Beför­de­rung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten im Sin­ne des § 4 Nr. 1 Buch­sta­be c des Geset­zes. Hier­zu zäh­len peri­odisch erschei­nen­de Druck­schrif­ten, die zu dem Zwe­cke her­aus­ge­ge­ben wer­den, die Öffent­lich­keit über Tages­er­eig­nis­se, Zeit- oder Fach­fra­gen durch pres­se­üb­li­che Bericht­erstat­tung zu unter­rich­ten.

Nach § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV umfasst die Brief­be­för­de­rung auch die Sen­dungs­form Ein­schreib­sen­dung.

Zwar ver­fü­gen im hier ent­schie­de­nen Fall die Hol­ding bzw. ihre Organ­ge­sell­schaf­ten über ein bun­des­weit struk­tu­rier­tes Zustell­netz. Alle gemäß § 5 PostG erteil­ten Lizen­zen zur gewerbs­mä­ßi­gen Beför­de­rung von Brief­sen­dun­gen sind bun­des­weit gül­tig. Die Gesell­schaf­ten des Organ­krei­ses über­schrei­ten außer­dem den in § 12 Abs. 1 PostG genann­ten Jah­res­um­satz. Sie sind damit gemäß § 13 Abs. 2 PostG grund­sätz­lich ver­pflich­tet, auf Anfor­de­rung der Bun­des­netz­agen­tur bun­des­weit Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen.

Aller­dings han­delt es sich bei der förm­li­chen Zustel­lung nicht um eine Uni­ver­sal­dienst­leis­tung i.S. von Art 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL.

Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag ist weder nach den vom deut­schen Gesetz­ge­ber geschaf­fe­nen Rege­lun­gen noch nach der Post-RL Teil der Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen.

In der Sys­te­ma­tik des PostG wird unter­schie­den zwi­schen „Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen“, gere­gelt in Abschnitt 3 des PostG, und „Förm­li­che Zustel­lung nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten“, nor­miert in Abschnitt 7 des PostG. Der Uni­ver­sal­dienst ist nach § 11 Abs. 1 PostG in Ver­bin­dung mit § 4 Nr. 1 PostG auf lizenz­pflich­ti­ge Post­dienst­leis­tun­gen und Post­dienst­leis­tun­gen, die zumin­dest in Tei­len beför­de­rungs­tech­nisch mit lizenz­pflich­ti­gen Leis­tun­gen erbracht wer­den kön­nen, beschränkt und umfasst nur sol­che Dienst­leis­tun­gen, die all­ge­mein als unab­ding­bar ange­se­hen wer­den.

In § 1 Abs. 1, Abs. 2 PUDLV wer­den Inhalt und Umfang des Post-Uni­ver­sal­diens­tes genau­er gere­gelt und in die­sem Zusam­men­hang die Post­dienst­leis­tun­gen, bei denen es sich nach natio­na­lem Recht um Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen han­delt, kon­kret auf­ge­führt. Förm­li­che Zustel­lun­gen wer­den nicht auf­ge­führt, so dass die­se nach natio­na­lem Post­recht nicht zu den Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen gehö­ren [6].

Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag wird auch in Art 3 Abs. 4 der Post-RL nicht aus­drück­lich erwähnt. Dort wird ledig­lich ein Min­dest­maß an Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen defi­niert. Über die auf­ge­führ­ten Post­dienst­leis­tun­gen hin­aus steht es den Mit­glied­staa­ten frei, dem Uni­ver­sal­dienst wei­te­re Post­dienst­leis­tun­gen zuzu­ord­nen.

Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag ist auch nicht von der Defi­ni­ti­on der Ein­schreib­sen­dung umfasst.

Nach § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV ist Ein­schreib­sen­dung eine Brief­sen­dung, die pau­schal gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung ver­si­chert ist und gegen Emp­fangs­be­stä­ti­gung aus­ge­hän­digt wird. Im Ver­gleich hier­zu feh­len der Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de wesent­li­che Ele­men­te, da bei der förm­li­chen Zustel­lung gera­de kei­ne Ver­si­che­rung gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung erfolgt. Eine sol­che ist weder nach § 35 PostG vor­ge­se­hen – dort ist nur eine Scha­den­er­satz­pflicht nach den Vor­schrif­ten über die Scha­den­er­satz­pflicht eines öffent­lich-recht­li­chen Dienst­herrn für sei­ne Bediens­te­ten im hoheit­li­chen Bereich gere­gelt – noch aus den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der S ersicht­lich. Dane­ben umfasst der Post­zu­stel­lungs­auf­trag über die o.g. Defi­ni­ti­on hin­aus­ge­hen­de wei­te­re nicht unwe­sent­li­che Dienst­ele­men­te im Rah­men der Beur­kun­dung der Über­ga­be, der Ersatz­zu­stel­lung oder der Nie­der­le­gung, die sonst kei­ne ande­re Post­dienst­leis­tung auf­weist [7]. Der aus­füh­ren­de Unter­neh­mer ist mit Hoheits­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te­ter Belie­he­ner (§ 33 Abs. 1 S. 2 PostG). Die Zustel­lungs­ur­kun­de ist, anders als die Emp­fangs­be­stä­ti­gung bei der Ein­schreib­sen­dung, eine öffent­li­che Urkun­de (§ 418 ZPO). Folg­lich kön­nen sich auch nur Behör­den und Gerich­te der förm­li­chen Zustel­lung bedie­nen. Eine Pri­vat­per­son kann kei­nen Post­zu­stel­lungs­auf­trag ertei­len, sie muss sich eines Gerichts­voll­zie­hers bedie­nen (§§ 191 f. ZPO). Daher bedarf es auch kei­ner aus­rei­chen­den Anzahl fes­ter Zugangs­punk­te und zufrie­den­stel­len­der Bedin­gun­gen hin­sicht­lich der Häu­fig­keit der Abho­lung und Zustel­lung [8]. Auch die Sicher­stel­lung trag­ba­rer Prei­se für die Ver­brau­cher ist bedeu­tungs­los [9]. Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag ist damit eine von den Post­dienst­leis­tun­gen nach § 4 Nr. 1 PostG unab­hän­gi­ge Brief­sen­dung, die den Cha­rak­ter eines Hoheits­akts hat, wobei der Dienst­leis­ter bei der Leis­tungs­er­brin­gung mit Hoheits­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­tet ist und bei der die Beför­de­rung nur eines von meh­re­ren Dienst­leis­tungs­ele­men­ten dar­stellt [10].

Auch bei sys­te­ma­ti­scher Aus­le­gung ist eine Dif­fe­ren­zie­rung von Post­dienst­leis­tun­gen und dem Post­zu­stel­lungs­auf­trag zu erken­nen. Das Min­destan­ge­bot an Post­dienst­leis­tun­gen ist in §§ 4 Nr. 1, 11 PostG i.V.m. § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV gere­gelt. Dabei steht § 11 PostG im Abschnitt 3 mit der Über­schrift „Uni­ver­sal­dienst“ und § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV ist eben­falls mit „Uni­ver­sal­dienst“ über­schrie­ben. Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag fin­det sich hin­ge­gen in § 33 PostG im Abschnitt 7 mit der Über­schrift „Förm­li­che Zustel­lung nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten“.

Gegen eine Zuord­nung des Post­zu­stel­lungs­auf­trags als Ein­schreib­sen­dung spricht auch, dass der Post­zu­stel­lungs­auf­trag sys­te­ma­tisch nicht zu den ori­gi­nä­ren Dienst­leis­tun­gen des Post­we­sens gehört und nur aus Grün­den der Effek­ti­vi­tät im Bereich der Post­dienst­leis­tun­gen ver­or­tet wor­den ist. Die förm­li­che Zustel­lung ist not­wen­di­ger Bestand­teil einer ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­wal­tung und Rechts­pfle­ge und dient der Sicher­stel­lung der Ver­sor­gung der Behör­den und Gerich­te mit einem geeig­ne­ten Zustel­lungs­mit­tel [11].

Da sich, wie oben dar­ge­legt, die Dienst­leis­tun­gen Ein­schreib­sen­dung und Post­zu­stel­lungs­auf­trag in wesent­li­chen Punk­ten unter­schei­den, liegt in deren Ungleich­be­hand­lung auch kein Ver­stoß gegen Art 3 GG.

Nach Art 2 Nr. 9 Post-RL ist Ein­schreib­sen­dung eine Post­sen­dung, die durch den Dienst­an­bie­ter pau­schal gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung ver­si­chert wird und bei der dem Absen­der, gege­be­nen­falls auf sein Ver­lan­gen, eine Bestä­ti­gung über die Ent­ge­gen­nah­me der Sen­dung und/​oder ihre Aus­hän­di­gung an den Emp­fän­ger erteilt wird. Auch nach die­ser Defi­ni­ti­on feh­len der Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de einer­seits – wie nach deut­schem Post­recht – wesent­li­che Ele­men­te und ande­rer­seits umfasst der Post­zu­stel­lungs­auf­trag dar­über hin­aus­ge­hen­de Dienst­leis­tungs­ele­men­te. Aus den bereits zum deut­schen Post­recht aus­ge­führ­ten Grün­den ist der Post­zu­stel­lungs­auf­trag nicht von der Defi­ni­ti­on der Ein­schreib­sen­dung nach Art 2 Nr. 9 Post-RL umfasst.

Die­se Ansicht wird auch bestä­tigt durch die Rege­lung in Art 8 der Post-RL, in der den Mit­glied­staa­ten inso­weit gestat­tet wird, einen Post­zu­stel­lungs­auf­trag abwei­chend von Art 2 Nr. 9 Post-RL dem Uni­ver­sal­dienst bewusst zuzu­ord­nen. Von die­ser fakul­ta­ti­ven Mög­lich­keit hat bei­spiels­wei­se der öster­rei­chi­sche Gesetz­ge­ber Gebrauch gemacht, indem er in § 7 Abs. 1 des öster­rei­chi­schen Post­ge­set­zes die Zustel­lung behörd­li­cher Schrift­stü­cke aus­drück­lich dem Uni­ver­sal­dienst zuord­net. Da der Post­zu­stel­lungs­auf­trag aber nicht jeder­mann offen­steht und der deut­sche Gesetz­ge­ber von der Mög­lich­keit des Art 8 Post-RL kei­nen Gebrauch gemacht hat – weder aus­drück­lich noch durch die sys­te­ma­ti­sche Stel­lung der Rege­lung, kann der Post­zu­stel­lungs­auf­trag nicht als Ein­schreib­sen­dung ange­se­hen wer­den [12].

Zwar fin­den sich in der Post-RL statt der ursprüng­li­chen Rege­lung zur „Har­mo­ni­sie­rung der reser­vier­ba­ren Diens­te“ in Kapi­tel 3 nun­mehr Vor­ga­ben zur „Finan­zie­rung der Uni­ver­sal­diens­te“, wonach für die Ein­rich­tung und Erbrin­gung von Post­diens­ten grund­sätz­lich kei­ne aus­schließ­li­chen oder beson­de­ren Rech­te mehr gewährt wer­den sol­len (vgl. Art. 7 Abs. 1 der Post-RL in der Fas­sung vom 20.02.2008). Nach wie vor fin­det sich in Art. 8 der Post-RL eine Rege­lung, wonach die Mit­glied­staa­ten beson­de­re Rege­lun­gen tref­fen kön­nen für den Dienst, der Zustel­lun­gen im Rah­men von Gerichts- und Ver­wal­tungs­ver­fah­ren aus­führt. Aus die­ser Ände­rung folgt jedoch nicht, dass auch der Post­zu­stel­lungs­auf­trag als Teil des Uni­ver­sal­diens­tes im Sin­ne von Art. 3 der Post-RL ange­se­hen wird [13].

Aus Art 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL ergibt sich nicht, dass die förm­li­che Zustel­lung allein wegen Aspek­ten des Gemein­wohls umsatz­steu­er­lich begüns­tigt wer­den müss­te.

Wie Kapi­tel 2 zeigt, zu dem Art 132 gehört, ist mit den dort vor­ge­se­he­nen Steu­er­be­frei­un­gen die För­de­rung bestimm­ter dem Gemein­wohl die­nen­der Tätig­kei­ten bezweckt. Den genann­ten Leis­tun­gen ist gemein­sam, dass sie ele­men­ta­re Lebens­be­dürf­nis­se der Bevöl­ke­rung befrie­di­gen und häu­fig von öffent­li­chen, nicht auf Gewinn­erzie­lung aus­ge­rich­te­ten Ein­rich­tun­gen erbracht wer­den. Zu den ele­men­ta­ren Bedürf­nis­sen zählt auch die Ver­sor­gung mit Post­diens­ten. Die­se unent­behr­li­chen Leis­tun­gen sol­len der All­ge­mein­heit kos­ten­güns­tig und ohne Auf­schlag von Mehr­wert­steu­er ange­bo­ten wer­den. Aus Art 132 Abs. 1 Buchst. a MwSt­Sys­tRL kann jedoch nicht her­ge­lei­tet wer­den, dass alle Dienst­leis­tun­gen und die dazu­ge­hö­ri­gen Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den, die von den öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen aus­ge­führt wer­den und die nicht, wie die Per­so­nen­be­för­de­rungs- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen, aus­drück­lich vom Anwen­dungs­be­reich die­ser Bestim­mung aus­ge­schlos­sen sind, unab­hän­gig von ihrer Natur von der Steu­er­pflicht befreit sind [14]. Wegen ihres Aus­nah­me­cha­rak­ters sind die Befrei­ungs­tat­be­stän­de eng aus­zu­le­gen, da die Steu­er­be­frei­ung eine Aus­nah­me von dem Grund­satz dar­stellt, wonach jede Dienst­leis­tung, die ein Steu­er­pflich­ti­ger gegen Ent­gelt erbringt, der Mehr­wert­steu­er unter­liegt. Dar­aus folgt aller­dings nicht, dass die zur Defi­ni­ti­on der Steu­er­be­frei­ung ver­wen­de­ten Begrif­fe in einer Wei­se aus­zu­le­gen sind, die den Befrei­un­gen ihre Wir­kung nimmt.

Nach der Aus­le­gung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on führt die Gemein­wohl­ver­pflich­tung zu dem Zweck der pos­ta­li­schen Befrei­ungs­re­ge­lung dazu, dass die­je­ni­gen Post­dienst­leis­tun­gen, die den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung ent­spre­chen, zu ermä­ßig­ten Kos­ten ange­bo­ten wer­den kön­nen. Inso­weit kommt es nicht auf eine all­ge­mei­ne För­de­rung des Gemein­wohls an, son­dern auf die spe­zi­fi­sche Zweck­rich­tung der Norm. Die Grund­be­dürf­nis­se der Bevöl­ke­rung wer­den durch den Uni­ver­sal­dienst sicher­ge­stellt, der sich an den durch­schnitt­li­chen Nach­fra­ger rich­tet [15]. Merk­mal des pos­ta­li­schen Schutz­be­rei­ches ist in der Regel die Gewähr­leis­tung eines Mini­mums von uni­ver­sel­len Diens­ten an einem bestimm­ten Zugangs­punkt auch in länd­li­chen und abge­le­ge­nen Regio­nen zu ermä­ßig­ten Kos­ten [14]. Hier­zu wird auch nach dem Sinn der Post-RL auf die Anfor­de­run­gen aller Nut­zer, ins­be­son­de­re der Ver­brau­cher bzw. Pri­vat­kun­den sowie klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men, abge­stellt [16]. Die Dienst­leis­tung „Post­zu­stel­lungs­auf­trag“ ist nicht für jeder­mann zugäng­lich. Ein Nut­zen für die Bevöl­ke­rung zeigt sich ledig­lich mit­tel­bar in Form einer effek­tiv funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge. Dies genügt jedoch nicht, um im Hin­blick auf die Daseins­vor­sor­ge eine USt-Befrei­ung zu recht­fer­ti­gen. Es liegt eine all­ge­mei­ne För­de­rung des Gemein­wohls, jedoch kei­ne der Zweck­rich­tung der Richt­li­nie – den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung – ent­spre­chen­de För­de­rung des Gemein­wohls vor. Die Grund­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen wäre im Übri­gen auch nicht zwin­gend beein­träch­tigt, wenn Behör­den und Gerich­te nicht mehr mit­tels Post­zu­stel­lungs­auf­trag zustel­len wür­den, da eine Zustel­lung grund­sätz­lich auch mit­tels ein­ge­schrie­be­nen Briefs bewirkt wer­den kann [17].

Der Uni­ver­sal­dienst rich­tet sich nach Art 3 Abs. 1 der Post-RL an alle Nut­zer, um die­sen einen leich­ten Zugang zum Post­netz zu ermög­li­chen. Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag steht aber gera­de nicht der All­ge­mein­heit, son­dern vor allem Behör­den und Gerich­ten zur Ver­fü­gung. Inso­weit erklärt sich auch das Vor­ge­hen in Art 8 der Post-RL, das es den Mit­glied­staa­ten erlaubt, Son­der­re­ge­lun­gen für die Zustel­lung von Ein­schreib­sen­dun­gen im Rah­men von Gerichts- oder Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zu tref­fen, um somit einen Dienst, der nicht allen Nut­zern ange­bo­ten wird und somit grund­sätz­lich nicht unter den Uni­ver­sal­dienst fal­len wür­de, die­sem den­noch zuzu­rech­nen [12].

Es kann dahin­ste­hen, ob § 4 Nr. 11b UStG a.F. gegen Art 4, 98, 10 Abs. 2, 12, 90–93 sowie gegen Art 87, 88 EG ver­stößt. Die­sen Ein­wand könn­te der Unter­neh­mer allen­falls im Rah­men einer Kon­kur­ren­ten­kla­ge gegen die Deut­sche Post gel­tend machen mit dem Ziel, die­ser eben­so die Steu­er­frei­heit der von ihr erbrach­ten Umsät­ze aus förm­li­cher Zustel­lung zu ver­sa­gen.

Finanz­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg – Urti­el vom 17. August 2015 – – 9 K 403/​12

  1. EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 36[]
  2. EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 33[]
  3. EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 34[]
  4. EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 35[]
  5. BGBl I 1999, 2418[]
  6. so auch FG Köln, Urteil vom 11.03.2015 – 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469; Jacobs, UR 2012, 621; aA von Streit in Rau/​Dürrwächter, UStG, § 4 Nr. 11b, Rn 514 ff.[]
  7. Jacobs, UR 2012, 621; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469[]
  8. Erwä­gungs­grund 12 S. 1 Post-RL[]
  9. Erwä­gungs­grund 11 Post-RL[]
  10. so auch FG Köln, Urteil vom 11.03.2015 – 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469; Jacobs, UR 2012, 621; a.A. LG Ham­burg, Urteil vom 16.09.2010 – 327 O 507/​10, GRUR-RR- 2011, 76[]
  11. sie­he dazu näher: Jacobs UR 2012, 621[]
  12. Jacobs, UR 2012, 621[][]
  13. Urteil des Finanz­ge­richt Köln vom 11.03.2015 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686[]
  14. EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348[][]
  15. Jacobs UR 2012, 621[]
  16. Erwä­gungs­grund 20, Art 12 Post-RL[]
  17. so auch Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 11.03.2015 – 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469; a.A. LG Ham­burg, Urteil vom 16.09.2010 – 327 O 507/​10, GRUR-RR- 2011, 76[]