Gesund­heits­we­sen – und die Gleich­be­hand­lung bei der Umsatz­steu­er

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet zur Klä­rung der Rechts­fra­ge, wel­che Bedeu­tung dem in Art.20 der EU-Grund­rech­te­char­ta (EUGrdRCh) ver­an­ker­ten Gleich­hand­lungs­grund­satz bei der Lie­fe­rung von Arz­nei­mit­teln im Umsatz­steu­er­recht zukommt.

Gesund­heits­we­sen – und die Gleich­be­hand­lung bei der Umsatz­steu­er

Dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wird fol­gen­de Rechts­fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

Ist ein phar­ma­zeu­ti­scher Unter­neh­mer, der Arz­nei­mit­tel lie­fert, auf Grund­la­ge der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 1 und unter Berück­sich­ti­gung des uni­ons­recht­li­chen Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung zu einer Min­de­rung der Bemes­sungs­grund­la­ge nach Art. 90 der Richt­li­nie des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem 2006/​112/​EG (MwSys­tRL) berech­tigt, wenn

  • er die­se Arz­nei­mit­tel über Groß­händ­ler an Apo­the­ken lie­fert,
  • die Apo­the­ken steu­er­pflich­tig an pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­te lie­fern,
  • der Ver­si­che­rer der Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung (das Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung) sei­nen Ver­si­cher­ten die Kos­ten für den Bezug der Arz­nei­mit­tel erstat­tet und
  • der phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­mer auf­grund einer gesetz­li­chen Rege­lung zur Zah­lung eines "Abschlags" an das Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ver­pflich­tet ist?

Im Streit­fall geht es um die umsatz­steu­er­recht­li­che Behand­lung von Preis­ab­schlä­gen, die phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­men auf­grund gesetz­li­cher Vor­ga­ben gewäh­ren müs­sen. Umsatz­steu­er­recht­lich wird bis­lang danach unter­schie­den, ob der Preis­ab­schlag zuguns­ten einer gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se oder zuguns­ten eines Unter­neh­mens der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung gewährt wird.

Gesetz­li­che Kran­ken­kas­sen wie auch Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung haben zur Dämp­fung ihrer Kos­ten Anspruch auf Preis­ab­schlä­ge auf Arz­nei­mit­tel, die die phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­men tra­gen müs­sen. Dies ergibt sich für die Kran­ken­kas­sen aus dem Fünf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch, für Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung aus einem beson­de­ren Arz­nei­mit­tel­ra­batt­ge­setz. Die Abschlä­ge sind gleich hoch, wer­den aller­dings in unter­schied­li­cher Wei­se gewährt. Bei der Abga­be von Arz­nei­mit­tel an Ver­si­cher­te einer gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se stellt die Apo­the­ke der Kran­ken­kas­se einen ent­spre­chend ver­min­der­ten Preis in Rech­nung. Die­sen Abschlag erstat­tet ihr – ggf. über den Groß­händ­ler – das phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­men. Pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­te zah­len für Arz­nei­mit­tel den vol­len Preis und erhal­ten von ihrem Ver­si­che­rer vol­len Kos­ten­er­satz. Das Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung hat dann gegen den phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mer einen Anspruch auf Zah­lung des Abschlags.

Zwar min­dern die Abschlä­ge zuguns­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen die Bemes­sungs­grund­la­ge für die umsatz­steu­er­recht­li­chen Arz­nei­mit­tel­lie­fe­run­gen. Denn hier liegt auf­grund des sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sach­leis­tungs­prin­zips eine Umsatz­ket­te vom phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­men bis zur gesetz­li­chen Kran­ken­kas­se vor. Anders ist es aber nach bis­he­ri­ger Beur­tei­lung bei den Abschlä­gen zuguns­ten von Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung, da die Umsatz­ket­te bei dem pri­vat Ver­si­cher­ten endet, der von sei­ner Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ledig­lich eine Kos­ten­er­stat­tung erhält.

Nach Art.20 EUGrdRCh sind alle Per­so­nen vor dem Gesetz gleich. Ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te dür­fen nicht unter­schied­lich und unter­schied­li­che Sach­ver­hal­te nicht gleich behan­delt wer­den, es sei denn, dass eine sol­che Behand­lung objek­tiv gerecht­fer­tigt ist. Der BFH sieht indes für eine abwei­chen­de umsatz­steu­er­recht­li­che Behand­lung der Abschlä­ge im Bereich der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und im Bereich der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung kei­ne objek­ti­ve Recht­fer­ti­gung. Die Beur­tei­lung die­ser das euro­päi­sche Mehr­wert­steu­er­recht betref­fen­den Rechts­fra­ge obliegt nun dem Uni­ons­ge­richts­hof.

Recht­li­cher Rah­men – Uni­ons­recht[↑]

Die Steu­er­be­mes­sungs­grund­la­ge bei der Lie­fe­rung von Gegen­stän­den und Dienst­leis­tun­gen, die nicht unter die Art. 74 bis 77 der Richt­li­nie des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem 2006/​112/​EG (MwSt­Sys­tRL) fal­len, umfasst alles, was den Wert der Gegen­leis­tung bil­det, die der Lie­fe­rer oder Dienst­leis­ten­de für die­se Umsät­ze vom Erwer­ber oder Dienst­leis­tungs­emp­fän­ger oder von einem Drit­ten erhält oder erhal­ten soll, ein­schließ­lich der unmit­tel­bar mit dem Preis die­ser Umsät­ze zusam­men­hän­gen­den Sub­ven­tio­nen (Art. 73 MwSt­Sys­tRL).

Im Fal­le der Annul­lie­rung, der Rück­gän­gig­ma­chung, der Auf­lö­sung, der voll­stän­di­gen oder teil­wei­sen Nicht­be­zah­lung oder des Preis­nach­las­ses nach der Bewir­kung des Umsat­zes wird die Besteue­rungs­grund­la­ge (Steu­er­be­mes­sungs­grund­la­ge) unter von den Mit­glied­staa­ten fest­ge­leg­ten Bedin­gun­gen ent­spre­chend ver­min­dert (Art. 90 Abs. 1 MwSt­Sys­tRL).

Recht­li­cher Rah­men – Deut­sches Umsatz­steu­er­recht[↑]

Ent­gelt ist alles, was der Leis­tungs­emp­fän­ger auf­wen­det, um die Leis­tung zu erhal­ten, jedoch abzüg­lich der Umsatz­steu­er (§ 10 Abs. 1 Satz 2 UStG).

Ändert sich die Bemes­sungs­grund­la­ge für einen steu­er­pflich­ti­gen Umsatz, hat der Unter­neh­mer, der den Umsatz aus­ge­führt hat, den dafür geschul­de­ten Steu­er­be­trag zu berich­ti­gen (§ 17 Abs. 1 Satz 1 UStG).

Recht­li­cher Rah­men – Deut­sches Kran­ken­ver­si­che­rungs­recht[↑]

Die Kran­ken­kas­sen stel­len nach § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB V ihren Ver­si­cher­ten die gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen zur Ver­fü­gung. Nach § 2 Abs. 2 Satz 1 SGB V erhal­ten die Ver­si­cher­ten die Leis­tun­gen grund­sätz­lich als Sach- und Dienst­leis­tun­gen. Über die Erbrin­gung der Sach- und Dienst­leis­tun­gen schlie­ßen die Kran­ken­kas­sen nach § 2 Abs. 2 Satz 3 SGB V Ver­trä­ge mit den Leis­tungs­er­brin­gern. Nach § 129 SGB V besteht zwi­schen dem Spit­zen­ver­band der Kran­ken­kas­sen und dem Spit­zen­ver­band der Apo­the­ken ein Rah­men­ver­trag über die Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung.

Die Kran­ken­kas­sen erhal­ten nach § 130a Abs. 1 Sät­ze 1 bis 4 SGB V von Apo­the­ken für zu ihren Las­ten abge­ge­be­ne Arz­nei­mit­tel einen Abschlag in Höhe von grund­sätz­lich 7 vom Hun­dert des Abga­be­prei­ses des phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mers ohne Mehr­wert­steu­er. Phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­mer sind ver­pflich­tet, den Apo­the­ken den Abschlag zu erstat­ten. Soweit phar­ma­zeu­ti­sche Groß­händ­ler bestimmt sind, sind phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­mer ver­pflich­tet, den Abschlag den phar­ma­zeu­ti­schen Groß­händ­lern zu erstat­ten.

Wei­te­re Vor­schrif­ten des § 130a SGB V regeln die Zah­lungs­frist sowie die Höhe des Abschlags in Son­der­fäl­len.

Pri­va­te Kran­ken­ver­si­cher­te und Per­so­nen mit beam­ten­recht­li­chem Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch schlie­ßen hin­ge­gen selbst pri­vat­recht­li­che Ver­trä­ge mit den Leis­tungs­er­brin­gern ab. Sie bezah­len die in Anspruch genom­me­nen Leis­tun­gen selbst, kön­nen aber die Erstat­tung ihrer Kos­ten durch Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung (vgl. § 192 Abs. 1 des Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­set­zes in der Fas­sung des Streit­jahrs ‑VVG-) und den beam­ten­recht­li­chen Kos­ten­trä­ger (vgl. § 80 des Bun­des­be­am­ten­ge­set­zes in Ver­bin­dung mit der Bun­des­bei­hil­fe­ver­ord­nung und ent­spre­chen­des Lan­des­recht) ver­lan­gen.

Nach § 1 des Geset­zes über Rabat­te für Arz­nei­mit­tel vom 22.12 2010 (AMRabG) haben die phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mer den Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und den Trä­gern der Kos­ten in Krank­heits, Pfle­ge- und Geburts­fäl­len nach beam­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten für ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel, deren Kos­ten die­se ganz oder teil­wei­se erstat­tet haben, nach dem Anteil der Kos­ten­tra­gung Abschlä­ge ent­spre­chend § 130a Abs. 1, 1a, 2, 3, 3a und 3b SGB V zu gewäh­ren. Dies gilt auch für sons­ti­ge Trä­ger von Kos­ten in Krank­heits­fäl­len, die die­se im Rah­men einer Absi­che­rung im Krank­heits­fall tra­gen, durch die eine Ver­si­che­rungs­pflicht nach § 193 Abs. 3 Satz 1 VVG und nach § 5 Abs. 1 Nr. 13 SGB V aus­ge­schlos­sen wird.

Bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on[↑]

Wenn ein Her­stel­ler eines Erzeug­nis­ses, der zwar nicht ver­trag­lich mit dem End­ver­brau­cher ver­bun­den ist, aber das ers­te Glied einer zu die­sem füh­ren­den Ket­te von Umsät­zen bil­det, dem End­ver­brau­cher einen Preis­nach­lass gewährt, muss nach der Recht­spre­chung des EuGH die Besteue­rungs­grund­la­ge für die Mehr­wert­steu­er um die­sen Nach­lass ver­min­dert wer­den 2. Der EuGH hat aber eine Min­de­rung abge­lehnt, wenn ein Rei­se­bü­ro als Ver­mitt­ler dem End­ver­brau­cher aus eige­nem Antrieb und auf eige­ne Kos­ten einen Nach­lass auf den Preis der ver­mit­tel­ten Leis­tung gewährt, die von dem Rei­se­ver­an­stal­ter erbracht wird 3. Dies beruht dar­auf, dass das Rei­se­bü­ro außer­halb einer Leis­tungs­ket­te vom Rei­se­ver­an­stal­ter zum End­ver­brau­cher steht.

Bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs[↑]

Bei der Bemes­sungs­grund­la­ge, deren Ände­rung nach § 17 Abs. 1 Satz 1 UStG zur Berich­ti­gung führt, han­delt es sich um das Ent­gelt i.S. von § 10 Abs. 1 UStG 4.

Rabat­te im Bereich der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung min­dern die umsatz­steu­er­recht­li­che Bemes­sungs­grund­la­ge. Für die Ermitt­lung der umsatz­steu­er­recht­li­chen Bemes­sungs­grund­la­ge nach § 10 Abs. 1 UStG und ggf. deren nach­träg­li­cher Erhö­hung oder Min­de­rung sind allein umsatz­steu­er­recht­li­che Grund­sät­ze maß­geb­lich. § 130a SGB V ent­hält kei­ne Rege­lung zu den umsatz­steu­er­recht­li­chen Aus­wir­kun­gen, die sich aus dem auf­grund die­ser Vor­schrift tat­säch­lich zurück­ge­zahl­ten "Abschlag" erge­ben 5.

Die Bemes­sungs­grund­la­ge ändert sich aber nicht, wenn sich ein phar­ma­zeu­ti­sches Unter­neh­men an einer frei­wil­li­gen Zah­lung an die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen betei­ligt, die die sons­ti­ge Finan­zie­rung der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zur Abwen­dung einer Preis­re­gle­men­tie­rung zum Zweck hat und allein für die Zukunft wir­ken soll 6.

Beur­tei­lung im Streit­fall[↑]

Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­steht die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des EuGH dahin­ge­hend, dass Nach­läs­se, die ein Unter­neh­mer einem Drit­ten gewährt, der nicht ver­trag­lich mit ihm ver­bun­den ist, die Besteue­rungs­grund­la­ge für die Mehr­wert­steu­er auf die von dem Unter­neh­mer aus­ge­führ­te Leis­tung nur dann min­dern, wenn eine Ket­te von Umsät­zen von dem Unter­neh­men zu dem abschlags­be­rech­tig­ten Drit­ten führt. Danach wür­den im Streit­fall die Abschlä­ge an Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung die Bemes­sungs­grund­la­ge für die von der Phar­ma­un­ter­neh­me­rin erbrach­ten Lie­fe­run­gen nicht min­dern, da die abschlags­be­rech­tig­ten Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung außer­halb der Leis­tungs­ket­te von der Phar­ma­un­ter­neh­me­rin zum End­ver­brau­cher ste­hen.

Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz[↑]

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält es für unver­ein­bar mit dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz (Art.20 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on ‑EUGrdRCh-), wenn Abschlä­ge an Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung anders als Abschlä­ge im Bereich der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung die Besteue­rungs­grund­la­ge nicht min­dern, obwohl der phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­mer durch bei­de Abschlä­ge in glei­cher Wei­se belas­tet wird. Bei den Abschlä­gen han­delt es sich um ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te; eine objek­ti­ve Recht­fer­ti­gung für die Ungleich­be­hand­lung ist nicht erkenn­bar.

All­ge­mei­ner Gleich­be­hand­lungs­grund­satz

Alle Per­so­nen sind vor dem Gesetz gleich (Art.20 EUGrdRCh).

Der all­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gehört zu den Grund­prin­zi­pi­en des Uni­ons­rechts. Er ver­langt, dass ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te nicht unter­schied­lich und unter­schied­li­che Sach­ver­hal­te nicht gleich behan­delt wer­den, es sei denn, dass eine sol­che Behand­lung objek­tiv gerecht­fer­tigt ist 7. Allein die unter­schied­li­che Rechts­form meh­re­rer Unter­neh­men recht­fer­tigt nicht deren Ungleich­be­hand­lung 8.

Im Mehr­wert­steu­er­recht kommt der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung auch im Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät zum Aus­druck 9. Die­ser Grund­satz kann es erfor­dern, das Mehr­wert­steu­er­recht unab­hän­gig davon anzu­wen­den, wel­che Rechts­form die Betei­lig­ten gewählt haben 10. Er lässt es nicht zu, dass Wirt­schafts­teil­neh­mer, die gleich­ar­ti­ge Umsät­ze täti­gen, bei der Erhe­bung der Umsatz­steu­er unter­schied­lich behan­delt wer­den 11.

Wäh­rend aber ein Ver­stoß gegen den Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät nur zwi­schen kon­kur­rie­ren­den Wirt­schafts­teil­neh­mern in Betracht gezo­gen wer­den kann, kann ein Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Grund­satz der Gleich­be­hand­lung im Steu­er­be­reich durch ande­re Arten der Dis­kri­mi­nie­rung gekenn­zeich­net sein, die Wirt­schafts­teil­neh­mer betref­fen, die nicht zwangs­läu­fig mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren, aber sich trotz­dem in einer in ande­rer Bezie­hung ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on befin­den 12. Dar­aus folgt, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung auf dem Gebiet der Steu­ern nicht mit dem Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät deckungs­gleich ist 13.

Ver­gleich­bar­keit der Sach­ver­hal­te

Die Abschlä­ge an Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und die Abschlä­ge im Bereich der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung die­nen dem glei­chen Zweck. Die Zah­lun­gen an die Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung sol­len die Rege­lung im Bereich der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung wir­kungs­gleich in die übri­gen Berei­che der Absi­che­rung im Krank­heits­fall über­tra­gen. Die Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler sol­len in bei­den Fäl­len in glei­chem Umfang zur Ent­las­tung der­je­ni­gen Stel­len her­an­ge­zo­gen wer­den, die im Ergeb­nis die Kos­ten der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung tra­gen. Der natio­na­le Gesetz­ge­ber erach­te­te es für sach­lich nicht gerecht­fer­tigt, für den Gesund­heits­schutz außer­halb der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung abwei­chen­de Abschlä­ge vor­zu­se­hen 14.

Kei­ne objek­ti­ve Recht­fer­ti­gung einer unter­schied­li­chen Behand­lung

Der objek­ti­ve Unter­schied zwi­schen bei­den Abschlä­gen recht­fer­tigt kei­ne unter­schied­li­che umsatz­steu­er­recht­li­che Behand­lung.

Der Unter­schied betrifft nur die tech­ni­sche Aus­ge­stal­tung der Abschlä­ge. Er geht zurück auf die sozi­al­recht­lich anders­ge­ar­te­te Grund­ord­nung der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung einer­seits sowie der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und der beam­ten­recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tung ande­rer­seits.

Ange­sichts der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des EuGH zu rechts­form­ab­hän­gi­gen Ungleich­be­hand­lun­gen erlaubt die­se Dif­fe­renz kei­ne unglei­che mehr­wert­steu­er­recht­li­che Behand­lung.

Die­se Recht­spre­chung betrifft zwar teil­wei­se den Grund­satz der Neu­tra­li­tät, ist aber auch bei der Aus­le­gung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes zu berück­sich­ti­gen. Im Grund­satz der Neu­tra­li­tät kommt im Mehr­wert­steu­er­recht der all­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zum Aus­druck. Daher kon­kre­ti­sie­ren die zum Grund­satz der Neu­tra­li­tät ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be zugleich die Bedeu­tung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für das Mehr­wert­steu­er­recht.

Der Anwen­dung die­ser Recht­spre­chung steht auch nicht ent­ge­gen, dass der EuGH bis­her nur die Ungleich­be­hand­lung unter­schied­li­cher Leis­ten­der zu beur­tei­len hat­te. Ungleich­be­hand­lun­gen kön­nen sowohl an die Per­son des Leis­ten­den als auch an die Per­son des Leis­tungs­emp­fän­gers anknüp­fen und sich in bei­den Fäl­len ähn­lich aus­wir­ken.

Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­ge[↑]

Die Vor­la­ge­fra­ge ist ent­schei­dungs­er­heb­lich für die Fra­ge, ob sich die Besteue­rungs­grund­la­ge für die Mehr­wert­steu­er der Phar­ma­un­ter­neh­me­rin wegen der an Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung gewähr­ten Abschlä­ge min­dert. Die Phar­ma­un­ter­neh­me­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens hat die­se Abschlä­ge nicht einem End­ver­brau­cher gewährt, zu dem von ihr aus eine Ket­te von Umsät­zen führ­te, son­dern Ver­si­che­rern und ande­ren Kos­ten­trä­gern, die dem End­ver­brau­cher den Kauf­preis für die Pro­duk­te der Phar­ma­un­ter­neh­me­rin erstat­tet haben. Die Besteue­rungs­grund­la­ge für die Mehr­wert­steu­er der Phar­ma­un­ter­neh­me­rin min­dert sich daher nur dann, wenn die Vor­la­ge­fra­ge zu beja­hen ist.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 22. Juni 2016 – V R 42/​15

  1. EuGH, Urteil Eli­da Gibbs vom 24.10.1996 – C‑317/​94, EU:C:1996:400, Slg. 1996, I‑5339, Rz 28, 31[]
  2. EuGH, Urtei­le Eli­da Gibbs vom 24.10.1996 – C‑317/​94, EU:C:1996:400, Slg. 1996, I‑5339, Rz 28, 31; Ibe­ro Tours vom 16.01.2014 – C‑300/​12, EU:C:2014:8, Höchst­rich­ter­li­che Finanz­recht­spre­chung ‑HFR- 2014, 274, Rz 29[]
  3. EuGH, Urteil Ibe­ro Tours, EU:C:2014:8, HFR 2014, 274, Rz 33[]
  4. BFH, Urtei­le vom 28.05.2009 – V R 2/​08, BFHE 226, 166, BSt­Bl II 2009, 870, unter II. 3.a; vom 17.12 2009 – V R 1/​09, BFH/​NV 2010, 1869, unter II. 1.; und vom 11.02.2010 – V R 2/​09, BFHE 228, 467, BSt­Bl II 2010, 765, unter II. 1.[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 226, 166, BSt­Bl II 2009, 870, unter II. 4.a[]
  6. BFH, Urteil vom 30.01.2014 – V R 1/​13, BFH/​NV 2014, 911[]
  7. EuGH, Urtei­le Ruck­de­schel und Han­sa-Lager­haus Ströh vom 19.10.1977 117/​76 und 16/​77, EU:C:1977:160, Slg. 1977, 1753, Rz 7; Jet­a­ir und BTWE Travel4you vom 13.03.2014 – C‑599/​12, EU:C:2014:144, HFR 2014, 466, Rz 53; bpost vom 11.02.2015 – C‑340/​13, EU:C:2015:77, Rz 27[]
  8. EuGH, Urteil Ser­ran­to­ni Srl und Con­sor­zio sta­bi­le edi­li Scrl vom 23.12 2009 – C‑376/​08, EU:C:2009:808, Rz 37, Slg. 2009, I‑12169, Rz 37[]
  9. EuGH, Urtei­le Zim­mer­mann vom 15.11.2012 – C‑174/​11, EU:C:2012:716, HFR 2013, 84, Rz 46 ff.; Jet­a­ir und BTWE Travel4you, EU:C:2014:144, HFR 2014, 466, Rz 53[]
  10. vgl. EuGH, Urtei­le BBL vom 21.10.2004 – C‑8/​03, EU:C:2004:650, Slg. 2004, I‑10157, Rz 36; HE vom 21.04.2005 – C‑25/​03, EU:C:2005:241, Slg 2005, I‑3123, Rz 39; Lin­ne­we­ber und Akriti­dis vom 17.02.2005 – C‑453/​02 und – C‑462/​02, EU:C:2005:92, Slg. 2005, I‑1131, Rz 25, 29; The Rank Group vom 10.11.2011 – C‑259/​10 und – C‑260/​10, EU:C:2011:719, Slg. 2011, I‑10947, Rz 46[]
  11. EuGH, Urtei­le JP Mor­gan u. a. vom 28.06.2007 – C‑363/​05, EU:C:2007:391, Slg. 2007, I‑5517, Rz 29; A vom 19.07.2012 – C‑33/​11, EU:C:2012:482, HFR 2012, 1016, Rz 32, m.w.N.[]
  12. EuGH, Urtei­le Marks und Spen­cer vom 10.04.2008 – C‑309/​06, EU:C:2008:211, HFR 2008, 775, Rz 49; Kom­mis­si­on/​Schweden vom 25.04.2013 – C‑480/​10, EU:C:2013:263, HFR 2013, 545, Rz 17[]
  13. EuGH, Urteil Kommission/​Schweden, EU:C:2013:263, HFR 2013, 545, Rz 17 f.[]
  14. BT-Drs. 17/​3698, S. 60[]