Gericht­li­che Über­prü­fung von Schät­zun­gen

Anders als bei der Über­prü­fung von Ermes­sens­ent­schei­dun­gen (§ 102 FGO) ist die Schät­zung des Finanz­amt im Kla­ge­ver­fah­ren in vol­lem Umfang nach­prüf­bar 1. Das Finanz­ge­richt ist auch nicht an die vom Finanz­amt gewähl­te Schät­zungs­me­tho­de gebun­den, weil es nach § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 162 AO eine eige­ne, selb­stän­di­ge Schät­zungs­be­fug­nis besitzt.

Gericht­li­che Über­prü­fung von Schät­zun­gen

Die Schät­zung des Finanz­ge­richt gehört eben­so wie die Aus­wahl der Schät­zungs­me­tho­de zu den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt 2. soweit die Schät­zung des Finanz­ge­richt zuläs­sig ist, ver­fah­rens­recht­lich ein­wand­frei zustan­de gekom­men ist und weder gegen aner­kann­te Schät­zungs­grund­sät­ze, noch gegen Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt, ist sie im Revi­si­ons­ver­fah­ren für den Bun­des­fi­nanz­hof gemäß § 118 Abs. 2 FGO bin­dend 3.

Weicht das Finanz­ge­richt hat bei sei­ner Schät­zung von der amt­li­chen Richt­satz­samm­lung ab, ver­letzt dies nicht in jedem Fall die Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung. Zwar besteht, anders als bei nor­min­ter­pre­tie­ren­den Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die für die Gerich­te nicht bin­dend sind 4, im Bereich des Ermes­sens, der Bil­lig­keit, der Typi­sie­rung und der Pau­scha­lie­rung als Aus­fluss von Art. 3 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes eine Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung, die grund­sätz­lich auch von den Gerich­ten zu beach­ten ist 5. Man­gels bes­se­rer Anhalts­punk­te ist des­halb grund­sätz­lich von den auf Erfah­rungs­sät­zen der ein­zel­nen Bran­chen beru­hen­den Richt­sät­zen und Pau­scha­len aus­zu­ge­hen 6.

Nach § 162 Abs. 1 Satz 2 AO sind bei einer Schät­zung der Besteue­rungs­grund­la­gen aber alle Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die für die Schät­zung von Bedeu­tung sind. Das gewon­ne­ne Schät­zungs­er­geb­nis muss schlüs­sig, wirt­schaft­lich mög­lich, ver­nünf­tig und plau­si­bel sein 7.

Es ist daher für den Bun­des­fi­nanz­hof revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn das Finanz­ge­richt davon aus­geht, unent­gelt­li­che Wert­ab­ga­ben i.S. des § 3 Abs. 1b UStG könn­ten ‑wenn nicht beson­de­re Anhalts­punk­te ein ande­res Ergeb­nis mög­lich erschei­nen las­sen- nicht höher sein als der Waren­ein­kauf zum Regel­steu­er­satz. Da die Schät­zung auf der Grund­la­ge der Richt­satz­samm­lung nach die­ser Gesamt­wür­di­gung zu einer offen­sicht­lich unzu­tref­fen­den Besteue­rung füh­ren wür­de, ent­fällt die Bin­dungs­wir­kung der Richt­satz­samm­lung 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 23. April 2015 – V R 32/​14

  1. BFH, Urteil in BFHE 197, 68, BSt­Bl II 2004, 171[]
  2. BFH, Urtei­le vom 24.01.2013 – V R 34/​11, BFHE 239, 552, BSt­Bl II 2013, 460[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 197, 68, BSt­Bl II 2004, 171; vom 26.10.2011 – VII R 22/​10, BFH/​NV 2012, 777; vom 02.12 2004 – III R 49/​03, BFHE 208, 531, BSt­Bl II 2005, 483[]
  4. vgl. hier­zu BFH, Urtei­le vom 13.01.2011 – V R 12/​08, BFHE 232, 261, BSt­Bl II 2012, 61; vom 24.09.2013 – VI R 48/​12, BFH/​NV 2014, 341; vom 31.07.2008 – V R 21/​06, BFHE 222, 143, BSt­Bl II 2014, 344[]
  5. BFH, Urtei­le vom 10.11.2011 – V R 35/​10, juris; vom 26.04.1995 – XI R 81/​93, BFHE 178, 4, BSt­Bl II 1995, 754; vom 07.12 2005 – I R 123/​04, BFH/​NV 2006, 1097; vom 04.02.2010 – II R 1/​09, BFH/​NV 2010, 1244; vom 11.11.2010 – VI R 16/​09, BFHE 232, 34, BSt­Bl II 2011, 966[]
  6. BFH, Beschluss vom 19.03.2007 – X B 191/​06, BFH/​NV 2007, 1134[]
  7. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 239, 552, BSt­Bl II 2013, 460; vom 24.06.2014 – VIII R 54/​10, BFH/​NV 2014, 1501, Rz 23, m.w.N.[]
  8. vgl. BFH, Beschluss vom 12.11.2009 – VI B 66/​09, BFH/​NV 2010, 884, zu Pausch­be­trä­gen für Aus­lands­dienst­rei­sen[]