Gerichtliche Überprüfung von Schätzungen

3. Juli 2015 | Umsatzsteuer
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Anders als bei der Überprüfung von Ermessensentscheidungen (§ 102 FGO) ist die Schätzung des Finanzamt im Klageverfahren in vollem Umfang nachprüfbar1. Das Finanzgericht ist auch nicht an die vom Finanzamt gewählte Schätzungsmethode gebunden, weil es nach § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO i.V.m. § 162 AO eine eigene, selbständige Schätzungsbefugnis besitzt.

Die Schätzung des Finanzgericht gehört ebenso wie die Auswahl der Schätzungsmethode zu den tatsächlichen Feststellungen des Finanzgericht2. soweit die Schätzung des Finanzgericht zulässig ist, verfahrensrechtlich einwandfrei zustande gekommen ist und weder gegen anerkannte Schätzungsgrundsätze, noch gegen Denkgesetze oder allgemeine Erfahrungssätze verstößt, ist sie im Revisionsverfahren für den Bundesfinanzhof gemäß § 118 Abs. 2 FGO bindend3.

Weicht das Finanzgericht hat bei seiner Schätzung von der amtlichen Richtsatzsammlung ab, verletzt dies nicht in jedem Fall die Selbstbindung der Verwaltung. Zwar besteht, anders als bei norminterpretierenden Verwaltungsvorschriften, die für die Gerichte nicht bindend sind4, im Bereich des Ermessens, der Billigkeit, der Typisierung und der Pauschalierung als Ausfluss von Art. 3 Abs. 1 des Grundgesetzes eine Selbstbindung der Verwaltung, die grundsätzlich auch von den Gerichten zu beachten ist5. Mangels besserer Anhaltspunkte ist deshalb grundsätzlich von den auf Erfahrungssätzen der einzelnen Branchen beruhenden Richtsätzen und Pauschalen auszugehen6.

Nach § 162 Abs. 1 Satz 2 AO sind bei einer Schätzung der Besteuerungsgrundlagen aber alle Umstände zu berücksichtigen, die für die Schätzung von Bedeutung sind. Das gewonnene Schätzungsergebnis muss schlüssig, wirtschaftlich möglich, vernünftig und plausibel sein7.

Es ist daher für den Bundesfinanzhof revisionsrechtlich nicht zu beanstanden, wenn das Finanzgericht davon ausgeht, unentgeltliche Wertabgaben i.S. des § 3 Abs. 1b UStG könnten -wenn nicht besondere Anhaltspunkte ein anderes Ergebnis möglich erscheinen lassen- nicht höher sein als der Wareneinkauf zum Regelsteuersatz. Da die Schätzung auf der Grundlage der Richtsatzsammlung nach dieser Gesamtwürdigung zu einer offensichtlich unzutreffenden Besteuerung führen würde, entfällt die Bindungswirkung der Richtsatzsammlung8.

Bundesfinanzhof, Urteil vom 23. April 2015 – V R 32/14

  1. BFH, Urteil in BFHE 197, 68, BStBl II 2004, 171
  2. BFH, Urteile vom 24.01.2013 – V R 34/11, BFHE 239, 552, BStBl II 2013, 460
  3. vgl. BFH, Urteile in BFHE 197, 68, BStBl II 2004, 171; vom 26.10.2011 – VII R 22/10, BFH/NV 2012, 777; vom 02.12 2004 – III R 49/03, BFHE 208, 531, BStBl II 2005, 483
  4. vgl. hierzu BFH, Urteile vom 13.01.2011 – V R 12/08, BFHE 232, 261, BStBl II 2012, 61; vom 24.09.2013 – VI R 48/12, BFH/NV 2014, 341; vom 31.07.2008 – V R 21/06, BFHE 222, 143, BStBl II 2014, 344
  5. BFH, Urteile vom 10.11.2011 – V R 35/10, juris; vom 26.04.1995 – XI R 81/93, BFHE 178, 4, BStBl II 1995, 754; vom 07.12 2005 – I R 123/04, BFH/NV 2006, 1097; vom 04.02.2010 – II R 1/09, BFH/NV 2010, 1244; vom 11.11.2010 – VI R 16/09, BFHE 232, 34, BStBl II 2011, 966
  6. BFH, Beschluss vom 19.03.2007 – X B 191/06, BFH/NV 2007, 1134
  7. z.B. BFH, Urteile in BFHE 239, 552, BStBl II 2013, 460; vom 24.06.2014 – VIII R 54/10, BFH/NV 2014, 1501, Rz 23, m.w.N.
  8. vgl. BFH, Beschluss vom 12.11.2009 – VI B 66/09, BFH/NV 2010, 884, zu Pauschbeträgen für Auslandsdienstreisen

 
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