Gut­glau­bens­schutz beim Vor­steu­er­ab­zug – der Schein­sitz des Lie­fe­ran­ten

Die Anga­be einer Anschrift, an der im Zeit­punkt der Rech­nungs­aus­stel­lung kei­ner­lei geschäft­li­che Akti­vi­tä­ten statt­fin­den, reicht für eine zum Vor­steu­er­ab­zug berech­ti­gen­de Rech­nung (grund­sätz­lich) nicht aus [1].

Gut­glau­bens­schutz beim Vor­steu­er­ab­zug – der Schein­sitz des Lie­fe­ran­ten

Zwar kann nach den Umstän­den des Ein­zel­falls auch die Anga­be eines „Brief­kas­ten­sit­zes“ mit pos­ta­li­scher Erreich­bar­keit als Anschrift, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG erfüllt, genü­gen [2]. Unter wel­chen beson­de­ren Umstän­den die Anga­be einer Anschrift mit nur pos­ta­li­scher Erreich­bar­keit als zutref­fen­de Anschrift für eine zum Vor­steu­er­ab­zug berech­ti­gen­de Rech­nung aus­rei­chend sein könn­te, ist höchst­rich­ter­lich aber inso­weit geklärt, als es jeden­falls bei einer GmbH, die ‑wie im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall- in gro­ßem Umfang mit Kfz han­delt, nicht aus­reicht, wenn sich unter der in der Rech­nung ange­ge­be­nen Anschrift kei­ne eige­nen Geschäfts­räu­me, son­dern ledig­lich eine nicht in Anspruch genom­me­ne Tele­fon­lei­tung und eine Brief­emp­fangs­stel­le befin­den [3].

Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit besteht dage­gen in der Beur­tei­lung der Rechts­fra­ge, ob mit Blick auf die Recht­spre­chung des EuGH [4] der Leis­tungs­emp­fän­ger zum Abzug der Vor­steu­er­be­trä­ge berech­tigt ist, wenn er auf die Anga­ben des Lie­fe­ran­ten ver­trau­te und sich die­se Anga­ben spä­ter als falsch her­aus­stel­len [5]. Inso­weit könn­te die Unter­neh­me­rin ‑obgleich § 15 UStG den Schutz des guten Glau­bens an die Erfül­lung der Vor­steu­er­ab­zugs­vor­aus­set­zun­gen nicht vor­sieht und Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te des­halb grund­sätz­lich nicht bei der Steu­er­fest­set­zung, son­dern im Rah­men einer Bil­lig­keits­maß­nah­me gemäß §§ 163, 227 AO berück­sich­tigt wer­den kön­nen [6]- zum Vor­steu­er­ab­zug berech­tigt sein. So steht etwa nach Ansicht des Finanz­ge­richts Müns­ter [7] die Anga­be eines Schein­sit­zes dem Vor­steu­er­ab­zug nicht ent­ge­gen, wenn sich für den Leis­tungs­emp­fän­ger kei­ne Zwei­fel an der in der Rech­nung ange­ge­be­nen Anschrift hät­ten erge­ben müs­sen.

Nach Auf­fas­sung des Säch­si­schen Finanz­ge­richt [8] bestehen Zwei­fel dar­an, ob der Vor­steu­er­ab­zug aus­schließ­lich mit der Begrün­dung ver­sagt wer­den kann, dass es sich bei der ange­ge­be­nen Rech­nungs­an­schrift um einen sog. „Schein­sitz“ han­delt und damit die erfor­der­li­che „zutref­fen­de“ Anschrift des leis­ten­den Unter­neh­mers in der Rech­nung fehlt. Das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg hält es für ernst­lich zwei­fel­haft, dass allein wegen einer (objek­tiv) feh­ler­haf­ten Anschrift im Abrech­nungs­do­ku­ment der Vor­steu­er­ab­zug ver­sagt wer­den kann [9].

Ange­sichts die­ser unge­klär­ten Rechts­la­ge ist die bean­trag­te AdV zu gewäh­ren, soweit das Finanz­amt den Vor­steu­er­ab­zug aus den Rech­nun­gen in dem ange­foch­te­nen Umsatz­steu­er­be­scheid ver­sag­te. Ist ‑wie hier- die Rechts­la­ge nicht ein­deu­tig, ist über die zu klä­ren­den Fra­gen grund­sätz­lich nicht im sum­ma­ri­schen Beschluss­ver­fah­ren zu ent­schei­den; die Klä­rung muss viel­mehr dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­be­hal­ten blei­ben [10].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2015 – V S 19/​14

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 27.06.1996 – V R 51/​93, BFHE 181, 197, BStBl II 1996, 620; vom 19.04.2007 – V R 48/​04, BFHE 217, 194, BStBl II 2009, 315, unter II.C.01.a; vom 06.12 2007 – V R 61/​05, BFHE 221, 55, BStBl II 2008, 695, unter II. 3.c; und vom 30.04.2009 – V R 15/​07, BFHE 225, 254, BStBl II 2009, 744, unter II. 1.d; BFH, Beschluss vom 05.11.2009 – V B 5/​09, BFH/​NV 2010, 478[]
  2. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 217, 194, BStBl II 2009, 315, m.w.N.[]
  3. vgl. dazu BFH, Beschluss vom 14.03.2000 – V B 187/​99, BFH/​NV 2000, 1252[]
  4. vgl. z.B. EuGH, Urtei­le Maha­gé­ben und Dávid, – C‑80/​11 und – C‑142/​11, EU:C:2012:373; Maks Pen EOOD, – C‑18/​13, EU:C:2014:69[]
  5. vgl. dazu auch BFH, Beschluss vom 16.04.2014 – V B 48/​13, BFH/​NV 2014, 1243, Rz 6[]
  6. vgl. dazu z.B. BFH, Urteil vom 08.07.2009 – XI R 51/​07, BFH/​NV 2010, 256, m.w.N.; FG Köln, Urteil vom 12.03.2014 – 4 K 2374/​10, EFG 2014, 1442, Revi­si­on ein­ge­legt zum BFH – XI R 22/​14[]
  7. FG Müns­ter, EFG 2014, 395[]
  8. Säch­si­sches Finanz­ge­richt, Beschluss vom 04.03.2014 – 4 – V 297/​13[]
  9. FG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 03.04.2014 – 7 – V 7027/​14, EFG 2014, 1445[]
  10. vgl. dazu BFH, Beschlüs­se vom 14.10.2002 – V B 60/​02, BFH/​NV 2003, 87, unter II. 3.; vom 25.11.2005 – V B 75/​05, BFHE 212, 176, BStBl II 2006, 484, unter II. 3.b; vom 13.03.2012 – I B 111/​11, BFHE 236, 501, BStBl II 2012, 611, Rz 22; vom 12.12 2013 – XI B 88/​13, BFH/​NV 2014, 550, Rz 26; vom 02.07.2014 – XI S 8/​14, BFH/​NV 2014, 1601, jeweils m.w.N.[]