Leis­tun­gen an Mit­glie­der einer Senio­ren­wohn­ge­mein­schaft

Ver­mie­tungs­leis­tun­gen und indi­vi­du­ell ange­pass­te Pfle­ge­leis­tun­gen, die ein Unter­neh­mer auf­grund getrenn­ter Ver­trä­ge gegen­über Senio­ren im Rah­men einer Senio­ren­wohn­ge­mein­schaft erbringt, sind umsatz­steu­er­recht­lich nicht als ein­heit­li­che (steu­er­pflich­ti­ge) Leis­tung zu qua­li­fi­zie­ren, son­dern unter­lie­gen als eigen­stän­di­ge, selb­stän­di­ge Leis­tun­gen der geson­der­ten Beur­tei­lung.

Leis­tun­gen an Mit­glie­der einer Senio­ren­wohn­ge­mein­schaft

Die lang­fris­ti­ge Ver­mie­tung möblier­ter Räu­me ist nach § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG umsatz­steu­er­frei 1.

Steu­er­frei sind nach § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG fer­ner u.a. die mit dem Betrieb der Ein­rich­tun­gen zur ambu­lan­ten Pfle­ge kran­ker und pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­so­nen eng ver­bun­de­nen Umsät­ze, wenn –wie im Streit­fall– im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr die Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens 40 % der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind 2.

Bei der Über­las­sung des Wohn­raums und den Pfle­ge­leis­tun­gen han­delt es sich jeweils um Haupt­leis­tun­gen, die geson­der­ten Zwe­cken gedient haben.

Die Leis­tun­gen haben zwar inso­fern in einem Zusam­men­hang gestan­den, dass der Klä­ger bei­de Leis­tun­gen erbracht und die­se in einem für die Leis­tungs­emp­fän­ger vor­teil­haf­ten räum­li­chen und orga­ni­sa­to­ri­schen Zusam­men­hang ange­bo­ten hat. Es kann jedoch dahin­ge­stellt blei­ben, ob die Senio­ren fak­tisch alle vom Klä­ger ange­bo­te­nen Leis­tun­gen in Anspruch genom­men haben. Recht­lich sind über bei­de Leis­tun­gen –Mie­te und ambu­lan­te Pfle­ge– geson­der­te Ver­trä­ge abge­schlos­sen wor­den, die kei­ne Ver­knüp­fun­gen der Leis­tun­gen ent­hal­ten haben. Bei­de Leis­tun­gen haben wesent­lich unter­schied­li­che Leis­tun­gen zum Gegen­stand und sind klar von­ein­an­der getrennt. Die Mie­ter sind nicht ver­pflich­tet gewe­sen, auch die Pfle­ge- oder ande­re Leis­tun­gen des Klä­gers in Anspruch zu neh­men. Beson­ders deut­lich wird dies an den unter­schied­li­chen Kün­di­gungs­fris­ten. Fer­ner ist das Ent­gelt jeweils aus­schließ­lich auf den jewei­li­gen Leis­tungs­ge­gen­stand bezo­gen gewe­sen und hat in kei­ner Abhän­gig­keit oder Ver­bin­dung zu dem jeweils ande­ren Ent­gelt gestan­den. Maß­geb­lich ist inso­fern die ver­trag­li­che Tren­nung mit geson­der­ten Ent­gelt­ver­ein­ba­run­gen. Dies folgt auch aus dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 3, wonach bei Anwen­dung von Art. 13 Teil B Buchst. b der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern die Ver­mie­tung eines Grund­stücks und die Dienst­leis­tung der Rei­ni­gung sei­ner Gemein­schafts­räu­me als selb­stän­di­ge, von­ein­an­der trenn­ba­re Umsät­ze anzu­se­hen sind, so dass die Rei­ni­gung nicht steu­er­frei ist, was ins­be­son­de­re dar­auf beruht, dass für die Rei­ni­gungs­leis­tung eine eigen­stän­di­ge Preis­ver­ein­ba­rung vor­ge­le­gen hat.

Nicht zu bean­stan­den ist für den Bun­des­fi­nanz­hof auch die Wür­di­gung, nach den fest­ge­stell­ten tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen sei das Woh­nen der Mie­ter Haupt­zweck der Miet­leis­tung und nicht gegen­über den Pfle­ge­leis­tun­gen von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung.

Hier­aus folgt, dass die Ver­mie­tungs­leis­tung und die Pfle­ge­leis­tun­gen jeweils als eigen­stän­di­ge, selb­stän­di­ge Leis­tun­gen zu betrach­ten sind und weder im Ver­hält­nis von Haupt- und Neben­leis­tung stan­den 4 noch so eng mit­ein­an­der ver­bun­den waren, dass sie objek­tiv eine ein­zi­ge untrenn­ba­re wirt­schaft­li­che Leis­tung bil­de­ten, deren Auf­spal­tung wirk­lich­keits­fremd wäre 5.

Soweit das Finanz­amt ein­wen­det, das Finanz­ge­richt habe im Streit­fall zu Unrecht ent­schei­dend auf die ver­trag­li­che Tren­nung der Leis­tung mit geson­der­ten Ent­gelt­ver­ein­ba­run­gen abge­stellt, steht die vom Finanz­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Mit­be­rück­sich­ti­gung der Ver­trags­ge­stal­tung im Ein­klang mit dem von ihm inso­weit her­an­ge­zo­ge­nen "RLRE Tell­mer Property"-Urteil des EuGH 6.

Soweit das Finanz­amt fer­ner gel­tend macht, für die demen­ten Bewoh­ner sei die Kop­pe­lung von Unter­brin­gung, Haus­halts­füh­rung, Auf­sicht, Pfle­ge und medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung von ent­schei­den­der Bedeu­tung gewe­sen, die­se gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der ste­hen­den Bestand­tei­le sei­en der­art mit­ein­an­der ver­bun­den, dass sie objek­tiv eine ein­zi­ge untrenn­ba­re wirt­schaft­li­che Ein­heit gebil­det hät­ten, greift es ledig­lich die nach den Umstän­den des Streit­falls und recht­lich nicht zu bean­stan­den­de Wür­di­gung des FG an.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. Mai 2011 – XI R 35/​10

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 20.08.2009 V R 21/​08, BFH/​NV 2010, 473[]
  2. vgl. dazu z.B. BFH, Urteil vom 30.07.2008 – XI R 61/​07, BFHE 222, 134, BSt­Bl II 2009, 68[]
  3. EuGH, Urteil –RLRE Tell­mer Pro­per­ty– in Slg. 2009, I‑4983, BFH/​NV 2009, 1368, DStR 2009, 1260[]
  4. vgl. dazu z.B. BFH, Urteil in BFH/​NV 2008, 1712, unter II.3.[]
  5. vgl. dazu z.B. EuGH, Urtei­le vom 27.10.2005 – C‑41/​04 [Levob], Slg. 2005, I‑9433, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 38, Rz 22 bis 25; vom 29.03.2007 – C‑111/​05 [Aktie­bo­la­get NN], Slg. 2007, I‑2697, BFH/​NV Bei­la­ge 2007, 293, Rz 23 bis 26; vom 19.11.2009 – C‑461/​08 [Don Bosco], Slg. 2009, I‑11079, BFH/​NV 2010, 144, Rz 38 bis 41[]
  6. EuGH, Urteil –RLRE Tell­mer Pro­per­ty – , Slg. 2009, I‑4983, BFH/​NV 2009, 1368, DStR 2009, 1260[]