Leis­tungs­aus­tausch oder Scha­dens­er­satz?

Nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG unter­lie­gen der Umsatz­steu­er die Lie­fe­run­gen und sons­ti­gen Leis­tun­gen, die ein Unter­neh­mer im Inland gegen Ent­gelt im Rah­men sei­nes Unter­neh­mens aus­führt.

Leis­tungs­aus­tausch oder Scha­dens­er­satz?

Die Besteue­rung einer Lie­fe­rung oder sons­ti­gen Leis­tung nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG setzt das Bestehen eines unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hangs zwi­schen der erbrach­ten Leis­tung und dem emp­fan­ge­nen Gegen­wert vor­aus. Der Leis­tungs­emp­fän­ger muss iden­ti­fi­zier­bar sein; er muss einen Vor­teil erhal­ten, der zu einem Ver­brauch im Sinn des gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­rechts führt 1. Dem­ge­gen­über sind Ent­schä­di­gun­gen oder Scha­dens­er­satz­zah­lun­gen grund­sätz­lich kein Ent­gelt im Sin­ne des Umsatz­steu­er­rechts, wenn die Zah­lung nicht für eine Lie­fe­rung oder sons­ti­ge Leis­tung an den Zah­len­den erfolgt, son­dern weil der Zah­len­de nach Gesetz oder Ver­trag für einen Scha­den und sei­ne Fol­gen ein­zu­ste­hen hat 2. In die­sen Fäl­len besteht kein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang zwi­schen der Zah­lung und der Leis­tung 3.

Ob eine Leis­tung des Unter­neh­mers vor­liegt, die der­art mit der Zah­lung ver­knüpft ist, dass sie sich auf die Erlan­gung einer Gegen­leis­tung (Zah­lung) rich­tet, bestimmt sich in ers­ter Linie nach dem der Leis­tung zugrun­de lie­gen­den Rechts­ver­hält­nis 4. Bei Leis­tun­gen auf­grund eines gegen­sei­ti­gen Ver­tra­ges, durch den sich eine Ver­trags­par­tei zu einem Tun, Dul­den oder Unter­las­sen und die ande­re sich hier­für zur Zah­lung einer Gegen­leis­tung ver­pflich­tet, sind die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 1 Satz 1 UStG regel­mä­ßig erfüllt, falls der leis­ten­de Ver­trags­part­ner Unter­neh­mer ist 5.

Ob die Vor­aus­set­zun­gen für einen Leis­tungs­aus­tausch vor­lie­gen, ist dabei nicht nach zivil­recht­li­chen, son­dern aus­schließ­lich nach den vom Uni­ons­recht gepräg­ten umsatz­steu­er­recht­li­chen Maß­stä­ben zu beur­tei­len 6. Des­halb kommt es ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt- auf die Fra­ge, ob nach deut­schem Zivil­recht objek­ti­ve oder sub­jek­ti­ve Unmög­lich­keit der ursprüng­lich geschul­de­ten Leis­tung vor­liegt und ob die Zah­lung zivil­recht­lich als Scha­dens­er­satz bezeich­net wird, nicht an 7.

Die Vor­aus­set­zun­gen für einen ent­gelt­li­chen Leis­tungs­aus­tausch lie­gen ins­be­son­de­re dann vor, wenn ein Steu­er­pflich­ti­ger auf eine ihm, sei es auf gesetz­li­cher oder ver­trag­li­cher Grund­la­ge, zuste­hen­de Rechts­po­si­ti­on gegen Ent­gelt ver­zich­tet 8. Auch der Ver­zicht, ganz oder teil­wei­se eine gewerb­li­che oder beruf­li­che Tätig­keit aus­zu­üben, ist gemäß § 3a Abs. 4 Nr. 9 UStG eine sons­ti­ge Leis­tung 8. Hier­an hält der Bun­des­fi­nanz­hof fest.

Dem steht auch nicht das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten vom 18.07.2007 9 ent­ge­gen. Dar­in hat der EuGH ent­schie­den, dass das Angeld bei Reser­vie­rung einer Beher­ber­gungs­leis­tung kei­ne Gegen­leis­tung für eine eigen­stän­di­ge, bestimm­ba­re Leis­tung, son­dern eine Ent­schä­di­gung zum Aus­gleich des infol­ge des Ver­trags­rück­tritts des Gas­tes ent­stan­de­nen Scha­dens dar­stellt. Das Angeld soll ein Zei­chen für den Abschluss des Beher­ber­gungs­ver­tra­ges, ein Anreiz für sei­ne Erfül­lung und eine pau­scha­lier­te Ent­schä­di­gung sein 10. An einer eigen­stän­di­gen bestimm­ba­ren Gegen­leis­tung fehlt es, weil der Hote­lier nur sei­nen sich aus dem Beher­ber­gungs­ver­trag erge­ben­den Pflich­ten nach­kommt und kei­ne wei­te­re Dienst­leis­tung erbringt, mit der das Angeld in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang ste­hen könn­te. Damit ist der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt nicht ver­gleich­bar.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Janu­ar 2014 – V R 22/​13

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 07.07.2005 – V R 34/​03, BFHE 211, 59, BSt­Bl II 2007, 66, mit Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ‑EuGH-
  2. z.B. EuGH, Urteil vom 21.03.2002 – C‑174/​00, Ken­ne­mer Golf & Coun­try Club, Slg. 2002, I‑3293; BFH, Urteil vom 20.03.2013 – XI R 6/​11, BFHE 241, 191, BFH/​NV 2013, 1509
  3. BFH, Urteil vom 11.02.2010 – V R 2/​09, BFHE 228, 467, BSt­Bl II 2010, 765
  4. vgl. z.B. EuGH, Urteil Ken­ne­mer Golf & Coun­try Club in Slg. 2002, I‑3293; BFH, Urteil in BFHE 241, 191, BFH/​NV 2013, 1509
  5. BFH, Urteil vom 18.12 2008 – V R 38/​06, BFHE 225, 155, BSt­Bl II 2009, 749
  6. BFH, Urtei­le vom 17.12 2009 – V R 1/​09, BFH/​NV 2010, 1869; in BFHE 241, 191, BFH/​NV 2013, 1509; BGH, Urteil vom 18.05.2011 – VIII ZR 260/​10, HFR 2011, 1156
  7. z.B. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – VIII ZR 68/​06, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 3, 316; BFH, Urteil in BFH/​NV 2010, 1869
  8. BFH, Urteil in BFHE 211, 59, BSt­Bl II 2007, 66
  9. EuGH, Urteil vom 18.07.2007 – C‑277/​05, Socie­té ther­ma­le d´Eugénie-les-Bains ((Slg. 2007, I‑6415
  10. Rdnr. 31