Mehr­wert­steu­er­be­trug in der EU

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat jetzt eine Mit­tei­lung über mög­li­che wei­ter­ge­hen­de Maß­nah­men zur Bekämp­fung von MwSt-Betrug vor­ge­legt. Die­se Maß­nah­men betref­fen die Ein­füh­rung einer Besteue­rung von inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­run­gen und eines gene­rel­len Ver­fah­rens zur Ver­la­ge­rung der Steu­er­schuld­ner­schaft (Rever­se Char­ge). Mit bei­den Sys­te­men kann, so die Hoff­nung der EU-Kom­mis­si­on, das Phä­no­men des auf­grund des sog. „ver­schwun­de­nen Händ­lers” durch­ge­führ­ten Karus­sell­be­trugs erheb­lich ein­ge­schränkt wer­den. Bei einem Karus­sell­be­trug stellt ein Steu­er­pflich­ti­ger, der einen inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb ohne Mehr­wert­steu­er­be­las­tung getä­tigt hat, bei einer anschlie­ßen­den Lie­fe­rung im Inland die Mehr­wert­steu­er in Rech­nung und ver­schwin­det danach, ohne die­se Mehr­wert­steu­er an den Fis­kus abzu­füh­ren.

Mehr­wert­steu­er­be­trug in der EU

Bei­de Sys­te­me wer­fen nach Ein­schät­zung der EU-Kom­mis­si­on aller­dings auch Pro­ble­me auf, die unter­sucht wer­den soll­ten, bevor die Ent­schei­dung für eines der Ver­fah­ren getrof­fen wird. Die Besteue­rung inner­ge­mein­schaft­li­cher Waren­lie­fe­run­gen könn­te wett­be­werbs­ver­zer­ren­de Cash-Flow-Benach­tei­li­gun­gen für Unter­neh­men ver­ur­sa­chen, die auf dem Bin­nen­markt Umsät­ze bewir­ken, und wür­de die Neu­zu­wei­sung der MwSt-Ein­nah­men zwi­schen den Mit­glied­staa­ten erfor­dern. Die Ein­füh­rung eines gene­rel­len Rever­se-Char­ge-Sys­tems für inlän­di­sche Umsät­ze könn­te nach Auf­fas­sung der Kom­mis­si­on nur funk­tio­nie­ren, wenn das Sys­tem in allen Mit­glied­staa­ten ein­heit­lich ange­wandt wird, nicht aber, wenn es als Opti­on gewählt wer­den könn­te. Da aber bis­her mit einem gene­rel­len Sys­tem nicht genü­gend Erfah­run­gen vor­lie­gen, erhebt die Kom­mis­si­on kei­ne Ein­wän­de gegen die Ein­füh­rung eines Pilot­pro­jekts in einem dazu berei­ten Mit­glied­staat, sofern dabei bestimm­te Bedin­gun­gen erfüllt sind.

Besteue­rung inner­ge­mein­schaft­li­cher Waren­lie­fe­run­gen

Bei die­sem Kon­zept wür­den inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen in dem Her­kunfts­mit­glied­staat mit einem Satz von 15 % besteu­ert. Wen­det der Emp­fän­ger­mit­glied­staat einen höhe­ren Satz an, ent­rich­tet der Käu­fer die­se zusätz­li­che Mehr­wert­steu­er direkt an die­sen Mit­glied­staat. Wen­det der Emp­fän­ger­mit­glied­staat dage­gen einen nied­ri­ge­ren Satz an, weil ein ermä­ßig­ter MwSt-Satz gilt (in eini­gen Mit­glied­staa­ten auch der Null­satz), gewährt der Emp­fän­ger­mit­glied­staat dem Steu­er­pflich­ti­gen, der den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb tätigt, eine Gut­schrift.

Die Besteue­rung inner­ge­mein­schaft­li­cher Lie­fe­run­gen dürf­te eine geeig­ne­te Lösung für das Pro­blem des Karus­sell­be­trugs sein. Ande­re Arten des Betrugs wür­den damit aber kei­nes­falls ver­mie­den. Außer­dem wären damit Cash-Flow-Pro­ble­me ins­be­son­de­re für KMU ver­bun­den, die die Mehr­wert­steu­er bei Umsät­zen, die der­zeit nicht mehr­wert­steu­er­pflich­tig sind, vor­stre­cken müss­ten.

Nach Auf­fas­sung der Kom­mis­si­on ist das größ­te Pro­blem bei die­ser Lösung die Fra­ge eines Clea­ring Sys­tems für die MwSt-Ein­nah­men zwi­schen den Mit­glied­staa­ten. Die Her­kunfts­mit­glied­staa­ten müss­ten die Mehr­wert­steu­er (zu einem Satz von 15 %) ein­neh­men und an den Emp­fän­ger­mit­glied­staat abfüh­ren. Damit wür­den nach den Berech­nun­gen der Kom­mis­si­on 10 % der MwSt-Ein­nah­men der Mit­glied­staa­ten von den Zah­lun­gen ande­rer Mit­glied­staa­ten abhän­gen.

Bevor die Kom­mis­si­on die Funk­ti­ons­wei­se eines Clea­ring Sys­tems wei­ter prüft, ersucht sie den ECO­FIN-Rat um poli­ti­sche Leit­li­ni­en in der Fra­ge, ob die Besteue­rung inner­ge­mein­schaft­li­cher Lie­fe­run­gen im Her­kunfts­mit­glied­staat als mög­li­che Lösung in Betracht zu zie­hen ist.

Falls nicht alle Mit­glied­staa­ten damit ein­ver­stan­den wären, dass ihre MwSt-Ein­nah­men von ande­ren Mit­glied­staa­ten abhän­gen könn­ten, sieht die Kom­mis­si­on als ein­zig mög­li­che Alter­na­ti­ve die Besteue­rung inner­ge­mein­schaft­li­cher Lie­fe­run­gen beim Emp­fän­ger. Bei die­ser Alter­na­ti­ve wür­de die Besteue­rung zu dem im Emp­fän­ger­mit­glied­staat gel­ten­den Steu­er­satz erfol­gen, so dass ein ein­heit­li­cher Satz von 15 % für inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen nicht erfor­der­lich wäre. Zudem wür­den sowohl für die Steu­er­pflich­ti­gen als auch für die Steu­er­ver­wal­tun­gen nied­ri­ge­re Kos­ten ent­ste­hen. Die­se Opti­on wür­de aller­dings die Ein­rich­tung einer ein­zi­gen Anlauf­stel­le erfor­dern.

Gene­rel­les Rever­se-Char­ge-Sys­tem

Bei einer gene­rel­len Ver­la­ge­rung der Steu­er­schuld­ner­schaft (Rever­se Char­ge) wür­de das der­zeit für inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen gel­ten­de MwSt-Sys­tem auch für Umsät­ze im Inland gel­ten. Das bedeu­tet, dass der Ver­käu­fer dem Kun­den kei­ne Mehr­wert­steu­er in Rech­nung stellt, wenn Letz­te­rer auch steu­er­pflich­tig ist. Statt­des­sen müss­te der Kun­de (und nicht der Ver­käu­fer) die Mehr­wert­steu­er an den Fis­kus abfüh­ren.

Nach Ansicht der Kom­mis­si­on wür­de die Ein­füh­rung einer gene­rel­len Ver­la­ge­rung der Steu­er­schuld­ner­schaft den Karus­sell­be­trug erheb­lich ver­rin­gern. Die Kom­mis­si­on befürch­tet aller­dings, dass die­ses Sys­tem bei den Mit­glied­staa­ten letzt­end­lich zu Ein­nah­me­aus­fäl­len auf­grund ande­rer, neu­er Betrugs­ar­ten, wie dem unver­steu­er­ten Ver­brauch und dem Miss­brauch von Mehr­wert­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mern füh­ren kann. Um sol­che neu­en Betrugs­ar­ten zu bekämp­fen, müss­te das Sys­tem von ver­schie­de­nen Maß­nah­men flan­kiert wer­den, die es kom­pli­zier­ter machen und Unter­neh­men und Steu­er­ver­wal­tun­gen neue, aber nicht unüber­wind­li­che Belas­tun­gen auf­er­le­gen könn­ten.

Daher soll­te ein all­ge­mei­nes Sys­tem zur Ver­la­ge­rung der Steu­er­schuld­ner­schaft nach Ansicht der Kom­mis­si­on ent­we­der EU-weit zwin­gend vor­ge­schrie­ben sein, oder das Kon­zept soll­te ganz auf­ge­ge­ben wer­den. Es wäre nicht akzep­ta­bel, ein sol­ches Sys­tem den Mit­glied­staa­ten als Opti­on anzu­bie­ten, da dies für in meh­re­ren Mit­glied­staa­ten täti­ge Unter­neh­men eine erheb­li­che Belas­tung bedeu­ten wür­de.

In Anbe­tracht aller oben genann­ten Grün­de und auf­grund der feh­len­den empi­ri­schen Daten zu der Aus­wir­kung einer gene­rel­len Ver­la­ge­rung der Steu­er­schuld­ner­schaft hält die Kom­mis­si­on es für sinn­voll, in einem Mit­glied­staat ein Pilot­pro­jekt durch­zu­füh­ren, um die Aus­wir­kung eines sol­chen Sys­tems zu prü­fen, sofern stren­ge Kri­te­ri­en erfüllt wer­den.