Pocket-Bikes – Inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung von Mini­mo­tor­rä­dern

Die Lie­fe­rung soge­nann­ter Pocket-Bikes – Motor­rä­der, Motor­rol­ler und Quads in Minia­tur­aus­ga­be – an Pri­vat­per­so­nen in das Gemein­schafts­ge­biet ist umsatz­steu­er­frei.

Pocket-Bikes – Inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung von Mini­mo­tor­rä­dern

Die Vor­schrift des § 1b Abs. 2 Nr. 1 UStG erfasst zwar nur sol­che motor­be­trie­be­nen Land­fahr­zeu­ge, die zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt sind. Zur Per­so­nen­be­för­de­rung bestimmt sind jedoch auch sol­che Fahr­zeu­ge, die von den Erwer­bern für Sport- oder Frei­zeit­zwe­cke ver­wen­det wer­den.

In der hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Sache ging es um die Reich­wei­te der Umsatz­steu­er­be­frei­ung für die inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung neu­er Fahr­zeu­ge. Die Klä­ge­rin sah den Export von Pocket-Bikes als umsatz­steu­er­frei an, wäh­rend das Finanz­amt und das Finanz­ge­richt die Auf­fas­sung ver­tra­ten, die­se Lie­fe­run­gen sei­en umsatz­steu­er­pflich­tig, da Pocket-Bikes nicht für den Per­so­nen­trans­port bestimmt sei­en, son­dern nur für sport­li­che Zwe­cke und zum Umher­fah­ren auf pri­va­tem Gelän­de genutzt wer­den könn­ten. Der Bun­des­fi­nanz­hof hob nun das Urteil des Finanz­ge­richt auf und gab der Kla­ge statt: Die Steu­er­frei­heit erfas­se zwar bei uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung nur motor­be­trie­be­ne Land­fahr­zeu­ge, die zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt sei­en. Dar­un­ter fie­len aber auch sol­che Fahr­zeu­ge, die ledig­lich für Sport- oder Frei­zeit­zwe­cke ver­wen­det wür­den.

Pocket-Bikes sind Motor­rä­der, Motor­rol­ler, Cross-Bikes und Quads in Minia­tur­aus­ga­be. Sie kön­nen bis 24 kg schwer sein und über­schrei­ten nicht die Maße 110 cm x 50 cm x 50 cm. Die Sitz­hö­he liegt etwa bei 40 bis 50 cm. Die Moto­ri­sie­rung besteht aus einem Ein­zy­lin­der-Zwei­takt­mo­tor. Die Höchst­ge­schwin­dig­keit liegt teil­wei­se über 70 km/​h. Die von der Klä­ge­rin gelie­fer­ten Pocket-Bikes sind in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht für den öffent­li­chen Stra­ßen­ver­kehr zuge­las­sen.

Das Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs betrifft nur die Befrei­ung des Exports der Pocket-Bikes von der deut­schen Umsatz­steu­er. Als inner­ge­mein­schaft­li­cher Erwerb unter­liegt der Vor­gang dage­gen der Umsatz­be­steue­rung im jewei­li­gen Hei­mat­land des Käu­fers mit dem dort gel­ten­den Steu­er­satz. Beträgt die­ser (wie bei­spiels­wei­se in Luxem­burg) weni­ger als 19 %, erwirbt der Käu­fer das Pocket-Bike güns­ti­ger, beträgt er dage­gen (wie in den meis­ten Mit­glied­staa­ten) mehr als 19 %, wird der Kauf für ihn teu­rer. Ob die­se Erwerbs­be­steue­rung in den jewei­li­gen Mit­glied­staa­ten tat­säch­lich durch­ge­führt wird, ist aller­dings für die Umsatz­steu­er­be­frei­ung der Lie­fe­rung uner­heb­lich.

Die im vor­lie­gen­den Fall ver­trie­be­nen Pocket-Bikes wur­den in das übri­ge Gemein­schafts­ge­biet beför­dert oder ver­sen­det (§ 6a Abs. 1 Nr. 1 UStG) und unter­lie­gen dort gemäß Art. 28a Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG sowie der natio­na­len Umset­zungs­norm in den jewei­li­gen Mit­glied­staa­ten der Umsatz­be­steue­rung (§ 6a Abs. 1 Nr. 3 UStG). Dass die Gegen­stän­de dort tat­säch­lich besteu­ert wer­den, ist nicht erfor­der­lich 1.

Das Erfor­der­nis einer tat­säch­li­chen Besteue­rung im Bestim­mungs­staat stün­de im Wider­spruch zur Richt­li­nie 77/​388/​EWG, die bewusst auf eine sol­che inne­re Ver­knüp­fung ver­zich­tet hat 2. Die Gefahr von Steu­er­aus­fäl­len durch Nicht­be­steue­rung im Erwerb­staat steht daher der Steu­er­be­frei­ung nicht ent­ge­gen.

Bei den von der Klä­ge­rin ver­kauf­ten Pocket-Bikes han­delt es sich ‑ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­ge­richt- auch um "neue Fahr­zeu­ge" i.S. von § 6a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c i.V.m. § 1b UStG.

Als Fahr­zeug defi­niert § 1b Abs. 2 Nr. 1 UStG "motor­be­trie­be­ne Land­fahr­zeu­ge mit einem Hub­raum von mehr als 48 Kubik-zen­ti­me­tern oder einer Leis­tung von mehr als 7, 2 Kilo­watt". Wie das Finanz­ge­richt auf S. 4 sei­nes Urteils fest­ge­stellt hat, lie­gen die­se tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen im Streit­fall vor.

Über die­se Vor­aus­set­zun­gen hin­aus­ge­hend ver­langt § 1b Abs. 2 Nr. 1 UStG bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung, dass die Land­fahr­zeu­ge "zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt" sind 3. Denn uni­ons­recht­li­che Grund­la­ge des § 1b UStG war im Streit­jahr Art. 28a Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Danach gel­ten als "Fahr­zeu­ge" im Sin­ne die­ses Abschnitts u.a. "motor­be­trie­be­ne Land­fahr­zeu­ge mit einem Hub­raum von mehr als 48 Kubik­zen­ti­me­tern oder einer Leis­tung von mehr als 7, 2 Kilo­watt, die zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt sind (…)".

Die­se Bestim­mung woll­te der natio­na­le Gesetz­ge­ber mit § 1b UStG umset­zen. Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung soll § 1b Abs. 2 UStG auf Art. 28a Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG beru­hen 4.

Pocket-Bikes sind in die­sem Sin­ne zur Per­so­nen­be­för­de­rung bestimmt; sie die­nen dazu, Per­so­nen oder Güter von einem Ort zu einem ande­ren zu ver­brin­gen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt sind Pocket-Bikes zur Per­so­nen­be­för­de­rung bestimmt. Dass dabei der sport­li­che Zweck im Vor­der­grund steht, ist unschäd­lich 5.

"Beför­dern" ist die räum­li­che Fort­be­we­gung von Per­so­nen oder Gegen­stän­den, wobei die Art des Beför­de­rungs­mit­tels nicht von Bedeu­tung ist 6. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten hat daher in sei­nem Hamann-Urteil 7 Segel­yach­ten auch dann als Beför­de­rungs­mit­tel i.S. von Art. 9 Abs. 2 Buchst. d der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ange­se­hen, wenn sie zum Zweck der Aus­übung des Segel­sports genutzt wer­den. Im Ein­klang damit steht der Beschluss des XI. Bun­des­fi­nanz­hofs vom 08.11.2011 – XI B 58/​11 8, wonach es sich auch bei Renn­sport­fahr­zeu­gen um Beför­de­rungs­mit­tel han­delt, da die­se zur Beför­de­rung von Per­so­nen kon­zi­piert und tat­säch­lich geeig­net sind.

Da für die umsatz­steu­er­recht­li­che Beur­tei­lung von Fahr­zeu­gen nicht auf das Motiv und den wirt­schaft­li­chen Sinn ihres Ein­sat­zes abzu­stel­len ist, son­dern auf ihre tat­säch­li­che Nut­zungs­mög­lich­keit, hält es der Bun­des­fi­nanz­hof nicht für ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob und ggf. in wel­chem Umfang die Pocket-Bikes auch oder nur zur Durch­füh­rung sport­li­cher Wett­kämp­fe oder zum Umher­fah­ren auf pri­va­tem Gelän­de genutzt wer­den. In bei­den Fäl­len geht es um Orts­ver­än­de­run­gen mit­tels eines Fahr­zeugs. Dass die Pocket-Bikes für Erwach­se­ne unbe­quem sind, spricht nicht gegen ihre Bestim­mung zur Orts­ver­än­de­rung.

Der Ein­be­zie­hung von Pocket-Bikes in den Anwen­dungs­be­reich der gesetz­li­chen Rege­lun­gen über den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb und die inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung neu­er Fahr­zeu­ge steht nicht ent­ge­gen, dass Grund für die Son­der­re­ge­lung die Befürch­tung meh­re­rer Mit­glied­staa­ten war, es kön­ne ‑wegen der sei­ner­zeit stark unter­schied­li­chen Steu­er­sät­ze in den Mit­glied­staa­ten- bei einer Besteue­rung im Ursprungs­land zu Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen und Steu­er­aus­fäl­len kom­men 9. Auch wenn im Hin­blick auf den hohen Stück­wert von neu­en Fahr­zeu­gen und der damit ver­bun­de­nen beson­ders emp­find­li­chen Reak­tio­nen auf Steu­er­satz­un­ter­schie­de 10 beim Anwen­dungs­be­reich in ers­ter Linie an PKW gedacht wur­de 11, so hat eine Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs auf der­ar­ti­ge Fahr­zeu­ge im Wort­laut des natio­na­len Rechts und des Uni­ons­rechts kei­nen Aus­druck gefun­den. Aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und –klar­heit sind viel­mehr alle Land­fahr­zeu­ge ab der gesetz­lich bestimm­ten Hub­raum­leis­tung ein­be­zo­gen wor­den, sofern die­se zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt sind. Dies steht einer dar­über hin­aus­ge­hen­den Ein­schrän­kung auf neue Fahr­zeu­ge mit hohem Stück­wert oder im Hin­blick auf etwai­ge Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen zwi­schen den Mit­glied­staa­ten ent­ge­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. Febru­ar 14 – V R 21/​11

  1. BFH, Urteil vom 08.11.2007 – V R 72/​05, BFHE 219, 422, BSt­Bl II 2009, 55, unter II. 1.a[]
  2. vgl. Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ‑EuGH- vom 27.09.2007 – C‑409/​04 Tele­os, Slg. 2007, I‑7797 Rdnr. 70[]
  3. vgl. Abschn. 15c Satz 2 UStR 2005; Abschn. 1b.1 Satz 2 USt-AE; Sta­die in Rau/​Dürrwächter, Kom­men­tar zum Umsatz­steu­er­ge­setz, § 1b Rz 18[]
  4. vgl. BT-Drs. 12/​2463 vom 27.04.1992, 25[]
  5. vgl. Möß­lang in Sölch/​Ringleb, Umsatz­steu­er, § 1b UStG Rz 4; Sta­die in Rau/​Dürrwächter, Umsatz­steu­er­ge­setz, Stand April 2012, § 3a Rz 323; a.A. Ron­dorf in Schwarz/​Widmann/​Radeisen, § 1b Rz 27[]
  6. vgl. BFH, Urtei­le vom 08.09.2011 – V R 5/​10, BFHE 235, 481, BSt­Bl II 2012, 620, Rz 14; vom 02.03.2011 – XI R 25/​09, BFHE 233, 348, BSt­Bl II 2011, 737; vom 01.08.1996 – V R 58/​94, BFHE 181, 208, BSt­Bl II 1997, 160, m.w.N.[]
  7. EuGH, Urteil vom 15.03.1989 – 51/​88 [Hamann], Slg. 1989, 767 Rdnr.19[]
  8. BFH/​NV 2012, 282[]
  9. vgl. BT-Drs. 12/​2463, S.20; Möß­lang in Sölch/​Ringleb, a.a.O., § 1b Rz 1; Ron­dorf in Schwarz/​Widmann/​Radeisen, a.a.O., § 1b Rz 11; Wid­mann, Umsatz­steu­er-Rund­schau ‑UR- 1992, 249, 254[]
  10. vgl. Rokos, UR 1992, 89, 96; Geor­gy, UR 1993, 8[]
  11. Ron­dorf in Schwarz/​Widmann/​Radeisen, a.a.O., § 1b Rz 12[]