Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren als steu­er­freie Heil­be­hand­lung

Die Durch­füh­rung von Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren kann als vor­beu­gen­de Maß­nah­me des Gesund­heits­schut­zes bei Vor­lie­gen einer medi­zi­ni­schen Indi­ka­ti­on eine steu­er­freie Heil­be­hand­lung sein.

Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren als steu­er­freie Heil­be­hand­lung

Die von Betriebs­ärz­ten vor­ge­nom­me­ne Sam­mel­über­wei­sung von Arbeit­neh­mern zur Teil­nah­me an Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren genügt den Anfor­de­run­gen an die gebo­te­ne medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on, wenn sie auf medi­zi­ni­schen Fest­stel­lun­gen der Betriebs­ärz­te beruht.

Nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG gehö­ren zu den steu­er­frei­en Heil­be­hand­lun­gen auch Leis­tun­gen, die zum Zweck der Vor­beu­gung erbracht wer­den. Dar­un­ter fal­len ins­be­son­de­re Maß­nah­men, die dem Schutz ein­schließ­lich der Auf­recht­erhal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der mensch­li­chen Gesund­heit die­nen.

In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall klag­te ein in der Rechts­form einer GbR betrie­be­nes Unter­neh­men, das über­wie­gend Semi­na­re zur Rau­cher­ent­wöh­nung durch­führt. Nach einer Umsatz­steu­er-Son­der­prü­fung ver­sag­te das Finanz­amt die begehr­te Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG und setz­te die Umsatz­steu­er ent­spre­chend fest. Ein­spruch und Kla­ge blie­ben zunächst ohne Erfolg. Anders nun der Bun­des­fi­nanz­hof, der die Vor­ent­schei­dung auf­hob und die Sache zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Finanz­ge­richt zurück ver­wies.

Der Bun­des­fi­nanz­hof stell­te fest, dass das Rau­chen nach inzwi­schen ein­hel­li­ger Auf­fas­sung als gesund­heits­schäd­lich gilt. Bei den streit­be­fan­ge­nen Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren kann es sich daher um dem Schutz der Gesund­heit die­nen­de Dienst­leis­tun­gen han­deln – sei es nur vor­beu­gend oder sei es zur Wie­der­her­stel­lung der bereits geschä­dig­ten Gesund­heit. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die genann­ten Leis­tun­gen Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men i. S. des § 20 des Sozi­al­ge­setz­bu­ches Fünf­tes Buch sind, die wegen des feh­len­den unmit­tel­ba­ren Krank­heits­be­zugs grund­sätz­lich nicht zu den von der Steu­er befrei­ten Heil­be­hand­lun­gen gehö­ren. Denn auch der­ar­ti­ge Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men fal­len unter die Steu­er­be­frei­ung, wenn sie im Rah­men einer medi­zi­ni­schen Behand­lung – auf­grund ärzt­li­cher Anord­nung oder mit­hil­fe einer Vor­sor­ge- oder Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­me – durch­ge­führt wer­den. Dabei kön­nen auch die im Streit­fall von Betriebs­ärz­ten vor­ge­nom­me­nen Sam­mel­über­wei­sun­gen von Arbeit­neh­mern zur Teil­nah­me an Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren den Anfor­de­run­gen an die gebo­te­ne medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on genü­gen, wenn sie auf medi­zi­ni­schen Fest­stel­lun­gen der Betriebs­ärz­te beru­hen.

Die Sache war für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht spruch­reif, weil das Finanz­ge­richt bis­lang u.a. noch nicht fest­ge­stellt hat, in wel­chem Umfang die Klä­ge­rin neben den nicht begüns­tig­ten Semi­na­ren zur Gewichts­re­duk­ti­on und zum Stress-Manage­ment tat­säch­lich Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re durch­ge­führt hat und ob die Sam­mel­über­wei­sun­gen der Betriebs­ärz­te auf ent­spre­chen­den medi­zi­ni­schen Fest­stel­lun­gen beruh­ten. Die noch feh­len­de Auf­klä­rung des Sach­ver­halts wird das Finanz­ge­richt nun im zwei­ten Rechts­gang nach­zu­ho­len haben.

Nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG sind steu­er­frei die Umsät­ze aus der Tätig­keit als Arzt, Zahn­arzt, Heil­prak­ti­ker, Phy­sio­the­ra­peut (Kran­ken­gym­nast), Heb­am­me oder aus einer ähn­li­chen heil­be­ruf­li­chen Tätig­keit und aus der Tätig­keit als kli­ni­scher Che­mi­ker.

Die­se Vor­schrift beruht auf Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 1, nach der "Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin, die im Rah­men der Aus­übung der von dem betref­fen­den Mit­glied­staat defi­nier­ten ärzt­li­chen und arzt­ähn­li­chen Beru­fe erbracht wer­den", steu­er­frei sind (seit dem 1.01.2007 gilt inso­weit Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem).

§ 4 Nr. 14 Satz 1 UStG ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen 2.

Dabei sind die in Art. 13 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG genann­ten Steu­er­be­frei­un­gen zwar eng aus­zu­le­gen, da sie Aus­nah­men von dem all­ge­mei­nen Grund­satz dar­stel­len, dass jede Dienst­leis­tung, die ein Steu­er­pflich­ti­ger gegen Ent­gelt erbringt, der Mehr­wert­steu­er unter­liegt. Die Aus­le­gung der in die­ser Bestim­mung ver­wen­de­ten Begrif­fe muss aber auch mit den Zie­len im Ein­klang ste­hen, die mit den Befrei­un­gen ver­folgt wer­den 3. Die­se Regel einer engen Aus­le­gung bedeu­tet außer­dem nicht, dass die zur Defi­ni­ti­on der Steu­er­be­frei­un­gen i.S. von Art. 13 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ver­wen­de­ten Begrif­fe in einer Wei­se aus­zu­le­gen sind, die den Befrei­un­gen ihre Wir­kung näh­me 4. Dabei geht aus der Recht­spre­chung des EuGH her­vor, dass der Zweck, die Kos­ten von Heil­be­hand­lun­gen zu sen­ken und die­se für den Ein­zel­nen leich­ter zugäng­lich zu machen, der in Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG und der in Buchst. c die­ses Absat­zes vor­ge­se­he­nen Befrei­ung gemein­sam ist 5.

Der Begriff der "Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin" i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 77/​388/​EWG umfasst Leis­tun­gen, die der Dia­gno­se, Behand­lung und, soweit wie mög­lich, Hei­lung von Krank­hei­ten oder Gesund­heits­stö­run­gen die­nen 6. Dar­aus folgt, dass ärzt­li­chen Leis­tun­gen, die zu dem Zweck erbracht wer­den, die mensch­li­che Gesund­heit zu schüt­zen, auf­recht­zu­er­hal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len, die in Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b und c der Richt­li­nie 77/​388/​EWG vor­ge­se­he­ne Steu­er­be­frei­ung zukommt 7.

Zu den nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG steu­er­frei­en Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin gehö­ren nach der Recht­spre­chung des BFH auch Leis­tun­gen, die zum Zweck der Vor­beu­gung erbracht wer­den, wie vor­beu­gen­de Unter­su­chun­gen und ärzt­li­che Maß­nah­men an Per­so­nen, die an kei­ner Krank­heit oder Gesund­heits­stö­rung lei­den, sowie Leis­tun­gen, die zum Schutz ein­schließ­lich der Auf­recht­erhal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der mensch­li­chen Gesund­heit erbracht wer­den 8. Kei­ne Heil­be­hand­lung im Bereich der Human­me­di­zin sind "ärzt­li­che Leis­tun­gen", "Maß­nah­men" oder "medi­zi­ni­sche Ein­grif­fe", die zu ande­ren Zwe­cken erfol­gen 9.

Bei der Über­tra­gung die­ser Rechts­grund­sät­ze auf den Streit­fall ergibt sich, dass es sich bei den von der Klä­ge­rin erbrach­ten Leis­tun­gen im Rah­men der Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re um Heil­be­hand­lun­gen i.S. von § 4 Nr. 14 UStG han­deln kann.

Zwar ist hier­für nicht ent­schei­dend, ob ent­spre­chend dem Hin­weis der Klä­ge­rin das Rau­chen wegen der mög­li­cher­wei­se damit ver­bun­de­nen Tabak­a­b­hän­gig­keit nach der "ICD – 10" unter der Rubrik "Psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­rung durch psy­cho­tro­pe Sub­stan­zen" der WHO als Krank­heit zu qua­li­fi­zie­ren ist. Denn der BFH hat wie­der­holt ent­schie­den, dass die Fra­ge, ob ein bestimm­ter Umsatz der Mehr­wert­steu­er zu unter­wer­fen oder von ihr zu befrei­en ist, nicht davon abhän­gen kann, wie der Begriff der "Gesund­heit" oder der "Krank­heit" durch die WHO defi­niert wird 10.

Bei der Durch­füh­rung der Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re kann es sich aber um Maß­nah­men han­deln, die ‑ggf. auch nur vor­beu­gend- dem Schutz ein­schließ­lich der Auf­recht­erhal­tung bzw. Wie­der­her­stel­lung der Gesund­heit die­nen 11.

Es ist all­ge­mein aner­kannt, dass das Rau­chen gesund­heits­schäd­lich ist. Unter Rau­chern und Nicht­rau­chern gibt es kaum jeman­den, dem die­se Gefah­ren gänz­lich unbe­kannt wären. Das Rau­chen tötet mehr Men­schen als Ver­kehrs­un­fäl­le, Aids, Alko­hol, ille­ga­le Dro­gen, Mor­de und Selbst­mor­de zusam­men. Ziga­ret­ten­rau­chen ist in den Indus­trie­län­dern die häu­figs­te und wis­sen­schaft­lich am deut­lichs­ten beleg­te Ein­zel­ur­sa­che für den Krebs­tod. Im Ergeb­nis ist nach heu­ti­gem medi­zi­ni­schen Kennt­nis­stand gesi­chert, dass Rau­chen Krebs sowie Herz- und Gefäß­krank­hei­ten ver­ur­sacht, damit zu töd­li­chen Krank­hei­ten führt und auch die Gesund­heit der nicht rau­chen­den Mit­men­schen gefähr­det 12.

Bei den von der Klä­ge­rin durch­ge­führ­ten Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­ren mit dem Ziel der Been­di­gung des Rau­chens durch die Teil­neh­mer han­delt es sich daher um Dienst­leis­tun­gen, die dem Schutz der Gesund­heit die­nen kön­nen, sei es nur vor­beu­gend, oder sei es zur Wie­der­her­stel­lung der bereits geschä­dig­ten Gesund­heit 13. Ande­re Zwe­cke hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Kran­ken­kas­sen, wel­che die Kos­ten der Teil­nah­me an den Semi­na­ren zur Rau­cher­ent­wöh­nung zum Teil über­nom­men haben, die streit­be­fan­ge­nen Leis­tun­gen der Klä­ge­rin als sog. Leis­tun­gen zur Pri­mär­prä­ven­ti­on qua­li­fi­ziert haben, die (ledig­lich) den all­ge­mei­nen Gesund­heits­zu­stand ver­bes­sern sol­len, und somit in den Anwen­dungs­be­reich von § 20 SGB V fal­len 14.

Der BFH hat zwar ent­schie­den, dass Leis­tun­gen zur Prä­ven­ti­on i.S. des § 20 SGB V, die kei­nen unmit­tel­ba­ren Krank­heits­be­zug haben, grund­sätz­lich kei­ne nach § 4 Nr. 14 UStG befrei­ten Heil­be­hand­lun­gen sind 15. Etwas ande­res gilt aber, wenn die ent­spre­chen­den Maß­nah­men im Rah­men einer medi­zi­ni­schen Behand­lung ‑auf­grund ärzt­li­cher Anord­nung oder mit­hil­fe einer Vor­sor­ge- oder Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­me- durch­ge­führt wer­den 16.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen kön­nen im Streit­fall bezo­gen auf die von den Betriebs­ärz­ten über­mit­tel­ten Teil­neh­mer­lis­ten für die Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re erfüllt sein, wozu das Finanz­ge­richt wei­te­re Fest­stel­lun­gen zu tref­fen hat.

Betriebs­ärz­te haben die Auf­ga­be, den Arbeit­ge­ber beim Arbeits­schutz und bei der Unfall­ver­hü­tung in allen Fra­gen des Gesund­heits­schut­zes zu unter­stüt­zen (§ 3 Abs. 1 Satz 1 des Geset­zes über Betriebs­ärz­te, Sicher­heits­in­ge­nieu­re und ande­re Fach­kräf­te für Arbeits­si­cher­heit ‑ASiG-). Sie haben dazu u.a. die Arbeit­neh­mer zu unter­su­chen, arbeits­me­di­zi­nisch zu beur­tei­len und zu bera­ten sowie die Unter­su­chungs­er­geb­nis­se zu erfas­sen und aus­zu­wer­ten (§ 3 Abs. 1 Nr. 2 ASiG). Zu die­sen Auf­ga­ben kann auch die Ent­sen­dung der Arbeit­neh­mer in Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re gehö­ren.

Der BFH hat im Übri­gen bereits ent­schie­den, dass Leis­tun­gen der Betriebs­ärz­te i.S. von § 3 Abs. 1 Nr. 2 ASiG grund­sätz­lich in den Anwen­dungs­be­reich von § 4 Nr. 14 UStG fal­len 17.

Auch die übri­gen Ein­wen­dun­gen des Finanz­amt grei­fen nicht durch.

Ins­be­son­de­re sind die im Streit­fall erbrach­ten Leis­tun­gen nicht ver­gleich­bar mit Leis­tun­gen, die Gegen­stand der vom Finanz­amt für ein­schlä­gig gehal­te­nen Recht­spre­chung zu Schön­heits­ope­ra­tio­nen waren 18, zu Super­vi­si­ons­leis­tun­gen 19 und zur Erstel­lung eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens als medi­zi­ni­scher Sach­ver­stän­di­ger 20.

Das Finanz­ge­richt ist bei der Ver­sa­gung der streit­be­fan­ge­nen Leis­tun­gen als gemäß § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG von der Steu­er befrei­te Heil­be­hand­lun­gen von unzu­tref­fen­den Rechts­grund­sät­zen aus­ge­gan­gen. Sei­ne Ent­schei­dung war daher auf­zu­he­ben. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann aber aus meh­re­ren Grün­den nicht durch­er­ken­nen:

Zum einen hat das Finanz­ge­richt ‑aus­ge­hend von sei­nem Rechts­stand­punkt zu Recht- nicht fest­ge­stellt, in wel­chem Umfang die Klä­ge­rin im Streit­jahr Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re durch­ge­führt hat. Aus dem bis­lang fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt geht ledig­lich her­vor, dass die Umsät­ze der Klä­ge­rin sich "über­wie­gend" aus Semi­na­ren zur Rau­cher­ent­wöh­nung zusam­men­set­zen, im Übri­gen aber Ver­an­stal­tun­gen zur "Gewichts­re­duk­ti­on" und zum "Stress-Manage­ment" betra­fen. Eine exak­te Auf­tei­lung der ent­spre­chen­den Ver­an­stal­tun­gen als maß­geb­li­che Grund­la­ge für die Ermitt­lung der in Betracht kom­men­den Steu­er­be­frei­ung fehlt bis­lang.

Wei­ter hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt, wie es zu der Erstel­lung der Sam­mel­über­wei­sun­gen durch die Betriebs­ärz­te gekom­men ist. Zwar kann auch ‑wie dar­ge­legt- in einer Sam­mel­über­wei­sung ein hin­rei­chen­der Nach­weis dafür lie­gen, dass die durch­ge­führ­te Maß­nah­me eine Heil­be­hand­lung ist. Aller­dings ist die rein sub­jek­ti­ve Vor­stel­lung des Pati­en­ten als Leis­tungs­emp­fän­ger für die Ein­ord­nung als Heil­be­hand­lung nicht aus­rei­chend; bei der Beur­tei­lung, ob die Maß­nah­me einem the­ra­peu­ti­schen Zweck dient, han­delt es sich um eine medi­zi­ni­sche Fra­ge, die von medi­zi­ni­schem Fach­per­so­nal auf­grund medi­zi­ni­scher Fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den muss 21. Ob die Sam­mel­über­wei­sun­gen der Betriebs­ärz­te die­sen Anfor­de­run­gen genü­gen, hat das Finanz­ge­richt im zwei­ten Rechts­gang fest­zu­stel­len.

Fer­ner hat das Finanz­ge­richt in den Ent­schei­dungs­grün­den sei­nes Urteils aus­ge­führt, dass die Niko­ti­n­ent­wöh­nungs­the­ra­pi­en "teil­wei­se voll­stän­dig ohne ärzt­li­che Ver­ord­nung" und damit außer­halb von Sam­mel­über­wei­sun­gen durch Betriebs­ärz­te von Unter­neh­men erfolgt sei­en. Da sich dem nicht ent­neh­men lässt, in wel­chem kon­kre­ten Umfang dies der Fall gewe­sen sein soll, ist nicht ersicht­lich, inwie­weit die ‑wie dar­ge­legt- erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on der Rau­cher­ent­wöh­nungs­se­mi­na­re fehlt, was die Gewäh­rung der Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG aus­schlie­ßen wür­de.

Schließ­lich feh­len noch Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zu Inhalt, Ablauf und zeit­li­chem Umfang der Semi­na­re sowie zu den Fra­gen, wer die streit­be­fan­ge­nen Leis­tun­gen tat­säch­lich erbracht hat und ob die ent­spre­chen­de Per­son inso­weit über die zur Gewäh­rung der Steu­er­be­frei­ung erfor­der­li­che fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on im Rah­men einer "ähn­li­chen heil­be­ruf­li­chen Tätig­keit" i.S. von § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG ver­fügt 22.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. August 2014 – XI R 19/​12

  1. Richt­li­nie 77/​388/​EWG[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 30.01.2008 – XI R 53/​06, BFHE 221, 399, BSt­Bl II 2008, 647, unter II. 2.a; vom 07.02.2013 – V R 22/​12, BFHE 240, 428, BSt­Bl II 2014, 126, Rz 14, jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 13.03.2014 – C‑366/​12 ‑Kli­ni­kum Dortmund‑, Mehr­wert­steu­er­recht ‑MwStR- 2014, 301, Umsatz­steu­er-Rund­schau ‑UR- 2014, 271, Rz 26[]
  4. vgl. z.B. EuGH, Urteil ‑Kli­ni­kum Dort­mund- in MwStR 2014, 301, UR 2014, 271, Rz 27, m.w.N.[]
  5. vgl. z.B. EuGH, Urteil ‑Kli­ni­kum Dort­mund- in MwStR 2014, 301, UR 2014, 271, Rz 28, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. EuGH, Urteil ‑Kli­ni­kum Dort­mund- in MwStR 2014, 301, UR 2014, 271, Rz 29, m.w.N.[]
  7. vgl. z.B. EuGH, Urteil ‑Kli­ni­kum Dort­mund- in MwStR 2014, 301, UR 2014, 271, Rz 30, m.w.N.[]
  8. BFH, Urteil vom 18.08.2011 – V R 27/​10, BFHE 235, 58, BFH/​NV 2011, 2214, Rz 14[]
  9. BFH, Urteil in BFHE 235, 58, BFH/​NV 2011, 2214, Rz 14, m.w.N.[]
  10. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 18.02.2008 – V B 35/​06, BFH/​NV 2008, 1001, unter II. 4.a bb; vom 01.07.2010 – V B 62/​09, BFH/​NV 2010, 2136, Rz 13; vom 24.10.2011 – XI B 54/​11, BFH/​NV 2012, 279, 2. Leit­satz und Rz 13[]
  11. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 235, 58, BFH/​NV 2011, 2214, Rz 14, m.w.N.; EuGH, Urteil ‑Kli­ni­kum Dort­mund- in MwStR 2014, 301, UR 2014, 271, Rz 30, m.w.N.[]
  12. so BVerfG, Beschluss vom 22.01.1997 – 2 BvR 1915/​91, BVerfGE 95, 173, DVBl. 1997, 548, NJW 1997, 2871, m.w.N.[]
  13. vgl. dazu im Ergeb­nis auch FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 29.10.2013 – 2 K 2055/​11, EFG 2014, 228[]
  14. vgl. dazu auch BSG, Beschluss vom 28.04.2004 – B 6 KA 125/​03 B Rz 14[]
  15. vgl. BFH, Urteil vom 07.07.2005 – V R 23/​04, BFHE 211, 69, BSt­Bl II 2005, 904, 2. Leit­satz zu Ernäh­rungs­be­ra­tun­gen; BFH, Beschluss vom 04.10.2012 – XI B 46/​12, BFH/​NV 2013, 273 zu Yoga­kur­sen[]
  16. vgl. BFH, Urtei­le vom 10.03.2005 – V R 54/​04, BFHE 210, 151, BSt­Bl II 2005, 669; in BFHE 211, 69, BSt­Bl II 2005, 904, 1. Leit­satz zu Ernäh­rungs­be­ra­tun­gen[]
  17. vgl. BFH, Urteil vom 13.07.2006 – V R 7/​05, BFHE 214, 458, BSt­Bl II 2007, 412[]
  18. BFH, Beschluss vom 22.02.2006 – V B 30/​05, BFH/​NV 2006, 1168[]
  19. BFH, Urteil vom 30.06.2005 – V R 1/​02, BFHE 210, 188, BSt­Bl II 2005, 675[]
  20. EuGH, Urteil vom 20.11.2003 – C‑212/​01 ‑Unterpertinger‑, Slg. 2003, I‑13859, BFH/​NV Bei­la­ge 2004, 111[]
  21. EuGH, Urteil vom 21.03.2013 – C‑91/​12 ‑PFC Clinic‑, MwStR 2013, 197, UR 2013, 335, Rz 34 f.[]
  22. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 26.09.2007 – V R 54/​05, BFHE 219, 241, BSt­Bl II 2008, 262, Leit­sät­ze 1 und 2; in BFHE 240, 428, BSt­Bl II 2014, 126, Rz 22; zu psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Behand­lun­gen durch Diplom­psy­cho­lo­gen BFH, Urteil vom 01.04.2004 – V R 54/​98, BFHE 205, 505, BSt­Bl II 2004, 681 im Anschluss an EuGH, Urteil vom 06.11.2003 – C‑45/​01 ‑Dornier‑, Slg. 2003, I‑12911, BFH/​NV Bei­la­ge 2004, 40, und zu Psy­cho­the­ra­peu­ten z.B. Bunjes/​Heidner, UStG, 13. Aufl., § 4 Nr. 14 Rz 56[]