Rech­nungs­an­ga­ben des Leis­tungs­er­brin­gers – und der Gut­glau­bens­schutz

Bei feh­len­dem Gut­glau­bens­schutz hin­sicht­lich der Rech­nungs­an­ga­ben des Leis­tungs­er­brin­gers kann kei­ne Aus­set­zung der Voll­zie­hung des Umsatz­steu­er­be­schei­des gewährt wer­den.

Rech­nungs­an­ga­ben des Leis­tungs­er­brin­gers – und der Gut­glau­bens­schutz

Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 FGO ist die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit die­ses Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen.

Ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen dann vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Bescheids neben für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen oder Unklar­heit in der Beur­tei­lung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Tat­fra­gen bewir­ken 1. Die Ent­schei­dung hier­über ergeht bei der im AdV-Ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung auf­grund des Sach­ver­halts, der sich aus dem Vor­trag der Betei­lig­ten und der Akten­la­ge ergibt 2. Zur Gewäh­rung der AdV ist es nicht erfor­der­lich, dass die für die Rechts­wid­rig­keit spre­chen­den Grün­de im Sin­ne einer Erfolgs­wahr­schein­lich­keit über­wie­gen 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben bestehen im Streit­fall kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit der ange­foch­te­nen Umsatz­steu­er­be­schei­de.

Der Unter­neh­mer kann nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 1 UStG die gesetz­lich geschul­de­te Steu­er für Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen, die von ande­ren Unter­neh­mern für sein Unter­neh­men aus­ge­führt wor­den sind, als Vor­steu­er­be­trä­ge abzie­hen. Die Aus­übung des Vor­steu­er­ab­zugs setzt nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 2 UStG vor­aus, dass der Unter­neh­mer eine nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nung besitzt.

Feh­len die erfor­der­li­chen Rech­nungs­an­ga­ben oder sind sie ‑wie das Finanz­ge­richt im Streit­fall unwi­der­spro­chen fest­ge­stellt hat- unzu­tref­fend, hat der Leis­tungs­emp­fän­ger grund­sätz­lich kei­nen Anspruch auf Vor­steu­er­ab­zug 4.

Zwar besteht Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung der Rechts­fra­ge, ob mit Blick auf die Recht­spre­chung des EuGH 5 der Leis­tungs­emp­fän­ger zum Abzug der Vor­steu­er­be­trä­ge berech­tigt ist, wenn er auf die Anga­ben des Lie­fe­ran­ten ver­trau­te und sich die­se Anga­ben spä­ter als falsch her­aus­stel­len 6, obgleich § 15 UStG den Schutz des guten Glau­bens an die Erfül­lung der Vor­steu­er­ab­zugs­vor­aus­set­zun­gen nicht vor­sieht und Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te des­halb grund­sätz­lich nicht bei der Steu­er­fest­set­zung nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten des UStG, son­dern ggf. nur im Rah­men einer Bil­lig­keits­maß­nah­me gemäß § 163, § 227 der Abga­ben­ord­nung berück­sich­tigt wer­den kön­nen 7.

Vor­lie­gend kann sich die Unter­neh­me­rin jedoch nicht auf Gut­glau­bens­schutz beru­fen.

Das Feh­len wei­te­rer im Geschäfts­ver­kehr übli­cher Kon­takt­da­ten wie Tele­fon­num­mer, Tele­fax­num­mer oder E‑Mail-Adres­se sowie Bank­ver­bin­dung und die Ver­ein­nah­mung der Rech­nungs­be­trä­ge in nicht gerin­ger Höhe von ins­ge­samt brut­to 39.763,85 € in 2010 und 93.849,35 € in 2011 jeweils in bar hät­ten in ihrer Gesamt­heit der Unter­neh­me­rin Anlass geben müs­sen, die Rech­nungs­an­ga­ben des Lie­fe­ran­ten zu prü­fen. Dies ist nicht gesche­hen.

Zudem durf­te sich die Unter­neh­me­rin nicht ohne wei­te­res auf die Rech­nungs­an­ga­ben des Lie­fe­ran­ten ver­las­sen, wenn sie ‑wovon das Finanz­ge­richt auf­grund der Anga­ben des Lie­fe­ran­ten aus­ge­gan­gen ist und was im Beschwer­de­ver­fah­ren unwi­der­spro­chen blieb- bereits im jewei­li­gen Zeit­punkt der Leis­tungs­er­brin­gung Kennt­nis von der Gewer­be­un­ter­sa­gung des Lie­fe­ran­ten gehabt hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 20. Janu­ar 2015 – XI B 112/​14

  1. vgl. dazu z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.07.2013 – XI B 41/​13, BFH/​NV 2013, 1647, Rz 16; vom 02.07.2014 – XI S 8/​14, BFH/​NV 2014, 1601, Rz 24; vom 26.09.2014 – XI S 14/​14, BFH/​NV 2015, 158, jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. dazu BFH, Beschlüs­se vom 07.09.2011 – I B 157/​10, BFHE 235, 215, BSt­Bl II 2012, 590, Rz 12; in BFH/​NV 2013, 1647, Rz 16; in BFH/​NV 2014, 1601, Rz 24; in BFH/​NV 2015, 158, jeweils m.w.N.[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. dazu z.B. BFH, Beschlüs­se vom 20.07.2012 – V B 82/​11, BFHE 237, 545, BSt­Bl II 2012, 809, Rz 9; vom 03.04.2013 – V B 125/​12, BFHE 240, 447, BSt­Bl II 2013, 973, Rz 12; in BFH/​NV 2013, 1647, Rz 16, jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. EuGH, Urtei­le vom 15.07.2010 – C‑368/​09, Pan­non Gép, Slg. 2010, I‑7467, DStR 2010, 1475, Rz 39 bis 41; vom 01.03.2012 – C‑280/​10, Pol­ski Tra­wer­tyn, UR 2012, 366, HFR 2012, 461, Rz 41; BFH, Urtei­le vom 02.09.2010 – V R 55/​09, BFHE 231, 332, BSt­Bl II 2011, 235, Rz 12; vom 15.05.2012 – XI R 32/​10, BFH/​NV 2012, 1836[]
  5. vgl. z.B. EuGH, Urtei­le vom 21.06.2012 – C‑80/​11 und – C‑142/​11, Maha­gé­ben und Dávid, BFH/​NV 2012, 1404, UR 2012, 591; vom 13.02.2014 – C‑18/​13, Maks Pen EOOD, Mehr­wert­steu­er­recht 2014, 197, HFR 2014, 380[]
  6. vgl. BFH, Beschluss vom 16.04.2014 – V B 48/​13, BFH/​NV 2014, 1243, Rz 6; in BFH/​NV 2015, 158[]
  7. vgl. dazu z.B. BFH, Urteil vom 08.07.2009 – XI R 51/​07, BFH/​NV 2010, 256, m.w.N.; FG Köln, Urteil vom 12.03.2014 4 K 2374/​10, Ent­schei­dun­gen der Finanz­ge­rich­te 2014, 1442, Revi­si­on ein­ge­legt: BFH – XI R 22/​14[]