Soll­ver­steue­rung – und der Zeit­punkt der Steu­er­ent­ste­hung

Auf den Zeit­punkt der Ent­rich­tung des Ent­gel­tes kommt es für die Steu­er­ent­ste­hung bei Soll­ver­steue­rung nicht an. Da § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG nicht uni­ons­rechts­kon­form aus­leg­bar ist, setzt die Anwen­dung von Art. 10 Abs. 2 Satz 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG (nun­mehr Art. 64 MwSt­Sys­tRL) vor­aus, dass der Steu­er­pflich­ti­ge sich auf die Vor­schrift beruft.

Soll­ver­steue­rung – und der Zeit­punkt der Steu­er­ent­ste­hung

Eine steu­er­ba­re Leis­tung (§ 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG, Art. 2 Nr. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG) liegt nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on und des Bun­des­fi­nanz­hofs vor, wenn zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung ein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang besteht, der sich regel­mä­ßig aus dem "Rechts­ver­hält­nis", d.h. den ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen Leis­ten­dem und Leis­tungs­emp­fän­ger ergibt 1.

Die Steu­er ent­steht nach § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Sät­ze 1 und 2 UStG für Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen bei der Berech­nung der Steu­er nach ver­ein­bar­ten Ent­gel­ten (§ 16 Abs. 1 Satz 1 UStG) mit Ablauf des Vor­anmel­dungs­zeit­raums, in dem die Leis­tun­gen oder Teil­leis­tun­gen aus­ge­führt wor­den sind (sog. Soll­be­steue­rung).

Die Vor­schrift beruht uni­ons­recht­lich auf Art. 10 Abs. 2 Satz 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Danach tre­ten Steu­er­tat­be­stand und Steu­er­an­spruch zu dem Zeit­punkt ein, zu dem die Lie­fe­rung von Gegen­stän­den bewirkt oder die Dienst­leis­tung erbracht wird 2.

Die Aus­le­gung der in der Ver­ein­ba­rung vom 18.05.2005 abge­ge­be­nen Wil­lens­er­klä­run­gen 3 durch das Finanz­ge­richt hat erge­ben, dass die Leis­tung des Unter­neh­mers in der Rück­nah­me der Kla­ge am 18.05.2005 bestand. Hier­auf kam es der DB Netz AG an, um Pla­nungs­si­cher­heit zu haben und die mit einem Pro­zess ver­bun­de­nen Risi­ken zu ver­mei­den. An die­se Ver­trags­aus­le­gung ist der Bun­des­fi­nanz­hof gemäß § 118 Abs. 2 FGO gebun­den, da sie den Grund­sät­zen der §§ 133, 157 BGB ent­spricht und nicht gegen Denk­ge­set­ze und Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt, d.h. jeden­falls mög­lich ist 4.

Auf den Zeit­punkt in den das Ent­gelt ent­rich­tet wird, kommt es für die Steu­er­ent­ste­hung bei der Soll­ver­steue­rung nicht an 5.

Aus Art. 10 Abs. 2 Satz 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ergibt sich nichts ande­res. Danach gel­ten Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den außer in den in Art. 5 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG benann­ten Fäl­len und Dienst­leis­tun­gen, die zu auf­ein­an­der fol­gen­den Abrech­nun­gen oder Zah­lun­gen Anlass geben, als mit Ablauf des Zeit­raums bewirkt, auf den sich die­se Abrech­nun­gen oder Zah­lun­gen bezie­hen. Zwar hat der BFH im Anschluss an das EuGH, Urteil "baum­gar­ten sports & more" vom 29.11.2018 6 ent­schie­den, dass hier­für kei­ne zeit­raum­be­zo­ge­ne Leis­tungs­hand­lung erfor­der­lich ist und auch Ver­mitt­lungs­leis­tun­gen, die sich nach der Leis­tungs­hand­lung auf die Ver­mitt­lung des Ein­tritts eines bestimm­ten Ereig­nis­ses beschrän­ken, unter die­se Rege­lung fal­len, wenn die Ver­mitt­lungs­leis­tung nach der Dau­er­haf­tig­keit des ver­mit­tel­ten Erfol­ges ver­gü­tet wird 7, BFH/​NV 2019, 1211)). Der Bun­des­fi­nanz­hof hat nicht zu ent­schei­den, ob die Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gend erfüllt sein könn­ten. Denn § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 3 UStG ist nicht uni­ons­rechts­kon­form und kann auch nicht uni­ons­rechts­kon­form aus­ge­legt wer­den. Die Anwen­dung von Art. 10 Abs. 2 Satz 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG setzt viel­mehr vor­aus, dass der Steu­er­pflich­ti­ge sich auf die­se Vor­schrift beruft 8. Das aber hat der Unter­neh­mer im hier ent­schie­de­nen Fall nicht getan.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 22. August 2019 – V R 47/​17

  1. BFH, Urtei­le vom 31.05.2017 – XI R 2/​14, BFHE 258, 191, BSt­Bl II 2017, 1024; vom 04.07.2013 – V R 33/​11, BFHE 242, 280, BSt­Bl II 2013, 937; vom 20.03.2013 – XI R 6/​11, BFHE 241, 191, BSt­Bl II 2014, 206 mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung des EuGH und des BFH[]
  2. BFH, Urteil vom 24.10.2013 – V R 31/​12, BFHE 243, 451, BSt­Bl II 2015, 674[]
  3. zur Maß­geb­lich­keit der schuld­recht­li­chen Ver­trags­be­zie­hung und deren Aus­le­gung unter Berück­sich­ti­gung des Emp­fän­ger­ho­ri­zonts vgl. BFH, Urtei­le vom 24.08.2006 – V R 16/​05, BFHE 215, 311, BSt­Bl II 2007, 340; vom 07.05.1987 – V R 85/​77, BFH/​NV 1988, 53; vom 13.03.1987 – V R 33/​79, BFHE 149, 313, BSt­Bl II 1987, 524; vom 24.09.1987 – V R 152/​78, BFHE 151, 90, BSt­Bl II 1988, 29; vom 12.01.2011 – II R 30/​09, BFH/​NV 2011, 755[]
  4. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 27.01.2011 – V R 6/​09, BFH/​NV 2011, 1733; vom 28.10.2009 – IX R 17/​09, BFHE 227, 349, BSt­Bl II 2010, 539; vom 03.11.2011 – V R 16/​09, BFHE 235, 547, BSt­Bl II 2012, 378[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 243, 451, BSt­Bl II 2015, 674; Umsatz­steu­er-Anwen­dungs­er­lass 13.1 Abs. 1; Sölch/​Ringleb/​Leipold, 85. EL März 2019, UStG § 13 Rz 27; Bunjes/​Leonard, 18. Aufl.2019, UStG § 13 Rz 11[]
  6. EuGH, Urteil "baum­gar­ten sports & more" vom 29.11.2018 – C‑548/​17, EU:C:2018:970[]
  7. BFH, Urteil vom 26.06.2019 – V R 8/​19 ((V R 51/​16[]
  8. BFH, Urteil in BFH/​NV 2019, 1211[]