Über­las­sen von Boots­lie­ge­plät­zen – und die Umsatz­steu­er

Die ent­gelt­li­che Über­las­sung von Boots­lie­ge­plät­zen ist nicht steu­er­satz­ermä­ßigt. Dies gilt auch, soweit der Hafen von einem gemein­nüt­zi­gen Ver­ein betrie­ben wird.

Über­las­sen von Boots­lie­ge­plät­zen – und die Umsatz­steu­er

In dem hier in Umset­zung der „Seg­ler-Ver­ei­ni­gung Cux­ha­ven“, Ent­schei­dung des Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on [1] vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall war strei­tig, ob die Umsät­ze aus der Ver­ein­nah­mung von Hafen­gel­dern dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz nach § 12 Abs. 2 Nr. 8 Buchst. a oder Nr. 11 UStG unter­lie­gen. Der kla­gen­de, gemein­nüt­zi­ge Ver­ein, des­sen Zweck die För­de­rung des Segel- und Motor­was­ser­sports ist, unter­hält in sei­nem Hafen etwa 300 Lie­ge­plät­ze, die in den hier ent­schie­de­nen Streit­jah­ren 2010 bis 2012 zu ca. 50 % fest an Mit­glie­der ver­ge­ben wur­den. Die Mit­glie­der sind ver­pflich­tet, bei Abwe­sen­heit die Nut­zung ihrer Lie­ge­plät­ze durch Gäs­te zu dul­den. Die übri­gen 50 % der Lie­ge­plät­ze ste­hen den Gäs­ten unein­ge­schränkt zur Ver­fü­gung. Die Ent­gel­te aus der Über­las­sung der Lie­ge­plät­ze an Gäs­te unter­warf der Ver­ein in den Streit­jah­ren dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz. Im Anschluss an eine bei ihm durch­ge­führ­te Umsatz­steu­er-Son­der­prü­fung änder­te das Finanz­amt die Umsatz­steu­er­be­schei­de und unter­warf die strei­ti­gen Umsät­ze dem Regel­steu­er­satz.

Das Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt wies die Kla­ge des Ver­eins ab [2]; die kurz­fris­ti­ge Über­las­sung von Boots­lie­ge­plät­zen sei kei­ne „kurz­fris­ti­ge Ver­mie­tung von Cam­ping­flä­chen“ nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG, son­dern eine steu­er­pflich­ti­ge Ver­mie­tung von Plät­zen für das Abstel­len von Fahr­zeu­gen (§ 4 Nr. 12 Satz 2 Alter­na­ti­ve 2 UStG). Im Revi­si­ons­ver­fah­ren hat der Bun­des­fi­nanz­hof den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on um Vor­ab­ent­schei­dung zur Klä­rung der fol­gen­den Fra­ge zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL) ersucht [3]:

„Umfasst die Steu­er­satz­ermä­ßi­gung für die Ver­mie­tung von Cam­ping­plät­zen und Plät­zen für das Abstel­len von Wohn­wa­gen nach Art. 98 Abs. 2 der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL) in Ver­bin­dung mit Anhang – III Nr. 12 MwSt­Sys­tRL auch die Ver­mie­tung von Boots­lie­ge­plät­zen?“

Hier­auf hat der Uni­ons­ge­richts­hof in sei­nem Urteil „Seg­ler-Ver­ei­ni­gung Cux­ha­ven“ [1] wie folgt geant­wor­tet:

„Nach alle­dem ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 98 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Anhang III Nr. 12 der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie dahin aus­zu­le­gen ist, dass der ermä­ßig­te Mehr­wert­steu­er­satz, der dort für die Ver­mie­tung von Cam­ping­plät­zen und Plät­zen für das Abstel­len von Wohn­wa­gen vor­ge­se­hen ist, nicht auf die Ver­mie­tung von Boots­lie­ge­plät­zen anwend­bar ist.“

Auf der Grund­la­ge die­ses Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on wies der Bun­des­fi­nanz­hof nun die Revi­si­on des Ver­eins gegen das Urteil des Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richts zurück; das Finanz­ge­richt hat zu Recht ent­schie­den, dass die kurz­fris­ti­ge Über­las­sung von Boots­lie­ge­plät­zen nicht von der Steu­er­be­frei­ung für die „kurz­fris­ti­ge Ver­mie­tung von Cam­ping­flä­chen“ i.S. von § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG umfasst wird und die damit ein­her­ge­hen­de Regel­be­steue­rung nach § 12 Abs. 1 UStG gleich­heits­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist. Die Umsät­ze des Ver­eins fal­len auch nicht unter die Steu­er­satz­ermä­ßi­gung des § 12 Abs. 2 Nr. 8 Buchst. a UStG.

Die Umsät­ze des Ver­eins aus der Über­las­sung von Boots­lie­ge­plät­zen unter­lie­gen dem Regel­steu­er­satz des § 12 Abs. 1 UStG. Sie fal­len nicht unter die in § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG ange­ord­ne­te Steu­er­satz­ermä­ßi­gung für die kurz­fris­ti­ge Ver­mie­tung von Cam­ping­flä­chen. Eine Was­ser­flä­che in Gestalt eines Boots­lie­ge­plat­zes ist kei­ne Cam­ping­flä­che.

Die­se Beur­tei­lung folgt über­dies aus dem Uni­ons­recht (Art. 98 Abs. 2 i.V.m. Anh. III Nr. 12 MwSt­Sys­tRL [4] und steht im Ein­klang mit dem uni­ons­recht­li­chen Neu­tra­li­täts­grund­satz. Die­ser ver­bie­tet es, gleich­ar­ti­ge Gegen­stän­de oder Dienst­leis­tun­gen, die mit­ein­an­der in Wett­be­werb ste­hen, hin­sicht­lich der Mehr­wert­steu­er unter­schied­lich zu behan­deln [5]. Der EuGH hat im Urteil Seg­ler-Ver­ei­ni­gung Cux­ha­ven [6] ent­schie­den, dass die Ver­mie­tung von Cam­ping­plät­zen und Plät­zen für das Abstel­len von Wohn­wa­gen einer­seits und die Ver­mie­tung von Boots­lie­ge­plät­zen ande­rer­seits unter­schied­li­che Zwe­cke erfül­len und daher nicht mit­ein­an­der in Wett­be­werb ste­hen. Damit liegt ein hin­rei­chen­der Dif­fe­ren­zie­rungs­grund für eine unter­schied­li­che Behand­lung hin­sicht­lich des anzu­wen­den­den Steu­er­sat­zes vor und eine Ver­let­zung des Neu­tra­li­täts­grund­sat­zes schei­det aus.

Die Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­satz­ermä­ßi­gung nach § 12 Abs. 2 Nr. 8 Buchst. a UStG lie­gen eben­falls nicht vor. Danach wer­den ermä­ßigt besteu­ert „die Leis­tun­gen der Kör­per­schaf­ten, die aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­ge, mild­tä­ti­ge oder kirch­li­che Zwe­cke ver­fol­gen (§§ 51 bis 68 der Abga­ben­ord­nung)“.

Es mag dahin­ste­hen, ob die Steu­er­ermä­ßi­gung nur für ori­gi­när gemein­nüt­zi­ge Leis­tun­gen ein­greift, d.h. für Leis­tun­gen, die von Ein­rich­tun­gen erbracht wer­den, die sowohl gemein­nüt­zig als auch für wohl­tä­ti­ge Zwe­cke und im Bereich der sozia­len Sicher­heit tätig sind [7]. Denn es fehlt jeden­falls an den Vor­aus­set­zun­gen des § 12 Abs. 2 Nr. 8 Buchst. a Satz 3 UStG. Danach gilt die Steu­er­ermä­ßi­gung „für Leis­tun­gen, die im Rah­men eines Zweck­be­triebs aus­ge­führt wer­den (…), nur, wenn der Zweck­be­trieb nicht in ers­ter Linie der Erzie­lung zusätz­li­cher Ein­nah­men durch die Aus­füh­rung von Umsät­zen dient, die in unmit­tel­ba­rem Wett­be­werb mit dem all­ge­mei­nen Steu­er­satz unter­lie­gen­den Leis­tun­gen ande­rer Unter­neh­mer aus­ge­führt wer­den, oder wenn die Kör­per­schaft mit die­sen Leis­tun­gen ihrer in den §§ 66 bis 68 der Abga­ben­ord­nung bezeich­ne­ten Zweck­be­trie­be ihre steu­er­be­güns­tig­ten sat­zungs­ge­mä­ßen Zwe­cke selbst ver­wirk­licht“.

Zusätz­li­che Ein­nah­men in die­sem Sin­ne lie­gen bereits dann vor, wenn die Kör­per­schaft die­se im Zusam­men­hang mit Leis­tun­gen erzielt, die für die Ver­wirk­li­chung ihres steu­er­be­güns­tig­ten sat­zungs­mä­ßi­gen Zwecks nicht uner­läss­lich sind [8].

Der Ver­ein steht mit den von ihm aus­ge­führ­ten Ver­mie­tungs­leis­tun­gen in unmit­tel­ba­rem Wett­be­werb mit dem all­ge­mei­nen Steu­er­satz unter­lie­gen­den Leis­tun­gen ande­rer (Beherbergungs-)Unternehmer. Des­halb schei­det gemäß § 12 Abs. 2 Nr. 8 Buchst. a Satz 3 Alter­na­ti­ve 1 UStG eine Steu­er­satz­ermä­ßi­gung aus.

Der Ver­ein hat mit den von ihm aus­ge­führ­ten Ver­mie­tungs­leis­tun­gen auch sei­ne sat­zungs­ge­mä­ßen Zwe­cke nicht selbst ver­wirk­licht (§ 12 Abs. 2 Nr. 8 Buchst. a Satz 3 Alter­na­ti­ve 2 UStG). Denn es ist nicht ersicht­lich, dass er sei­ne steu­er­be­güns­tig­ten sat­zungs­mä­ßi­gen Zwe­cke, näm­lich die För­de­rung des Segel- und Motor­was­ser­sports auf der Grund­la­ge des Ama­teur­ge­dan­kens für Erwach­se­ne und Jugend­li­che als Brei­ten, Leis­tungs- und Frei­zeit­sport, nur durch die Aus­füh­rung von Ver­mie­tungs­leis­tun­gen erbrin­gen kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Juni 2020 – V R 47/​19

  1. EuGH, Urteil Seg­ler-Ver­ei­ni­gung Cux­ha­ven vom vom 19.12.2019 – C‑715/​18, EU:C:2019:1138, HFR 2020, 192[][]
  2. Nds. FG, Urteil vom 15.06.2017 – 5 K 210/​15, EFG 2017, 1481[]
  3. BFH, Beschluss vom 02.08.2018 – V R 33/​17, BFHE 262, 279[]
  4. so EuGH, Urteil Seg­ler-Ver­ei­ni­gung Cux­ha­ven, EU:C:2019:1138, Rz 28, 29, HFR 2020, 192[]
  5. z.B. EuGH, Urtei­le Seg­ler-Ver­ei­ni­gung Cux­ha­ven, EU:C:2019:1138, Rz 36, HFR 2020, 192; Bel­gisch Syn­di­caat van Chi­ro­pra­xie u.a. vom 27.06.2019 – C‑597/​17, EU:C:2019:544, Rz 47, HFR 2019, 827; BFH, Urteil vom 02.08.2018 – V R 6/​16, BFHE 262, 272, BStBl II 2019, 293, Rz 29[]
  6. EU:C:2019:1138, HFR 2020, 192[]
  7. vgl. hier­zu BFH, Urteil vom 23.07.2019 – XI R 2/​17, BFHE 266, 91; EuGH, Urteil Kommission/​Frankreich vom 17.06.2010 – C‑492/​08, EU:C:2010:348, HFR 2010, 883[]
  8. BFH, Urteil vom 08.03.2012 – V R 14/​11, BFHE 237, 279, BStBl II 2012, 630[]