Umsatz­steu­er auf selbst­fi­nan­zier­te Betreu­ungs- und Pflegeleistungen

Wenn die Kos­ten für Pfle­ge­leis­tun­gen nicht von Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit „ver­gü­tet“ wer­den, son­dern die zu pfle­gen­de Per­son selbst aus eige­nen Mit­teln für die Pfle­ge­leis­tun­gen auf­zu­kom­men hat, kann nicht von einer Über­nah­me der Kos­ten durch sozia­le Ein­rich­tun­gen gespro­chen wer­den; dies gilt auch, wenn der Leis­tungs­emp­fän­ger die für sei­ne Pfle­ge ein­ge­setz­ten Mit­tel aus einer Alters­ren­te bezo­gen hat.

Umsatz­steu­er auf selbst­fi­nan­zier­te Betreu­ungs- und Pflegeleistungen

Setzt der Leis­tungs­emp­fän­ger sei­ne Alters­ren­te zur Finan­zie­rung von Pfle­ge­kos­ten ein, liegt dar­in kei­ne expli­zi­te Ent­schei­dung der Kas­se zuguns­ten der Kos­ten­er­stat­tung von Pfle­ge­leis­tun­gen, mit­hin auch kei­ne Aner­ken­nung des Leis­ten­den als „ande­re Ein­rich­tung mit sozia­lem Charakter“.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall betrieb der kla­gen­de Unter­neh­mer u.a. eine Senio­ren­be­treu­ung. Sei­ne Leis­tun­gen umfass­ten die Grund­pfle­ge alter und pfle­ge­be­dürf­ti­ger Men­schen, in der Regel sol­cher mit einer Ein­stu­fung in den Pfle­ge­stu­fen – I bis V, sowie die Haus­halts­füh­rung als häus­li­che Kran­ken­pfle­ge. Für das Erbrin­gen der Pfle­ge­leis­tun­gen setz­te der Unter­neh­mer regel­mä­ßig ange­stell­te Arbeits­kräf­te ein, zum gro­ßen Teil exami­nier­te Fach­kran­ken­schwes­tern. Im Fal­le einer fest­ge­stell­ten Pfle­ge­stu­fe erstat­te­ten die Kran­ken- oder Pfle­ge­kas­sen die betref­fen­den Kos­ten bis zur Höhe des nach der jewei­li­gen Pfle­ge­stu­fe mög­li­chen Höchst­be­trags für ambu­lan­te Pfle­ge­leis­tun­gen. Die­se Kos­ten­er­stat­tung deck­te aller­dings nicht in min­des­tens 25 % der Fäl­le ganz oder zum über­wie­gen­den Teil das von den Pati­en­ten dem Unter­neh­mer geschul­de­te Ent­gelt. Ver­trä­ge mit Kran­ken­ver­si­che­run­gen nach den §§ 132 und 132a SGB V und §§ 72 und 77 SGB XI waren nicht abgeschlossen.

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Vorsteuer-Aufteilung

Der Unter­neh­mer bean­spruch­te für sei­ne Leis­tun­gen die Steu­er­be­frei­ung des § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. l des Umsatz­steu­er­ge­set­zes in der für den Streit­zeit­raum gel­ten­den Fas­sung (UStG a.F.; nun­mehr § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. m UStG). Bei der Bemes­sung der ganz oder zum über­wie­gen­den Teil durch Trä­ger der Sozi­al­ver­si­che­rung ver­gü­te­ten Beträ­ge sei­en auch die von den Pati­en­ten ein­ge­setz­ten, von ihnen aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bezo­ge­nen Leis­tun­gen ein­zu­be­zie­hen. Das Finanz­amt hin­ge­gen sah die betref­fen­den Leis­tun­gen als steu­er­pflich­tig an und erließ einen ent­spre­chen­den Umsatz­steu­er­be­scheid. Die nach erfolg­lo­sem Ein­spruchs­ver­fah­ren erho­be­ne Kla­ge des Unter­neh­mers wies das Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt zurück1. Der Bun­des­fi­nanz­hof bestä­tig­te dies und wies auch die hier­ge­gen gerich­te­te Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Unter­neh­mers zurück:

Nach § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. l UStG a.F. sind die Leis­tun­gen der Ein­rich­tun­gen, bei denen die Betreu­ungs- oder Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens 25 % der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder den wei­te­ren in die­ser Vor­schrift ange­führ­ten Trä­gern ganz oder zum über­wie­gen­den Teil ver­gü­tet wer­den, unter den wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 4 Nr. 16 Satz 2 UStG a.F. steu­er­frei. Die­ser Satz 2 bestimmt, dass Leis­tun­gen i.S. des § 4 Nr. 16 Satz 1 UStG a.F., die von Ein­rich­tun­gen nach § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. b bis l UStG a.F. erbracht wer­den, befreit sind, soweit es sich ihrer Art nach um Leis­tun­gen han­delt, auf die sich die Aner­ken­nung, der Ver­trag oder die Ver­ein­ba­rung nach Sozi­al­recht oder die Ver­gü­tung jeweils bezieht.

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Vertrauensschutz bei Ausfuhrlieferungen

§ 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. l UStG a.F. (nun­mehr § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. m UStG) beruht uni­ons­recht­lich auf Art. 132 Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL). Danach befrei­en die Mit­glied­staa­ten „eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen und Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den, ein­schließ­lich der­je­ni­gen, die durch Alten­hei­me, Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­re von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tun­gen bewirkt werden“.

Für den Unter­neh­mer kommt ledig­lich eine Begüns­ti­gung als „ande­re von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tung“ in Betracht.

Die Vor­aus­set­zun­gen und Moda­li­tä­ten der Aner­ken­nung als sozia­le Ein­rich­tung wer­den in Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL nicht fest­ge­legt; viel­mehr ist es Sache des inner­staat­li­chen Rechts eines jeden Mit­glied­staats, die Regeln auf­zu­stel­len, nach denen Ein­rich­tun­gen die erfor­der­li­che Aner­ken­nung gewährt wer­den kann2.

Zu den im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht für die Aner­ken­nung als sozia­le Ein­rich­tung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­ten gehört u.a. die Über­nah­me der Kos­ten für die frag­li­chen Leis­tun­gen zum gro­ßen Teil durch Kran­ken­kas­sen oder durch ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit3.

Wenn ‑wie im Streit­fall- die Kos­ten für die betref­fen­den Leis­tun­gen nicht in dem von § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. l UStG a.F. (nun­mehr § 4 Nr. 16 Satz 1 Buchst. m UStG) bestimm­ten Umfang von Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit „ver­gü­tet“ wer­den, son­dern die zu pfle­gen­de Per­son selbst aus eige­nen Mit­teln für die Pfle­ge­leis­tun­gen auf­zu­kom­men hat, kann inso­weit nicht von einer Über­nah­me der Kos­ten durch sozia­le Ein­rich­tun­gen gespro­chen wer­den. Dar­an ver­mag auch nichts zu ändern, dass der betref­fen­de Leis­tungs­emp­fän­ger die für sei­ne Pfle­ge ein­ge­setz­ten Mit­tel ggf. aus einer Alters­ren­te bezo­gen hat. Setzt der Leis­tungs­emp­fän­ger sei­ne Alters­ren­te zur Finan­zie­rung von Pfle­ge­kos­ten ein, liegt dar­in kei­ne expli­zi­te Ent­schei­dung der Kas­se zuguns­ten der Kos­ten­er­stat­tung von Pfle­ge­leis­tun­gen4, mit­hin im Streit­fall auch kei­ne Aner­ken­nung des Unter­neh­mers als „ande­re Ein­rich­tung mit sozia­lem Charakter“.

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Hausnotrufsystem - und seine Umsatzsteuerfreiheit

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. Juni 2021 – XI B 27/​20

  1. Nds. FG, Urteil vom 11.06.2020 – 11 K 319/​19[]
  2. vgl. dazu EuGH, Urtei­le Les Jardins de Jou­vence vom 21.01.2016 – C‑335/​14, EU:C:2016:36, Rz 32 ff.; Finanz­amt D vom 08.10.2020 – C‑657/​19, EU:C:2020:811, Rz 43; BFH, Urtei­le vom 28.06.2017 – XI R 23/​14, BFHE 258, 517, Rz 39; vom 13.06.2018 – XI R 20/​16, BFHE 262, 220, Rz 49[]
  3. vgl. dazu EuGH, Urtei­le Küg­ler vom 10.09.2002 – C‑141/​00, EU:C:2002:473, Rz 58; Zim­mer­mann vom 15.11.2012 – C‑174/​11, EU:C:2012:716, Rz 31; Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, Rz 35; Finanz­amt D, EU:C:2020:811, Rz 44; z.B. BFH, Urtei­le vom 07.12.2016 – XI R 5/​15, BFHE 256, 550, Rz 29; in BFHE 258, 517, Rz 40; in BFHE 262, 220, Rz 50[]
  4. vgl. EuGH, Urteil „Finanz­amt D“, EU:C:2020:811, Rz 51[]

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