Umsatz­steu­er bei ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­ten

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 Abs. 3 AEUV Fra­gen zu den Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­frei­heit der Umsät­ze eines ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­tes vor­ge­legt.

Umsatz­steu­er bei ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­ten

Nach § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG 1993 waren steu­er­frei u.a. "die mit dem Betrieb … der Ein­rich­tun­gen zur ambu­lan­ten Pfle­ge kran­ker und pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­so­nen eng ver­bun­de­nen Umsät­ze, wenn bei Ein­rich­tun­gen zur vor­über­ge­hen­den Auf­nah­me pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­so­nen und bei Ein­rich­tun­gen zur ambu­lan­ten Pfle­ge kran­ker und pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­so­nen im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr die Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens zwei Drit­tel der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind".

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat nun dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob die­se Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist und ob unter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der Neu­tra­li­tät der Mehr­wert­steu­er für die Ant­wort auf die­se Fra­ge von Bedeu­tung ist, dass der natio­na­le Gesetz­ge­ber die­sel­ben Leis­tun­gen unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen als steu­er­frei behan­delt, wenn sie von amt­lich aner­kann­ten Ver­bän­den der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge und der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge die­nen­den Kör­per­schaf­ten, Per­so­nen­ver­ei­ni­gun­gen und Ver­mö­gens­mas­sen, die einem Wohl­fahrts­ver­band als Mit­glied ange­schlos­sen sind, aus­ge­führt wer­den (§ 4 Nr. 18 UStG).

Dem EuGH wer­den fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

  1. Erlau­ben es Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g und/​oder Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG dem natio­na­len Gesetz­ge­ber, die Steu­er­be­frei­ung der Leis­tun­gen zur ambu­lan­ten Pfle­ge kran­ker und pfle­ge­be­dürf­ti­ger Per­so­nen davon abhän­gig zu machen, dass bei die­sen Ein­rich­tun­gen "im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr die Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens zwei Drit­tel der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind" (§ 4 Nr. 16 Buchst. e UStG)?
  2. Ist es unter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der Neu­tra­li­tät der Mehr­wert­steu­er für die Ant­wort auf die­se Fra­ge von Bedeu­tung, dass der natio­na­le Gesetz­ge­ber die­sel­ben Leis­tun­gen unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen als steu­er­frei behan­delt, wenn sie von amt­lich aner­kann­ten Ver­bän­den der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge und der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge die­nen­den Kör­per­schaf­ten, Per­so­nen­ver­ei­ni­gun­gen und Ver­mö­gens­mas­sen, die einem Wohl­fahrts­ver­band als Mit­glied ange­schlos­sen sind, aus­ge­führt wer­den (§ 4 Nr. 18 UStG)?

In dem beim Bun­des­fi­nanz­hof rechts­hän­gi­gen Fall hat­te eine exami­nier­te Kran­ken­schwes­ter ab Anfang 1993 ein­zel­ne Pati­en­ten selb­stän­dig ambu­lant gepflegt und zum 1. Juni 1993 einen ambu­lan­ten Pfle­ge­dienst ange­mel­det. Zum 1. Okto­ber 1993 wur­de sie zu den Kran­ken­kas­sen zuge­las­sen. Von den Per­so­nen, die sie im gesam­ten Jahr 1993 behan­del­te, waren 68 % Pri­vat­zah­ler. Dar­auf­hin ver­sag­te das Finanz­amt die Steu­er­frei­heit der von der Klä­ge­rin im Jahr 1993 erbrach­ten Leis­tun­gen. Die Steu­er­frei­heit für die von der Klä­ge­rin im Fol­ge­jahr erbrach­ten Leis­tun­gen nach § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG ver­sag­te das Finanz­amt, weil die Vor­schrift auf die Ver­hält­nis­se des Vor­jah­res abstel­le.

Im Streit­fall sind damit, so der Bun­des­fi­nanz­hof, die Vor­aus­set­zun­gen des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG nicht erfüllt. § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG stellt für die Steu­er­be­frei­ung auf die Über­nah­me der Pfle­ge­kos­ten durch die gesetz­li­chen Trä­ger der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe "im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr" ab. Dies ist bei der Beur­tei­lung von Umsät­zen, die im Jahr der Betriebs­grün­dung aus­ge­führt wer­den –wie hier im Streit­jahr 1993– unmög­lich. In einem sol­chen Fall sind die (vor­aus­sicht­li­chen) Umsät­ze des Jah­res der Eröff­nung der Ein­rich­tung maß­ge­bend (vgl. zu § 4 Nr. 16 Buchst. b UStG: BFH, Urteil vom 25.11.1993 – V R 64/​89, BFHE 173, 242, BSt­Bl II 1994, 212; so auch Abschn. 99a Abs. 8 UStR 2008)).

Der Bun­des­fi­nanz­hof folgt nicht der Auf­fas­sung, dass die Vor­schrift des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG dahin­ge­hend richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen ist, dass für die Ein­ord­nung der Klä­ge­rin erst der Zeit­raum ab Okto­ber 1993 her­an­zu­zie­hen ist. Die Klä­ge­rin hat im Jahr 1993 nur eine Ein­rich­tung im Sin­ne des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG und nicht meh­re­re Ein­rich­tun­gen betrie­ben. Daher ist auf die im gesam­ten Jahr des Beginns des Pfle­ge­diens­tes erbrach­ten Leis­tun­gen abzu­stel­len 1. Nach den Fest­stel­lun­gen wur­den bei den von der Klä­ge­rin im gesam­ten Streit­jahr 1993 erbrach­ten Leis­tun­gen die Pfle­ge­kos­ten nicht in min­des­tens zwei Drit­tel der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen.

Für das Streit­jahr 1994 ist die in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG auf­ge­stell­te Bedin­gung gleich­falls nicht erfüllt. Für die­ses Jahr ist auf die Ver­hält­nis­se des Vor­jah­res 1993 abzu­stel­len 2.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat in sei­nem Küg­ler-Urteil 3 ent­schie­den, dass Leis­tun­gen der Grund­pfle­ge und der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung, die kör­per­lich oder wirt­schaft­lich hilfs­be­dürf­ti­gen Per­so­nen von einem ambu­lan­ten Pfle­ge­dienst erbracht wer­den, eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen im Sin­ne von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG dar­stel­len. Auf die Steu­er­be­frei­ung des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG kön­ne sich ein Steu­er­pflich­ti­ger vor einem natio­na­len Gericht beru­fen, um sich einer natio­na­len Rege­lung zu wider­set­zen, die mit die­ser Bestim­mung unver­ein­bar ist. Es sei Sache des natio­na­len Gerichts, anhand aller maß­geb­li­chen Umstän­de zu bestim­men, ob der Steu­er­pflich­ti­ge eine als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tung im Sin­ne die­ser Bestim­mung sei 4.

In der Fol­ge­ent­schei­dung zu die­sem EuGH-Urteil hat der Bun­des­fi­nanz­hof 5 ent­schie­den, die Aner­ken­nung eines Unter­neh­mens als eine Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter kön­ne auch aus der Über­nah­me der Kos­ten für sei­ne Leis­tun­gen durch Kran­ken­kas­sen oder ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit abge­lei­tet wer­den. Maß­ge­bend sei inso­weit, dass es sich ihrer Art nach um die Leis­tun­gen han­de­le, für die die Kos­ten von den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern über­nehm­bar gewe­sen sei­en.

Nach die­ser –zum Rechts­zu­stand vor Inkraft­tre­ten von § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG am 1. Janu­ar 1992 ergan­ge­nen– Recht­spre­chung ist die Klä­ge­rin grund­sätz­lich als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter im Sin­ne von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG anzu­er­ken­nen, weil es sich bei den von ihr erbrach­ten Leis­tun­gen der Art nach um sol­che han­delt, für die die Kos­ten von den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern über­nehm­bar waren und für die ab dem 1. Okto­ber 1993 –jeden­falls teil­wei­se– die Kos­ten auch über­nom­men wur­den 6.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat fer­ner (in EuGH, Urteil vom 08.06.2006 – C‑106/​05 [L. u. P. GmbH], Slg. 2006, I‑5123, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 442)) für den Fall medi­zi­ni­scher Labor­un­ter­su­chun­gen ent­schie­den, dass die in § 4 Nr. 16 Buchst. c UStG 1980/​1991/​1993 für die Steu­er­frei­heit der Umsät­ze von Dia­gno­se­kli­ni­ken und ande­ren Ein­rich­tun­gen ärzt­li­cher Heil­be­hand­lung, Dia­gnos­tik oder Befund­er­he­bung auf­ge­stell­te 40%-Grenze grund­sätz­lich mit euro­päi­schem Recht ver­ein­bar sei. Er führt jedoch wei­ter aus: "Inso­weit ist vor­ab dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Wah­rung des Grund­sat­zes der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät zunächst ver­langt, dass für alle in Arti­kel 13 Teil A Absatz 1 Buch­sta­be b der Sechs­ten Richt­li­nie genann­ten Kate­go­ri­en pri­vat­recht­li­cher Ein­rich­tun­gen die glei­chen Bedin­gun­gen für ihre Aner­ken­nung in Bezug auf die Erbrin­gung ver­gleich­ba­rer Leis­tun­gen gel­ten. Im vor­lie­gen­den Fall hat daher das vor­le­gen­de Gericht zu prü­fen, ob die natio­na­le Rege­lung die­sem Erfor­der­nis ent­spricht oder aber die Anwen­dung der frag­li­chen Bedin­gun­gen auf bestimm­te Arten von Ein­rich­tun­gen beschränkt, wäh­rend ande­re von ihr aus­ge­nom­men sind."

In sei­ner Fol­ge­ent­schei­dung vom 15. März 2007 7 ist der V. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs im Rah­men der ihm auf­ge­ge­be­nen Prü­fung zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die natio­na­len Rege­lun­gen in § 4 Nr. 14 UStG, § 4 Nr. 16 Buchst. b und c UStG nicht mit dem uni­ons­recht­li­chen Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät zu ver­ein­ba­ren sei­en, weil danach nicht für alle Kate­go­ri­en pri­vat­recht­li­cher Ein­rich­tun­gen im Sin­ne des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG in Bezug auf die Erbrin­gung ver­gleich­ba­rer Leis­tun­gen die glei­chen Bedin­gun­gen für ihre Aner­ken­nung gel­ten. Aller­dings hat der V. Senat des BFH in einem wei­te­ren Urteil 8 ent­schie­den, dass § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG 1999 weder ver­fas­sungs­recht­lich noch gemein­schafts­recht­lich zu bean­stan­den sei, soweit die­se Vor­schrift für die Steu­er­frei­heit der dort genann­ten Umsät­ze vor­aus­setzt, dass im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr die Pfle­ge­kos­ten in min­des­tens 40% der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind.

Es stel­len sich dem­nach meh­re­re Fra­gen zur Aus­le­gung des Uni­ons­rechts, deren Beant­wor­tung dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­be­hal­ten ist.

Zunächst ist zwei­fel­haft, ob die in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG ent­hal­te­ne Zwei­drit­tel-Gren­ze auf Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g oder auf Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG gestützt wer­den kann.

Nach Auf­fas­sung des Gene­ral­an­walts in der Sache "L. u. P. GmbH" 9 dient die in § 4 Nr. 16 Buchst. c UStG 1980/​1991/​1993 für die Steu­er­frei­heit der Umsät­ze von Dia­gno­se­kli­ni­ken und ande­ren Ein­rich­tun­gen ärzt­li­cher Heil­be­hand­lung, Dia­gnos­tik oder Befund­er­he­bung auf­ge­stell­te 40%-Grenze der Umset­zung der in Art. 13 Teil A Abs. 2 Buchst. a 3. Gedan­ken­strich der Richt­li­nie 77/​388/​EWG vor­ge­se­he­nen fakul­ta­ti­ven Bedin­gung, wonach von den Ein­rich­tun­gen, die kei­ne Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts sind, als Vor­aus­set­zung dafür, dass sie eine Steu­er­be­frei­ung erhal­ten kön­nen, "Prei­se ange­wen­det wer­den [müs­sen], die von den zustän­di­gen Behör­den geneh­migt sind oder sol­che, die die geneh­mig­ten Prei­se nicht über­stei­gen". Es sei Sache der natio­na­len Gerich­te, zu ent­schei­den, ob die­se Bedin­gung ein geeig­ne­tes Instru­ment dafür dar­stel­le, die Ver­ein­bar­keit der von der Klä­ge­rin ange­wen­de­ten Prei­se mit den von den zustän­di­gen Behör­den geneh­mig­ten Prei­sen zu beur­tei­len.

Nach den Aus­füh­run­gen des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem Urteil "L. u. P. GmbH" 10 ist aber frag­lich, ob sich der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on EuGH die­se Ansicht des Gene­ral­an­walts zuei­gen gemacht hat und ob sie auch im Fal­le einer Zwei­drit­tel-Gren­ze gilt.

Zudem hat sich der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on 11 nicht aus­drück­lich zu der in § 4 Nr. 16 Buchst. c UStG ent­hal­te­nen Vor­aus­set­zung geäu­ßert, dass die 40%-Grenze im vor­an­ge­gan­ge­nen Jahr erfüllt sein muss. Zwei­fel­haft ist, ob sei­ne Aus­füh­run­gen so zu ver­ste­hen sind, dass er damit auch die­se Vor­aus­set­zung –die er zur Kennt­nis genom­men hat gebil­ligt hat.

Das Abstel­len auf die Ver­hält­nis­se des Vor­jah­res in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG (wie in § 4 Nr. 16 Buchst. b bis d UStG) dient der Rechts­si­cher­heit und könn­te sich mög­li­cher­wei­se uni­ons­recht­lich auf den Ein­lei­tungs­satz zu Art. 13 Teil A Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG stüt­zen, wonach u.a. der Gesichts­punkt der "ein­fa­chen Anwen­dung der nach­ste­hen­den Befrei­un­gen" zu berück­sich­ti­gen ist.

Schließ­lich ist die Bedeu­tung des mehr­wert­steu­er­recht­li­chen Neu­tra­li­täts­grund­sat­zes für Streit­fäl­le der vor­lie­gen­den Art zwei­fel­haft.

Der Bun­des­fi­nanz­hof neigt zu der Auf­fas­sung, dass die Steu­er­be­frei­ung nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG der Klä­ge­rin bei Beach­tung des Gebots der Neu­tra­li­tät der Mehr­wert­steu­er –hier in Gestalt der Wett­be­werbs­neu­tra­li­tät– nicht unter Hin­weis dar­auf ver­sagt wer­den kann, dass der natio­na­le Gesetz­ge­ber ab dem 1. Janu­ar 1992 in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG in der in den Streit­jah­ren gel­ten­den Fas­sung für eine Steu­er­frei­heit ver­langt, dass die Pfle­ge­kos­ten im vor­an­ge­gan­ge­nen Kalen­der­jahr in min­des­tens zwei Drit­tel der Fäl­le von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe ganz oder zum über­wie­gen­den Teil getra­gen wor­den sind.

Denn § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG stellt für die Steu­er­frei­heit von Pfle­ge­leis­tun­gen Bedin­gun­gen auf, die Wett­be­wer­ber, die ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen erbrin­gen, für eine Steu­er­frei­heit nicht erfül­len müs­sen. So ist bei Pfle­ge­leis­tun­gen aus dem Kreis der Liga der Ver­bän­de der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge für die Steu­er­frei­heit gemäß § 4 Nr. 18 UStG uner­heb­lich, ob die Pfle­ge­kos­ten zu einem bestimm­ten Anteil von den gesetz­li­chen Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung oder Sozi­al­hil­fe getra­gen wur­den; es kommt inso­weit auch nicht auf die Ver­hält­nis­se des Vor­jah­res an.

"Glei­che Bedin­gun­gen" für die Steu­er­frei­heit ver­gleich­ba­rer Leis­tun­gen wür­den zwar auch dann bestehen, wenn die in § 4 Nr. 18 UStG auf­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen im Ergeb­nis gewähr­leis­ten wür­den, dass tat­säch­lich die in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG ent­hal­te­ne Zwei­drit­tel-Gren­ze stets (und zwar im Vor­jahr) erreicht ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist viel­mehr mög­lich, dass das Abstands­ge­bot des § 4 Nr. 18 Buchst. c UStG erfüllt, aber gleich­wohl die in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG ent­hal­te­ne Zwei­drit­tel-Gren­ze nicht erreicht ist. Denn das Abstands­ge­bot bewirkt, dass auch von pri­vat Ver­si­cher­ten oder Nicht­ver­si­cher­ten ein nied­ri­ge­rer Preis genom­men wer­den muss. Das Abstands­ge­bot kann daher auch dann gewahrt sein, wenn die Leis­tun­gen in weni­ger als zwei Drit­tel der Fäl­le von den Trä­gern der Sozi­al­ver­si­che­rung getra­gen wer­den. So geht auch die Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on Düs­sel­dorf in einer Ver­fü­gung vom 13. Mai 2005 – Kurz­in­for­ma­ti­on Umsatz­steu­er Nr. 10 (Umsatz­steu­er-Rund­schau 2005, 516) davon aus, dass für ambu­lan­te Pfle­ge­leis­tun­gen "unter­schied­li­che" Bedin­gun­gen für die Steu­er­be­frei­ung gel­ten. Denn sie führt aus, dass die Steu­er­be­frei­ung nach § 4 Nr. 18 UStG auch dann gewährt wer­den kann, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG nicht erfüllt sind.

Zudem dürf­te § 4 Nr. 18 UStG selbst dann, wenn man unter­stellt, dass die in Buchst. a bis c die­ser Vor­schrift auf­ge­führ­ten Vor­aus­set­zun­gen auf Art. 13 Teil A Abs. 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG gestützt wer­den könn­ten, nicht dem Uni­ons­recht ent­spre­chen. Denn auch eine Ein­rich­tung, die die Merk­ma­le der Buchst. a bis c des § 4 Nr. 18 UStG erfüllt, kann sich dann nicht auf die­se Steu­er­be­frei­ung beru­fen, wenn sie kein in § 23 USt­DV auf­ge­zähl­ter Ver­band oder Mit­glied in einem sol­chen Ver­band ist. Die Richt­li­nie 77/​388/​EWG ent­hält aber nach Ansicht des Senats weder in Art. 13 Teil A Abs. 2 noch an ande­rer Stel­le eine Rege­lung, die es den Mit­glied­staa­ten erlaubt, die Steu­er­be­frei­ung glei­cher Dienst­leis­tun­gen davon abhän­gig zu machen, ob der Leis­ten­de ein bestimm­ter Ver­band oder Mit­glied in einem sol­chen Ver­band ist.

Dage­gen hat der V. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs auf Anfra­ge des vor­le­gen­den Senats 12 mit­ge­teilt, dass er einer Abwei­chung von sei­ner Recht­spre­chung 13 nicht zustimmt; er sieht dar­in, dass die in § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG bezeich­ne­ten Leis­tun­gen auch unter den Bedin­gun­gen des § 4 Nr. 18 UStG steu­er­frei sein kön­nen, kei­nen Ver­stoß gegen den Neu­tra­li­täts­grund­satz (BFH, Beschluss vom 16.12.2010 – V ER-S‑3/10)).

Die dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­ge­leg­ten Fra­gen sind ent­schei­dungs­er­heb­lich. Wenn § 4 Nr. 16 Buchst. e UStG uni­ons­rechts­kon­form ist, ist die Sache gemäß § 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FGO zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das FG zurück­zu­ver­wei­sen, damit es prü­fen kann, in wel­chem Umfang die vom 1. Okto­ber 1993 bis 31. Dezem­ber 1994 aus­ge­führ­ten Umsät­ze der Klä­ge­rin in einer Behand­lungs­pfle­ge bestan­den und des­halb nach § 4 Nr. 14 UStG steu­er­frei sind. Andern­falls könn­te sich die Klä­ge­rin unmit­tel­bar auf die Steu­er­frei­heit ihrer Umsät­ze nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG beru­fen; die Revi­si­on des Finanz­am­tes wäre dann als unbe­grün­det zurück­zu­wei­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 2. März 2011 – XI R 47/​07

  1. vgl. BFH, Urteil vom 24.01.2008 – V R 54/​06, BFHE 221, 391, BSt­Bl II 2008, 643[]
  2. vgl. BFH, Urteil in BFHE 221, 391, BSt­Bl II 2008, 643[]
  3. EuGH, Urteil vom 10.09.2002 – C‑141/​00 [Küg­ler], Slg. 2002, I‑6833, BFH/​NV Bei­la­ge 2003, 30[]
  4. Leit­sät­ze 3 und 4 und Rz 61 des Urteils[]
  5. BFH, Urteil vom 22.04.2004 – V R 1/​98, BFHE 205, 514, BSt­Bl II 2004, 849[]
  6. eben­so BFH, Urteil in BFHE 221, 391, BSt­Bl II 2008, 643[]
  7. BFH, Urteil vom 15.03.2007 – V R 55/​03, BFHE 217, 48, BSt­Bl II 2008, 31[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 221, 391, BSt­Bl II 2008, 643[]
  9. EuGH, Schluss­an­trä­ge vom 07.03.2006 – C‑106/​05 [L. u. P. GmbH], Slg. 2006, I‑5123[]
  10. EuGH, Slg. 2006, I‑5123, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 442, Rz 41 ff.[]
  11. EuGH, Urteil "L. und P. GmbH", Rz 41 ff. , Slg. 2006, I‑5123, BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 442[]
  12. BFH, Beschluss vom 30. Juni 2010 XI R 47/​07[]
  13. in BFHE 221, 391, BSt­Bl II 2008, 643[]