Umsatz­steu­er in der Pri­vat­kli­nik

Die pau­scha­len Tages­sät­ze einer Pri­vat­kli­nik, die kei­ne gesetz­lich ver­si­cher­ten Pati­en­ten behan­delt, sind nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg in vol­ler Höhe umsatz­steu­er­frei.

Umsatz­steu­er in der Pri­vat­kli­nik

In dem hier vom Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall betreibt die Klä­ge­rin, eine GmbH, ein Kran­ken­haus in pri­va­ter Trä­ger­schaft. Die erbrach­ten ärzt­li­chen Leis­tun­gen sowie Unter­brin­gung und Ver­pfle­gung der Pati­en­ten rech­net die Klä­ge­rin mit einem pau­scha­len Tages­pfle­ge­satz ab. Weil die Kli­nik nicht in den Kran­ken­haus­be­darfs­plan auf­ge­nom­men ist, wer­den nur pri­vat ver­si­cher­te Pati­en­ten und Selbst­zah­ler behan­delt, aber kei­ne Kas­sen­pa­ti­en­ten.

Das Finanz­amt teil­te die Umsät­ze der Klä­ge­rin aus den Tages­pfle­ge­sät­zen zunächst in einen umsatz­steu­er­frei­en Anteil für die ent­hal­te­nen ärzt­li­chen Leis­tun­gen sowie einen umsatz­steu­er­pflich­ti­gen Anteil für die mit dem Kli­nik­be­trieb ver­bun­de­nen Leis­tun­gen für Unter­kunft und Ver­pfle­gung auf.

Mit ihrer Kla­ge begehr­te die Klä­ge­rin, die Umsät­ze aus den Tages­pfle­ge­sät­zen ins­ge­samt von der Umsatz­steu­er zu befrei­en. Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg gab der Kla­ge in vol­lem Umfang statt und ent­schied, dass auch die Umsät­ze einer Pri­vat­kli­nik, die kei­ne gesetz­lich ver­si­cher­ten Pati­en­ten behan­delt, umsatz­steu­er­frei sein kön­nen. Damit weicht das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg von der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ab:

Die Klä­ge­rin erfül­le zwar nicht die Vor­aus­set­zun­gen der natio­na­len Steu­er­be­frei­ungs­vor­schrif­ten, kön­ne sich aber, so das Finanz­ge­richt in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den, unmit­tel­bar auf euro­päi­sches Recht (Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b der Sechs­ten Richt­li­nie des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­er 77/​388/​EWG) beru­fen. Ent­schei­dend für eine Steu­er­be­frei­ung sei die Art der Umsät­ze. Kran­ken­häu­ser in pri­va­ter Trä­ger­schaft sind mit Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts in sozia­ler Hin­sicht ver­gleich­bar, wenn sie – wie im Streit­fall – Wahl­leis­tun­gen zur Zim­mer­be­le­gung (Ein­zel­zim­mer) und Chef­arzt­be­hand­lung nur in gerin­gem Umfang erbrin­gen. Die­se Aus­le­gung ent­spre­che dem Zweck der Steu­er­be­frei­ung, die Kos­ten der Heil­be­hand­lung zu sen­ken. Die Kos­ten des Gesund­heits­we­sens soll­ten mit Blick auf den End­ver­brau­cher, den Pati­en­ten, nicht mit Umsatz­steu­er belas­tet wer­den. Dies gel­te auch dann, wenn das Kran­ken­haus mit Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht hand­le.

Für eine Steu­er­be­frei­ung spre­che fer­ner der Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät. Die­ser ver­bie­te es, gleich­ar­ti­ge und des­halb mit­ein­an­der in Wett­be­werb ste­hen­de Dienst­leis­tun­gen hin­sicht­lich der Mehr­wert­steu­er unter­schied­lich zu behan­deln.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 28. Novem­ber 2012 – 14 K 2883/​10