Umsatz­steu­er-Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros

Die Umsatz­steu­er-Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros ist nicht auf den Ver­kauf von Rei­sen an Rei­sen­de beschränkt, son­dern gilt für Ver­käu­fe an jeden Kun­den.

Umsatz­steu­er-Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros

Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Kla­gen der EU-Kom­mis­si­on gegen Polen, Ita­li­en, die Tsche­chi­sche Repu­blik, Grie­chen­land, Frank­reich, Finn­land und Por­tu­gal in vol­lem Umfang abge­wie­sen und einer Kla­ge gegen Spa­ni­en teil­wei­se statt­ge­ge­ben.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on erhob eine Rei­he von Ver­trags­ver­let­zungs­kla­gen gegen acht Mit­glied­staa­ten wegen Nicht­er­fül­lung ihrer Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28. Novem­ber 2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem 1.

Eine Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge, die sich gegen einen Mit­glied­staat rich­tet, der gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Uni­ons­recht ver­sto­ßen hat, kann von der EU-Kom­mis­si­on oder einem ande­ren Mit­glied­staat erho­ben wer­den. Stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Ver­trags­ver­let­zung fest, hat der betref­fen­de Mit­glied­staat dem Urteil unver­züg­lich nach­zu­kom­men. Ist die Kom­mis­si­on der Auf­fas­sung, dass der Mit­glied­staat dem Urteil nicht nach­ge­kom­men ist, kann sie erneut kla­gen und finan­zi­el­le Sank­tio­nen bean­tra­gen. Hat ein Mit­glied­staat der Kom­mis­si­on die Maß­nah­men zur Umset­zung einer Richt­li­nie nicht mit­ge­teilt, kann der Uni­ons­ge­richts­hof auf Vor­schlag der Kom­mis­si­on jedoch bereits mit dem ers­ten Urteil Sank­tio­nen ver­hän­gen.

Die Kla­gen betref­fen die Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros:

Finn­land, Frank­reich, Grie­chen­land, Ita­li­en, Polen, Por­tu­gal und die Tsche­chi­sche Repu­blik

Die EU-Kom­mis­si­on ist der Auf­fas­sung, dass die Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros nur beim Rei­se­ver­kauf an Rei­sen­de anwend­bar sei. Sie wirft den betrof­fe­nen Mit­glied­staa­ten vor, die Anwen­dung die­ser Rege­lung beim Rei­se­ver­kauf an jede Art von Kun­den zuge­las­sen zu haben.

Mit sei­nen jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len erkennt der Gerichts­hof an, dass es zwi­schen den Sprach­fas­sun­gen der Richt­li­nie, von denen eini­ge den Begriff „Rei­sen­der“ und/​oder den Begriff „Kun­de“ – bis­wei­len über­dies abwei­chend von einer zur ande­ren Bestim­mung – ver­wen­den, Unter­schie­de von beson­de­rer Bedeu­tung gibt.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist dar­auf hin, dass in Fäl­len, in denen die ver­schie­de­nen Sprach­fas­sun­gen eines Uni­ons­tex­tes von­ein­an­der abwei­chen, die frag­li­che Vor­schrift nach dem Zusam­men­hang und dem Zweck der Rege­lung aus­ge­legt wer­den muss, zu der sie gehört. Inso­weit kann der Ansatz, die Son­der­re­ge­lung auf jede Art von Kun­den anzu­wen­den, die Zie­le die­ser Rege­lung bes­ser errei­chen. Sie lässt Rei­se­bü­ros näm­lich unab­hän­gig von der Art des Kun­den, dem sie ihre Leis­tun­gen erbrin­gen, ver­ein­fach­te Regeln zugu­te kom­men und för­dert zugleich eine ange­mes­se­ne Auf­tei­lung der Steu­er­ein­künf­te zwi­schen den Mit­glied­staa­ten. Zudem hat der Uni­ons­ge­richts­hof den Begriff „Rei­sen­der“ bereits aus­ge­legt, wobei er ihm einen wei­te­ren Sinn zuschrieb als dem Begriff des End­ver­brau­chers.

Da die Son­der­re­ge­lung nicht auf den Ver­kauf von Rei­sen an Rei­sen­de beschränkt ist, weist der Uni­ons­ge­richts­hof die Kla­gen der Kom­mis­si­on gegen Polen, Ita­li­en, die Tsche­chi­sche Repu­blik, Grie­chen­land, Frank­reich, Finn­land und Por­tu­gal ab.

Spa­ni­en

Auch in Bezug auf Spa­ni­en weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Kla­ge der Kom­mis­si­on ab, soweit sie die­sem Mit­glied­staat eben­so wie den sie­ben ande­ren vor­ge­wor­fen hat­te, die Anwen­dung der Son­der­re­ge­lung auf den Rei­se­ver­kauf an jede Art von Kun­den zuge­las­sen zu haben.

In die­sem Fall mach­te die Kom­mis­si­on jedoch außer­dem gel­tend, dass die spa­ni­sche Rege­lung auch inso­fern gegen das Uni­ons­recht ver­sto­ße, als sie von der Son­der­re­ge­lung Ver­käu­fe von Rei­sen aus­neh­me, die von Rei­se­groß­händ­lern orga­ni­siert wor­den sei­en, aber von Ein­zel­han­dels­rei­se­bü­ros durch­ge­führt wür­den. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hält die­se Rüge für begrün­det, da eine sol­che Aus­nah­me vom Anwen­dungs­be­reich die­ser Son­der­re­ge­lung in der Richt­li­nie an kei­ner Stel­le vor­ge­se­hen ist.

Wei­ter rüg­te die Kom­mis­si­on, im Gegen­satz zum Uni­ons­recht gestat­te die spa­ni­sche Rege­lung dem Rei­se­bü­ro, in der Rech­nung in Abspra­che mit dem Kun­den in der Rubrik „im Preis ent­hal­te­ne Mehr­wert­steu­er­be­trä­ge“ einen bestimm­ten Pro­zent­satz des Prei­ses ein­schließ­lich Mehr­wert­steu­er aus­zu­wei­sen, der als dem Kun­den in Rech­nung gestellt gel­te und den die­ser abzie­hen dür­fe.

Der Gerichts­hof stellt fest, dass ein sol­cher Abzug in der Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros an kei­ner Stel­le vor­ge­se­hen ist. Der Grund­satz des Rechts zum Vor­steu­er­ab­zug bezieht sich auf die Steu­er, mit der auf der Vor­stu­fe die Gegen­stän­de oder Dienst­leis­tun­gen belas­tet waren, die der Steu­er­pflich­ti­ge für Zwe­cke sei­ner besteu­er­ten Umsät­ze ver­wen­det. Damit die Neu­tra­li­tät der Mehr­wert­steu­er sicher­ge­stellt ist, muss der abge­rech­ne­te Steu­er­be­trag genau dem geschul­de­ten oder ent­rich­te­ten Vor­steu­er­be­trag ent­spre­chen. Da jedoch die spa­ni­sche Rege­lung nicht auf den genau­en Betrag der Mehr­wert­steu­er auf die Dienst­leis­tun­gen, die der Steu­er­pflich­ti­ge erhal­ten hat, Bezug nimmt, son­dern auf einen Betrag, der anhand des von ihm gezahl­ten Gesamt­be­trags geschätzt wird, hält der Gerichts­hof die­se Rege­lung für unver­ein­bar mit der Bemes­sungs­me­tho­de er Mehr­wert­steu­er sowie den Vor­schrif­ten der Richt­li­nie zum Recht auf Vor­steu­er­ab­zug. Dar­aus folgt auch, dass es mit den Vor­schrif­ten der Richt­li­nie über die Rech­nungs­an­ga­ben unver­ein­bar ist, einen Betrag in der Rech­nung aus­zu­wei­sen, der einem Pro­zent­satz des in Rech­nung gestell­ten Gesamt­prei­ses ent­spricht.

Fer­ner stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die spa­ni­sche Rege­lung dadurch, dass sie die frag­li­che Abzugs­mög­lich­keit nur in den Fäl­len gestat­tet, in denen die Dienst­leis­tun­gen in Spa­ni­en erbracht wer­den, eine Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit begrün­det, die mit dem gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­sys­tem unver­ein­bar ist.

Schließ­lich geht der Uni­ons­ge­richts­hof auf das Argu­ment der Kom­mis­si­on ein, dass die spa­ni­schen Vor­schrif­ten, nach denen die Steu­er­be­mes­sungs­grund­la­ge der Han­dels­span­ne der Rei­se­bü­ros pau­schal ermit­telt wer­den kön­ne, kei­ne Rechts­grund­la­ge in der Richt­li­nie fän­den. Der Uni­ons­ge­richts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bestä­tigt inso­weit, dass im Bereich der Rei­se­bü­ros die Steu­er­be­mes­sungs­grund­la­ge nicht pau­schal, son­dern in der Wei­se zu ermit­teln ist, dass auf jede ein­heit­li­che Dienst­leis­tung des Rei­se­bü­ros Bezug genom­men wird.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 26. Sep­tem­ber 2013
C‑189/​11 Kom­mis­si­on /​Spa­ni­en,
C‑193/​11 Kom­mis­si­on /​Polen,
C‑236/​11 Kom­mis­si­on /​Ita­li­en,
C‑269/​11 Kom­mis­si­on /​Tsche­chi­sche Repu­blik,
C‑293/​11 Kom­mis­si­on /​Grie­chen­land,
C‑296/​11 Kom­mis­si­on /​Frank­reich,
C‑309/​11 Kom­mis­si­on /​Finn­land und
C‑450/​11 Kom­mis­si­on /​Por­tu­gal

  1. ABl.EU L 347, S. 1 – 118[]