Umsatz­steu­er­freie Betreu­ungs­leis­tun­gen – durch eine GmbH

Betreu­ungs­leis­tun­gen einer juris­ti­schen Per­son sind unter Beru­fung auf Art. 132 Abs. 1 Buchst. h MwSt­Sys­tRL steu­er­frei, wenn ihr die Erlaub­nis zum Betrieb einer Ein­rich­tung zur Betreu­ung von Kin­dern und Jugend­li­chen nach § 45 SGB VIII erteilt wur­de und die Kos­ten für die­se Leis­tun­gen über einen Trä­ger der frei­en Jugend­hil­fe abge­rech­net und damit mit­tel­bar von öffent­li­chen Trä­gern der Kin­der- und Jugend­hil­fe gezahlt wer­den.

Umsatz­steu­er­freie Betreu­ungs­leis­tun­gen – durch eine GmbH

Nach § 4 Nr. 25 UStG sind bestimm­te, unter a)) bis c)) bezeich­ne­te Leis­tun­gen der "Trä­ger der öffent­li­chen Jugend­hil­fe und der för­de­rungs­wür­di­gen Trä­ger der frei­en Jugend­hil­fe" steu­er­frei. Die­se Norm ver­weist auf § 75 SGB VIII. Als Trä­ger der frei­en Jugend­hil­fe kön­nen danach juris­ti­sche Per­so­nen und Per­so­nen­ver­ei­ni­gun­gen aner­kannt wer­den, wenn sie

  1. auf dem Gebiet der Jugend­hil­fe i.S. des § 1 tätig sind,
  2. gemein­nüt­zi­ge Zie­le ver­fol­gen,
  3. auf Grund der fach­li­chen und per­so­nel­len Vor­aus­set­zun­gen erwar­ten las­sen, dass sie einen nicht unwe­sent­li­chen Bei­trag zur Erfül­lung der Auf­ga­ben der Jugend­hil­fe zu leis­ten imstan­de sind, und
  4. die Gewähr für eine den Zie­len des Grund­ge­set­zes för­der­li­che Arbeit bie­ten.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ver­folgt die kla­gen­de GmbH nach ihrem Gesell­schafts­zweck aus­schließ­lich und unmit­tel­bar gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke, die u.a. "in der För­de­rung der Jugend in Bil­dung und Erzie­hung sowie der Jugend­hil­fe nach §§ 27 ff. des Kin­der- und Jugend­hil­fe­ge­set­zes (KJHG)" bestehen. Der Sat­zungs­zweck wird ins­be­son­de­re ver­wirk­licht durch: "a) Hil­fen zur Erzie­hung nach §§ 27 ff. KJHG, hier ins­be­son­de­re die Unter­hal­tung einer Kin­der- und Jugend­hil­feein­rich­tung, für sta­tio­nä­re und ambu­lan­te Hil­fen, zur Bekämp­fung der Ver­wahr­lo­sung, u.a. bei Dro­gen­miss­brauch, kör­per­li­cher und see­li­scher Miss­hand­lung". Hier­zu erbringt die GmbH u.a. Betreu­ungs­leis­tun­gen der Kin­der- und Jugend­hil­fe nach dem Ach­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch ‑Kin­der- und Jugend­hil­fe- (SGB VIII). Die für ent­spre­chen­de Ein­rich­tun­gen (Wohn­hei­me) erfor­der­li­chen Betriebs­er­laub­nis­se sind ihr gemäß § 45 SGB VIII durch den Land­schafts­ver­band Rhein­land erteilt wor­den. Die für ihre Betreu­ungs­leis­tun­gen geschul­de­ten Ent­gel­te stell­te die GmbH einer ‑als Trä­ge­rin der frei­en Jugend­hil­fe nach § 75 i.V.m. § 45 SGB VIII aner­kann­ten- GbR in Rech­nung. Die­se rech­ne­te die unter Ein­schal­tung der GmbH erbrach­ten Leis­tun­gen mit den öffent­li­chen Trä­gern der Kin­der- und Jugend­hil­fe ab.

Im vor­lie­gen­den Streit­fall wur­de damit nicht die GmbH, son­dern die GbR als Trä­ger der frei­en Jugend­hil­fe aner­kannt. Ob die GmbH die Vor­aus­set­zun­gen für eine Aner­ken­nung erfüllt, kann vor­lie­gend offen blei­ben. Denn die Betreu­ungs­leis­tun­gen der GmbH fal­len weder unter die in Buch­sta­be a bezeich­ne­ten Tätig­kei­ten (Durch­füh­rung von Lehr­gän­gen, Frei­zei­ten, Zelt­la­gern, Fahr­ten und Tref­fen sowie von Ver­an­stal­tun­gen, die dem Sport oder der Erho­lung die­nen) noch unter die in Buch­sta­be b bezeich­ne­ten Leis­tun­gen (Beher­ber­gung, Bekös­ti­gung und übli­che Natu­ral­leis­tun­gen, die den Jugend­li­chen und Mit­ar­bei­tern gewährt wer­den) des § 4 Nr. 25 UStG. Es geht auch nicht um die Durch­füh­rung von kul­tu­rel­len und sport­li­chen Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men der Jugend­hil­fe (§ 4 Nr. 25 Buchst. c UStG).

Nach § 4 Nr. 25 UStG 2005 i.d.F. des Jah­res­steu­er­ge­set­zes (JStG) 2008 sind die Leis­tun­gen der Jugend­hil­fe nach § 2 Abs. 2 des Ach­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch (…) steu­er­frei, wenn die­se Leis­tun­gen von Trä­gern der öffent­li­chen Jugend­hil­fe oder ande­ren Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter erbracht wer­den. Ande­re Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter i.S. die­ser Vor­schrift sind:

"a)) von der zustän­di­gen Jugend­be­hör­de aner­kann­te Trä­ger der frei­en Jugend­hil­fe, die Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts sowie die amt­lich aner­kann­ten Ver­bän­de der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge,

Ein­rich­tun­gen, soweit sie

für ihre Leis­tun­gen eine im Ach­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch gefor­der­te Erlaub­nis besit­zen oder nach § 44 oder § 45 Abs. 1 Nr. 1 und 2 des Ach­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch einer Erlaub­nis nicht bedür­fen, (…)".

Die GmbH ist, wie unter II. 1.a aus­ge­führt wur­de, kein Trä­ger der Jugend­hil­fe, sie gehört aber zu den ande­ren Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter. Denn sie unter­hält ein Wohn­heim, in dem Kin­der und Jugend­li­che mit psy­chi­scher Behin­de­rung unter­ge­bracht sind. Für den Betrieb die­ser Ein­rich­tung ist eine Betriebs­er­laub­nis nach § 45 SGB VIII erfor­der­lich. Die­se ist der GmbH durch den Land­schafts­ver­band Rhein­land (Lan­des­ju­gend­amt) mit den Beschei­den vom 18.02.2002 und 2.03.2007 erteilt wor­den.

Eine Steu­er­be­frei­ung der erbrach­ten Leis­tun­gen schei­det im Streit­fall jedoch aus, weil die Neu­fas­sung des § 4 Nr. 25 UStG gemäß § 27 Abs. 1 UStG i.V.m. Art. 28 Abs. 4 JStG 2008 erst für Umsät­ze gilt, die ab dem 1.01.2008 aus­ge­führt wer­den.

Die GmbH kann sich für die Steu­er­frei­heit ihrer Leis­tun­gen aber auf das Uni­ons­recht beru­fen.

Steu­er­frei sind nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. h MwSt­Sys­tRL (bis 31.12 2006: Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. h der Sechs­ten Richt­li­nie des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 77/​388/​EWG) "eng mit der Kin­der- und Jugend­be­treu­ung ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen und Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den durch Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­re von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tun­gen".

Die­se Bestim­mung knüpft an leis­tungs- und an per­so­nen­be­zo­ge­ne Vor­aus­set­zun­gen an: Es muss sich um eng mit der Kin­der- und Jugend­be­treu­ung ver­bun­de­ne Dienst­leis­tun­gen han­deln und der leis­ten­de Unter­neh­mer muss als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kannt sein.

Die Leis­tun­gen der GmbH sind eng mit der Kin­der- und Jugend­be­treu­ung ver­bun­den. Sie betreibt ein Wohn­heim, in dem psy­chisch und see­lisch kran­ke Kin­der und Jugend­li­che unter­ge­bracht sind und behan­delt wer­den. Damit wird sie gegen­über dem Jugend­amt im Rah­men der Kin­der- und Jugend­hil­fe (§§ 27 bis 41 SGB VIII) tätig.

Die GmbH ist ‑ent­ge­gen dem Urteil des Finanz­ge­richts Köln 1- auch als Ein­rich­tung i.S. von Art. 132 Abs. 1 Buchst. h MwSt­Sys­tRL "aner­kannt".

Nach dem zu Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ergan­ge­nen Urteil "Zim­mer­mann" des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH, Urteil "Zim­mer­mann" vom 15.11.2012 – C‑174/​11, EU:C:2012:716, Rz 26)) legt die Richt­li­nie die Vor­aus­set­zun­gen und Moda­li­tä­ten der Aner­ken­nung nicht fest. Viel­mehr ist es Sache des inner­staat­li­chen Rechts jedes Mit­glied­staa­tes, die Regeln auf­zu­stel­len, nach denen Ein­rich­tun­gen die erfor­der­li­che Aner­ken­nung gewährt wer­den kann. Dabei haben die natio­na­len Behör­den im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht und unter der Kon­trol­le der natio­na­len Gerich­te die für die Aner­ken­nung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen. Zu die­sen gehö­ren das Bestehen spe­zi­fi­scher Vor­schrif­ten, bei denen es sich um natio­na­le oder regio­na­le Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, Steu­er­vor­schrif­ten oder Vor­schrif­ten im Bereich der sozia­len Sicher­heit han­deln kann, das mit den Tätig­kei­ten des betref­fen­den Steu­er­pflich­ti­gen ver­bun­de­ne Gemein­wohl­in­ter­es­se, die Tat­sa­che, dass ande­re Steu­er­pflich­ti­ge mit den glei­chen Tätig­kei­ten bereits in den Genuss einer ähn­li­chen Aner­ken­nung kom­men, und die Über­nah­me der Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen zum gro­ßen Teil durch Kran­ken­kas­sen oder durch ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit 2.

Der Steu­er­pflich­ti­ge kann sich auf die in Art. 132 Abs. 1 MwSt­Sys­tRL vor­ge­se­he­ne Steu­er­frei­heit beru­fen, um sich einer Rege­lung zu wider­set­zen, die mit die­ser Bestim­mung unver­ein­bar ist. Es ist Sache der natio­na­len Gerich­te, anhand aller maß­geb­li­chen Umstän­de zu bestim­men, ob der Steu­er­pflich­ti­ge eine als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tung i.S. die­ser Bestim­mung ist. Dabei haben die natio­na­len Gerich­te zu prü­fen, ob die zustän­di­gen Behör­den die Gren­zen des ihnen ein­ge­räum­ten Ermes­sens unter Beach­tung der Grund­sät­ze des Uni­ons­rechts ein­ge­hal­ten haben, zu denen ins­be­son­de­re der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung gehört, der im Mehr­wert­steu­er­be­reich im Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät zum Aus­druck kommt 3. Dies gilt auch für Art. 132 Abs. 1 Buchst. h MwSt­Sys­tRL.

Im Streit­fall folgt die Aner­ken­nung der GmbH aus spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten im Bereich der sozia­len Sicher­heit, ihrer Tätig­keit im Gemein­wohl­in­ter­es­se sowie der (mit­tel­ba­ren) Kos­ten­über­nah­me:

Für die Aner­ken­nung der GmbH spricht ins­be­son­de­re die Ertei­lung der Betriebs­er­laub­nis nach § 45 SGB VIII. Dabei han­delt es sich ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt- nicht nur um eine Rege­lung der Heim­auf­sicht über die Ein­rich­tun­gen des Jugend­hil­fe­rechts, son­dern um eine spe­zi­fi­sche Vor­schrift im Bereich der sozia­len Sicher­heit. Maß­geb­lich dafür ist, dass § 45 Abs. 2 SGB VIII der im Streit­jahr gel­ten­den Fas­sung eine Ver­sa­gung der Erlaub­nis vor­sieht, wenn "die Betreu­ung der Kin­der oder der Jugend­li­chen durch 'geeig­ne­te Kräf­te' nicht gesi­chert ist" oder "in sons­ti­ger Wei­se das Wohl der Kin­der oder der Jugend­li­chen in der Ein­rich­tung nicht gewähr­leis­tet ist".

Die danach erfor­der­li­che "posi­ti­ve Eig­nungs­fest­stel­lung" stellt kei­ne blo­ße Neben­be­din­gung für die Ertei­lung einer Betriebs­er­laub­nis dar. Ist die Betreu­ung der Kin­der durch geeig­ne­te Kräf­te nicht gesi­chert, ist viel­mehr bereits die Betriebs­er­laub­nis nach § 45 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 SGB VIII zwin­gend zu ver­sa­gen. Dar­aus folgt, dass schon vor der Ertei­lung der Betriebs­er­laub­nis nach § 45 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII die Prü­fung und posi­ti­ve Fest­stel­lung der per­sön­li­chen und fach­li­chen Eig­nung des in der Ein­rich­tung kon­kret zum Ein­satz kom­men­den Lei­tungs- und Betreu­ungs­per­so­nals erfor­der­lich ist 4. Die zwin­gen­de Ver­sa­gung bei nicht gesi­cher­ter Betreu­ung der Kin­der durch geeig­ne­te Kräf­te trägt dem Umstand Rech­nung, dass der Betreu­ung durch geeig­ne­te Kräf­te im Hin­blick auf das in der Ein­rich­tung vom Ein­rich­tungs­trä­ger zu gewähr­leis­ten­de Kin­des­wohl zen­tra­le Bedeu­tung zukommt: Der Betrieb der Ein­rich­tung steht und fällt mit dem ein­ge­setz­ten Per­so­nal 5.

Dabei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass die Eig­nung der in der Ein­rich­tung täti­gen Kräf­te ein beson­ders bedeut­sa­mes Kri­te­ri­um bei der Beur­tei­lung des Kin­des­wohls dar­stellt. Die Eig­nung des Per­so­nals umfasst sowohl die per­sön­li­che Eig­nung (i.S. per­sön­li­cher Zuver­läs­sig­keit) als auch die fach­li­che Eig­nung 6. Auch wenn der Gesetz­ge­ber inso­weit nicht von "Fach­kräf­ten" spricht, erfor­dert die fach­li­che Eig­nung in der Regel eine adäqua­te Aus­bil­dung. Die an die Qua­li­fi­ka­ti­on zu stel­len­den Anfor­de­run­gen sind abhän­gig von der fach­li­chen Zweck­be­stim­mung der Ein­rich­tung und dem jewei­li­gen Auf­ga­ben­feld der ein­zel­nen Beschäf­tig­ten 7.

Die Qua­li­fi­zie­rung des § 45 SGB VIII als spe­zi­fi­sche Vor­schrift im Bereich der sozia­len Sicher­heit ergibt sich wei­ter­hin aus der zum 1.01.2008 in Kraft getre­te­nen Geset­zes­än­de­rung des § 4 Nr. 25 UStG sowie der Geset­zes­be­grün­dung. Die Geset­zes­än­de­rung dien­te ‑wie sich aus der Über­nah­me des uni­ons­recht­li­chen Begriffs der "ande­ren Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter" ergibt- der Anpas­sung des natio­na­len Rechts an die Erfor­der­nis­se des Uni­ons­rechts in Art. 132 Abs. 1 Buchst. h MwSt­Sys­tRL 8. Auf der Grund­la­ge der "dort ein­ge­räum­ten Befug­nis­se" erkennt der Gesetz­ge­ber bestimm­te wei­te­re Ein­rich­tun­gen an, soweit sie für ihre Leis­tun­gen eine im SGB VIII gefor­der­te Erlaub­nis besit­zen. Dazu gehört u.a. der Erlaub­nis­tat­be­stand des § 45 Abs. 1 SGB VIII.

Bestä­tigt wird die­se Auf­fas­sung durch die Aus­füh­run­gen des Uni­ons­ge­richts­hofs im Urteil "Les Jardins de Jou­vence" 9. Im Rah­men der Aner­ken­nungs­kri­te­ri­en kann danach auch der Umstand berück­sich­tigt wer­den, dass (…) Ein­rich­tun­gen für betreu­tes Woh­nen, zusam­men mit Alten­hei­men und Tages­be­treu­ungs­zen­tren per Dekret ein­heit­li­chen Rege­lun­gen unter­lie­gen, die den unter­schied­li­chen insti­tu­tio­na­li­sier­ten For­men der Unter­stüt­zung und Betreu­ung von Senio­ren einen Rah­men geben sol­len 10. Nach dem maß­geb­li­chen Dekret ist der Betrieb eines Alten­heims oder einer Ein­rich­tung für betreu­tes Woh­nen von der Erlan­gung einer Geneh­mi­gung abhän­gig, die erteilt wird, wenn die­se Ein­rich­tun­gen bestimm­ten Vor­schrif­ten ent­spre­chen 11. Im Streit­fall besteht mit § 45 SGB VIII eine dem Inhalt des Dekrets ver­gleich­ba­re gesetz­li­che Rege­lung für die Erlan­gung einer Geneh­mi­gung. Die GmbH erfüll­te die dar­in für die Erlan­gung der Geneh­mi­gung auf­ge­stell­ten Erfor­der­nis­se, sodass ihr eine Betriebs­er­laub­nis für die von ihr betrie­be­nen Wohn­hei­me erteilt wur­de. Dem­entspre­chend hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits im Urteil vom 23.10.2014 – V R 20/​14 12 eine "Geneh­mi­gung" als ein Indiz dafür gewer­tet, dass der Leis­tungs­er­brin­ger "ord­nungs­ge­mäß aner­kannt" ist.

An der Tätig­keit der GmbH im Bereich der Kin­der- und Jugend­be­treu­ung besteht ein beson­de­res Gemein­wohl­in­ter­es­se. Psy­chi­sche Erkran­kun­gen im Kin­des- und Jugend­al­ter kön­nen bei unzu­rei­chen­der Behand­lung und Betreu­ung nicht nur die Ent­wick­lung des Kin­des und die aktu­el­le Lebens­qua­li­tät beein­träch­ti­gen, son­dern sich auch auf die Leis­tungs­fä­hig­keit im Erwach­se­nen­al­ter und damit gesamt­ge­sell­schaft­lich nach­tei­lig aus­wir­ken. Es liegt daher im all­ge­mei­nen Inter­es­se, psy­chisch Erkrank­te bereits früh­zei­tig zu betreu­en und ihnen die Chan­ce einer Teil­ha­be am spä­te­ren Erwerbs­le­ben und der Gesell­schaft zu ermög­li­chen.

Zu berück­sich­ti­gen ist schließ­lich die Über­nah­me der Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen durch Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit. Nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt stellt die GmbH die von ihr erbrach­ten Leis­tun­gen der als Trä­ge­rin der frei­en Jugend­hil­fe nach § 75 i.V.m. § 45 SGB VIII aner­kann­ten GbR in Rech­nung. Die­se wie­der­um rech­ne­te die von der GmbH erbrach­ten Leis­tun­gen mit den öffent­li­chen Trä­gern der Kin­der- und Jugend­hil­fe ab. Auch eine der­ar­ti­ge mit­tel­ba­re oder "durch­ge­lei­te­te" Kos­ten­tra­gung erfüllt nach der jüngs­ten Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 13 das Merk­mal der Kos­ten­über­nah­me. Danach muss berück­sich­tigt wer­den, dass die GmbH Mit­glied in einem "aner­kann­ten" Ver­ein zur Erbrin­gung von Pfle­ge­leis­tun­gen war, des­sen Kos­ten weit­ge­hend von den Pfle­ge­kas­sen getra­gen wor­den sind. Im Streit­fall besteht ‑eben­so wie im BFH, Urteil in BFHE 251, 282- eine mit­tel­ba­re oder "durch­ge­lei­te­te" Kos­ten­tra­gung.

Damit erfüllt die GmbH meh­re­re ‑bei der Beur­tei­lung der Eigen­schaft als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter- zu berück­sich­ti­gen­de Gesichts­punk­te. Da die­se nicht kumu­la­tiv zu ver­ste­hen sind 14 und somit nicht voll­stän­dig vor­lie­gen müs­sen, führt auch eine Gesamt­wür­di­gung der maß­geb­li­chen Kri­te­ri­en dazu, dass die GmbH als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter anzu­se­hen ist. Dem kann nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass der natio­na­le Gesetz­ge­ber sei­nen Gestal­tungs­spiel­raum dahin­ge­hend aus­ge­übt habe, ande­re Ein­rich­tun­gen ‑wie die GmbH- erst ab dem 1.01.2008 anzu­er­ken­nen. Denn die für die Aner­ken­nung maß­ge­ben­den Umstän­de, ins­be­son­de­re § 45 SGB VIII als spe­zi­fi­sche Vor­schrift im Bereich der sozia­len Sicher­heit, haben bereits im Streit­jahr vor­ge­le­gen. Die Aner­ken­nung der GmbH als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter beruht auch nicht auf einer unzu­läs­si­gen Rück­wir­kung des § 4 Nr. 25 UStG n.F., son­dern auf dem Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts. Nach der Recht­spre­chung des EuGH ist es bei Ver­stö­ßen gegen Uni­ons­recht Sache des natio­na­len Gerichts, etwai­ge Kon­se­quen­zen auch für die Ver­gan­gen­heit zu zie­hen 15.

Der Steu­er­frei­heit der Betreu­ungs­leis­tun­gen steht nicht ent­ge­gen, dass die GmbH kei­ne direk­ten ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zu den öffent­li­chen Trä­gern der Kin­der- und Jugend­hil­fe unter­hielt, son­dern sich ver­pflich­tet hat­te, ihre Leis­tun­gen gegen­über der GbR zu erbrin­gen und dem­ge­mäß auch die­ser gegen­über abrech­ne­te.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat­te zwar im Urteil in BFHE 219, 428, BSt­Bl II 2008, 634 aus­ge­führt, die Aner­ken­nung des betref­fen­den Mit­glied­staa­tes als eine "Ein­rich­tung mit ver­gleich­ba­rer Ziel­rich­tung" set­ze zumin­dest eine unmit­tel­ba­re ver­trag­li­che Bezie­hung zwi­schen die­sem oder sei­nen Unter­glie­de­run­gen und dem Unter­neh­mer vor­aus, sodass es nicht aus­rei­chend sei, wenn der Unter­neh­mer ledig­lich als Sub­un­ter­neh­mer für eine aner­kann­te Ein­rich­tung tätig gewor­den ist 16.

Vor die­ser Aus­sa­ge wird aber die Recht­spre­chung wie­der­ge­ge­ben, wonach die Aner­ken­nung eines Unter­neh­mers als eine Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter auch aus der Über­nah­me der Kos­ten für sei­ne Leis­tun­gen durch Kran­ken­kas­sen oder ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit abge­lei­tet wer­den kön­ne. Die Aus­füh­run­gen des Bun­des­fi­nanz­hofs sind dem­nach nicht in dem Sin­ne zu ver­ste­hen, dass nur bei Vor­lie­gen (unmit­tel­ba­rer) ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­run­gen eine Aner­ken­nung in Betracht kom­me. Eine der­ar­ti­ge Ein­schrän­kung stün­de ins­be­son­de­re nicht im Ein­klang mit der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung des EuGH, die ledig­lich dar­auf abstellt, ob "die Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen … von Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit über­nom­men wer­den" 17. Dem­entspre­chend hat es der Bun­des­fi­nanz­hof im Urteil in BFHE 251, 282 als uner­heb­lich ange­se­hen, dass kei­ne direk­ten ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen mit den öffent­li­chen Trä­gern der Kin­der- und Jugend­hil­fe bestan­den.

Gegen die Aner­ken­nung der GmbH als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter spre­chen auch nicht die vom Finanz­amt vor­ge­tra­ge­nen Nach­weis­pro­ble­me in Fäl­len der wei­ter­ge­lei­te­ten (mit­tel­ba­ren) Kos­ten­tra­gung. Die­se betref­fen das Ver­fah­rens­recht und sind nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen dahin­ge­hend zu lösen, dass der­je­ni­ge, der die Umsatz­steu­er­frei­heit begehrt, die Fest­stel­lungs­last für die hier­für ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen trägt und ‑wenn die für die Umsatz­steu­er­be­frei­ung erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen nicht mög­lich sein soll­ten- dies zu sei­nen Las­ten geht 18.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. April 2016 – V R 55/​14

  1. FG Köln, Urteil vom 22.10.2014 – 4 K 2056/​11[]
  2. EuGH, Urteil Zim­mer­mann, EU:C:2012:716, Rz 31[]
  3. EuGH, Urteil Zim­mer­mann, EU:C:2012:716, Rz 32 f.[]
  4. OVG NRW, Beschluss vom 27.11.2007 – 12 A 4697/​06, FEVS 59, 318, Leit­satz[]
  5. OVG NRW, Beschluss in FEVS 59, 318, Rz 41 und 52[]
  6. OVG Saar­land, Beschluss vom 30.04.2013 – 3 A 194/​12, Leit­satz 2[]
  7. OVG Saar­land, a.a.O., Rz 16, m.w.N.[]
  8. vgl. BT-Drs. 16/​6290, S. 78[]
  9. EuGH, Urteil vom 21.01.2016 – C‑335/​14, EU:C:2016:36[]
  10. EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, Rz. 37[]
  11. EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence, EU:C:2016:36, Rz 8 und 9[]
  12. BFHE 248, 376, Rz 18[]
  13. BFH, Urteil vom 18.08.2015 – V R 13/​14, BFHE 251, 282[]
  14. BFH, Urtei­le vom 25.04.2013 – V R 7/​11, BFHE 241, 475, BSt­Bl II 2013, 976, sowie vom 08.06.2011 – XI R 22/​09, BFHE 234, 448[]
  15. EuGH, Urteil Marks & Spen­cer vom 10.04.2008 – C‑309/​06, EU:C:2008:211, Leit­satz 5 sowie Rz 60 für einen Ver­stoß gegen den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung[]
  16. BFH, Urteil in BFHE 219, 428, BSt­Bl II 2008, 634, Rz 43 der Ent­schei­dungs­grün­de[]
  17. vgl. hier­zu BFH, Urteil vom 29.07.2015 – XI R 35/​13, BFHE 251, 91[]
  18. vgl. BFH, Beschluss vom 18.02.2008 – V B 35/​06, BFH/​NV 2008, 1001, m.w.N.[]