Umsatz­steu­er­freie Ver­mitt­lung oder umsatz­steu­er­pflich­ti­ger Ver­trieb von Fonds­an­tei­len?

Eine (steu­er­freie) Ver­mitt­lung des Ver­kaufs bzw. Erwerbs von Fonds­an­tei­len setzt die Tätig­keit einer Mit­tels­per­son vor­aus, die nicht den Platz einer Par­tei eines Ver­tra­ges über ein Finanz­pro­dukt ein­nimmt und deren Tätig­keit sich von den typi­schen ver­trag­li­chen Leis­tun­gen unter­schei­det, die von den Par­tei­en sol­cher Ver­trä­ge erbracht wer­den.

Umsatz­steu­er­freie Ver­mitt­lung oder umsatz­steu­er­pflich­ti­ger Ver­trieb von Fonds­an­tei­len?

Eine sol­che Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit kann unter ande­rem dar­in bestehen, der Ver­trags­par­tei die Gele­gen­hei­ten zum Abschluss eines sol­chen Ver­tra­ges nach­zu­wei­sen, mit der ande­ren Par­tei Kon­takt auf­zu­neh­men oder im Namen und für Rech­nung des Kun­den über die Ein­zel­hei­ten der gegen­sei­ti­gen Leis­tun­gen zu ver­han­deln.

Dage­gen erbringt kei­ne Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit, wer als sog. "Dis­tri­bu­tor" im Rah­men eines mehr­stu­fi­gen Ver­triebs von Fonds­an­tei­len selb­stän­di­ge Abschluss­ver­mitt­ler anwirbt, schult und im Rah­men ihres Ein­sat­zes unter­stützt sowie die von den Abschluss­ver­mitt­lern ein­ge­reich­ten Unter­la­gen auf Voll­stän­dig­keit und Plau­si­bi­li­tät prüft.

Nach § 4 UStG sind von den unter § 1 Abs. 1 Nr. 1 fal­len­den Umsät­zen u.a. steu­er­frei die Umsät­ze im Geschäft mit Wert­pa­pie­ren und die Ver­mitt­lung die­ser Umsät­ze, aus­ge­nom­men die Ver­wah­rung und die Ver­wal­tung von Wert­pa­pie­ren, sowie die Umsät­ze und die Ver­mitt­lung der Umsät­ze von Antei­len an Gesell­schaf­ten und ande­ren Ver­ei­ni­gun­gen. Die­se Bestim­mun­gen in § 4 Nr. 8 Buchst. e und f UStG beru­hen auf Art. 13 Teil B Buchst. d Nr. 5 der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern – nun­mehr Art. 135 Abs. 1 Buchst. f der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL).

Teil B Buchst. d Nr. 5 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG (inhalts­gleich mit Art. 135 Abs. 1 Buchst. f der MwSt­Sys­tRL) lau­tet: "Unbe­scha­det sons­ti­ger Gemein­schafts­vor­schrif­ten befrei­en die Mit­glied­staa­ten unter den Bedin­gun­gen, die sie zur Gewähr­leis­tung einer kor­rek­ten und ein­fa­chen Anwen­dung der nach­ste­hen­den Befrei­un­gen sowie zur Ver­hü­tung von Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen, Steu­er­um­ge­hun­gen und etwai­gen Miss­bräu­chen fest­set­zen, von der Steu­er: …05. die Umsät­ze – ein­schließ­lich der Ver­mitt­lung, jedoch mit Aus­nah­me der Ver­wah­rung und der Ver­wal­tung – die sich auf Akti­en, Antei­le an Gesell­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen, Schuld­ver­schrei­bun­gen oder sons­ti­ge Wert­pa­pie­re bezie­hen, mit Aus­nah­me u.a. von Waren­pa­pie­ren sowie "Rech­ten oder Wert­pa­pie­ren im Sin­ne von Arti­kel 5 Absatz 3, …"

Eine Ver­mitt­lungs­leis­tung i.S. von § 4 Nr. 8 Buchst. e oder f UStG ist gege­ben, wenn einer Ver­trags­par­tei eine Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit erbracht wird, die von die­ser als eigen­stän­di­ge Mitt­ler­tä­tig­keit ver­gü­tet wird 1.

Der im Rah­men der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung von § 4 Nr. 8 Buchst. e und f UStG zu berück­sich­ti­gen­de Begriff der Ver­mitt­lung i.S. von Art. 13 Teil B Buchst. d Nr. 5 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG bezieht sich auf eine Tätig­keit, die von einer Mit­tels­per­son aus­ge­übt wird, die nicht den Platz einer Par­tei eines Ver­trags über ein Finanz­pro­dukt ein­nimmt und deren Tätig­keit sich von den typi­schen ver­trag­li­chen Leis­tun­gen unter­schei­det, die von den Par­tei­en sol­cher Ver­trä­ge erbracht wer­den. Denn die Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit ist eine Dienst­leis­tung, die einer Ver­trags­par­tei erbracht und von die­ser als eigen­stän­di­ge Mitt­ler­tä­tig­keit ver­gü­tet wird. Sie kann u.a. dar­in bestehen, der Ver­trags­par­tei die Gele­gen­hei­ten zum Abschluss eines sol­chen Ver­trags nach­zu­wei­sen, mit der ande­ren Par­tei Kon­takt auf­zu­neh­men oder im Namen und für Rech­nung des Kun­den über die Ein­zel­hei­ten der gegen­sei­ti­gen Leis­tun­gen zu ver­han­deln. Zweck die­ser Tätig­keit ist es also, das Erfor­der­li­che zu tun, damit zwei Par­tei­en einen Ver­trag schlie­ßen, ohne dass der Ver­mitt­ler ein Eigen­in­ter­es­se am Inhalt des Ver­trags hat 2.

Dage­gen führt die Über­nah­me der mit dem zu ver­mit­teln­den Ver­trag ver­bun­de­nen Sach­ar­beit wie z.B. die Ertei­lung von Infor­ma­tio­nen an die ande­re Par­tei oder die Annah­me und Bear­bei­tung von Anträ­gen, die Gegen­stand des Ver­trags sind, nicht zu einer steu­er­frei­en Ver­mitt­lung; der Leis­ten­de nimmt dann den Platz des Anbie­ters ein und han­delt nicht als Mit­tels­per­son 3.

Auch aus der Frei­heit des Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dells 4 ergibt sich kei­ne über die Ver­mitt­lung von Abschlüs­sen hin­aus­ge­hen­de Steu­er­frei­heit für Ver­triebs­tä­tig­kei­ten all­ge­mei­ner Art. Zwar kann die Ver­mitt­lung in ver­schie­de­ne Ein­zel­dienst­leis­tun­gen zer­fal­len, die dann ihrer­seits Ver­mitt­lungs­leis­tun­gen dar­stel­len. Dies gilt jedoch nur, wenn es sich bei der ein­zel­nen Leis­tung um ein im Gro­ßen und Gan­zen eigen­stän­di­ges Gan­zes han­delt, das die spe­zi­fi­schen und wesent­li­chen Funk­tio­nen der Ver­mitt­lung erfüllt 5.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat sich die­ser Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs ange­schlos­sen 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 14. Mai 2014 – XI R 13/​11

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 09.10.2003 – V R 5/​03, BFHE 203, 395, BSt­Bl II 2003, 958, unter II. 2.; vom 03.11.2005 – V R 21/​05, BFHE 212, 172, BSt­Bl II 2006, 282, unter II. 1.; jeweils zur "Ver­mitt­lung von Kre­di­ten" i.S. des § 4 Nr. 8 Buchst. a UStG[]
  2. vgl. EuGH, Urtei­le ‑CS- C- in Slg. 2001, I‑10237, UR 2002, 84, Rz 39; ‑Lud­wig- in Slg. 2007, I‑5083, UR 2007, 617, Rz 23; vom 05.07.2012 – C‑259/​11 ‑DTZ Zadelhoff‑, HFR 2012, 1013, UR 2012, 672, Rz 27[]
  3. vgl. EuGH, Urtei­le ‑CS- C- in Slg. 2001, I‑10237, UR 2002, 84, Rz 40; ‑Lud­wig- in Slg. 2007, I‑5083, UR 2007, 617, Rz 23[]
  4. EuGH, Urteil ‑Lud­wig- in Slg. 2007, I‑5083, UR 2007, 617, Rz 34 ff.[]
  5. vgl. EuGH, Urtei­le vom 05.06.1997 – C‑2/​95 ‑SD- C‑, Slg. 1997, I‑3017, UR 1998, 64, Rz 66; ‑CS- C- in Slg. 2001, I‑10237, UR 2002, 84, Rz 25; ‑Lud­wig- in Slg. 2007, I‑5083, UR 2007, 617, Rz 27, 36 ff.[]
  6. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 221, 92, BSt­Bl II 2008, 641, unter II. 1.b; in BFHE 223, 507, BSt­Bl II 2009, 554, unter II. 3.b; vgl. auch BFH, Urtei­le vom 08.09.2011 – V R 42/​10, BFHE 235, 492, BSt­Bl II 2012, 248, Rz 19; vom 12.12 2012 – XI R 30/​10, BFHE 239, 526, BSt­Bl II 2013, 348, Rz 28[]