Umsatz­steu­er­frei­heit der Port­fo­li­o­ver­wal­tung

Die Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren, bei der ein Steu­er­pflich­ti­ger auf­grund eige­nen Ermes­sens über den Kauf und Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren ent­schei­det und die­se Ent­schei­dung durch den Kauf und Ver­kauf der Wert­pa­pie­re voll­zieht, ist eine ein­heit­li­che und im Inland steu­er­pflich­ti­ge Leis­tung1. Wird die Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren an im Dritt­lands­ge­biet ansäs­si­ge Pri­vat­an­le­ger erbracht, ist sie nach Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG am Emp­fän­ger­ort zu besteu­ern. Der Steu­er­pflich­ti­ge kann sich auf den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts gegen­über der richt­li­ni­en­wid­ri­gen Rege­lung in § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG beru­fen2.

Umsatz­steu­er­frei­heit der Port­fo­li­o­ver­wal­tung

Mit die­ser Ent­schei­dung setzt der Bun­des­fi­nanz­hof ein Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Umsatz­steu­er­pflicht der indi­vi­du­el­len Port­fo­li­o­ver­wal­tung um.

Die Finanz­ver­wal­tung hat­te bis­her für die Leis­tun­gen der Ban­ken und ande­rer Ver­mö­gens­ver­wal­ter, die für ein­zel­ne Anle­ger Wert­pa­pier­ver­mö­gen ver­wal­ten (sog. indi­vi­du­el­le Port­fo­li­o­ver­wal­tung), eine Umsatz­steu­er­pflicht bejaht, so dass der Port­fo­li­o­ver­wal­ter sei­ne Leis­tung gegen­über dem Anle­ger mit dem Regel­steu­er­satz von 19 % zu ver­steu­ern hat. Der Bun­des­fi­nanz­hof ist dem­ge­gen­über vor vier Jah­ren in einem Ein­zel­fall von der Steu­er­frei­heit der­ar­ti­ger Leis­tun­gen aus­ge­gan­gen3. Auf die­se Ent­schei­dung hat die Finanz­ver­wal­tung mit einem Nicht­an­wen­dungs­er­lass reagiert, so dass der Bun­des­fi­nanz­hof in einem wei­te­ren Ver­fah­ren nun­mehr erneut über die­se Fra­ge ent­schei­den muss­te. In die­sem Ver­fah­ren leg­te der Bun­des­fi­nanz­hof die Fra­ge der Umsatz­steu­er­pflicht der indi­vi­du­el­len Port­fo­li­o­ver­wal­tung dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung vor, des­sen Urteil4 der Bun­des­fi­nanz­hof nun mit die­ser Ent­schei­dung umsetzt.

Im Inland erbrach­te Leis­tun­gen zur Ver­mö­gens­ver­wal­tung

Die Bank kann für die im Inland erbrach­ten Leis­tun­gen bei der Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren kei­ne Steu­er­frei­heit in Anspruch neh­men.

Steu­er­frei sind nach § 4 Nr. 8 Buchst. e UStG "die Umsät­ze im Geschäft mit Wert­pa­pie­ren und die Ver­mitt­lung die­ser Umsät­ze, aus­ge­nom­men die Ver­wah­rung und die Ver­wal­tung von Wert­pa­pie­ren". Die Vor­schrift beruht uni­ons­recht­lich auf Art. 135 Abs. 1 Buchst. f der Richt­li­nie 2006/​112/​EG, der für "Umsät­ze – ein­schließ­lich der Ver­mitt­lung, jedoch nicht der Ver­wah­rung und der Ver­wal­tung -, die sich auf Akti­en, Antei­le an Gesell­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen, Schuld­ver­schrei­bun­gen oder sons­ti­ge Wert­pa­pie­re bezie­hen, mit Aus­nah­me von Waren­pa­pie­ren und der in Arti­kel 15 Absatz 2 genann­ten Rech­te und Wert­pa­pie­re" gilt.

Nach dem im Streit­fall ergan­ge­nen "Deut­sche Bank"-Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on5 steht fest, dass die durch die Bank erbrach­ten Leis­tun­gen als ein­heit­li­che Leis­tung anzu­se­hen sind. Der EuGH hat inso­weit die von der Finanz­ver­wal­tung ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung6 bestä­tigt. Nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich sind daher die Über­le­gun­gen der Bank zu abwei­chen­den Sach­ver­halts­ge­stal­tun­gen in ande­ren Fäl­len.

Nach dem "Deut­sche Bank"-Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs7 steht wei­ter fest, dass die im Inland erbrach­ten Leis­tun­gen bei der Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren nicht nach Art. 135 Abs. 1 Buchst. f der Richt­li­nie 2006/​112/​EG und damit auch nicht nach § 4 Nr. 8 Buchst. e UStG steu­er­frei, son­dern steu­er­pflich­tig sind. Der EuGH hat auch inso­weit die in dem BMF-Schrei­ben8 ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung bestä­tigt. Der Bun­des­fi­nanz­hof hält daher inso­weit an sei­nem frü­he­ren Urteil9 nicht fest.

Im Dritt­lands­ge­biet erbrach­te Leis­tun­gen zur Ver­mö­gens­ver­wal­tung

Anders beur­teilt der Bun­des­fi­nanz­hof dage­gen die Umsatz­steu­er­pflicht für Leis­tun­gen, die die Bank gegen­über im Dritt­lands­ge­biet ansäs­si­gen Anle­gern erbracht hat, da sich die Bank inso­weit auf­grund des Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG gegen­über § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG zukom­men­den Anwen­dungs­vor­rangs bei der Bestim­mung des Leis­tungs­orts auf die für sie güns­ti­ge­re Rege­lung des Uni­ons­rechts beru­fen kann.

Erbringt der Unter­neh­mer Leis­tun­gen i.S. von § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG an Nicht­un­ter­neh­mer mit Wohn­sitz oder Sitz im Dritt­lands­ge­biet i.S. von § 3a Abs. 3 Satz 3 UStG, ist die Leis­tung im Inland nicht steu­er­bar.

Nach § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG gilt dies aller­dings nur "für die sons­ti­gen Leis­tun­gen der in § 4 Nr. 8 Buch­sta­be a bis h und Nr. 10 bezeich­ne­ten Art sowie die Ver­wal­tung von Kre­di­ten und Kre­dit­si­cher­hei­ten". § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG dient der Umset­zung von Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG. Die­se Bestim­mung erfasst "Bank‑, Finanz- und Ver­si­che­rungs­um­sät­ze, ein­schließ­lich Rück­ver­si­che­rungs­um­sät­ze, aus­ge­nom­men die Ver­mie­tung von Schließ­fä­chern".

Nach dem "Deut­sche Bank"-Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on10 erstreckt sich Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG nicht nur auf die in Art. 135 Abs. 1 Buchst. a bis g die­ser Richt­li­nie genann­ten Leis­tun­gen, son­dern auch auf die Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren. Der EuGH hat inso­weit die in dem BMF-Schrei­ben11 ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung zurück­ge­wie­sen.

Ist Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG auch auf die Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren anzu­wen­den, steht zugleich fest, dass § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG gegen das Uni­ons­recht ver­stößt. Eine richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung von § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG ent­spre­chend Art. 56 Abs. 1 Buchst. e der Richt­li­nie 2006/​112/​EG ist auf­grund der inso­weit zu beach­ten­den Wort­laut­gren­ze nicht mög­lich. § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG nimmt aus­drück­lich auf § 4 Nr. 8 Buchst. a bis h und Nr. 10 UStG Bezug und schließt damit ande­re Bank‑, Finanz- und Ver­si­che­rungs­um­sät­ze, bei denen es sich wie z.B. bei der Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Wert­pa­pie­ren auch nicht um die Ver­wal­tung von Kre­di­ten und Kre­dit­si­cher­hei­ten han­delt, von sei­nem Anwen­dungs­be­reich aus­drück­lich aus.

Die Bank ist berech­tigt, sich auf das für sie güns­ti­ge­re Uni­ons­recht zu beru­fen. Inso­weit ist an dem frü­he­ren Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs12, mit dem der Bun­des­fi­nanz­hof bereits ent­schie­den hat, dass § 3a Abs. 4 Nr. 6 Buchst. a UStG das Uni­ons­recht nicht zutref­fend umsetzt, ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung13 wei­ter­hin fest­zu­hal­ten. Umstän­de, die gegen die Gel­tend­ma­chung eines Anwen­dungs­vor­rangs spre­chen könn­ten, sind nicht ersicht­lich und wer­den auch nicht vom Finanz­amt vor­ge­tra­gen, das inso­weit nur gel­tend macht, an das BMF-Schrei­ben14 gebun­den zu sein. Die­sem BMF-Schrei­ben kommt aber als ledig­lich nor­min­ter­pre­tie­ren­der Ver­wal­tungs­an­wei­sung im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kei­ne Bin­dungs­wir­kung zu15.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. Okto­ber 2010 – V R 9/​10

  1. Anschluss an EuGH, Urteil "Deut­sche Bank", UR 2012, 667; inso­weit Auf­ga­be von BFH, Urteil in BFHE 219, 257, BSt­Bl II 2008, 993 []
  2. Anschluss an EuGH, Urteil "Deut­sche Bank", UR 2012, 667; inso­weit Bestä­ti­gung von BFH, Urteil in BFHE 219, 257, BSt­Bl II 2008, 993 []
  3. BFH, Urteil vom 11.10.2007 – V R 22/​04, BFHE 219, 257, BSt­Bl II 2008, 993 []
  4. EuGH, Urteil "Deut­sche Bank", UR 2012, 667 []
  5. EuGH, UR 2012, 667 []
  6. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2008, 1086 []
  7. EuGH, UR 2012, 667 []
  8. BMF, BSt­Bl I 2008, 1086 []
  9. BFH, Urteil in BFHE 219, 257, BSt­Bl II 2008, 993 []
  10. EuGH, UR 2012, 667 []
  11. BMF, BSt­Bl I 2008, 1086 []
  12. BFH, Urteil in BFHE 219, 257, BSt­Bl II 2008, 993 []
  13. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2008, 1086 []
  14. BMF, BSt­Bl I 2008, 1086 []
  15. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Urteil vom 10.11.2011 – V R 34/​10, BFH/​NV 2012, 803, m.w.N. []