Umsatz­steu­er­frei­heit für öffent­li­che Uni­ver­sal­post­diens­te

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten hat­te sich jetzt mit der Umsatz­steu­er­frei­heit für öffent­lich­te Uni­ver­sal­post­diens­te zu befas­sen. Der Rechts­streit betraf zwar die bri­ti­sche Post, aller­dings ent­spre­chen die dor­ti­gen Rege­lun­gen zur Umsatz­steu­er­frei­heit der deut­schen Rechts­la­ge, wonach der Uni­ver­sal­post­dienst der Deut­sche Post AG
Der von der brit­ti­schen Roy­al Mail ange­bo­te­ne pos­ta­li­sche Uni­ver­sal­dienst ist von der Umsatz­steu­er befreit. Roy­al Mail ist dage­gen mehr­wert­steu­er­pflich­tig, wenn sie Leis­tun­gen zu „indi­vi­du­ell“ aus­ge­han­del­ten Bedin­gun­gen erbringt.

Umsatz­steu­er­frei­heit für öffent­li­che Uni­ver­sal­post­diens­te

Die Sechs­te Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie 1 befreit die „öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen“ wegen ihrer dem Gemein­wohl die­nen­den Tätig­kei­ten von der Mehr­wert­steu­er. Die Postricht­li­nie 2 lei­te­te den Pro­zess der schritt­wei­sen Libe­ra­li­sie­rung des Mark­tes für pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen ein. Sie stellt Regeln für die Bereit­stel­lung eines pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­diens­tes und die Kri­te­ri­en zur Abgren­zung der für die Anbie­ter von Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen reser­vier­ba­ren Diens­te auf.

2001 wur­de Roy­al Mail zum ein­zi­gen Anbie­ter des pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­diens­tes im Ver­ei­nig­ten König­reich bestellt. Auf­grund die­ser Lizenz ist Roy­al Mail ver­pflich­tet, einen pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­dienst zu erbrin­gen, der min­des­tens eine Haus­zu­stel­lung an allen Werk­ta­gen und eine Abho­lung an allen Werk­ta­gen an jedem Zugangs­punkt umfasst, der im Gebiet die­ses Mit­glied­staats liegt, und zwar zu ein­heit­li­chen, trag­ba­ren Tari­fen. Ab 2006 wur­de der Post­markt im Ver­ei­nig­ten König­reich voll­stän­dig libe­ra­li­siert, ohne dass jedoch die Stel­lung und die Ver­pflich­tun­gen von Roy­al Mail berührt wor­den wären. Die Beför­de­rung von Post­pa­ke­ten und Brie­fen durch Roy­al Mail unter­liegt nicht der Mehr­wert­steu­er.

TNT Post bie­tet „vor­ge­la­ger­te Dienst­leis­tun­gen“ für Geschäfts­post an. Sie holt die Post ab, sor­tiert sie und beför­dert sie zu einer Regio­nal­sam­mel­stel­le von Roy­al Mail. Nach­fol­gend erbringt Roy­al Mail „nach­ge­la­ger­te Dienst­leis­tun­gen“ durch Ver­tei­lung die­ser Post, denn TNT Post ver­fügt nicht über einen Ver­tei­lungs­dienst. Die Dienst­leis­tun­gen von TNT unter­lie­gen der Mehr­wert­steu­er.

TNT erhob beim High Court of Jus­ti­ce Kla­ge, mit der sie die Recht­mä­ßig­keit der Befrei­ung der pos­ta­li­schen Dienst­leis­tun­gen von Roy­al Mail von der Mehr­wert­steu­er in Fra­ge stellt, indem sie gel­tend macht, ihre Dienst­leis­tun­gen sei­en die glei­chen, wie sie von Roy­al Mail erbracht wür­den, unter­lä­gen jedoch der Mehr­wert­steu­er. Die­ses Gericht ersucht den Gerichts­hof um Aus­le­gung des Begriffs „öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen“ im Kon­text eines voll­stän­dig libe­ra­li­sier­ten Mark­tes und des Umfangs der Mehr­wert­steu­er­be­frei­ung die­ser Dienst­leis­tun­gen.

Der Gerichts­hof stellt zunächst fest, dass der Begriff „öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen“ die Ein­rich­tun­gen bezeich­net, die die Dienst­leis­tun­gen erbrin­gen, und nicht die Dienst­leis­tun­gen selbst, unab­hän­gig von der Eigen­schaft ihres Anbie­ters. Fer­ner schließt die Libe­ra­li­sie­rung des Mark­tes die Anwen­dung der Befrei­ung nicht aus. Der Gerichts­hof erin­nert dar­an, dass die Steu­er­be­frei­ung den dem Gemein­wohl die­nen­den Zweck för­dert, pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen, die den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung ent­spre­chen, zu ermä­ßig­ten Kos­ten anzu­bie­ten. Die­ser Zweck stimmt mit der in der Postricht­li­nie ent­hal­te­nen Defi­ni­ti­on des pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­diens­tes über­ein, und die­ser Begriff stellt einen zweck­dien­li­chen Anhalts­punkt für die Aus­le­gung des Begriffs „öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen“ dar. Daher stellt der Gerichts­hof fest, dass als „öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen“ Betrei­ber, unab­hän­gig davon, ob sie öffent­lich oder pri­vat sind, zu betrach­ten sind, die sich ver­pflich­ten, pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen, die den grund­le­gen­den Bedürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung ent­spre­chen, und damit in der Pra­xis den gesam­ten Uni­ver­sal­post­dienst in einem Mit­glied­staat oder einen Teil davon zu gewähr­leis­ten.

Fer­ner ist der Gerichts­hof der Ansicht, dass eine sol­che Aus­le­gung nicht im Wider­spruch zum Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät steht, denn Roy­al Mail erbringt ihre pos­ta­li­schen Leis­tun­gen auf­grund der Ver­pflich­tun­gen aus der Lizenz, deren Inha­ber sie ist, auf einer recht­li­chen Grund­la­ge, die sich wesent­lich von der­je­ni­gen unter­schei­det, auf der ein Betrei­ber wie TNT Post sol­che Dienst­leis­tun­gen erbringt. Daher sind die Dienst­leis­tun­gen die­ser bei­den Unter­neh­men nicht ver­gleich­bar.
Aller­dings stellt der Gerichts­hof klar, dass nicht alle Dienst­leis­tun­gen der öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen, unab­hän­gig von ihrer Natur, befreit sind. Nur die Dienst­leis­tun­gen, die die öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen als sol­che, also gera­de in ihrer Eigen­schaft als Erbrin­ger des pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­diens­tes, aus­füh­ren, sind von der Steu­er befreit. Dienst­leis­tun­gen, deren Bedin­gun­gen indi­vi­du­ell aus­ge­han­delt wor­den sind, sind von der Steu­er­be­frei­ung aus­ge­schlos­sen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 23. April 2009 – C‑357/​07 (TNT Post UK Ltd /​The Com­mis­sio­ners for Her Majesty’s Reve­nue and Customs)

  1. Sechs­te Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern – Gemein­sa­mes Mehr­wert­steu­er­sys­tem: ein­heit­li­che steu­er­pflich­ti­ge Bemes­sungs­grund­la­ge (ABl. L 145, S. 1), mit Wir­kung vom 1. Janu­ar 2007 ersetzt durch die Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28. Novem­ber 2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (ABl. L 347, S. 1).[]
  2. Richt­li­nie 97/​67/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 15. Dezem­ber 1997 über gemein­sa­me Vor­schrif­ten für die Ent­wick­lung des Bin­nen­mark­tes der Post­diens­te der Gemein­schaft und die Ver­bes­se­rung der Diens­te­qua­li­tät (ABl. 1998, L 15, S. 14) in der durch die Richt­li­nie 2002/​39/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 10. Juni 2002 (ABl. L 176, S. 21) geän­der­ten Fas­sung.[]