Umsatz­steu­er­frei­heit von sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­leis­tun­gen

Die Beschrän­kung der Umsatz­steu­er­frei­heit für Ein­glie­de­rungs­leis­tun­gen gemäß § 4 Nr. 16 Buchst. h UStG auf die Leis­tun­gen von Unter­neh­mern, mit denen eine Ver­ein­ba­rung nach § 75 SGB XII besteht, ist uni­ons­rechts­kon­form.

Umsatz­steu­er­frei­heit von sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Ein­glie­de­rungs­leis­tun­gen

Die Leis­tun­gen der Ver­eins­be­treue­rin sind nicht auf­grund von Ver­ein­ba­run­gen nach § 4 Nr. 16 Buchst. h UStG i.V.m. § 75 SGB XII steu­er­frei. Ent­ge­gen dem Urteil des FG kann sich die Ver­eins­be­treue­rin auch nicht auf Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL beru­fen. Denn der natio­na­le Gesetz­ge­ber hat das ihm durch die­se Bestim­mung ein­ge­räum­te Ermes­sen in einer mit dem Uni­ons­recht zu ver­ein­ba­ren­den Wei­se aus­ge­übt.

Nach § 4 Nr. 16 Buchst. h UStG sind die Leis­tun­gen der Ein­rich­tun­gen steu­er­frei, mit denen eine Ver­ein­ba­rung nach § 75 SGB XII besteht. Im vor­lie­gen­den Fall fehl­te es für den strei­ti­gen Zeit­raum an Ver­ein­ba­run­gen i.S. von § 75 Abs. 3 SGB XII, so dass eine Steu­er­frei­heit auf­grund der­ar­ti­ger Ver­ein­ba­run­gen für die hier kla­gen­de Ver­eins­be­treue­rin nicht in Betracht kommt.

Die Ver­eins­be­treue­rin kann sich für die Steu­er­frei­heit ihrer Leis­tun­gen auch nicht auf das Uni­ons­recht beru­fen.

Nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL befrei­en die Mit­glied­staa­ten eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­de­ne Leis­tun­gen, ein­schließ­lich der­je­ni­gen, die durch Alten­hei­me, Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­re von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tun­gen bewirkt wer­den.

Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL ist auf Leis­tun­gen anwend­bar, die zum einen von „Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts oder ande­ren von dem betref­fen­den Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kann­te Ein­rich­tun­gen” erbracht wer­den, und die zum ande­ren „eng mit der Sozi­al­für­sor­ge und der sozia­len Sicher­heit ver­bun­den” sind1.

Die MwSt­Sys­tRL legt die Vor­aus­set­zun­gen und Moda­li­tä­ten der Aner­ken­nung nicht fest. Viel­mehr ist es Sache des inner­staat­li­chen Rechts jedes Mit­glied­staats, die Regeln auf­zu­stel­len, nach denen Ein­rich­tun­gen die erfor­der­li­che Aner­ken­nung gewährt wer­den kann. Die Mit­glied­staa­ten ver­fü­gen inso­weit über ein Ermes­sen2. Dabei haben die natio­na­len Behör­den im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht und unter der Kon­trol­le der natio­na­len Gerich­te die für die Aner­ken­nung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen. Zu die­sen gehö­ren das Bestehen spe­zi­fi­scher Vor­schrif­ten, sei­en es natio­na­le oder regio­na­le, Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, Steu­er­vor­schrif­ten oder Vor­schrif­ten im Bereich der sozia­len Sicher­heit, das mit den Tätig­kei­ten des betref­fen­den Steu­er­pflich­ti­gen ver­bun­de­ne Gemein­wohl­in­ter­es­se, die Tat­sa­che, dass ande­re Steu­er­pflich­ti­ge mit den glei­chen Tätig­kei­ten bereits in den Genuss einer ähn­li­chen Aner­ken­nung kom­men, und dass die Kos­ten der frag­li­chen Leis­tun­gen zum gro­ßen Teil durch Kran­ken­kas­sen oder ande­re Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit über­nom­men wer­den3. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die Kos­ten im kon­kre­ten Fall tat­säch­lich über­nom­men wor­den sind, son­dern es reicht aus, dass sie über­nehm­bar sind4. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, anhand aller maß­geb­li­chen Umstän­de zu bestim­men, ob der Steu­er­pflich­ti­ge als Ein­rich­tung mit sozia­lem Cha­rak­ter aner­kannt ist5.

§ 4 Nr. 16 Buchst. h UStG i.V.m. § 75 SGB XII ent­spricht den sich uni­ons­recht­lich aus Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL erge­ben­den Erfor­der­nis­sen. Mit sei­ner Ent­schei­dung, für die Steu­er­frei­heit an die Vor­aus­set­zun­gen von § 75 SGB XII anzu­knüp­fen, hat der natio­na­le Gesetz­ge­ber das ihm uni­ons­recht­lich ein­ge­räum­te Ermes­sen nicht über­schrit­ten.

Mit der Ver­wei­sung auf § 75 SGB XII knüpft der natio­na­le Gesetz­ge­ber für die Steu­er­frei­heit an eine Vor­schrift des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts an. Nach dem Rege­lungs­kon­zept des Steu­er­ge­setz­ge­bers gehö­ren zu den Unter­neh­mern, die auf­grund der Ver­wei­sung auf das Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht steu­er­freie Leis­tun­gen erbrin­gen kön­nen, neben den sta­tio­nä­ren und teil­sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen (§ 75 Abs. 1 Satz 1 SGB XII) auch die sog. Diens­te (§ 75 Abs. 1 Satz 2 SGB XII).

Die für die Steu­er­frei­heit erfor­der­li­che Ver­ein­ba­rung muss nach § 75 Abs. 3 Satz 1 SGB XII Rege­lun­gen zum Inhalt und Umfang und zur Qua­li­tät der Leis­tun­gen, zur Ver­gü­tung und zur Prü­fung der Wirt­schaft­lich­keit und Qua­li­tät der Leis­tun­gen ent­hal­ten. Der Sozi­al­hil­fe­trä­ger kann ins­be­son­de­re die Qua­li­tät der Leis­tun­gen prü­fen (§ 75 Abs. 3 Satz 3 SGB XII). Die Ein­rich­tung oder der Dienst muss gemäß § 75 Abs. 2 Satz 2 SGB XII unter Berück­sich­ti­gung ihrer Leis­tungs­fä­hig­keit zur Erbrin­gung der Leis­tun­gen geeig­net sein.

Eine über den Anwen­dungs­be­reich die­ser Vor­schrift hin­aus­ge­hen­de Steu­er­frei­heit ist uni­ons­recht­lich nicht im Hin­blick auf ein Gemein­wohl­in­ter­es­se an der Leis­tungs­er­brin­gung gebo­ten. Denn der natio­na­le Gesetz­ge­ber ist bei der Aus­ge­stal­tung der unter­neh­mer­be­zo­ge­nen Aner­ken­nung befugt, die Leis­tungs­qua­li­tät zu berück­sich­ti­gen, wie sie sich aus einer Prü­fung durch den Sozi­al­hil­fe­trä­ger ergibt (vgl. § 75 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 und Satz 3 SGB XII).

Das letzt­lich auch unter­neh­mer­be­zo­ge­ne Merk­mal einer zu prü­fen­den „Qua­li­tät” unter­schei­det die Unter­neh­mer, die über den für die Steu­er­frei­heit nach natio­na­lem Recht erfor­der­li­chen Ver­trags­schluss ver­fü­gen, von ande­ren Unter­neh­mern. Für eine aus dem Neu­tra­li­täts­grund­satz abge­lei­te­te Steu­er­frei­heit fehlt es daher an der erfor­der­li­chen Ver­gleich­bar­keit6.

Eine Uni­ons­rechts­wid­rig­keit ergibt sich auch nicht aus dem Merk­mal der Kos­ten­tra­gung durch Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger. Denn die Kos­ten­über­nah­me­fä­hig­keit wird gera­de durch § 75 SGB XII und den dort gere­gel­ten Ver­trags­schluss unter den vor­ge­se­he­nen Bedin­gun­gen begrenzt.

Anders als § 77 SGB XI, bei dem der Bun­des­ge­richts­hof im Hin­blick auf die gerin­gen Vor­aus­set­zun­gen für den Ver­trags­schluss auf die blo­ße Mög­lich­keit eines Ver­trags­schlus­ses abge­stellt hat7, reicht dies bei § 75 SGB XII im Hin­blick auf die zahl­rei­chen Bedin­gun­gen, die wie z.B. eine Qua­li­täts­prü­fung- für einen der­ar­ti­gen Ver­trags­schluss erfüllt sein müs­sen, nicht aus. Zudem ermög­licht § 75 Abs. 4 SGB XII unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen die Leis­tungs­er­brin­gung auch ohne Ver­trags­schluss.

Zu berück­sich­ti­gen ist auch, dass es sich bei der Über­nah­me­fä­hig­keit von Kos­ten um kein zwin­gen­des Merk­mal für die Ent­schei­dung über die Aner­ken­nung han­delt. Denn dass „die Kos­ten der erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen unter Umstän­den zum gro­ßen Teil von Kran­ken­kas­sen oder Ein­rich­tun­gen der sozia­len Sicher­heit über­nom­men wer­den, kann … einen der Gesichts­punk­te dar­stel­len, die bei der Bestim­mung, ob der betref­fen­den Ein­rich­tung ein sozia­ler Cha­rak­ter zukommt, zu berück­sich­ti­gen sind. Doch ist dies … nur ein Gesichts­punkt unter ande­ren. Dass kei­ne öffent­li­che Kos­ten­be­tei­li­gung gewährt wird, schließt daher für sich genom­men eine sol­che Aner­ken­nung nicht aus, weil die­se unter Berück­sich­ti­gung aller maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te des Ein­zel­falls zu beur­tei­len ist„8. Dies gilt auch für den Umkehr­fall.

Schließ­lich besteht anders als im Kran­ken­haus­be­reich, in dem nach § 4 Nr. 14 Buchst. b Satz 2 Dop­pel­buchst. aa UStG ein uni­ons­rechts­wid­ri­ger Bedarfs­vor­be­halt besteht9, bei § 75 SGB XII kein Recht des Sozi­al­hil­fe­trä­gers, den Ver­trags­schluss man­gels Bedarfs abzu­leh­nen. Denn ob für die ange­bo­te­ne Hil­fe­leis­tung in der Ein­rich­tung ein Bedarf besteht, spielt für den Abschluss von Pfle­ge­satz­ver­ein­ba­run­gen kei­ne Rol­le10. Es besteht kei­ne „Ermäch­ti­gung zu einer Ange­bots­steue­rung durch Bedarfs­prü­fung11.

Es besteht kein Wider­spruch zur bis­he­ri­gen BFH-Recht­spre­chung. Denn das BGH, Urteil in BFHE 251, 282 bezieht sich auf die bis ein­schließ­lich 2008 bestehen­de Rechts­la­ge nach natio­na­lem Recht, die wie sich z.B. auch aus der ab 2009 gel­ten­den Neu­re­ge­lung und den Moti­ven des Gesetz­ge­bers12 hier­für ergibt, nicht den Anfor­de­run­gen der Richt­li­nie ent­sprach. Zudem ist die­ses Urteil zu § 77 SGB XI ergan­gen, das für den Ver­trags­schluss nur eine Geeig­net­heit, nicht aber eine Qua­li­täts­prü­fung vor­aus­setz­te. Schließ­lich ent­hielt § 77 SGB XI kei­ne § 75 Abs. 4 SGB XII ent­spre­chen­de Not­fall­klau­sel.

Es besteht auch kein Wider­spruch zum Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 30.11.201613. Soweit der Bun­des­ge­richts­hof dort von einer Aner­ken­nung auf­grund einer abge­lei­te­ten Kos­ten­tra­gung aus­ge­gan­gen ist, betrifft dies nicht die ab 2009 gel­ten­de Neu­re­ge­lung nach gemäß § 4 Nr. 16 Buchst. h UStG i.V.m. § 75 SGB XII.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. März 2017 – V R 39/​16

  1. BFH, Urteil vom 18.02.2016 – V R 46/​14, BFHE 253, 421, Rz 29; EuGH, Urtei­le Les Jardins de Jou­vence SCRL vom 21.01.2016 C335/​14, EU:C:2016:36, Rz 29; Zim­mer­mann vom 15.11.2012 C174/​11, EU:C:2012:716, Rz 21; Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo vom 26.05.2005 C498/​03, EU:C:2005:322, Rz 34
  2. EuGH, Urtei­le Zim­mer­mann, EU:C:2012:716, Rz 26; Kingscrest Asso­cia­tes und Mon­te­cel­lo, EU:C:2005:322, Rz 49, 51
  3. BFH, Urtei­le in BFHE 253, 421, Rz 30; vom 05.06.2014 – V R 19/​13, BFHE 245, 433, Rz 24; vom 25.04.2013 – V R 7/​11, BFHE 241, 475, BSt­Bl – II 2013, 976, Rz 20; EuGH, Urtei­le Les Jardins de Jou­vence SCRL, EU:C:2016:36, Rz 35; Go fair-Zeit­ar­beit vom 12.03.2015 C594/​13, EU:C:2015:164, Rz 20; Zim­mer­mann, EU:C:2012:716, Rz 26
  4. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 253, 421, Rz 30; vom 08.08.2013 – V R 8/​12, BFHE 242, 548, Rz 40; vom 18.08.2005 – V R 71/​03, BFHE 211, 543, BSt­Bl – II 2006, 143, Rz 52
  5. BFH, Urteil vom 19.03.2013 – XI R 47/​07, BFHE 240, 439, Rz 32; EuGH, Urteil Zim­mer­mann, EU:C:2012:716, Rz 32
  6. vgl. dazu auch BFH, Urteil in BFHE 242, 548, Rz 46
  7. BFH, Urteil vom 18.08.2015 – V R 13/​14, BFHE 251, 282
  8. EuGH, Urteil Les Jardins de Jou­vence SCRL, EU:C:2016:36, Rz 39
  9. BGH, Urteil vom 23.10.2014 – V R 20/​14, BFHE 248, 376, BSt­Bl – II 2016, 785
  10. Adolph in: Adolph, SGB II, SGB XII, Asyl­bLG
  11. Neu­mann in: Hauck/​Noftz, SGB, 11/​15, § 75 SGB XII, Rz 25
  12. BT-Drs.- 16/​11108, S. 37 f.
  13. BFH, Urteil vom 30.11.2016 – V R 10/​16