Umsatz­steu­er­pflicht von förm­li­chen Zustel­lun­gen

Für das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg bestehen ernst­li­che Zwei­fel an der Umsatz­steu­er­pflicht von förm­li­chen Zustel­lun­gen, die von pri­va­ten Zustell­diens­ten – also nicht von der Deut­schen Post AG – vor­ge­nom­men wer­den.

Umsatz­steu­er­pflicht von förm­li­chen Zustel­lun­gen

Der Umsatz­steu­er unter­lie­gen nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 des Umsatz­steu­er­ge­set­zes grund­sätz­lich alle sons­ti­gen Leis­tun­gen, die ein Unter­neh­mer im Inland gegen Ent­gelt im Rah­men sei­nes Unter­neh­mens aus­führt. Nach § 4 Nr. 11b UStG a.F. sind die unmit­tel­bar dem Post­we­sen die­nen­den Umsät­ze der Deut­sche Post AG steu­er­frei.

Nach Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL befrei­en die Mit­glieds­staa­ten die von öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen und dazu­ge­hö­ri­ge Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den mit Aus­nah­me von Per­so­nen­be­för­de­rungs- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen von der Umsatz­steu­er.

Nach dem Wort­laut von § 4 Nr. 11b UStG a.F. sind die Umsät­ze der Antrag­stel­le­rin nicht von der Umsatz­steu­er befreit. Es ist aber bei der gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung für das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ernst­lich zwei­fel­haft, ob sich die Antrag­stel­le­rin nicht unmit­tel­bar auf die Steu­er­be­frei­ung in Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL beru­fen kann.

Die Antrag­stel­le­rin ist als öffent­li­che Post­ein­rich­tung im Sin­ne der MwSt­Sys­tRL anzu­se­hen. Öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen sind öffent­lich oder pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te Betrei­ber, die sich ver­pflich­ten, in einem Mit­glied­staat den gesam­ten Uni­ver­sal­post­dienst, wie er in Art. 3 RL 97/​67/​EG gere­gelt ist, oder einen Teil davon gewähr­leis­ten 1. Die Antrag­stel­le­rin bzw. ihre Organ­ge­sell­schaf­ten ver­fü­gen über ein bun­des­weit struk­tu­rier­tes Zustell­netz. Alle gemäß § 5 PostG erteil­ten Lizen­zen zur gewerbs­mä­ßi­gen Beför­de­rung von Brief­sen­dun­gen sind bun­des­weit gül­tig. Die Gesell­schaf­ten des Organ­krei­ses über­schrei­ten außer­dem den in § 12 Abs. 1 PostG genann­ten Jah­res­um­satz. Sie sind damit gemäß § 13 Abs. 2 PostG grund­sätz­lich ver­pflich­tet, auf Anfor­de­rung der Bun­des­netz­agen­tur bun­des­weit Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen. Dass die Antrag­stel­le­rin gegen­wär­tig gemäß § 13 Abs. 2 S. 2 PostG nicht ver­pflich­tet wer­den kann, weil die Deut­sche Post AG wohl in wei­ten Tei­len der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land markt­be­herr­schend ist, steht der grund­sätz­lich bestehen­den Ver­pflich­tung nicht ent­ge­gen. Soll­te die förm­li­che Zustel­lung als pos­ta­li­scher Uni­ver­sal­dienst anzu­se­hen sein, so ergibt sich die Ver­pflich­tung zur Erbrin­gung die­ses Teils des Uni­ver­sal­post­diens­tes bereits unmit­tel­bar aus § 33 PostG.

Gemäß der Über­schrift von Titel IX Kapi­tel 2 MwSt­Sys­tRL bezweckt die Steu­er­be­frei­ung in Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL die För­de­rung bestimm­ter dem Gemein­wohl die­nen­der Tätig­kei­ten. Für die Aus­le­gung bil­det die RL 97/​67/​EG einen zweck­dien­li­chen Anhalts­punkt, stellt jedoch nicht Grund­la­ge der Aus­le­gung dar 2. Die Steu­er­be­frei­ung erstreckt sich in sach­li­cher Hin­sicht auf die Umsät­ze, wel­che eine öffent­li­che Post­ein­rich­tung als sol­che aus­führt, d.h. sie umfasst jeden­falls die Leis­tun­gen, die zum Bereich des pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­diens­tes gehö­ren. Die Steu­er­be­frei­ung beschränkt sich jedoch nicht auf die­se Leis­tun­gen.

Es spre­chen bereits erheb­li­che Grün­de dafür, dass auch förm­li­che Zustel­lun­gen im Rah­men von Gerichts- oder Ver­wal­tungs­ver­fah­ren von der RL 97/​67/​EG erfasst sind. Nut­zer bzw. Absen­der kann nach Art. 2 Nr. 16 und 17 RL 97/​67/​EG jede natür­li­che oder juris­ti­sche Per­son sein, d.h. auch die Behör­den und Gerich­te bzw. deren Trä­ger. Nach Art. 3 Abs. 4 der RL 97/​67/​EG umfasst der Uni­ver­sal­post­dienst auch die Diens­te für Ein­schreib­sen­dun­gen. Eine Ein­schreib­sen­dung ist nach Art. 2 Nr. 9 RL 97/​67/​EG eine Post­sen­dung, die durch den Dienst­an­bie­ter pau­schal gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung ver­si­chert wird und bei der dem Absen­der, gege­be­nen­falls auf sein Ver­lan­gen, eine Bestä­ti­gung über die Ent­ge­gen­nah­me der Sen­dung und/​oder ihre Aus­hän­di­gung an den Emp­fän­ger erteilt wird. Die­se Defi­ni­ti­on erfasst auch die förm­li­che Zustel­lung. Die Unter­schei­dung zwi­schen "Ein­schrei­ben mit Rück­schein" und "förm­li­cher Zustel­lung" basiert auf der unter­schied­li­chen Beweis­kraft der Emp­fangs­be­stä­ti­gung. Wäh­rend dem Ein­schrei­ben mit Rück­schein die Beweis­kraft einer Pri­vat­ur­kun­de gemäß § 416 ZPO zukommt, hat die förm­li­che Zustel­lung die Beweis­kraft einer öffent­li­chen Urkun­de gemäß § 418 ZPO. Die­se Unter­schei­dung ist allein im inner­staat­li­chen Recht ange­legt. Es ist nicht ersicht­lich, wes­halb die RL 97/​67/​EG die­se inner­staat­li­che Unter­schei­dung in der Wei­se auf­neh­men soll­te, dass die förm­li­che Zustel­lung aus dem Anwen­dungs­be­reich her­aus­fällt. Dies wider­sprä­che dem erklär­ten Ziel, in einem libe­ra­li­sier­ten Post­sek­tor gemein­schafts­weit das freie Ange­bot von Diens­ten im Post­sek­tor unter Beach­tung der Pflich­ten und Rech­te der Anbie­ter von Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen zu gewähr­leis­ten 3.

Dass die RL 97/​67/​EG auch förm­li­che Zustel­lun­gen erfasst, zeigt sich fer­ner dar­an, dass die Zustel­lung von Ein­schreib­sen­dun­gen im Rah­men von Gerichts- oder Ver­wal­tungs­ver­fah­ren in Art. 8 RL 97/​67/​EG aus­drück­lich erwähnt wird. Mit die­ser Vor­schrift wird das in Nr. 20 der Begrün­dungs­er­wä­gun­gen ange­spro­che­ne Ziel der RL 97/​67/​EG umge­setzt, den Mit­glied­staa­ten aus Grün­den der öffent­li­chen Ord­nung und Sicher­heit die Mög­lich­keit zu geben, die Zustel­lung von Ein­schreib­sen­dun­gen im Rah­men von Gerichts- oder Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, auf bestimm­te Ein­rich­tun­gen zu über­tra­gen. Es ergibt sich daher nur ein Vor­be­halt hin­sicht­lich der Per­son des Dienst­leis­ters. Das in Art. 7 RL 97/​67/​EG aus­ge­spro­che­ne Ver­bot, für die Ein­rich­tung oder Erbrin­gung von Post­diens­ten beson­de­re Rech­te zu gewäh­ren oder auf­recht zu erhal­ten wird inso­weit durch­bro­chen. Bei­de Vor­schrif­ten befin­det sich im Kapi­tel 3 "Finan­zie­rung der Uni­ver­sal­diens­te" der Post-RL. Aus Art. 8 RL 97/​67/​EG kann daher kei­ne Befug­nis abge­lei­tet wer­den, die förm­li­che Zustel­lung aus dem in Kapi­tel 2 beschrie­be­nen Uni­ver­sal­dienst aus­zu­neh­men.

Selbst wenn die förm­li­che Zustel­lung nicht Teil des pos­ta­li­schen Uni­ver­sal­diens­tes sein soll­te, kommt die Befrei­ung nach dem Wort­laut von Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL in Betracht. Denn die förm­li­che Zustel­lung dient der ver­läss­li­chen und ord­nungs­ge­mä­ßen Rechts­pfle­ge und damit auch dem Gemein­wohl. Inso­weit wird zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen auf die Begrün­dung des Land­ge­richts Ham­burg vom 16. Sep­tem­ber 2010 4 Bezug genom­men. Dass die förm­li­che Zustel­lung einem all­ge­mei­nen Inter­es­se dient, zeigt sich auch dar­an, dass die Lizenz­neh­mer in der Preis­ge­stal­tung der Ent­gel­te für die förm­li­che Zustel­lung nicht frei sind. Sie müs­sen inso­weit die von der Bun­des­netz­agen­tur geneh­mig­ten Ent­gel­te ver­lan­gen, die wie­der­um inhalt­lich den Maß­stä­ben für markt­be­herr­schen­de Unter­neh­men genü­gen müs­sen (§ 34 S. 3 und 4, § 23 Abs. 1, § 20 Abs. 1 und 2 PostG).

Die Antrag­stel­le­rin kann sich unmit­tel­bar auf die Steu­er­be­frei­ung in der MwSt­Sys­tRL beru­fen. Die­se Mög­lich­keit besteht dann, wenn die Bestim­mun­gen einer Richt­li­nie ihrem Inhalt nach unbe­dingt und hin­rei­chend genau sind und die voll­stän­di­ge Anwen­dung nicht gewähr­leis­tet ist 5. Die Steu­er­be­frei­ung in § 4 Nr. 11b UStG a.F. setzt Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL jeden­falls in der bis zum 30.06.2010 gel­ten­den Fas­sung nicht voll­stän­dig um. Die Steu­er­be­frei­ung ist in per­so­nel­ler Hin­sicht auf die Umsät­ze von öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen anzu­wen­den, jedoch unab­hän­gig von deren Orga­ni­sa­ti­ons­form als öffent­li­cher oder pri­va­ter Betrei­ber 6. Die im natio­na­len Gesetz fest­ge­leg­te Beschrän­kung auf die Umsät­ze der Deut­schen Post AG ist damit unver­ein­bar.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 26. April 2011 – 9 V 3795/​10

  1. EuGH, Urteil vom 23.04.2009, – C‑357/​07 [TNT Post UK Ltd.], RNr. 40 []
  2. EuGH, Urteil vom 23.04.2009 – C‑357/​07 [TNT Post UK Ltd.], RNr. 32 und 35[]
  3. Nr. 8 der Begrün­dungs­er­wä­gun­gen[]
  4. LG Ham­burg, Ent­schei­dung vom 16.09.2010 – Az. 327 O 507/​10, GRUR-RR 2011, 76[]
  5. EuGH, Urteil vom 08.06.2006 – C‑430/​04 [Feu­er­be­stat­tungs­ver­ein Hal­le], DStR 2006, 1082, RNr. 49 und 50[]
  6. EuGH, Urteil vom 23.04.2009 – C‑357/​07 [TNT Post UK Ltd.][]