Ver­si­che­rungsteu­er vs. Umsatz­steu­er

Die Ver­si­che­rungsteu­er kann bei der Umsatz­steu­er nicht als Vor­steu­er abge­zo­gen wer­den.

Ver­si­che­rungsteu­er vs. Umsatz­steu­er

Die hier­für maß­geb­li­che Rege­lung des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG beruht auf Art. 17 Abs. 2 Buchst. a der Sechs­ten Richt­li­nie des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 77/​388/​EWG. Soweit der Steu­er­pflich­ti­ge (Unter­neh­mer) Gegen­stän­de und Dienst­leis­tun­gen für Zwe­cke sei­ner besteu­er­ten Umsät­ze ver­wen­det, ist er nach die­ser Bestim­mung befugt, die im Inland geschul­de­te oder ent­rich­te­te „Mehr­wert­steu­er“ für Gegen­stän­de und Dienst­leis­tun­gen, die ihm von einem ande­ren Steu­er­pflich­ti­gen gelie­fert oder erbracht wer­den, von der von ihm geschul­de­ten Steu­er abzu­zie­hen. Trotz der Unter­schie­de im Wort­laut ent­spricht das natio­na­le Recht im Ergeb­nis Art. 17 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG [1].

Die Ver­si­che­rungsteu­er ist bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung weder eine „Mehr­wert­steu­er“ im Sin­ne der Richt­li­nie 77/​388/​EWG noch eine „gesetz­lich geschul­de­te Steu­er“ gemäß § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG. Damit eine Steu­er „Mehr­wert­steu­er“ im Sin­ne der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ist, müs­sen vier Merk­ma­le erfüllt sein, näm­lich die all­ge­mei­ne Gel­tung für alle sich auf Gegen­stän­de oder Dienst­leis­tun­gen bezie­hen­den Geschäf­te, die Fest­set­zung ihrer Höhe pro­por­tio­nal zum Preis, den der Steu­er­pflich­ti­ge als Gegen­leis­tung für die Gegen­stän­de und Dienst­leis­tun­gen erhält, die Erhe­bung die­ser Steu­er auf jeder Pro­duk­ti­ons- und Ver­triebs­stu­fe ein­schließ­lich der Ein­zel­han­dels­stu­fe, unge­ach­tet der Zahl der vor­her bewirk­ten Umsät­ze und der Abzug der auf den vor­her­ge­hen­den Pro­duk­ti­ons- und Ver­triebs­stu­fen bereits ent­rich­te­ten Beträ­ge von der vom Steu­er­pflich­ti­gen geschul­de­ten Mehr­wert­steu­er, so dass sich die­se Steu­er auf einer bestimm­ten Stu­fe nur auf den auf die­ser Stu­fe vor­han­de­nen Mehr­wert bezieht und die Belas­tung letzt­lich vom Ver­brau­cher getra­gen wird [2].

Die Ver­si­che­rungsteu­er ist nach die­sen Vor­ga­ben kei­ne Mehr­wert­steu­er in die­sem Sin­ne, weil sie kei­ne all­ge­mei­ne Steu­er ist, die alle wirt­schaft­li­chen Vor­gän­ge in Deutsch­land erfasst. Steu­er­ge­gen­stand gemäß § 1 Abs. 1 Vers­StG ist nur die Zah­lung des Ver­si­che­rungs­ent­gelts auf Grund eines durch Ver­trag oder auf sons­ti­ge Wei­se ent­stan­de­nen Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­ses. Der Rege­lung in Art. 33 Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG lässt sich über­dies unmit­tel­bar ent­neh­men, dass das Uni­ons­recht zwi­schen „Abga­ben auf Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge“ und „Mehr­wert­steu­ern“ unter­schei­det. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten [3] hat schließ­lich die eng­li­sche Ver­si­che­rungs­prä­mi­en­steu­er nicht als Mehr­wert­steu­er im Sin­ne der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ange­se­hen. Die Aus­füh­run­gen des EuGH in die­sem Urteils „Gil Insuran­ce“ las­sen sich auf die deut­sche Ver­si­che­rungsteu­er über­tra­gen. Wei­ter sieht das Ver­si­che­rungs­steu­er­ge­setz auch kei­nen Anspruch auf Vor­steu­er­ab­zug vor. Die nach dem Vers­StG erho­be­ne Steu­er ist auch daher nicht als Mehr­wert­steu­er anzu­set­zen. § 15 UStG ver­weist auch nicht auf das Vers­StG.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 23.11.2010 – V B 119/​09

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, vgl. Urtei­le vom 03.07.2008 – V R 51/​06, BFHE 222, 128, BStBl II 2009, 213; vom 06.05.2010 – V R 29/​09, BFHE 230, 263, BStBl II 2010, 885[]
  2. vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 11.10.2007 – C‑283/​06 und C‑312/​06, KÖGÁZ u.a., Slg. 2007, I‑8463 Rdnr. 37; EuGH, Beschluss vom 27.11.2008 – C‑156/​08, Voll­kom­mer, DStR 2009, 223, Rdnr. 31, zur deut­schen Grund­er­werb­steu­er; BFH, Ent­schei­dung vom 09.10.2002 – V R 81/​01, BFHE 199, 507, BStBl II 2002, 887[]
  3. in EuGH, Urteil vom 29.04.2004 – C‑308/​01 [Gil Insuran­ce Ltd.], BFH/​NV Bei­la­ge 2004, 237 Rdnrn. 33, 35[]