Vor­steu­er­ab­zug – und die Anfor­de­run­gen an die Ein­gangs­rech­nung

Eine zum Vor­steu­er­ab­zug berech­ti­gen­de Rech­nung setzt nicht (mehr) vor­aus, dass die wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten des leis­ten­den Unter­neh­mers unter der Anschrift aus­ge­übt wer­den, die in der von ihm aus­ge­stell­ten Rech­nung ange­ge­ben ist.

Vor­steu­er­ab­zug – und die Anfor­de­run­gen an die Ein­gangs­rech­nung

Es reicht jede Art von Anschrift und damit auch eine Brief­kas­ten­an­schrift, sofern der Unter­neh­mer unter die­ser Anschrift erreich­bar ist.

Gemäß § 15 Abs. 1 Nr. 1 UStG kann der Unter­neh­mer die gesetz­lich geschul­de­te Steu­er für Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen, die von einem ande­ren Unter­neh­mer für sein Unter­neh­men aus­ge­führt wor­den sind, abzie­hen. Die Aus­übung des Vor­steu­er­ab­zugs setzt dabei vor­aus, dass der Unter­neh­mer eine nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nung besitzt.

Zwar erfor­dert eine nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nung, dass die Rech­nung den Anfor­de­run­gen des § 14 Abs. 4 UStG ent­spricht, was gemäß § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG die Anga­be des voll­stän­di­gen Namens und der voll­stän­di­gen Anschrift des leis­ten­den Unter­neh­mers und des Leis­tungs­emp­fän­gers erfor­dert.

Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs wird das Merk­mal "voll­stän­di­ge Anschrift" in § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG nur durch die Anga­be der zutref­fen­den Anschrift des leis­ten­den Unter­neh­mers erfüllt, unter der er sei­ne wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten ent­fal­tet; die Anga­be eines "Brief­kas­ten­sit­zes" mit nur pos­ta­li­scher Erreich­bar­keit, an dem im Zeit­punkt der Rech­nungstel­lung kei­ner­lei geschäft­li­che Akti­vi­tä­ten statt­fin­den, reich­te danach als zutref­fen­de Anschrift nicht aus 1.

Hier­an hält der Bun­des­fi­nanz­hof nach dem Urteil "Geis­sel und Butin" des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 2 nicht mehr fest. § 15 Abs. 1 Nr. 1, § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG sind viel­mehr richt­li­ni­en­kon­form dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass eine zum Vor­steu­er­ab­zug berech­ti­gen­de Rech­nung nicht vor­aus­setzt, dass die wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten des leis­ten­den Unter­neh­mers unter der Anschrift aus­ge­übt wer­den, die in der von ihm aus­ge­stell­ten Rech­nung ange­ge­ben ist. Viel­mehr reicht jede Art von Anschrift, ein­schließ­lich einer Brief­kas­ten­an­schrift, sofern der Unter­neh­mer unter die­ser Anschrift erreich­bar ist. Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfül­len Rech­nun­gen, wenn die Aus­stel­le­rin unter der von ihr ange­ge­be­nen Rech­nungs­an­schrift Post erhal­ten kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Juni 2018 – V R 28/​16

  1. BFH, Urtei­le vom 22.07.2015 – V R 23/​14, BFHE 250, 559, BSt­Bl II 2015, 914, Rz 25; vom 08.07.2009 – XI R 51/​07, BFH/​NV 2010, 256, Rz 16; vom 30.04.2009 – V R 15/​07, BFHE 225, 254, BSt­Bl II 2009, 744, Rz 32, 39; vom 06.12 2007 – V R 61/​05, BFHE 221, 55, BSt­Bl II 2008, 695, Rz 33; vom 19.04.2007 – V R 48/​04, BFHE 217, 194, BSt­Bl II 2009, 315, Rz 50; vom 27.06.1996 – V R 51/​93, BFHE 181, 197, BSt­Bl II 1996, 620, Rz 15[]
  2. EuGH, EU:C:2017:867[]