Vor­steu­er­ab­zug aus inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwer­ben

Die Vor­schrift des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 UStG, nach der der Unter­neh­mer die Steu­er für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb von Gegen­stän­den für sein Unter­neh­men als Vor­steu­er abzie­hen kann, gilt bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung nicht für den Fall, dass der Unter­neh­mer im Mit­glied­staat der Iden­ti­fi­zie­rung mehr­wert­steu­er­pflich­tig ist, weil er die Besteue­rung des frag­li­chen inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs im Mit­glied­staat der Been­di­gung des Ver­sands oder der Beför­de­rung nicht nach­ge­wie­sen hat.

Vor­steu­er­ab­zug aus inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwer­ben

Ein inner­ge­mein­schaft­li­cher Erwerb gegen Ent­gelt setzt gemäß § 1a Abs. 1 UStG u.a. vor­aus, dass ein Gegen­stand bei einer Lie­fe­rung an den Abneh­mer (Erwer­ber) aus dem Gebiet eines Mit­glied­staa­tes in das Gebiet eines ande­ren Mit­glied­staa­tes gelangt, der Erwer­ber ein Unter­neh­mer ist, der den Gegen­stand für sein Unter­neh­men erwirbt, und die Lie­fe­rung an den Erwer­ber durch einen Unter­neh­mer gegen Ent­gelt im Rah­men sei­nes Unter­neh­mens aus­ge­führt wird. Die­se Rege­lung beruht auf Art. 28a Abs. 1 Buchst. a der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17. Mai 1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern (Richt­li­nie 77/​388/​EWG). Danach unter­liegt der Mehr­wert­steu­er unter wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen u.a. auch der inner­ge­mein­schaft­li­che Erwerb von Gegen­stän­den, der gegen Ent­gelt im Inland durch einen Steu­er­pflich­ti­gen, der als sol­cher han­delt, bewirkt wird, wenn der Ver­käu­fer ein Steu­er­pflich­ti­ger ist, der als sol­cher han­delt und für ihn die Steu­er­be­frei­ung für Klein­un­ter­neh­men gemäß Art. 24 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG nicht gilt.

Der inner­ge­mein­schaft­li­che Erwerb wird zwar gemäß § 3d Satz 1 UStG grund­sätz­lich auf dem Gebiet des Mit­glied­staa­tes bewirkt, in dem sich der Gegen­stand am Ende der Beför­de­rung oder Ver­sen­dung befin­det. Ver­wen­det der Erwer­ber gegen­über dem Lie­fe­rer eine ihm von einem ande­ren Mit­glied­staat als dem, in dem sich der Gegen­stand am Ende der Beför­de­rung oder Ver­sen­dung befin­det, erteil­te Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer, gilt der Erwerb gemäß § 3d Satz 2 UStG solan­ge im Gebiet die­ses Mit­glied­staa­tes als bewirkt, bis der Erwer­ber nach­weist, dass der Erwerb durch den in § 3d Satz 1 UStG bezeich­ne­ten Mit­glied­staat besteu­ert wor­den ist oder nach den Bestim­mun­gen über inner­ge­mein­schaft­li­che Drei­ecks­ge­schäf­te gemäß § 25b Abs. 3 UStG als besteu­ert gilt, sofern der ers­te Abneh­mer nach § 18a Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 –seit 1. Juli 2010 § 18a Abs. 7 Satz 1 Nr. 4– UStG sei­ner Erklä­rungs­pflicht hier­über nach­ge­kom­men ist.

Die­se Rege­lung steht im Ein­klang mit Art. 28b Teil A der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Als Ort eines inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs von Gegen­stän­den gilt der Ort, in dem sich die Gegen­stän­de zum Zeit­punkt der Been­di­gung des Ver­sands oder der Beför­de­rung an den Erwer­ber befin­den (Art. 28b Teil A Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG). Als Ort eines inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs gilt jedoch unbe­scha­det der Rege­lung in Art. 28b Teil A Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG das Gebiet des Mit­glied­staa­tes, der dem Erwer­ber die von ihm für die­sen Erwerb ver­wen­de­te Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer erteilt hat, sofern der Erwer­ber nicht nach­weist, dass die­ser Erwerb nach Maß­ga­be der Rege­lung in Art. 28b Teil A Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG besteu­ert wor­den ist (Art. 28b Teil A Abs. 2 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG). Wird der Erwerb nach Art. 28b Teil A Abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG im Mit­glied­staat der Been­di­gung des Ver­sands oder der Beför­de­rung der Gegen­stän­de besteu­ert, nach­dem er nach Maß­ga­be des Art. 28b Teil A Abs. 2 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG besteu­ert wur­de, so wird die Besteue­rungs­grund­la­ge in dem Mit­glied­staat, der dem Erwer­ber die von ihm für die­sen Erwerb ver­wen­de­te Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer erteilt hat, ent­spre­chend ver­rin­gert (Art. 28b Teil A Abs. 2 Unter­abs. 2 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG).

Der Unter­neh­mer kann gemäß § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 UStG die Steu­er für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb von Gegen­stän­den für sein Unter­neh­men als Vor­steu­er­be­trag abzie­hen. Die­se Rege­lung ent­spricht Art. 17 Abs. 2 Buchst. d i.V.m. Art. 28a Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG und setzt die­se uni­ons­recht­li­che Bestim­mung in natio­na­les Recht um. Das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug ist zwar ein grund­le­gen­des Prin­zip des gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­sys­tems und kann grund­sätz­lich nicht ein­ge­schränkt wer­den 1. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat aber ent­schie­den, dass der Erwer­ber in dem in Art. 28b Teil A Abs. 2 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG genann­ten Fall, dass er im Mit­glied­staat der Iden­ti­fi­zie­rung mehr­wert­steu­er­pflich­tig ist, weil er die Besteue­rung der frag­li­chen inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwer­be im Mit­glied­staat der Been­di­gung der Ver­sen­dung oder Beför­de­rung nicht nach­ge­wie­sen hat, nicht zum sofor­ti­gen Abzug der auf einen inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb ent­rich­te­ten Mehr­wert­steu­er als Vor­steu­er berech­tigt ist 2.

Der deut­sche Unter­neh­mer kann nicht gel­tend machen, dass das natio­na­le Recht in Gestalt des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 UStG, nach dem der Unter­neh­mer die Steu­er für den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb von Gegen­stän­den für sein Unter­neh­men als Vor­steu­er abzie­hen kann, für ihn güns­ti­ger sei. Bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung im Lich­te der neue­ren Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 3 ist die­se Vor­schrift auf den Fall des inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerbs nach § 3d Satz 1 UStG zu beschrän­ken 4. Mit die­ser Geset­zes­aus­le­gung über­schrei­tet der Bun­des­fi­nanz­hof die ihm zuste­hen­den Befug­nis­se nicht. Die Recht­spre­chung ist sowohl nach natio­na­lem 5 als auch nach Uni­ons­recht 6 ver­pflich­tet, den Sinn und Zweck einer Norm unter Berück­sich­ti­gung ihrer Ein­ord­nung in das Gesetz und damit ihres sys­te­ma­tisch-teleo­lo­gi­schen Zusam­men­hangs zu ermit­teln. Es bestehen daher kei­ne Beden­ken, § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 UStG, der nach sei­nem Wort­laut inner­ge­mein­schaft­li­che Erwer­be sowohl nach § 3d Satz 1 UStG als auch nach § 3d Satz 2 UStG erfasst, im vor­ge­nann­ten Sin­ne ein­schrän­kend aus­zu­le­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Sep­tem­ber 2010 – XI R 40/​08

  1. vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 22.04.2010 – C‑536/​08 und C‑539/​08 [X und Facet Tra­ding BV], BFH/​NV 2010, 1225, Rz 28, m.w.N.[]
  2. vgl. EuGH, Urteil [X und Facet Tra­ding BV] in BFH/​NV 2010, 1225, Rz 39, 45[]
  3. EuGH, Urteil [X und Facet Tra­ding BV] in BFH/​NV 2010, 1225[]
  4. vgl. auch Klenk, HFR 2010, 778; Korf, IStR 2010, 368; Maunz, UR 2010, 418; DG, DStZ 2010, 507; a.A. Wag­ner, Umsatz­steu­er- und Ver­kehr­steu­er-Recht 2010, 220; Prätz­ler, juris­PR-Steu­erR 27/​2010, Anm. 6[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 15.04.2010 – IV R 5/​08, BFHE 229, 524, BFH/​NV 2010, 1926, Rz 30, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 27.11.2003 – C‑497/​01 [Zita Modes], Slg. 2003, I‑14393, BFH/​NV Bei­la­ge 2004, 128, Rz 34, m.w.N.[]