Vor­steu­er­ab­zug – und die Rück­wir­kung der Rech­nungs­be­rich­ti­gung

Eine Rech­nungs­be­rich­ti­gung wirkt auf den Zeit­punkt der ursprüng­li­chen Aus­stel­lung zurück.

Vor­steu­er­ab­zug – und die Rück­wir­kung der Rech­nungs­be­rich­ti­gung

Nach § 15 Abs. 1 Nr. 1 des Umsatz­steu­er­ge­set­zes (UStG a.F.) in der bis 31.12 2003 gel­ten­den Fas­sung kann ein Unter­neh­mer die in Rech­nun­gen i.S. des § 14 UStG a.F. geson­dert aus­ge­wie­se­ne Steu­er für Lie­fe­run­gen oder sons­ti­ge Leis­tun­gen, die von ande­ren Unter­neh­mern für sein Unter­neh­men aus­ge­führt wor­den sind, als Vor­steu­er abzie­hen.

Nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 1 UStG in der seit 1.01.2004 gel­ten­den Fas­sung kann ein Unter­neh­mer die gesetz­lich geschul­de­te Steu­er für Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen, die von einem ande­ren Unter­neh­mer für sein Unter­neh­men aus­ge­führt wor­den sind, als Vor­steu­er abzie­hen. Die Aus­übung des Vor­steu­er­ab­zugs setzt nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 2 UStG vor­aus, dass der Unter­neh­mer eine nach den §§ 14, 14a UStG aus­ge­stell­te Rech­nung besitzt. Eine Rech­nung kann nach § 31 Abs. 5 Satz 1 USt­DV berich­tigt wer­den, wenn sie nicht alle Anga­ben nach § 14 Abs. 4 oder § 14a UStG ent­hält oder Anga­ben in der Rech­nung unzu­tref­fend sind.

Uni­ons­recht­li­che Grund­la­ge für das Rech­nungs­er­for­der­nis sind Art. 18 Abs. 1 Buchst. a und Art. 22 Abs. 3 der Sechs­ten Richt­li­nie des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern 77/​388/​EWG, im Streit­jahr 2003 in der Fas­sung der Richt­li­nie 2002/​93/​EG des Rates vom 03.12 2002 zur Ände­rung der Richt­li­nie 77/​388/​EWG, in den Streit­jah­ren 2004 bis 2006 in der Fas­sung der Richt­li­nie 2003/​92/​EG des Rates vom 07.10.2003 zur Ände­rung der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Nach Art. 18 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG muss der Steu­er­pflich­ti­ge, um das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug aus­üben zu kön­nen, für den Vor­steu­er­ab­zug nach Art. 17 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG in Bezug auf die Lie­fe­rung von Gegen­stän­den oder das Erbrin­gen von Dienst­leis­tun­gen eine gemäß Art. 22 Abs. 3 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG aus­ge­stell­te Rech­nung besit­zen. In Art. 22 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ist gere­gelt, wel­che Anga­ben eine sol­che Rech­nung unbe­scha­det der in der Richt­li­nie 77/​388/​EWG fest­ge­leg­ten Son­der­be­stim­mun­gen min­des­tens ent­hal­ten muss.

Wird zunächst eine Rech­nung aus­ge­stellt, die den Anfor­de­run­gen der §§ 14, 14a UStG (für das Streit­jahr 2003 des § 14 UStG a.F.) nicht ent­spricht, und wird die­se Rech­nung spä­ter nach § 31 Abs. 5 USt­DV berich­tigt, kann das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug gemäß § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG auf­grund der berich­tig­ten Rech­nung ent­spre­chend den Vor­ga­ben des Uni­ons­rechts 1 für den Besteue­rungs­zeit­raum aus­ge­übt wer­den, in dem die Rech­nung ursprüng­lich aus­ge­stellt wur­de. Wegen der Ein­zel­hei­ten ver­weist der Bun­des­fi­nanz­hof zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen auf sein Urteil vom 20.10.2016 – V R 26/​15 2.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall lagen damit auch die Vor­aus­set­zun­gen für das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug vor. Die­ses Recht konn­te die Unter­neh­me­rin jeden­falls auf­grund der Rech­nungs­be­rich­ti­gung auch für die Streit­jah­re aus­üben:

Die in den Streit­jah­ren aus­ge­stell­ten Rech­nun­gen waren nach § 31 Abs. 5 USt­DV berich­ti­gungs­fä­hig. Ein Doku­ment ist jeden­falls dann eine Rech­nung und damit berich­ti­gungs­fä­hig, wenn es Anga­ben zum Rech­nungs­aus­stel­ler, zum Leis­tungs­emp­fän­ger, zur Leis­tungs­be­schrei­bung, zum Ent­gelt und zur geson­dert aus­ge­wie­se­nen Umsatz­steu­er ent­hält 3. Hier­für reicht es aus, dass sie dies­be­züg­li­che Anga­ben ent­hält und die Anga­ben nicht in so hohem Maße unbe­stimmt, unvoll­stän­dig oder offen­sicht­lich unzu­tref­fend sind, dass sie feh­len­den Anga­ben gleich­ste­hen. So ver­hält es sich im Streit­fall, da nach der Adres­sie­rung der ursprüng­lich erteil­ten Rech­nun­gen trotz einer mög­li­chen Ver­wechs­lungs­ge­fahr zumin­dest nur ein beschränk­ter Kreis ver­bun­de­ner Unter­neh­men als Leis­tungs­emp­fän­ger in Betracht kam.

Die Rech­nun­gen sind berich­tigt wor­den. Die berich­tig­ten Rech­nun­gen ent­spra­chen hin­sicht­lich der Anga­ben zu Name und Anschrift des Leis­tungs­emp­fän­gers unstrei­tig den Anfor­de­run­gen des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. §§ 14, 14a UStG und ermög­li­chen daher, das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug schon für die Streit­jah­re aus­zu­üben.

Die Rech­nun­gen wur­den noch wäh­rend des Ein­spruchs­ver­fah­rens und damit auch recht­zei­tig berich­tigt 4. Dass im Streit­jahr 2003 im natio­na­len Recht kei­ne aus­drück­li­che Rechts­grund­la­ge für die Berich­ti­gung bestand, ist im Hin­blick auf das EuGH-Urteil Sena­tex GmbH 5 uner­heb­lich.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann nach alle­dem offen las­sen, ob schon die ursprüng­li­chen Rech­nun­gen den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spra­chen. Er muss daher nicht ent­schei­den, ob aus dem Ver­zicht auf einen Rechts­form­zu­satz oder der Ver­wen­dung des fal­schen Rechts­form­zu­sat­zes "GmbH" statt "Sp.zo.o" folgt, dass die Anga­ben zum Leis­tungs­emp­fän­ger unzu­tref­fend sind. Das glei­che gilt für die Fra­ge, wie es sich im Streit­fall aus­wirkt, dass zudem unter der Post­an­schrift der Unter­neh­me­rin eine Schwes­ter­ge­sell­schaft mit einem ähn­li­chen Namen ansäs­sig ist. Eben­so kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob ent­spre­chend den Grund­sät­zen des EuGH-Urteils "Bar­lis 06" vom 15.09.2016 6 das Vor­steu­er­ab­zugs­recht auch ohne förm­li­che Berich­ti­gung mög­li­cher­wei­se nicht ord­nungs­ge­mä­ßer Rech­nun­gen aus­ge­übt wer­den konn­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. Okto­ber 2016 – V R 54/​14

  1. vgl. EuGH, Urteil Sena­tex GmbH, EU:C:2016:691, DStR 2016, 2211[]
  2. BFHE 255, 348, unter II. 3.[]
  3. BFH, Beschluss vom 20.07.2012 – V B 82/​11, BFHE 237, 545, BSt­Bl II 2012, 809, Rz 33[]
  4. vgl. zu den zeit­li­chen Gren­zen der Berich­ti­gung BFH, Urteil in BFHE 255, 348, unter II. 4.c[]
  5. EuGH, EU:C:2016:691, DStR 2016, 2211[]
  6. EuGH, Urteil vom 15.09.2016 – C‑516/​14, EU:C:2016:690, DStR 2016, 2216, Rz 35[]