Vor­steu­er­ab­zug – und das Umsatz­steu­er­ka­rus­sell

Der Vor­steu­er­ab­zug ist zu ver­sa­gen, wenn der Emp­fän­ger der Lie­fe­rung hät­te erken­nen müs­sen, dass er sich mit den Erwer­ben an einem Umsatz betei­lig­te, der in eine Mehr­wert­steu­er­hin­ter­zie­hung ein­be­zo­gen war.

Vor­steu­er­ab­zug – und das Umsatz­steu­er­ka­rus­sell

Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg bewegt sich damit im Rah­men der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, der in Fäl­len des Miss­brauchs eben­falls von einem Vor­steu­er­ab­zugs­ver­bot aus­geht. Das von der Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs in beson­de­rem Maße geschütz­te Vor­steu­er­ab­zugs­recht ver­liert hier­durch auch nicht sei­nen Sinn [1].

Im Anschluss an die Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs in sei­nen Urtei­len vom 12.Januar 2006 [2]und vom 06.07.2006 [3] ist nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 19.04.2007 [4] der Vor­steu­er­ab­zug zu ver­sa­gen, wenn auf­grund objek­ti­ver Umstän­de fest­steht, dass der Steu­er­pflich­ti­ge wuss­te oder wis­sen konn­te bzw. hät­te wis­sen müs­sen, dass er sich mit sei­nem Erwerb an einem Umsatz betei­lig­te, der in eine Mehr­wert­steu­er­hin­ter­zie­hung ein­be­zo­gen war. Nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 19.05.2010 [5] ist der Emp­fän­ger dabei nicht nur das etwai­ge Wis­sen sei­nes Geschäfts­füh­rers als sei­nes gesetz­li­chen Ver­tre­ters nach § 35 GmbHG, son­dern auch das sei­ner für die betref­fen­den Geschäf­te zustän­di­gen sons­ti­gen Ange­stell­ten in ana­lo­ger Anwen­dung von § 166 BGB zuzu­rech­nen.

Ob ein Steu­er­pflich­ti­ger wis­sen konn­te oder hät­te wis­sen müs­sen, dass er sich mit sei­nem Erwerb an einem Umsatz betei­lig­te, der in eine Mehr­wert­steu­er­hin­ter­zie­hung ein­be­zo­gen war, ist im Wesent­li­chen tat­säch­li­che Wür­di­gung, die dem Finanz­ge­richt obliegt. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs trägt der den Vor­steu­er­ab­zug begeh­ren­de Unter­neh­mer die Fest­stel­lungs­last für die Erfül­lung der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen auch inso­weit, als es um das Wis­sen oder Wis­sen­kön­nen vom Tat­plan eines Vor- oder Nach­lie­fe­ran­ten geht [6].

Wie schon frü­her hat der Uni­ons­ge­richts­hof auch in sei­nem Urteil vom 06.12 2012 [7] auf sei­ne stän­di­ge Recht­spre­chung hin­ge­wie­sen, wonach es ein Grund­prin­zip des durch das Uni­ons­recht geschaf­fe­nen gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­sys­tems dar­stellt, dass die Steu­er­pflich­ti­gen von der von ihnen geschul­de­ten Mehr­wert­steu­er die Mehr­wert­steu­er abzie­hen dür­fen, die für die von ihnen auf einer vor­aus­ge­hen­den Umsatz­stu­fe erwor­be­nen Gegen­stän­de und emp­fan­ge­nen Dienst­leis­tun­gen als Vor­steu­er geschul­det wird oder ent­rich­tet wur­de. Der Uni­ons­ge­richts­hof habe wie­der­holt ent­schie­den, dass das in den Art. 167 ff. der Richt­li­nie 2006/​112 gere­gel­te Recht auf Vor­steu­er­ab­zug inte­gra­ler Bestand­teil des Mecha­nis­mus der Mehr­wert­steu­er sei und grund­sätz­lich nicht ein­ge­schränkt wer­den kön­ne. Ins­be­son­de­re kön­ne die­ses Recht für die gesam­te Steu­er­be­las­tung der vor­aus­ge­hen­den Umsatz­stu­fen sofort aus­ge­übt wer­den. Durch die Abzugs­re­ge­lung sol­le der Unter­neh­mer voll­stän­dig von der im Rah­men sei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit geschul­de­ten oder ent­rich­te­ten Mehr­wert­steu­er ent­las­tet wer­den. Das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem gewähr­leis­te völ­li­ge Neu­tra­li­tät hin­sicht­lich der steu­er­li­chen Belas­tung aller wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten unab­hän­gig von ihrem Zweck und ihrem Ergeb­nis, sofern die­se Tätig­kei­ten selbst der Mehr­wert­steu­er unter­lä­gen. Ob die Mehr­wert­steu­er, die für die vor­aus­ge­gan­ge­nen oder nach­fol­gen­den Ver­käu­fe der betref­fen­den Gegen­stän­de geschul­det wur­de, tat­säch­lich an den Fis­kus ent­rich­tet wor­den sei, sei für das Recht des Steu­er­pflich­ti­gen auf Vor­steu­er­ab­zug nicht von Bedeu­tung.

Der Uni­ons­ge­richts­hof stellt aller­dings auch klar, dass sich die Rechts­bür­ger nicht auf die Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts beru­fen kön­nen, wenn sie dies in betrü­ge­ri­scher oder miss­bräuch­li­cher Absicht tun. Denn die Bekämp­fung von Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen, Steu­er­um­ge­hun­gen und etwai­gen Miss­bräu­chen sei ein Ziel, das von der Richt­li­nie 2006/​112 aner­kannt und geför­dert wer­de [8]. Daher haben die natio­na­len Behör­den und Gerich­te den Vor­teil des Rechts auf Vor­steu­er­ab­zug zu ver­sa­gen, wenn auf­grund der objek­ti­ven Sach­la­ge fest­steht, dass die­ses Recht in betrü­ge­ri­scher Wei­se oder miss­bräuch­lich gel­tend gemacht wird. Nach Ansicht des EuGH ist ein Steu­er­pflich­ti­ger, der wuss­te oder hät­te wis­sen müs­sen, dass er sich mit sei­nem Erwerb an einem Umsatz betei­ligt, der in eine Mehr­wert­steu­er­hin­ter­zie­hung ein­be­zo­gen ist, für die Zwe­cke der Richt­li­nie 2006/​112 als an die­ser Hin­ter­zie­hung Betei­lig­ter anzu­se­hen, und zwar unab­hän­gig davon, ob er im Rah­men sei­ner besteu­er­ten Aus­gangs­um­sät­ze aus dem Wei­ter­ver­kauf der Gegen­stän­de oder der Ver­wen­dung der Dienst­leis­tun­gen einen Gewinn erzielt [8]. Steht auf­grund objek­ti­ver Umstän­de fest, dass der den Vor­steu­er­ab­zug begeh­ren­de Leis­tungs­emp­fän­ger wuss­te oder hät­te wis­sen müs­sen, dass er sich mit dem Erwerb die­ser Gegen­stän­de oder der Inan­spruch­nah­me die­ser Dienst­leis­tun­gen an einem Umsatz betei­lig­te, der in eine vom Lie­fe­rer bzw. vom Leis­ten­den oder von einem ande­ren Wirt­schafts­teil­neh­mer auf einer vor­her­ge­hen­den oder nach­fol­gen­den Umsatz­stu­fe der Lie­fer- oder Leis­tungs­ket­te began­ge­ne Steu­er­hin­ter­zie­hung ein­be­zo­gen war, ist ihm der Vor­steu­er­ab­zug zu ver­wei­gern. Da die Ver­sa­gung des Vor­steu­er­ab­zugs­rechts eine Aus­nah­me vom Grund­prin­zip ist, das die­ses Recht dar­stellt, obliegt es nach Ansicht des EuGH den zustän­di­gen Steu­er­be­hör­den, die objek­ti­ven Umstän­de, die den Schluss zulas­sen, dass der Steu­er­pflich­ti­ge wuss­te oder hät­te wis­sen müs­sen, dass der zur Begrün­dung die­ses Rechts gel­tend gemach­te Umsatz in eine vom Lie­fe­rer oder von einem ande­ren Wirt­schafts­teil­neh­mer auf einer vor­her­ge­hen­den oder nach­fol­gen­den Umsatz­stu­fe der Lie­fer­ket­te began­ge­ne Steu­er­hin­ter­zie­hung ein­be­zo­gen war, recht­lich hin­rei­chend nach­zu­wei­sen. Der Finanz­ge­richt teilt die dar­ge­leg­te Rechts­an­sicht des Uni­ons­ge­richts­hofs. Wer den Urhe­bern einer Steu­er­hin­ter­zie­hung zur Hand geht und sich ihrer mit­schul­dig macht, ver­wirkt sein Recht auf den Vor­steu­er­ab­zug. Eine sol­che Aus­le­gung wirkt auch betrü­ge­ri­schen Umsät­zen ent­ge­gen, indem sie ihre Durch­füh­rung erschwert [9].

Finanz­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 15. Novem­ber 2013 – 1 K 1766/​12

  1. s. dazu das EuGH, Urteil vom 31.01.2013 – C‑643/​11, LVK – 56 EOOD ((UR 2013, 346[]
  2. EuGH, Urteil vom 12.Januar 2006 – C‑354/​03, – C‑355/​03 und – C‑484/​03, Opti­gen u.a., Slg. 2006, I‑483; BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 144[]
  3. EuGH, Urteil vom 06.07.2006 – C‑439/​04 und 440/​04, Axel Kit­tel u.a., Slg. 2006, I‑6161; BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 454, UR 2006, 594[]
  4. BFH, Urteil vom 19.04.2007 – V R 48/​04, BFHE 217, 194, BStBl II 2009, 315[]
  5. BFH, Urteil vom 19.05.2010 – XI R 78/​07, BFH/​NV 2010, 2132[]
  6. BFH, Urteil vom 19.04.2007 – V R 48/​04[]
  7. EuGH, Urteil vom 06.12 2012 – C‑285/​11, ABl EU 2013, Nr C 26, UR 2013, 195[]
  8. EuGH, Urteil vom 06.12 2012 – C‑285/​11 mit wei­te­ren Nach­wei­sen[][]
  9. vgl. dazu das EuGH, Urteil vom 06.07.2006 – C‑439/​04 und 440/​04, Axel Kit­tel u.a., Slg. 2006, I‑6161; BFH/​NV Bei­la­ge 2006, 454, UR 2006, 594[]