Vor­steu­er­ab­zug – und der Ver­trau­ens­schutz

Gesichts­punk­te des Ver­trau­ens­schut­zes sind beim Vor­steu­er­ab­zug im geson­der­ten Bil­lig­keits­ver­fah­ren zu prü­fen.

Vor­steu­er­ab­zug – und der Ver­trau­ens­schutz

Ver­trau­ens­schutz kommt auch im Bil­lig­keits­ver­fah­ren nicht in Betracht, wenn es schon an den erfor­der­li­chen For­ma­li­en einer Rech­nung fehlt bzw. sol­che Vor­aus­set­zun­gen für den Vor­steu­er­ab­zug feh­len, die Gegen­stand der Wahr­neh­mung des Rech­nungs­emp­fän­gers sind.

Sowohl die Bil­lig­keits­fest­set­zung gem. § 163 AO als auch der Bil­lig­keits­er­lass gem. § 227 AO sind Ermes­sens­ent­schei­dun­gen, die gericht­lich gem. § 102 FGO nur dar­auf­hin über­prüft wer­den kön­nen, ob die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrit­ten wor­den sind oder ob von dem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht wor­den ist.

Der Begriff der Unbil­lig­keit des § 163 AO ist mit dem des § 227 AO iden­tisch. Die Unbil­lig­keit kann sich ent­we­der – wie im Streit­fall allein gel­tend gemacht – aus der Sache her­aus erge­ben oder ihren Grund in der Per­son des Steu­er­pflich­ti­gen haben.

Das Finanz­ge­richt legt den außer­ge­richt­li­chen Antrag des Unter­neh­mers, der sich nur all­ge­mein auf eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung bezieht, als Antrag aus, der sowohl eine Ent­schei­dung gem. § 163 AO als auch eine Ent­schei­dung gem. § 227 AO umfasst.

Er legt wei­ter den Ableh­nungs­be­scheid des Finanz­am­tes unbe­scha­det des in dem Tenor ledig­lich erwähn­ten § 227 AO auf­grund der in den Grün­den ent­hal­te­nen Aus­füh­run­gen auch zu § 163 AO als Ent­schei­dung über bei­de Anspruchs­grund­la­gen aus.

Auf­grund der iden­ti­schen Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 163 AO und des § 227 AO ist der Ableh­nungs­be­scheid des Finanz­am­tes (in Gestalt der Ein­spruchs­ent­schei­dung) nicht schon wegen Ermes­sens­un­ter­schrei­tung mit der Begrün­dung auf­zu­he­ben, dass das Finanz­amt – zu Unrecht – von einer mate­ri­el­len Prü­fung des § 163 AO mit Hin­weis auf die schon vor­lie­gen­de Fest­set­zung abge­se­hen hat; denn in der Sache hat er die Vor­aus­set­zun­gen des § 163 AO für eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung im Rah­men der Prü­fung des § 227 AO erwo­gen.

Auch liegt ein Ermes­sens­feh­ler nicht des­halb vor, weil das Finanz­amt zu Unrecht im Rah­men des gel­tend gemach­ten sach­li­chen Bil­lig­keits­grun­des den Gesichts­punkt der Erlass­be­dürf­tig­keit ange­führt hat, der grund­sätz­lich nur im Rah­men einer Bil­lig­keits­ent­schei­dung aus per­sön­li­chen Grün­den rele­vant ist; denn die von dem Finanz­amt für bzw. hier gegen den Aspekt der Erlass­wür­dig­keit ange­führ­ten Gesichts­punk­te sind sol­che, die auch im Rah­men der Prü­fung einer Bil­lig­keits­ent­schei­dung aus sach­li­chen Grün­den rele­vant sind.

Das Finanz­amt hat im Ergeb­nis zu Recht einen Erlass bzw. eine abwei­chen­de Fest­set­zung aus Bil­lig­keits­grün­den abge­lehnt.

Im Streit­fall man­gelt es an einem eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung recht­fer­ti­gen­den Ver­trau­ens­tat­be­stand. Das Ermes­sen des Finanz­am­tes war im Ergeb­nis auf Null redu­ziert, da eine ande­re Ent­schei­dung nach Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de nicht in Betracht kam.

Soweit es schon an den For­ma­li­en einer Rech­nung wie der Anga­be des Leis­tungs­zeit­punkts und der hin­rei­chen­den Bezeich­nung des Leis­tungs­ge­gen­stands fehlt, kommt die Inan­spruch­nah­me von Ver­trau­ens­schutz nicht in Betracht. Anders als hin­sicht­lich der Fra­ge der inhalt­li­chen Rich­tig­keit von Rech­nungs­an­ga­ben ist ein Ver­trau­ens­tat­be­stand hin­sicht­lich objek­tiv feh­len­der Anga­ben nicht ersicht­lich [1].

Auch in Bezug auf die Ver­sa­gung des Vor­steu­er­ab­zugs wegen unzu­tref­fen­der Steu­er­num­mer bzw. USt-ID-Num­mer in den Rech­nun­gen der Fir­ma C GmbH ab 12.06.2007 liegt ein Ver­trau­ens­tat­be­stand schon wegen der dar­ge­leg­ten Erkenn­bar­keit der Feh­ler­haf­tig­keit der Rech­nungs­an­ga­ben nicht vor.

Für die Erkenn­bar­keit und den Anlass zur genaue­ren Über­prü­fung der Rech­nun­gen ist auch zu beach­ten, dass die Rech­nun­gen ab Juni 2007 ersicht­lich ein ande­res Erschei­nungs­bild auf­wie­sen, kein Geschäfts­füh­rer mehr genannt wur­de, zudem die Unter­schrif­ten (abge­se­hen von der Rech­nung vom 15.12.2007, auf der sich kei­ne Unter­schrift befin­det) deut­lich von den bis­he­ri­gen Unter­schrif­ten auch unter den bei­den Rech­nun­gen von Mai 2007 (die schon J als Geschäfts­füh­rer aus­wie­sen) abwi­chen.

Eben­so wenig kann der Unter­neh­mer inso­weit Ver­trau­ens­schutz für sich in Anspruch neh­men, als die Vor­aus­set­zun­gen für den Vor­steu­er­an­spruch man­gels Nach­wei­ses der Lie­fe­rung der in Rech­nung gestell­ten Waren feh­len. Dem Unter­neh­mer muss­te auf­grund der vagen Waren­be­schrei­bun­gen in den Rech­nun­gen klar sein, dass eine Iden­ti­fi­zie­rung der Her­kunft der Ware bzw. Zuord­nung zu der Fir­ma des Rech­nungs­aus­stel­lers nicht mög­lich war. Hin­sicht­lich der Rech­nun­gen der Fir­men D und C gilt dies in beson­de­rem Maße ange­sichts der Tat­sa­che, dass jeden­falls zu die­sen Fir­men der Kon­takt nur außer­halb des auf den Rech­nun­gen ange­ge­be­nen Geschäfts­sit­zes statt­ge­fun­den hat. Für alle in Rede ste­hen­den Rech­nun­gen gilt zudem, dass für den Unter­neh­mer ange­sichts der aus­nahms­los erfolg­ten Bar­zah­lung der ein­zel­nen und erst recht ins­ge­samt hohen Rech­nungs­be­trä­ge eine beson­de­re Oblie­gen­heit bestand, sich der Rich­tig­keit der Rech­nungs­an­ga­ben und der Lie­fe­rung durch den Rech­nungs­aus­stel­ler zu ver­ge­wis­sern. Dies hat der Unter­neh­mer ver­säumt.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2015 – 5 K 85/​12

  1. s. a. BFH Urteil vom 08.10.2008 – V R 63/​07, BFH/​NV 2009, 1473, 1477, zu feh­len­den Anga­ben zur Leis­tungs­be­schrei­bung[]