Zell­ver­meh­rung für aus­län­di­sche Unter­neh­mer

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten meh­re­re Fra­gen im Zusam­men­hang mit dem Leis­tungs­ort bei der Ver­meh­rung mensch­li­cher Zel­len durch Zell­kul­ti­vie­rung für aus­län­di­sche Unter­neh­mer und zur Ver­wen­dung der Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.

Zell­ver­meh­rung für aus­län­di­sche Unter­neh­mer

Die in Deutsch­land ansäs­si­ge Klä­ge­rin ist im Bereich der Gewe­be­züch­tung (Tis­sue-Engi­nee­rung) tätig. Sie löst aus dem ihr von Ärz­ten oder Kli­ni­ken über­sand­ten Knor­pel­ma­te­ri­al eines Pati­en­ten Zel­len her­aus, die sie durch Zell­kul­ti­vie­rung ver­mehrt und die dann dem Pati­en­ten wie­der implan­tiert wer­den. Sie ist der Mei­nung, ihre Umsät­ze mit Auf­trag­ge­bern aus ande­ren Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaft sind nach § 3a Abs. 2 Nr. 3 Buchst. c des Umsatz­steu­er­ge­set­zes nicht in Deutsch­land umsatz­steu­er­pflich­tig. Nach die­ser Vor­schrift unter­lie­gen im Inland aus­ge­führ­te "Arbei­ten an beweg­li­chen kör­per­li­chen Gegen­stän­den" nicht der deut­schen Umsatz­steu­er, wenn der Leis­tungs­emp­fän­ger in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­sig ist und er die dort erteil­te Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer "ver­wen­det". Die­se Vor­schrift beruht auf Art. 28b Teil F der Richt­li­nie 77/​388/​EWG.

Der BFH hat den EuGH um eine Vor­ab­ent­schei­dung dar­über ersucht, ob die Zell­ver­meh­run­gen zum Zwe­cke der Eigen­im­plan­ta­ti­on als "Arbei­ten an beweg­li­chen kör­per­li­chen Gegen­stän­den" im Sin­ne von Art. 28b Teil F der Richt­li­nie 77/​388/​EWG qua­li­fi­ziert wer­den kön­nen und ob einem Leis­tungs­emp­fän­ger, der in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­sig ist, eine Dienst­leis­tung nur dann im Sin­ne die­ser Bestim­mung "unter sei­ner Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer erbracht wor­den" ist, wenn dar­über eine aus­drück­li­che Ver­ein­ba­rung getrof­fen wor­den ist. Hilfs­wei­se hat der BFH gefragt, ob die Zell­ver­meh­rung eine Heil­be­hand­lung im Bereich der Human­me­di­zin ist.

Dem EuGH wer­den die fol­gen­den Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. Ist Art. 28b Teil F Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG dahin aus­zu­le­gen, dass
a) das einem Men­schen ent­nom­me­ne Knor­pel­ma­te­ri­al ("Bio­p­sat"), wel­ches einem Unter­neh­mer zum Zwe­cke der Zell­ver­meh­rung und anschlie­ßen­den Rück­ga­be als Implan­tat für den betrof­fe­nen Pati­en­ten über­las­sen wird, ein "beweg­li­cher kör­per­li­cher Gegen­stand" im Sin­ne die­ser Bestim­mung ist,
b) das Her­aus­lö­sen der Gelenk­knor­pel­zel­len aus dem Knor­pel­ma­te­ri­al und die anschlie­ßen­de Zell­ver­meh­rung "Arbei­ten" an beweg­li­chen kör­per­li­chen Gegen­stän­den im Sin­ne die­ser Bestim­mung sind,
c) die Dienst­leis­tung dem Emp­fän­ger bereits dann "unter sei­ner Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer erbracht" wor­den ist, wenn die­se in der Rech­nung des Erbrin­gers der Dienst­leis­tung ange­führt ist, ohne dass eine aus­drück­li­che schrift­li­che Ver­ein­ba­rung über ihre Ver­wen­dung getrof­fen wur­de?

2. Falls eine der vor­ste­hen­den Fra­gen ver­neint wird:
Ist Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 77/​388/​EWG dahin aus­zu­le­gen, dass das Her­aus­lö­sen der Gelenk­knor­pel­zel­len aus dem einem Men­schen ent­nom­me­nen Knor­pel­ma­te­ri­al und die anschlie­ßen­de Zell­ver­meh­rung dann eine "Heil­be­hand­lung im Bereich der Human­me­di­zin" ist, wenn die durch die Zell­ver­meh­rung gewon­ne­nen Zel­len dem Spen­der wie­der implan­tiert wer­den?

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 1. April 2009 – XI R 52/​07