Ver­brauch des Ver­zichts auf münd­li­che Ver­hand­lung – infol­ge einer Auf­klä­rungs­an­ord­nung

Der vom Klä­ger zuvor erklär­te Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung ver­braucht sich bereits durch die ers­te Auf­klä­rungs­an­ord­nung des Finanz­ge­richts.

Ver­brauch des Ver­zichts auf münd­li­che Ver­hand­lung – infol­ge einer Auf­klä­rungs­an­ord­nung

Das Finanz­ge­richt ver­sagt dem Klä­ger das recht­li­che Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO), indem es nach Erge­hen sei­ner Auf­klä­rungs­an­ord­nun­gen (§§ 79, 79b FGO) sowie nach Anbe­raumung des Erör­te­rungs­ter­mins unter Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens des Klä­gers den Rechts­streit ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­det, obwohl es nicht mehr von einem wirk­sa­men Ver­zicht des Klä­gers auf münd­li­che Ver­hand­lung (§ 90 Abs. 2 FGO) aus­ge­hen durf­te.

Dies stellt eine Rechts­ver­let­zung i.S. von § 119 Nr. 3, 4 FGO dar.

Eines geson­der­ten Antrags des Klä­gers auf Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung oder eines dar­über hin­aus­ge­hen­den wider­sprüch­li­chen Ver­hal­tens des Finanz­ge­richt bedurf­te es nicht.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein Ver­fah­rens­man­gel i.S. der genann­ten Vor­schrif­ten u.a. dann anzu­neh­men, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine ‑nach der gesetz­li­chen Sys­te­ma­tik den Aus­nah­me­fall dar­stel­len­de- Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt ohne münd­li­che Ver­hand­lung nach § 90 Abs. 1 und Abs. 2 FGO nicht gege­ben sind 1.

Der vom Klä­ger zuvor for­mu­lar­mä­ßig erklär­ter Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung hat sich bereits durch die ers­te Auf­klä­rungs­an­ord­nung des Finanz­ge­richt ver­braucht 2; hin­zu tra­ten vor­lie­gend noch ‑ohne dass dies hier für das Vor­lie­gen eines Ver­fah­rens­feh­lers wei­ter kon­sti­tu­tiv gewe­sen wäre- die dar­auf fol­gen­den, die End­ent­schei­dung eben­falls sach­lich wesent­lich vor­be­rei­ten­den Auf­klä­rungs­an­ord­nun­gen 3 sowie die Anbe­raumung des Erör­te­rungs­ter­mins 4.

Die­se ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Ver­zichts­er­klä­rung und die Beschrän­kung ihrer Wir­kung bis zur jeweils nächs­ten die Sach­ent­schei­dung vor­be­rei­ten­den Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt ‑hier begin­nend ab der ers­ten Auf­klä­rungs­an­ord­nung mit der dem Klä­ger die Vor­la­ge sämt­li­cher Buch­hal­tungs­un­ter­la­gen für die Streit­jah­re auf­ge­ge­ben wur­de- ist auf­grund der beson­de­ren Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten gebo­ten 5.

Der Ver­zicht hat für die Betei­lig­ten weit­rei­chen­de Fol­gen. Er ist als Pro­zess­hand­lung nach der Recht­spre­chung des BFH nicht frei wider­ruf­bar, son­dern nur dann, wenn sich die Pro­zess­la­ge nach Abga­be der Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung wesent­lich geän­dert hat 6.

Eine sol­che Bin­dungs­wir­kung kann den Betei­lig­ten indes nicht mehr ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, wenn das Gericht ‑wie vor­lie­gend durch meh­re­re Auf­klä­rungs­an­ord­nun­gen und die Anbe­raumung eines Erör­te­rungs­ter­mins unter Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens des Klä­gers- selbst zum Aus­druck gebracht hat, dass es eine Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung auf Basis des bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stands, vor des­sen Hin­ter­grund der Ver­zicht ursprüng­lich erklärt wor­den war, nicht mehr für hin­rei­chend legi­ti­miert ansieht.

Aus die­sem Grund muss für das wei­ter­ge­hen­de Ver­fah­ren dann zum Schutz der Pro­zess­be­tei­lig­ten der vor­ma­li­ge Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung bestä­tigt bzw. erneu­ert wer­den; geschieht dies nicht, ist münd­li­che Ver­hand­lung anzu­be­rau­men 7.

An dem Ver­brauch des Ver­zichts änder­te der Hin­weis des Finanz­ge­richt in der Auf­klä­rungs­an­ord­nung nichts, wonach nach Ablauf der dort gesetz­ten Frist als­bald mit einer gericht­li­chen Ent­schei­dung gerech­net wer­den müs­se.

Anders als das Finanz­amt meint, kann in dem Schwei­gen des Klä­gers hier­auf kei­ne Bestä­ti­gung des ursprüng­li­chen Ver­zichts auf münd­li­che Ver­hand­lung bzw. eine wie­der­hol­te (kon­klu­den­te) Ver­zichts­er­klä­rung gese­hen wer­den. Der Ver­zicht auf münd­li­che Ver­hand­lung hät­te viel­mehr aus­drück­lich, klar, ein­deu­tig und vor­be­halts­los bestä­tigt bzw. neu­er­lich erklärt wer­den müs­sen 8. Dies final abzu­fra­gen hat das Finanz­ge­richt im Kon­text sei­ner abschlie­ßen­den Auf­klä­rungs­an­ord­nung unter­las­sen.

Eine Ver­pflich­tung des Klä­gers, von sich aus einen sol­chen ‑ihm nach wie vor frei­ste­hen­den- Ver­zicht zu erklä­ren, bestand nicht. Da es sich bei den in § 119 FGO auf­ge­zähl­ten Rechts­ver­stö­ßen um abso­lu­te Revi­si­ons­grün­de han­delt, d.h. das Urteil in der­ar­ti­gen Fäl­len stets als auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht beru­hend anzu­se­hen ist, kommt es nicht dar­auf an, ob das Finanz­ge­richt nach durch­ge­führ­ter münd­li­cher Ver­hand­lung zu dem­sel­ben Ergeb­nis gelangt wäre 9.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 4. August 2016 – X B 145/​15

  1. z.B. BFH, Beschluss vom 23.06.2014 – X B 167/​13, BFH/​NV 2014, 1566, unter II. 1.; BFH, Beschluss vom 10.03.2011 – VI B 147/​10, BFHE 232, 322, BSt­Bl II 2011, 556, unter II. 1.a, jeweils m.w.N.[]
  2. z.B. BFH, Beschluss vom 05.02.2014 – XI B 7/​13, BFH/​NV 2014, 708, unter II. 1.a, m.w.N.[]
  3. s. zu die­sem Maß­stab z.B. BFH, Beschluss vom 22.10.2003 – I B 39/​03, BFH/​NV 2004, 350, unter II., m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFHE 231, 1, BSt­Bl II 2011, 126, unter II. 1.a aa (1), m.w.N.[]
  5. z.B. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2014, 708, unter II. 1.b, m.w.N.[]
  6. s. zuletzt BFH, Beschluss vom 19.04.2016 – IX B 110/​15, BFH/​NV 2016, 1060, unter II. 4.a aa, m.w.N.[]
  7. vgl. noch­mals BFH, Urteil in BFHE 231, 1, BSt­Bl II 2011, 126, unter II. 1.a aa (1), m.w.N., auch zu abwei­chen­den Ansich­ten in der Lite­ra­tur[]
  8. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2014, 1566, unter II. 1.a, m.w.N.; zusam­men­fas­send Gräber/​Herbert, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 90 Rz 9, m.w.N.[]
  9. z.B. BFH, Beschluss in BFHE 232, 322, BSt­Bl II 2011, 556, unter II. 2.; s. auch Gräber/​Ratschow, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 118 Rz 34 und § 119 Rz 1[]