Bemes­sungs­maß­stab der Ver­gnü­gung­steu­er für Spiel­au­to­ma­ten

Der in den frü­he­ren Bre­mi­schen und Saar­län­di­schen Ver­gnü­gung­steu­er­ge­set­zen ent­hal­te­ne Stück­zahl­maß­stab für Spiel­au­to­ma­ten mit Gewinn­mög­lich­keit ist ver­fas­sungs­wid­rig und durf­te nur bis zum 31.12 2005 ange­wen­det wer­den. Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men der kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le in zwei bei ihm anhän­gi­gen Rich­ter­vor­la­gen des Finanz­ge­richts Bre­men 1 und des Ver­wal­tungs­ge­richts des Saar­lan­des 2.

Bemes­sungs­maß­stab der Ver­gnü­gung­steu­er für Spiel­au­to­ma­ten

Nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kommt eine Wei­ter­gel­tung der Vor­schrif­ten nur bis zu dem Zeit­punkt in Betracht, an dem die Norm­ge­ber auf­grund der im April 2005 erfolg­ten Recht­spre­chungs­än­de­rung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts erken­nen muss­ten, dass ein Stück­zahl­maß­stab nicht ver­fas­sungs­ge­mäß ist, wobei das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den Lan­des­ge­setz­ge­bern ab der Ver­kün­dung der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts noch eine etwa sechs­mo­na­ti­ge Umset­zungs­frist ein­zu­räumt. Dage­gen war nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein Zuwar­ten bis zur Ver­öf­fent­li­chung der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Ham­bur­gi­schen Ver­gnü­gung­steu­er­ge­setz aus dem Jahr 2009 nicht gerecht­fer­tigt.

  1. § 3 Absatz 1 Bre­mi­sches Ver­gnü­gung­steu­er­ge­setz vom 14.12 1990 3 in der Fas­sung der Ände­rung durch das Gesetz zur Ände­rung des Ver­gnü­gung­steu­er­ge­set­zes vom 21.11.2006 4 ist – soweit er sich auf Spiel- und Unter­hal­tungs­au­to­ma­ten mit Gewinn­mög­lich­keit bezieht – mit Arti­kel 3 Absatz 1 des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar. Die Vor­schrift bleibt bis zum 31.12 2005 wei­ter anwend­bar.
  2. § 14 Absatz 1 Saar­län­di­sches Ver­gnü­gung­steu­er­ge­setz vom 19.06.1984 in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 22.04.1993 5 und der Ände­rung durch Arti­kel 4 Absatz 56 des Geset­zes Num­mer 1484 zur Anpas­sung des Lan­des­rechts an die Ein­füh­rung des Euro und zur Ände­rung von Rechts­vor­schrif­ten vom 07.11.2001 6 ist – soweit er sich auf Appa­ra­te mit Gewinn­mög­lich­keit bezieht – mit Arti­kel 3 Absatz 1 des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar. Die Vor­schrift bleibt bis zum 31.12 2005 wei­ter anwend­bar.

Das Bre­mer Aus­gangs­ver­fah­ren[↑]

Die Betei­lig­ten der Aus­gangs­ver­fah­ren, eine bre­mi­sche Spiel­hal­len­be­trei­be­rin und das Finanz­amt Bre­men-Mit­te sowie ein saar­län­di­scher Spiel­hal­len­be­trei­ber und der Bür­ger­meis­ter der Gemein­de, in der die Spiel­hal­le liegt, strei­ten über Ver­gnü­gung­steu­er­fest­set­zun­gen für Geld­spiel­ge­rä­te für die Mona­te Dezem­ber 2007 bis Febru­ar 2009 (Bre­men) bezie­hungs­wei­se Janu­ar bis Dezem­ber 2007 (Saar­land).

Nach dem im maß­geb­li­chen Zeit­raum in der Frei­en Han­se­stadt Bre­men gel­ten­den Ver­gnü­gung­steu­er­ge­setz unter­lag unter ande­rem der Betrieb von Spiel- und Unter­hal­tungs­au­to­ma­ten mit Gewinn­mög­lich­keit in Spiel­hal­len der Ver­gnü­gung­steu­er (§ 1 Nr. 1 Ver­gnStG BR a.F.). Steu­er­schuld­ner war der Auto­ma­ten­auf­stel­ler (§ 2 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F.). Gemäß § 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. rich­te­te sich die Besteue­rung nach der Anzahl der auf­ge­stell­ten Auto­ma­ten.

Die Bre­mer Klä­ge­rin) wur­de vom Finanz­amt für die von Dezem­ber 2007 bis ein­schließ­lich Febru­ar 2009 in ihrer Spiel­hal­le auf­ge­stell­ten Geld­spiel­ge­rä­te mit Gewinn­mög­lich­keit zur Ver­gnü­gung­steu­er her­an­ge­zo­gen. Nach erfolg­lo­sem Ein­spruchs­ver­fah­ren erhob sie beim Finanz­ge­richt Bre­men – dem vor­le­gen­den GerichtKla­ge mit dem Antrag, die ent­spre­chen­den Ver­gnü­gung­steu­er­be­schei­de auf­zu­he­ben, soweit sie Geld­spiel­ge­rä­te mit Gewinn­mög­lich­keit betra­fen.

Wäh­rend des Ein­spruchs­ver­fah­rens wur­de § 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. durch das Gesetz zur Ände­rung des Ver­gnü­gung­steu­er­ge­set­zes vom 22.12 2009 7 mit Wir­kung ab dem 1.01.2010 geän­dert (im Fol­gen­den: Ver­gnStG BR n.F.). § 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR n.F. lau­tet seit­dem wie folgt: "Die Steu­er für den in § 1 Num­mer 1 bezeich­ne­ten Auf­wand beträgt für Spiel- und Unter­hal­tungs­au­to­ma­ten mit Gewinn­mög­lich­keit sowie in ihrer Art ähn­li­che Gerä­te, die über ein mani­pu­la­ti­ons­si­che­res Zähl­werk ver­fü­gen, 10 vom Hun­dert des Ein­spiel­ergeb­nis­ses."

Das Saar­län­di­sche Aus­gangs­ver­fah­ren[↑]

Das im hier maß­geb­li­chen Zeit­raum im Saar­land gel­ten­de Ver­gnü­gung­steu­er­ge­setz ermäch­tig­te die Gemein­den zur Erhe­bung einer Ver­gnü­gung­steu­er für das Hal­ten von Spiel­ap­pa­ra­ten in Spiel­hal­len und sons­ti­gen der Öffent­lich­keit zugäng­li­chen Orten (§ 2 Abs. 1 Nr. 6 VgnStG SL a.F.). Steu­er­schuld­ner war der Hal­ter der Gerä­te (§ 4 Abs. 1 VgnStG SL a.F.). Gemäß § 14 Abs. 1 und 2 VgnStG SL a.F. war die Steu­er als Pausch­steu­er "nach fes­ten Sät­zen" zu berech­nen und durch gemeind­li­che Sat­zung bis zu gesetz­lich fest­ge­leg­ten Höchst­sät­zen fest­zu­set­zen.

Die Gemein­de, in der der saar­län­di­sche Klä­ger sei­ne Spiel­hal­le betreibt, mach­te von der Mög­lich­keit der Erhe­bung einer Ver­gnü­gung­steu­er für das Hal­ten von Spiel­ap­pa­ra­ten Gebrauch. Sie setz­te in der ent­spre­chen­den Sat­zung für Appa­ra­te in Spiel­hal­len die gesetz­lich zuge­las­se­nen Höchst­be­trä­ge fest, und zwar von 138, 00 € pro Monat für Appa­ra­te mit Gewinn­mög­lich­keit und von 30, 70 € für sol­che ohne Gewinn­mög­lich­keit.

Auf die­ser Grund­la­ge zog die Gemein­de den saar­län­di­schen Klä­ger für die im Jah­re 2007 in sei­ner Spiel­hal­le unter ande­rem auf­ge­stell­ten zehn Geld­spiel­ge­rä­te mit Gewinn­mög­lich­keit zur Ver­gnü­gung­steu­er her­an. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruch erhob der saar­län­di­sche Klä­ger hier­ge­gen Kla­ge beim vor­le­gen­den Ver­wal­tungs­ge­richt.

Auf­grund des Geset­zes Nr. 1773 zur Ände­rung des Ver­gnü­gung­steu­er­ge­set­zes vom 20.06.2012 8 wur­de das Ver­gnü­gung­steu­er­ge­setz mit Wir­kung ab dem 1.03.2013 im Hin­blick auf den Stück­zahl­maß­stab geän­dert (im Fol­gen­den: VgnStG SL n.F.). § 14 VgnStG SL n.F. lau­tet nun­mehr wie folgt: "Die Steu­er für das Hal­ten von Appa­ra­ten nach § 2 Abs. 1 Nr. 6 wird nach fes­ten Sät­zen und nach dem Ein­spiel­ergeb­nis berech­net und ist durch Sat­zung von der Gemein­de fest­zu­set­zen. Der höchst­zu­läs­si­ge Steu­er­satz beträgt für jeden ange­fan­ge­nen Betriebs­mo­nat (Kalen­der­mo­nat) (…) für Appa­ra­te mit Gewinn­mög­lich­keit 12 vom Hun­dert des Ein­spiel­ergeb­nis­ses und für Appa­ra­te ohne Gewinn­mög­lich­keit 30, 70 Euro. Ein­spiel­ergeb­nis ist der Gesamt­be­trag der in Appa­ra­ten mit Gewinn­mög­lich­keit ein­ge­setz­ten Spiel­be­trä­ge abzüg­lich der aus­ge­zahl­ten Gewin­ne, berei­nigt um Ver­än­de­run­gen der Röh­ren­in­hal­te, Falsch­geld, Prüf­test­geld und Fehl­geld."

Die Ansicht des Finanz­ge­richts Bre­mens und des Ver­wal­tungs­ge­richts des Saar­lands[↑]

Die vor­le­gen­den Gerich­te haben unter Beru­fung auf Art. 100 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit § 80 BVerfGG beschlos­sen, das jewei­li­ge Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dar­über ein­zu­ho­len, ob § 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. bezie­hungs­wei­se § 14 Abs. 1 VgnStG SL a.F. – soweit sie sich auf Geld­spiel­ge­rä­te mit Gewinn­mög­lich­keit bezie­hen – mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar und des­halb nich­tig sind. Sie sind jeweils davon über­zeugt, dass die vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten mit Art. 3 Abs. 1 GG unver­ein­bar sind, weil die Anwen­dung des Stück­zahl­maß­stabs als Bemes­sungs­grund­la­ge für die Ver­gnü­gung­steu­er bei Spiel­au­to­ma­ten mit Gewinn­mög­lich­keit den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz ver­letzt. Zur Begrün­dung bezie­hen sich bei­de Gerich­te auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 04.02.2009 zur ham­bur­gi­schen Spiel­ge­rä­te­steu­er 9.

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz[↑]

§ 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. und § 14 Abs. 1 VgnStG SL a.F. ver­let­zen – soweit sie Geld­spiel­au­to­ma­ten mit Gewinn­mög­lich­keit betref­fen – den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG).

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz gebie­tet, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln. Er gilt für unglei­che Belas­tun­gen wie auch für unglei­che Begüns­ti­gun­gen 10. Auf dem Gebiet des Steu­er­rechts ver­bürgt der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz den Grund­satz der glei­chen Zutei­lung steu­er­li­cher Las­ten 11.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Maß­stä­be für die Anwen­dung des Gleich­heits­sat­zes auf die Spiel­ge­rä­te­steu­er bereits geklärt 12. Es ist kein Gesichts­punkt vor­ge­tra­gen oder ersicht­lich, der zu einer abwei­chen­den Bewer­tung Anlass gäbe.

Die vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten hal­ten einer Prü­fung anhand die­ser ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be nicht stand. Eine trag­fä­hi­ge Recht­fer­ti­gung dafür, statt des auf den Ver­gnü­gungs­auf­wand der ein­zel­nen Spie­ler bezo­ge­nen Wirk­lich­keits­maß­stabs auch nach Ein­füh­rung der mani­pu­la­ti­ons­si­che­ren Zähl­wer­ke für Gewinn­spiel­au­to­ma­ten zum 1.01.1997 einen an der Auto­ma­ten­stück­zahl ori­en­tier­ten pau­scha­lie­ren­den Ersatz­maß­stab für die Besteue­rung zu ver­wen­den, besteht nicht 13. Es ist auch nicht ersicht­lich, dass ein wirk­lich­keits­nä­he­rer Maß­stab als der Stück­zahl­maß­stab aus ande­ren recht­li­chen Grün­den nicht zur Ver­fü­gung stün­de, weil ein stär­ker am Auf­wand der Spie­ler ori­en­tier­ter Maß­stab mit dem Uni­ons­recht nicht ver­ein­bar wäre 14. Auch der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat eine Ver­ein­bar­keit der Spiel­ge­rä­te­steu­er mit dem gemein­sa­men euro­päi­schen Mehr­wert­steu­er­sys­tem bejaht, solan­ge die­se nicht den Cha­rak­ter einer Umsatz­steu­er annimmt. Letz­te­res trifft auf die Spiel­ge­rä­te­steu­er nicht zu 15.

Anwen­dung nur bis 31. Dezem­ber 2005[↑]

§ 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. und § 14 Abs. 1 VgnStG SL a.F. konn­ten nur noch bis zum 31.12 2005 ange­wen­det wer­den.

Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer gesetz­li­chen Vor­schrift führt in der Regel zu ihrer Nich­tig­keit (§ 82 Abs. 1 i.V.m. § 78 Satz 1 BVerfGG, vgl. BVerfGE 108, 1, 33; 127, 293, 333; 130, 240, 260; stRspr).

Etwas ande­res gilt regel­mä­ßig dann, wenn der Ver­fas­sungs­ver­stoß sei­ne Ursa­che in einer Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG hat. In die­sen Fäl­len erklärt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Vor­schrift grund­sätz­lich für unver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz, weil der Gesetz­ge­ber ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten hat, den Ver­fas­sungs­ver­stoß zu besei­ti­gen 16. Gerich­te und Ver­wal­tungs­be­hör­den dür­fen dann die Norm im Umfang der fest­ge­stell­ten Unver­ein­bar­keit nicht mehr anwen­den, lau­fen­de Ver­fah­ren sind aus­zu­set­zen 17.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die zeit­wei­li­ge Fort­gel­tung der für unver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz erklär­ten Norm anord­nen, wenn die hier­für spre­chen­den ver­fas­sungs­rech­ti­chen Belan­ge über­wie­gen 18. Das gilt auch im Fall ver­fas­sungs­wid­ri­ger Abga­ben­nor­men 19.

Die vor­ge­leg­ten Nor­men sind unge­ach­tet des fest­ge­stell­ten Gleich­heits­ver­sto­ßes bis zum 31.12 2005 für wei­ter anwend­bar zu erklä­ren, nicht aber dar­über hin­aus; inso­weit ver­bleibt es bei der Fest­stel­lung der Unver­ein­bar­keit der Vor­schrif­ten als Regel­fol­ge ihres Ver­sto­ßes gegen Art. 3 Abs. 1 GG.

Für die Erklä­rung der Unver­ein­bar­keit und befris­te­ten Fort­gel­tung von § 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. und § 14 Abs. 1 VgnStG SL a.F. bis zum 31.12 2005 spre­chen zum einen Erfor­der­nis­se einer ver­läss­li­chen Finanz- und Haus­halts­pla­nung der Frei­en Han­se­stadt Bre­men und des Saar­lands. Die Spiel­ge­rä­te­steu­er ist dem Grun­de nach kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken aus­ge­setzt. Woll­ten die bei­den Lan­des­ge­setz­ge­ber im Fal­le der Unan­wend­bar­keit der bis­he­ri­gen Rege­lung die Spiel­ge­rä­te­steu­er rück­wir­kend mit einem wirk­lich­keits­na­hen, am Spiel­ein­satz ori­en­tier­ten Maß­stab ver­se­hen, dürf­te dies nicht zuletzt erheb­li­chen tat­säch­li­chen Schwie­rig­kei­ten bei der nach­träg­li­chen Ermitt­lung die­ser Spiel­ein­sät­ze begeg­nen. Zum ande­ren erscheint die Belas­tung der Auto­ma­ten­hal­ter durch die Anwen­dung des Stück­zahl­maß­stabs rela­tiv gering. Durch die ver­fas­sungs­wid­ri­ge Gleich­be­hand­lung im Steu­er­satz müs­sen sie nicht not­wen­dig benach­tei­ligt wer­den, son­dern kön­nen je nach den von ihnen im Ein­zel­fall erziel­ten Spiel­ge­rä­te­um­sät­zen auch einer ver­gleichs­wei­se güns­ti­gen Besteue­rung unter­lie­gen. Ent­spre­chend ihrer Erhe­bungs­form als indi­rek­te Steu­er ist außer­dem davon aus­zu­ge­hen, dass sie von den Auto­ma­ten­hal­tern im Rah­men ihrer unter­neh­me­ri­schen Mög­lich­kei­ten bereits auf die Nut­zer der Gerä­te abge­wälzt wor­den ist 20. Auch kommt eine Rück­ab­wick­lung nicht den eigent­li­chen Steu­er­schuld­nern – den Auto­ma­ten­nut­zern, son­dern aus­schließ­lich den Auto­ma­ten­auf­stel­lern zugu­te 21.

Die Wei­ter­gel­tung des § 3 Abs. 1 Ver­gnStG BR a.F. und des § 14 Abs. 1 VgnStG SL a.F. kommt hier aber nur bis zu dem Zeit­punkt in Betracht, in dem die Norm­ge­ber auf­grund der Recht­spre­chungs­än­de­rung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts erken­nen muss­ten, dass der Stück­zahl­maß­stab nicht ver­fas­sungs­ge­mäß ist, wobei eine etwa sechs­mo­na­ti­ge Frist zur Umset­zung der Erkennt­nis ein­zu­räu­men ist. Ein Zuwar­ten bis zur Ver­öf­fent­li­chung die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus dem Jah­re 2009 9 war hin­ge­gen nicht gerecht­fer­tigt.

Die Norm­ge­ber in den Aus­gangs­ver­fah­ren durf­ten sich nur bis zur Recht­spre­chungs­än­de­rung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts durch die Urtei­le vom 13.04.2005 22 bei der Ver­wen­dung des Stück­zahl­maß­stabs im Ein­klang mit der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung sehen 23. Danach bestand Anlass, zu über­prü­fen, ob die vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­stell­ten Vor­aus­set­zun­gen für die Bei­be­hal­tung des Stück­zahl­maß­stabs in ihrem Zustän­dig­keits­ge­biet vor­la­gen. Jeden­falls mit den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 13.04.2005 war der feh­len­de Bezug des Steu­er­maß­stabs zum Ver­gnü­gungs­auf­wand erkenn­bar und hät­te die Gesetz­ge­ber zum Tätig­wer­den ver­an­las­sen müs­sen. Das Gericht hat­te aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass ein Stück­zahl­maß­stab für Spiel­ge­rä­te nur noch mit der Ver­fas­sung zu ver­ein­ba­ren sei, wenn bestimm­te Tole­ranz­gren­zen ein­ge­hal­ten wür­den 24, eine Neu­re­ge­lung der Spiel­ge­rä­te­steu­er aber nicht auf die Stück­zahl abhe­ben dür­fe, die nur noch als Ersatz­maß­stab in Betracht kom­me 25. Ob die­se Tole­ranz­gren­zen ein­ge­hal­ten sind, haben die Freie Han­se­stadt Bre­men und das Saar­land jedoch nicht geprüft und auch nicht sonst dar­ge­legt, war­um sie am Stück­zahl­maß­stab fest­hiel­ten, obwohl mit neu­en Gerä­te­zu­las­sungs­re­geln schon seit 1997 die Umstel­lung der Steu­er auf einen am Spiel­ergeb­nis ori­en­tier­ten Wirk­lich­keits­maß­stab mög­lich war.

Der Frei­en Han­se­stadt Bre­men und dem Saar­land war es auch mög­lich und zumut­bar, bin­nen etwa sechs Mona­ten nach der Recht­spre­chungs­än­de­rung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, also bis Ende des Jah­res 2005, zu reagie­ren 26. So hat­te auch die Freie und Han­se­stadt Ham­burg inner­halb von sechs Mona­ten nach den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts durch Gesetz vom 29.09.2005 mit Wir­kung zum 1.10.2005 eine Neu­re­ge­lung ver­ab­schie­det, die auf den Stück­zahl­maß­stab ver­zich­te­te 27. Nach einer Anpas­sungs­frist von sechs Mona­ten über­wiegt das rechts­staat­li­che Inter­es­se der Steu­er­erhe­bung auf der Grund­la­ge eines ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Maß­stabs die vor­ge­nann­ten Grün­de für die aus­nahms­wei­se Wei­ter­gel­tung der bean­stan­de­ten Rege­lun­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 12. Febru­ar 2014 – 1 BvL 11/​10 und 1 BvL 14/​10

  1. FG Bre­men, Beschluss vom 18.08.2010 – 2 K 19/​10 (1) []
  2. VG Saar­land, Beschluss vom 01.10.2010 – 11 K 434/​09; Beschluss vom 27.05.2011 – 3 K 434/​09[]
  3. Gesetz­blatt der Frei­en Han­se­stadt Bre­men Sei­te 467[]
  4. Gesetz­blatt der Frei­en Han­se­stadt Bre­men Sei­te 470[]
  5. Amts­blatt des Saar­lan­des Sei­te 496[]
  6. Amts­blatt des Saar­lan­des Sei­te 2158[]
  7. GBl S. 560[]
  8. ABl S. 264[]
  9. BVerfGE 123, 1[][]
  10. vgl. BVerfGE 126, 400, 416; 132, 372, 388; stRspr[]
  11. vgl. BVerfGE 35, 324, 335 m.w.N.; 110, 274, 292; 120, 1, 44; stRspr[]
  12. BVerfGE 123, 1, 20 ff.[]
  13. BVerfGE 123, 1, 20 f., 27 f., 34 f.[]
  14. vgl. BVerfGE 123, 1, 35[]
  15. vgl. EuGH, Urteil vom 24.10.2013 – C‑440/​12 – Metro­pol Spiel­stät­ten[]
  16. vgl. BVerfGE 99, 280, 298; 105, 73, 133; 117, 1, 69; 122, 210, 245; 126, 400, 431 m.w.N.[]
  17. vgl. BVerfGE 126, 400, 431 m.w.N.[]
  18. BVerfGE 118, 168, 211; 126, 400, 431 f. m.w.N.[]
  19. vgl. BVerfGE 123, 1, 37 f.[]
  20. BVerfGE 123, 1, 38 f.[]
  21. vgl. BVerfGE 123, 1, 38 f.[]
  22. vgl. nur BVerw­GE 123, 218[]
  23. vgl. BVerfGE 123, 1, 38[]
  24. vgl. BVerw­GE 123, 218, 232[]
  25. vgl. BVerw­GE 123, 218, 235[]
  26. zu ver­gleich­ba­ren Bemes­sun­gen einer Nach­bes­se­rungs­frist vgl. BVerfGE 126, 400, 431; 129, 49, 77; 130, 240, 262[]
  27. vgl. BVerfGE 123, 1, 3, 11[]